06.11.1963

TRUPPENABZUGNicht aus Liebe

Fünf Tage währte der jüngste Anfall von "monatlicher Mißtrauens-Neurose" (US-Außenminister Rusk) zwischen Bonn und Washington. Dann erst waren am Rhein eine Rede des amerikanischen Vize-Wehrministers Roswell Gilpatric und Spekulationen über die amerikanische Lufttransportübung "Big Lift" einmal wieder, bewältigt.
- Roswell Gilpatric hatte im Chicagoer Hotel Ambassador in einer Rede eine mögliche Verringerung der USA -Streitkräfte in Europa angedeutet und wörtlich gesagt:. "Es stehen langsame Veränderungen in der Zusammensetzung und Verteilung unserer in Übersee stationierten Truppen bevor."
- Im Zug der Operation "Big Lift" beförderten die USA ihre 2. Panzer -Division ("Hölle auf Rädern") in 72 Stunden von Fort Hood in Texas nach Frankfurt am Main (siehe Seite 85).
Bonn fürchtete, eine solche militärische Feuerwehr solle den US-Truppenabzug psychologisch vorbereiten, sei aber für den Ernstfall wertlos, weil sie verspätet käme, abgeschossen würde oder auf bereits zerstörten Flugplätzen nicht mehr landen könne.
Das trifft jedoch nur für den Fall eines atomaren Druckknopf-Krieges zu, der mit jähem Schlag und Gegenschlag eröffnet würde. Für ihn sind US-Truppentransporte durch die Luft weder sinnvoll noch vorgesehen; ein solcher Krieg wird nicht durch eine Division mehr oder weniger entschieden.
Einem vorbereiteten konventionellen Konflikt aber, in den eingeflogene Truppen entscheidend eingreifen können und sollen, geht in jedem Fall eine Spannungszeit voraus, in der Lufttransporter ungehindert den Atlantik überqueren und in Deutschland landen würden.
Als Ersatz für die Präsenz amerikanischer Streitkräfte auf dem Kontinent ist der Einsatz solcher Luftlandetruppen nicht gedacht. Das stellte Amerikas Außenminister bei seinem letzten Besuch in Bonn jetzt klar,
Frostig lächelnd kam Dean Rusk am Freitagabend vorletzter Woche aus der Bonner Ermekeilkaserne, dem Sitz des Bundesverteidigungsministers, und schüttelte den Kopf: "Ich bin erstaunt, wie wenig Zeit ich benötigte, Herrn von Hassel zu beruhigen.",
Dabei war Hassels Kommandozentrale die einzige bundesdeutsche Amtsstelle, die sich über Gilpatric erregt hatte. Das Auswärtige Amt dagegen behielt von Anfang an die Nerven.
Sofort nach Eingang der Meldungen über die Gilpatric-Rede hätte Schröders Außenamt eine völlig andere Lagebeurteilung parat. Schon auf der AA -Direktorenkonferenz am Montag vorletzter Woche bestand Einigkeit, daß es sich bei den Ausführungen des Stellvertreters von US-Verteidigungsminister McNamara um die gleichen Thesen handele, die Präsident Kennedy Ende September dem Bonner Außenminister verkündet hatte:
- Die hohen Kosten der amerikanischen Truppenstationierung in Übersee zwinge Washington zu ständiger Überprüfung von Sparmöglichkeiten;
- ein "Streamlining" der Truppenstruktur sei dringend erforderlich, (Kennedy: Zuviel "flapping flesh");
- von solchen Maßnahmen würden fast nur Versorgungs- und Verwaltungseinheiten betroffen, in jedem Fall bleibe die Kampfkraft der US -Divisionen unberührt;
- wegen der besonderen Empfindlichkeit der deutschen öffentlichen Meinung würden auch geringfügige Veränderungen in Deutschland nur nach Absprache mit der Bundesregierung vorgenommen werden;
- Ausgangspunkt aller dieser Planungen sei allerdings die amerikanische Truppenstärke in der Bundesrepublik vor Beginn der Berlinkrise 161.
