30.10.1963

„BEI DER VENUS STEHT EIN STANDESAMT“

Ausgerechnet von New York kamen
die ersehnten Genossen geflogen. Doch mit Hilfe eines volkseigenen Triebwagens ist es möglich, sie von der richtigen Seite her vor Walter Ulbricht zu befördern. Mit rosigen Bäckchen, freudig erregt in seinen dicken braunen Schuhen wippend, kann er es kaum erwarten, mit ihnen den Großen Ostbahnhof zu zelebrieren.
Juri Gagarin und Walentina Tereschkowa, diese - wie er jubelt - lebendigen Zeugen des russischen Wunders", sie, die man in Ostberliner Amtsstuben hinter Glas als "Gäste aus dem All" gepriesen findet, sind ihm nicht nur gleißende Attraktion eines Wahlwochenendes, über dessen Ausgang ohnehin bei niemandem Zweifel entstehen können. Hier ist ihm etwas zugeflogen, was erkennbar eine Faszination selbst auf jene auszuüben vermag, die sonst für das Regime bestimmt kein Fenster öffnen.
An diesem Abend findet man das graue Berlin hinter der Mauer in eine Stimmung versetzt, die mit den üblichen krampfhaften Ovationen für sozialistische Staatsgäste nichts gemein hat. Hunderttausende haben sich mit ihren Kindern an den Straßen aufgestellt, dem ersten Kosmonauten und der ersten Kosmonautin der Welt mit politischem Demonstrationsgerät, das reichlich ausgegeben worden ist, ein völlig unpolitisches Willkommen zuzuwinken.
Lampions und Fähnchen mit den Emblemen des ungeliebten Regimes schwenkend und in die planmäßigen Sprechchöre von SED- und FDJ-Kadern einstimmend, bereiten die eingemauerten Bürger den beiden Weltraumfliegern einen für Ostberliner Maßstäbe unvergleichlichen Triumphzug.
Ulbricht schwört der rustikalen Walentina, deren Lockenkopf noch die Raffinesse eines New Yorker Coiffeurs verrät, und dem bärenbreiten, pfiffig um sich blickenden Gagarin, ihnen sein Deutschland richtig zeigen zu wollen. Hätten sie doch, des sei er sicher, bei ihren Erdumkreisungen "die Schönheiten unseres Landes, unsere ökonomischen Errungenschaften nicht sehen können".
Mit zufriedenem Großvaterlächeln, ein Mann, der den Seinen am Lebensabend endlich einmal etwas bieten kann, was die anderen nicht haben, hockt er sich neben den Fahrer seiner offenen Staatslimousine. Es gilt die jungen, aufrecht im Fond stehenden sozialistischen Lichtgestalten uneingeschränkt auf das Volk wirken zu lassen. Hinter mir liest ein Ostberliner Rundfunkreporter einen vorgefertigten Stimmungsbericht vom Blatt: "Und es ist, als hätten sie den goldenen Glanz der Sterne in unsere... Hauptstadt gebracht an diesem Abend voll überschäumenden Lebens."
Wer das viertägige ostdeutsche Non -Stop-Schauspiel vor der 26jährigen Textilarbeiterin Tereschkowa und dem 29jährigen ehemaligen Gießerei-Arbeiter Gagarin beobachtet, kann den Eindruck gewinnen, die vorübergehende Entbindung von den Gesetzen der Schwerkraft lasse den Menschen nach sozialistischem Geschmack bereits zu einem höheren Wesen werden- "Die sowjetischen Himmelsgeschwister", so nennt der Berliner SED-Sekretär Paul Verner die beiden Sowjetbürger verklärt. Während die Massen in Suhl, Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Landsberg, Auerbach oder Wolfen mit roten Fahnen und kunstseidenen "Walja-Tüchern" zu zwei Ost-Mark vom Straßenrand winken, treten Ulbrichts Funktionäre vor die jenseits aller Erdenschwere erprobten Repräsentanten ihrer Weltanschauung hin, Produktionstaten zu melden, Produktionssünden zu beichten und Produktionssteigerungen zu geloben. Der Sozialismus hat seine Engel entdeckt.
