06.11.1963

BONN / SCHMÜCKERParole Wohlstand

Ein korpulenter Mittvierziger in sauber
gebürstetem Dunkelblau schob sich durch die Haustür der Villa Oelbergstraße 20 in Bonn. Ein wenig verlegen, die blauen Augen träumerisch umflort, verhielt er vor dem Besucherschalter im Studio des Zweiten Deutschen Fernsehens.
"Was wünschen Sie bitte?" fragte die Dame am Empfang. In behäbigem Oldenburgisch verriet der fremde Herr: "Ich bin bestellt." Das Fernsehfräulein forschte argwöhnisch weiter: "Wie heißen Sie denn?" Würdevoll kam es zurück: "Mein Name ist Schmücker."
Unbeeindruckt bohrte die Wächterin: "Ja, und zu wem wollen Sie?" Endlich lüftete der stattliche Gast sein Geheimnis: "Ich bin Minister." In die Verlegenheitspause tropfte die Entschuldigung der Ahnungslosen: "Das muß einem doch gesagt werden.
Es war Mittwoch nachmittag, der 16. Oktober, einen Tag vor der Vereidigung des Kabinetts Erhard, und der Druckereibesitzer Kurt Schmücker war erschienen, um sich dem Fernsehvolk als neuer Wirtschaftsminister zu präsentieren. Das unerwartete Vorspiel auf dem TV -Theater demonstrierte dem altgedienten CDU-Politiker, wie hoch die Trauben der Publicity bisweilen hängen.
Obwohl Kurt Schmücker seit 14 Jahren Mitglied des Deutschen Bundestags ist - davon allein vier Jahre als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses und stellvertretender CDU/CSU-Fraktionsführer -, war er, als er Mitte des vergangenen Monats das Erbe Ludwig Erhards antrat, selbst den CDU-Wählern kaum dem Namen nach- bekannt.
Seine Aufgabe ist kaum leichter als die des neuen Bundeskanzlers. Ebenso wie Erhard am Schatten Adenauers gemessen wird, dürfte Schmücker danach beurteilt werden, ob er mit dem Wundermann-Mythos seines Vorgängers fertig werden kann.
Zweifellos ähneln sich der alte und der neue Bundeswirtschaftsminister in vielerlei Hinsicht. So steht der fränkischen Barock-Figur des 66jährigen Kanzlers die füllige Erscheinung des 43jährigen Oldenburgers in nichts nach.
Der Bonner AP-Korrespondent John Weyland stellte seinen amerikanischen Landsleuten den 'neuen deutschen Wirtschaftsminister vor als einen "Mann mit breitem Gesicht und angenehmen Manieren, der noch deftiger aussieht als Erhard". Die Bonner Korrespondentin der Münchner "Abendzeitung", Heli Ihlefeld, geriet ob der Konzertmeister -Frisur Schmückers ins Schwärmen: "Rund wie Erhard - schön Wie Jürgens."
Mit seinem Vorgänger und Meister teilt er den Optimismus des von, der eigenen Sendung restlos Überzeugten. Schmücker auf dem Podium des Deutschen Bundestags: "Ich habe ein dickes Fell, wie Figura zeigt."
Nicht nur sein dickes Fell, auch seine gutgehende mittelständische Offset - und Buchdruckerei im Heimatdorf Löningen bei Oldenburg macht es ihm leicht, in Erhards Marktwirtschaft ein ökonomisches Evangelium zu sehen.
Vor den Kameras des Deutschen Fernsehens bekannte der Erhard-Adept: "Soziale Marktwirtschaft, das ist ja nicht nur eine Technik, das ist ja nicht nur eine Mechanik, sondern Soziale Marktwirtschaft ist für mich das optimale Mittel, dem einzelnen die Chance zur Entfaltung seiner Persönlichkeit zu geben."