Seitdem war neben Einheiten der taktischen Luftwaffe und Versorgungstruppen auch ein zusätzliches Panzeraufklärungs-Regiment nach Deutschland verlegt worden. Die Mannschaftszahl der US-Streitkräfte in Deutschland hatte sich von. 228 000 auf 270 000 erhöht. Mehr als die Hälfte dieser zusätzlichen 42 000 Mann ist jedoch bereits in den letzten Monaten nach Amerika zurücktransportiert worden.
In Kenntnis dieses Hintergrundes gingen Bonns Presse-Staatssekretär von
Hase und AA-Sprecher Hille am Montagnachmittag mit der Sprachregelung "gelassene Reaktion" in die Bundespressekonferenz.
Schon hatte Hase den Fragensturm der Journalisten zum Thema Gilpatric besänftigt, da erhob sich ungefragt Verteidigungsminister von Hassels Presse -Oberst Viebig und nahm das Wort zu längeren Darlegungen.
Kernsätze: "Ich würde annehmen, daß die Gesamtstärke (der Amerikaner in Deutschland) gleichbleiben wird. Ich kann das bisher nur annehmen." Und: "Ich kann Ihnen sagen, daß unsererseits eine Anfrage läuft, die uns Klarheit bringen wird."
Während anderntags in den Zeitungen diese Anfrage zur hochnotpeinlichen Demarche aufgewertet und mit entsprechenden anti-amerikanischen Kommentaren versehen wurde, begnügte sich das Bonner AA auf Weisung Schröders mit der einfachen Bitte an die US-Botschaft in Mehlem, den vollen Gilpatric-Text zur Verfügung zu stellen. Die Deutsche Botschaft in Washington erhielt Order, ohne Aufhebens um Erläuterung der Rede zu bitten.
Die Textanalyse in Bonn ergab, daß Gilpatric strikt auf dem von Kennedy vorgezeichneten Kurs marschiert war. Im übrigen hatte er in einer Dreiviertelstunden-Rede ganze drei Sätze auf die Frage der Truppenreduzierung verwendet. Fazit: "Das Hauptziel unserer Politik bleibt unverändert: für die Verteidigung Westeuropas auf allen Ebenen der Streitkräfte volle amerikanische Anwesenheit aufrechtzuerhalten."
Darüber hinaus hatte Gilpatric bei der anschließenden Diskussion ausdrücklich Deutschland und Korea überhaupt von allen Truppenverringerungsplänen ausgenommen.
Die Amerikaner waren über die deutschen Mißtrauenskundgebungen verärgert: Es sei für sie unmöglich, auf jeder Nato-Tagung bei der Heiligen Bibel zu schwören, daß sie treu zum Bündnis stünden und ihre Verpflichtungen erfüllten; die anderen müßten auch ihre Pflicht tun. Und unter spöttischem Hinweis auf die wenigen De Gaulle - Divisionen in Westdeutschland: "Wir wollen Franzosen und Engländer genauso kampfbereit in vorderster Linie sehen wie Deutsche, Belgier und Holländer. Wir Amerikaner können nicht ewig die Söldner der Nato sein."
Schließlich - so wetterten die State -Department-Leute - seien die USA noch immer die stärkste Militärmacht in Westeuropa.
Rusk selber hielt bundesdeutschen Diplomaten eine Gardinenpredigt: "Wenn wir Amerikaner bei Umorganisationen unsere Berliner Garnison um 600 Mann verkleinern, dann gibt es in Bonn gleich ein großes Theater. Aber wenn Frankreich seine ganze Flotte aus der Nato abzieht und in der Nato-Front fast ganz ausfällt, dann sagt niemand ein Wort. Wir haben das Gefühl, daß die deutsche Presse nicht immer genug Verständnis dafür zeigt, daß wir nicht nur die deutsche Frage zu lösen haben. Wir haben 42 Alliierte, und jeder von ihnen betrachtet sein Land als Nabel der Welt."