"Vor Juri gibt es keine Geheimnisse", meldet das FDJ-Blatt "Junge Welt" von einer Besichtigung des Volkseigenen Betriebes (VEB) "Pressen- und Scherenbau". Und: "So wird ihm neben den großartigen Erfolgen des Werkes auch nicht verschwiegen, daß die Planerfüllung noch ein wenig hinkt." Im Kali -Werk Merkers im Thüringer Wald kündet der Brigadier der Jugend-Brigade "Juri Gagarin" von den Arbeitstaten derselben, und der himmlische Gagarin gesteht seinen Anbetern, wie sehr es ihn erfreut habe, daß doch in diesem Kali -Kombinat nicht weniger als 18 Brigaden "den stolzen Titel einer Sozialistischen Brigade führen".
Um diese Zeit ist es der Himmels -Jungfer Walja beschieden, bei Landsberg die staatlichen Schweine der LPG "Vereinte Kraft" grunzen, zwei FDJ -Kapellen auftuschen und eine Delegierte der Feldbau-Brigade die Ernteergebnisse herunterbeten zu hören. Bedauerlicherweise ist sie derart von Verehrung umgeben, daß sie die Schweine vor lauter Funktionären nicht sieht.
In der Wirkmaschinenhalle der Strumpffabrik ESDA im Erzgebirgsstädtchen Auerbach gründen neun Arbeiterinnen angesichts der leicht erschöpften Namenspatronin ihre Produktionsbrigade "Walentina Tereschkowa". Nassen Auges beklagt die Verehrte, eine Leistungsverpflichtung in dieser ihrer Brigade aus naheliegenden Gründen nicht ablegen zu können, doch schwöre sie dafür, ihre Leistungen im Kosmos noch weiter zu steigern.
Wohin die Sowjet-Übermenschen auf ihrem Weg durch Ulbrichts Machtbereich auch geraten, begegnen ihnen Kinder in stilisierten Raumanzügen aus silbriger Plastikfolie. Von Transparenten umrahmte Kosmonauten-Porträts ("Die Republik drückt sie ans Herz"), Raketen nach Art der sowjetischen Wostok-Raumschiffe und allerlei Weltraumphantasien verleihen der volkseigenen Schaufensterkunst zwischen Sockenhaltern, Rauchverzehrern und Polstergruppen die aktuelle Note. In einem Land, dessen Wirtschaft sich
im Schneckentempo fortentwickelt, ist die Rakete zum Symbol des Fortschritts geworden.
Vom festlich illuminierten Berliner Ostbahnhof bis zur angestrahlten Wartburg, die zu betreten ihnen der Plan nicht erlaubt, erleben die sowjetischen Leitbilder eine nicht abreißende Sympathiebezeigung, die in solchen Dimensionen kaum erzwungen werden kann, deren monotone Einheitlichkeit freilich die Hand des Organisators verrät.
Überall Kinder, die Schrifttafeln und Fähnchen tragen und teilweise noch so klein sind, daß sie selbst getragen werden müssen.
Überall rhythmisch sich steigerndes Einheitsklatschen und - in Minutenabständen - das ohrenbetäubende dreifache Begehren der Sprechchöre, die verehrten Kosmonauten, sie sollten hoch-, dreimal hochleben.
In der Erfurter Thüringenhalle üben 2000 bevorzugte Gäste noch bis zum Eintreffen des großen Gagarin die Sprechchöre, die bei der anschließenden Fernsehschau als Ausbruch spontaner Freude empfunden werden müssen.
Mit der hochgespannten Aufmerksamkeit junger Kult-Diener absolvieren die beiden Weltraum-Heimkehrer ihre deutsche Strecke, auf der kaum je ein persönliches Wort an sie gerichtet, eine Frage außerhalb der sozialistischen Produktivitätsrhetorik gestellt wird.
