30.10.1963

FALSCHGELDDes Freiherrn Blüten

Im brackigen Wasser des Hamburger Freihafens schwamm ein Papiersack. Beamte des Wasserschutzpolizeireviers 2 entdeckten das nasse Bündel und zogen es an Bord ihres Streifenboots. Wenig später war das Falschgeld-Dezernat der Kripo alarmiert: In dem durchweichten Beutel befanden sich rund 13 000 gefälschte Zehn-Mark-Scheine.
Fünf Tage darauf stöberten Spaziergänger im Herbstlaub des Klövensteener Forstes, einem Waldstück im Hamburger Elbvorort Rissen, drei braune Papiersäcke mit der Aufschrift "Wiederverwendung der Verpackung verboten" auf. Inhalt: 53 000 Mark in gebündelten - falschen - Zehn-Mark -Scheinen.
Rund 60 Stunden nach dem Wald -Fund konnten die Falschgeldspezialisten der Hamburger Kripo den Hersteller der Falsifikate in seiner Kellerdruckerei verhaften. Die Blüten-Jäger protokollierten in den frühen Morgenstunden des vergangenen Dienstags eine Kriminalkomödie:
Victor-Bernhard vom Hövel, 41, gelernter Lithograph, der im Keller des Hauses Wandsbeker Marktstraße 156 eine kleine Druckerei betrieb und tagsüber Werbeplakate herstellte, hatte vor fünf bis sechs Wochen in harter Nachtarbeit einen Eigenauftrag abgeschlossen: den Druck von Falschgeld im Werte von rund 200 000 Mark.
Assistent des Lithographen, der sich auf selbstgedruckten Visitenkarten "Freiherr" tituliert, war der gebürtige Berliner schwedischer Nationalität Fredy-Hans Gronemann, 51. Finanzielle Unterstützung fand der Freiherr bei seiner zweiten Ehefrau Helen, die als Präsidentin der "Anne-Frank - Gesellschaft e.V." fungiert. Die Präsidentin - von deren Verein sich Anne Franks Vater und der Zentralrat der Juden in Deutschland schon frühzeitig distanzierten und die wegen verbotener Sammlungen mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist - steckte Spendengelder in das Unternehmen.
Der Falschmünzer kaprizierte sich auf die Herstellung von Zehn-Mark -Scheinen, die unauffälliger und leichter in den Verkehr zu bringen sind als größere -Banknoten. Der Einfachheit halber versah er alle Blüten mit nur acht verschiedenen Seriennummern und verwendete dabei lediglich die Zahlen 1, 2, 6, 7 und 9 sowie die Kennbuchstaben T und R.
Im Kunstlicht der Nachtschichten unterlief dem Druckkünstler jedoch ein entscheidender Fehler: Er verwechselte die Farben und druckte die Seriennummern schwarz statt blau. Außerdem wies die Vorderseite der Falsifikate - bei Tageslicht besehen - einen deutlichen Gelbstich auf.
Die Eigenbau-Zehner ließen sich nur schwer unter die Leute bringen. Die Fälscher versuchten es in der ländlichen Umgebung der Hansestadt; selbst die Landleute ließen sich selten düpieren. Dennoch hatten vom Hövel und Gronemann Glück: Zwar wurde ihr selbstgemachtes Geld mehrfach zurückgewiesen, aber niemand rief nach der Polizei. Man bat sie lediglich um einen besseren Schein.
Die Amateur-Fälscher hatten nicht nur die farbverändernde Wirkung der Leuchtstoffröhren unterschätzt; sie hatten auch versäumt, sich anhand der letzten großen Falschmünzerprozesse über die Schwierigkeiten zu orientieren, große Mengen eigenfabrizierter Banknoten an den Mann zu bringen.
So hatte die im vergangenen Jahr abgeurteilte Falschmünzerbande von Laufen (Bayern) nur einen Teil ihrer 2400 falschen 50-Mark-Scheine absetzen können, obgleich die Organisation immerhin aus neun Personen bestand und das Verteilungsgebiet von Bayern bis an die Nordsee reichte.
Noch mehr Pech hatten die drei Heidenheimer Geldfälscher, die im Mai 1962
vor dem Richter saßen: Von über 11 000 falschen Fünfzigern hatten sie noch nicht einen eingewechselt, als die Polizei zugriff.
Von den Riesensummen, die während der letzten neun Jahre in Fälscherwerkstätten fabriziert wurden, sind in der Bundesrepublik - außer ausländischen Zahlungsmitteln - nur etwa 5900 falsche Banknoten im öffentlichen Umlauf festgestellt worden. Sie repräsentierten einen Wert von 218 500 Mark.
Wie der Hamburger Kriminalbeamte Benze zu berichten weiß, sind auch aus dem Wandsbeker Druckkeller nur ganz wenige Zehner unters Volk gelangt. Vom Hövel und Gronemann hatten sie vor allem in der Gegend der Landstädtchen Soltau und Gifhorn einwechseln können.
Als die beiden Falschmünzer merkten, daß ihre gelbstichigen Wertpapiere kaum Abnehmer fanden, versuchten sie, die Falsifikate möglichst rasch loszuwerden. Auch dieser Fall war nicht vorausbedacht worden: Der Ölofen in der Wandsbeker Druckerei nahm das Geld nicht an.
Nunmehr verloren die Fälscher die Nerven. Gronemann verschwand; Hövel stopfte den Fensterschacht der Kellerdruckerei voll Falschgeld und zündete es an. Aber der Behelfskamin zog
nicht. Daraufhin verschaffte sich Hövel
gebrauchte Papiersäcke, packte das selbsterzeugte Vermögen ein, versenkte zwei Drittel im Hafen und den Rest im Laub des Klövensteener Forstes.
Die Papierbeutel mit der unbeherzigt gelassenen Aufschrift "Wiederverwendung verboten" brachten die Kripo auf die Spur. Eine Kompanie Rechercheure wurde auf Hersteller und Käufer der Verpackung angesetzt; bei einer Samenhandlung hatten die Fährtensucher Erfolg: Nachbar vom Hövel hatte sich ein Dutzend leerer Papierbeutel ausgebeten.
Der Rest war kriminalistische Kombination. Kripo-Benze: "Wir fragten uns, was ausgerechnet ein Lithograph mit solchen Säcken macht. Und da hatten wir ihn schon."
Falschgeld-Druckerei in Hamburg-Wandsbek: Die Bauern baten ...
Falschmünzer vom Hövel
... um bessere Scheine

DER SPIEGEL 44/1963
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