Und, mit besorgtem Blick auf die Führungsaufgabe im eigenen Land: "Je öfter in Deutschland solche Töne anklingen, die Amerikaner seien nicht vertrauenswürdig, um so mehr bekommt das amerikanische Volk das Gefühl: Laßt unsere Boys nach Hause kommen. Wir können mit Goldwater und Eisenhower fertig werden, wenn nicht von Europa her der Isolationismus bei uns gestärkt wird."
Rusk und seine Berater beschlossen bei ihrem Bonn-Besuch, den deutschen Zeitungsleuten einmal ins Gewissen zu reden, um das auszuräumen, was Kennedys Pressechef Salinger während der Berliner Mauerkrise vor zwei Jahren beim Studium bundesdeutscher Schlagzeilen "die tägliche Beleidigung Amerikas" genannt hatte.
Während der Rusk-Visite am vorletzten Wochenende wurde diese Washingtoner Stimmung eilig zusammengerufenen Bonner Zeitungskorrespondenten unverblümt dargestellt. Derweil befaßte sich der US-Außenminister bei Kanzler Erhard im Palais Schaumburg und beim Kollegen Schröder mit ganz anderen Fragen. Der US-Außenminister wußte, daß Erhard und Schröder seine Ermahnungen nicht nötig hatten.
Rusk schnitt das Thema Osthandel an und bezeugte Mißfallen an deutschen Beschwerden über das amerikanisch sowjetische Weizengeschäft. Das sei besonders unverständlich, da Westeuropa genau zehnmal soviel Handel mit dem Ostblock treibe wie die USA.
Dann ging er zu Erhards bevorstehender Paris-Reise über: Präsident Kennedy - so teilte der Außenminister mit - erwarte von Bonn volle Unterstützung bei seinen Anstrengungen, de Gaulle an Frankreichs Nato-Pflichten zu erinnern.
Die Schwierigkeiten des Dreiecksverhältnisses Washington-Bonn-Paris analysierte Rusk glasklar: "Amerikas Probleme mit Frankreich reduzieren sich alle auf eine einzige Frage: Wer ist Europa und wer spricht für Europa? Wenn Sie in Deutschland de Gaulle als Sprecher haben wollen, dann müssen Sie es uns sagen. Bisher ist uns nichts davon bekannt. Es wird interessantsein, wie die Bundesregierung sich entscheidet."
Bei der Feier in der Frankfurter Paulskirche anläßlich der Einweihung eines Gedenk-Brunnens zu Ehren des früheren US-Außenministers George Marshall wurde Rusk dann ganz deutlich: "Wir Amerikaner sind nicht hier, weil wir euch oder sonst jemanden lieben. Wir sind in Deutschland zur Verteidigung der Vereinigten Staaten von Amerika."
Pensions-Kanzler Adenauer, dem der US-Außenminister einen kurzen Höflichkeitsbesuch gemacht hatte, zeigte sich allerdings wenig beeindruckt. Der Regierungschef a.D., der von de Gaulle die Meinung übernommen hat, daß den Amerikanern nicht zu trauen sei, meinte ironisch: "Der Herr Rusk ist ganz zufrieden wieder nach Hause gefahren, denn wir haben ihm ja jedes Wort geglaubt."
Außenminister Schröder (l.), Rusk (2.v.l.) bei der Marshall-Ehrung in der Paulskirche*: "Wer ist Europa und wer spricht für Europa?"
Die Zeit
Ein Beruhigungsapostel
* Neben Rusk der Präsident der IHK Frankfurt,
Dr. Peter Bartmann, Mrs. Marshall, Erhard; hinten Mitte: von Hassel.

DER SPIEGEL 45/1963
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