Der Bundestagsabgeordnete Schmükker stand immer und vorbehaltlos zu Erhards Wirtschaftspolitik. Seine Reden könnten allesamt aus einer jener liberalen Fibeln stammen, die der Minister abends gern studiert: "Wir geben dem Staat die Aufgabe, über der Wirtschaft zu stehen und dafür zu sorgen, daß alle Bürger sich den Bedingungen des freien Wettbewerbs in gleicher Weise stellen."
Und: "Wir wissen sehr wohl, daß wir das Ideal der gleichen Start- und Wettbewerbsbedingungen noch nicht erreicht haben und vielleicht auch niemals erreichen werden. Es kommt darauf an, sich immer wieder um eine optimale Annäherung an das Ideal zu bemühen."
Mit seinem populären Vorgänger verbindet ihn schließlich auch ein Charakterzug, der sicher kein bequemes Ministerdasein in Bonn verspricht: die absolute Fairneß in politischen Auseinandersetzungen. Beinahe in allen seinen Auftritten im Parlament ist vom "fairen Kampf" die Rede. Kurt Schmücker wurde innerhalb der CDU zum Antitypus jenes Fraktionsgeschäftsführers Will Rasner, für den parlamentarische Auseinandersetzungen und Verunglimpfungen des politischen Gegners weitgehend ein und dasselbe sind.
Entsprechend empfindlich reagierte der Abgeordnete Schmücker immer dann, wenn die Wahrhaftigkeit seiner Motive in Zweifel gezogen wurde. So donnerte er seinen parlamentarischen Widersacher Heinrich Deist von der SPD gelegentlich einer Auseinandersetzung über die Konzentration in der Wirtschaft entrüstet an: "Aber geärgert hat mich, daß er Zweifel in die Echtheit unseres Anliegens setzt. Ich meine, das ist nicht erlaubt."
Und bei anderer Gelegenheit: "Ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie das glauben; aber ich erwarte von Ihnen, daß Sie das nicht öffentlich in Zweifel ziehen. Soviel kann ich verlangen, das gehört zum parlamentarischen Stil."
Seinem Vorbild Erhard eiferte der Karrierist bis in die Details der persönlichen Lebensführung nach. Früher zeigte sich Schmücker selten ohne gute Zigarre, später freilich mußte er des hohen Blutdrucks wegen die wohlsortierte Zigarrenkiste wegschließen.
Seit Schmücker jedoch vor vierzehn Tagen Ludwig Erhards rauchgebeizte Diensträume im Ministerflügel des Bundeswirtschaftsministeriums bezogen hat, ruhen die Brasil-Zigarren wieder in der schweren Drucker-Hand. Allerdings: "Nur zwei Stück am Tag."
Zu Hause im Wohlstandseigenheim lauscht der gelernte Buchdrucker, wenn ihn nicht unabweisbare Skat-Termine fernhalten, wie sein professioneller Lehrmeister Erhard, den Klängen klassischer Musik, die ihm aus zwölf Stereo -Lautsprechern entgegenhallt. Treuherzig berichtet er selbst: "Ich liebe jede Musik außer Jazz. Meine Kinder haben alle Klavierstunde." Der Katholik hat sechs Sprößlinge im Alter zwischen viereinhalb und 17 Jahren.
Trotz Wesensverwandtschaft unterscheiden sich Erhard und sein Nachfolger dennoch in mehr als nur Nuancen. Während der Seelenmasseur in Volltönen schwelgt und auch dann noch weiterzureden vermag, wenn es eigentlich gar nichts mehr mitzuteilen gibt, zeigt sich der neue Mann einsilbig.
Streng hält er sich in Vorträgen und Reden an die Stichworte einer Zettelsammlung, die er jeweils zuvor mit seinem Fachökonomen und Freund, dem Diplomvolkswirt Klaus Oertel, durchgearbeitet und mittels eines Bindfadens fachgerecht geheftet hat. Kaum je weicht Schmücker von den nüchternen Pfaden reiner Sachdarstellung ab, obwohl Oertel ihm immer wieder vorhielt: "Das verkauft sich so schlecht".