Selbst das schüchterne "Hu-Hu, Hu -Hu", das Lotte Ulbricht, des wie SED -Sekretär Sindermann aus Halle sagt - "teuren Walter Ulbrichts Frau", gelegentlich vom Podium oder aus dem Wagen haucht, wirkt bei dem monströsen Ernst des hier Gebotenen schon wie kokette Volkstümlichkeit.
Mit hellen, angestrengten Stimmen bewältigen Walentina und Juri, die nach Überzeugung des FDJ-Funktionärs Horst Schumann "der deutschen Jugend im Kampf um die Sicherung des Friedens ein großes Vorbild" sowie darüber hinaus "eine Verkörperung menschlicher Größe" sind, ihr eigenes Redepensum in der gleichen einschläfernden Komsomolzen-Manier. Sie fühlen sich wie zu Hause.
Man überschüttet sie mit Ehrentiteln, Orden und Medaillen, Aber keiner bringt es je über sich, der frischen, in ihrem karamellfarbenen Mantel mit dem Pelzkrägelchen durchaus ansehnlichen Kosmonautin ein Kompliment zu machen oder gar mit ihr zu scherzen. Kaum vorstellbar, daß Walentina Tereschkowa, "die verehrte Walentina", wie man sie hier ergeben anspricht, noch auf dem Rückflug von den Vereinten Nationen, bei der Zwischenlandung im schottischen Prestwick von respektlosen Westmenschen nach ihrem Verhältnis zum Ko-Kosmonauten Andrian Nikolajew gefragt wurde. "Ich glaube", sagte sie, "es ist ein bißchen verfrüht, von Verlobung zu sprechen, aber ich würde mich nicht wundern, wenn ich meine Flitterwochen auf dem Mond verbrächte."
Hier, umzingelt von den gravitätischen Spitzenfunktionären der jeweiligen örtlichen SED-Organisationen, bleibt ihr für normale menschliche Äußerungen wenig Spielraum. Als man ihr zu einem Rennrad, einer Pistole und diversen Steppdecken aus der volkseigenen Produktion vor der Fernsehkamera auch noch ein Akkordeon schenkt, seufzt sie belustigt: "Was tun, jetzt muß ich eben auch noch damit spielen lernen."
Der für die Gabe zuständige Genosse von der SED-Bezirksleitung Karl-Marx -Stadt steht nur schwitzend da in seinem dunklen Anzug und zieht zur Antwort verlegen die Schultern hoch.
"Warum lächeln Sie nicht, Genosse Gagarin", fragt sie bei der gleichzeitigen Fernsehübertragung zweier Ehrenabende, bei denen sie und der Kosmonaut getrennt in Karl-Marx-Stadt und Erfurt gefeiert werden, und beobachtet verwundert sein breites Gesicht auf dem Monitor. "Fragen Sie unseren verehrten Juri", fordert in Devotion ein Ansager den anderen auf, "ob er bereits ist, über die folgende musikalische Darbietung die Direktion zu übernehmen." Gagärin, der bereits auf dem Podium steht, lächelt mude: "Was soll ich machen, wenn man mich heraufgeführt hat?"
"Wir wissen", ruft der Ansager, "daß die Kosmonauten gerne singen... Sie singen auch dann, wenn sie in sternfernen Höhen sind." Jetzt stimmen alle im Saal das Lied "Moskau du" an, und Walja Tereschkowa, die das von Karl -Marx-Stadt her miterlebt und mitgesungen hat, bedient sich, um ihr Urteil über derartigen Simultan-Gesang befragt, des ihr und ihren Zuschauern wohlvertrauten Sozialisten-Lateins: "Für Sie in Erfurt Güteklasse eins, aber für uns das Qualitäts-Zeichen Q."
Die volkseigene Schlagerproduktion hat sich des- Weltraums mit ähnlicher Intensität angenommen wie die bundesdeutschen Schnulzenmacher der Adria. "Walentina, du bist wunderbar", tönt es aus dem Lautsprecher, "Walentina, ich liebe dich ... bei der Venus steht ein Standesamt." Stramme Tenöre singen: "Es dreht die Welt sich um Walentina, und Walentina dreht sich um die Welt." Und der erste Kosmonaut findet sich musikalisch unter anderem durch den Marsch "Salute, Gagarin" verewigt.
Nach einem von der DDR 1:2 verlorenen Fußball-Länderspiel gegen Ungarn, dessen 60 000 Zuschauer in Gegenwart Ulbrichts und der Kosmonauten orkanartig den sowjetischen Schiedsrichter auspfeifen, erreicht das Programm am Vorabend der Wahl in Ostberlin seinen kostspieligen Höhepunkt.
Schwärme von Motorradfahrern mit Sturzhelm und Fahne, etliche hundert glückliche "Wartburg"- und "Trabant" -Besitzer, die ihren Wagen mit Blumen oder mit Pappsymbolen der Kosmonautik geschmückt, manchmal auch nur gewaschen haben, Lastwagen mit reichem FDJ-Zierat und sogar die Ostberliner Feuerwehr ("Wie Walja und Juri um den Erdenball, ist die Feuerwehr überall"), sie alle brummen zum Zeichen der Zuneigung die abgesperrte Karl - Marx -Allee hinauf und hinunter. Eingehüllt in die blauen Schwaden aus den Auspufftöpfen der Zweitakter-Armada nehmen die Sowjethelden den nächtlichen Korso glücklich, wenn auch in einiger Atemnot ab, während über der Stadt die Kirchenglocken dröhnen.
Ein Feuerwerk wirft zuckenden roten Lichtschein hinter den Hochhäusern der sozialistischen Prachtstraße auf, deren Gehsteige diesmal nur mäßig von Schaulustigen besetzt sind. Zögernd folgt die Menge der Aufforderung zum Applaus, die ihr ein Stimmungsmacher über die Lautsprecher zuruft, der nach Landessitte in Reimen schwelgt: "Willkommen
hier im Freundesland, wir sind der Zukunft zugewandt."
Mit dem letzten Feuerwerkskörper scheint auch das allgemeine Interesse der Ostberliner verpufft, und die triumphale Wahl-Ouvertüre, die naiven Geistern vorübergehend vorgaukeln mochte, man könne am Sonntag auch ja zu Gagarin -sagen, endet mit einem geschlossenen Funktionärsball in der Dynamo-Halle von Berlin-Weißensee, wo sich nicht mehr Passanten sammeln als sonnabends vor jedem Provinzkino.
Der Andrang bei der Kartenzuteilung allerdings scheint außerordentlich gewesen zu sein. Nur ausgesuchte Anhänger der FDJ und der Partei dürfen nun die Vergünstigung in Anspruch nehmen, von den Klapptischen der Riesenhalle aus einen leutseligen Walter Ulbricht in den letzten Stunden vor seinen Volkskammerwahlen mit der Genossin Walja tänzeln und scharwenzeln zu sehen.
Unter dem kräftigen "Hoch soll'n sie leben", das, wie gehabt, dreifach aus geübtem Munde schallt, statten die Kosmonauten anderntags im Kulturhaus Erich Weinert dem Berliner Wahllokal 9 b einen Besuch ab, um einige Minuten lang das vertraute Bild dieser Stimmabgabe zu genießen.
Aus dem Deutschlandsender vernimmt man schon frühmorgens, von Piepsstimmchen gesungen, das Kosmonauten-Lied der Allerkleinsten: "Doch seit Juri und German träumen wir nur noch vom All, und vergessen sind die Träume von dem Pferd und von dem Ball..."
Wahlhelfer Gagarin, Tereschkowa in Ostberlin: Flitterwochen auf dem Mond?
Kosmonautin, Tanzpartner "Die Republik drückt sie ans Herz "

DER SPIEGEL 44/1963
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