Locken ihn jedoch sachfremde Fragen oder gar sein, eigenes Temperament vom sicheren Leitfaden weg, dann gerät der Jungminister nicht selten arg in die Klemme. So erging es ihm unlängst in Kurt Wessels Fernseh-Kränzchen, als er, wohlversehen mit Spickzetteln über die innenpolitische Parlamentsarbeit der letzten zwei Jahre, unvermittelt nach der CDU-Meinung über den Wert des amerikanisch-russischen Atomstopp-Vertrages gefragt wurde. Kurt Schmücker war sprachlos und ließ sich willig von dem koalitionsverbündeten Verbalartisten Erich Mende aus der Verlegenheit helfen.
Nicht ganz so glimpflich endete ein rhetorischer Ausflug des CDU-Parlamentariers im Jahre 1954. In der Bundestagsdebatte über die verworrenen CDU-Kindergeldgesetze hatte ihn der FDP-Liberale Atzenroth mit der Bemerkung angenommen, daß Schmücker "doch noch nicht den ganzen Umfang der Materie erkannt" habe.
Der Vorwurf mangelnder Sachkenntnis
traf den Oldenburger empfindlich. Sofort erwiderte er: "Herr Atzenroth, Sie haben gesagt, daß Sie vielleicht der beste Sachverständige für diese Dinge hier im Hause sind. Das will ich gar nicht bestreiten... Aber es könnte der Eindruck entstanden sein: Ach, der Schmücker, der redet so daher, im Ausschuß ist er nicht dagewesen. Meine Damen und Herren, dagegen muß ich mich wehren."
Und dann fiel jenes geflügelte Schmücker-Wort, dessentwegen der biedere Rhetor im Bundestag noch jahrelang gehänselt wurde: "Wir lassen uns auch nicht durch größeren Fachverstand von unserer politischen Richtung abbringen."
Schmücker fand seine politische Arena niemals in Massenkundgebungen, Festversammlungen und Fernsehauftritten. In geduldiger Kleinarbeit beackerte der stille Oldenburger seine Wähler Wochenende für Wochenende in den Wirtshaussälen seines ganz überwiegend katholischen Wahlkreises Vechta-Cloppenburg. Bei ungezählten "lüttjen Lagen" Bier und Korn hörte er sich geduldig die Sorgen seiner bäuerlichen und mittelständischen CDU-Klienten an.
Anders als Erhard, der niemals während seiner ganzen politischen Laufbahn die harte Hinterbank des Bundestags zu drücken brauchte, mußte sich Kurt Schmücker über die parlamentarische Ochsentour zu Amt und Würden vorkämpfen. Die Voraussetzungen waren denkbar ungünstig.
Nach dem Tode Vater Schmückers, der in seiner kleinen Verlagsdruckerei das "Volksblatt für das südliche Oldenburg", eine militante "Zentrums"-Zeitung, herausgab, mußte der Knabe Kurt, jüngstes von fünf Kindern, 1935 als Sekundaner das Gymnasium verlassen. Die Mutter schickte den 16jährigen auf die Handelsschule und steckte ihn anschließend in eine Buchdruckerlehre, damit er später das kleine Familienunternehmen in Löningen fortführen könne.
Während Buchdrucker Schmücker bei den "Oldenburger Nachrichten" und auf der Reichspresseschule hinter die Geheimnisse des Journalismus zu kommen suchte, begann der Polenfeldzug. Im zweiten Kriegsjahr rückte Schmücker zu den Marine-Funkern ein.
Joseph Goebbels schloß das ehemalige "Zentrums"-Blättchen der Familie Schmücker. Der Jungschriftleiter bekam Schreibverbot, nachdem er in der "Münsterländischen Tageszeitung" einen Aufsatz über die Gewissensfreiheit veröffentlicht hatte. Schmücker: "Auf die Idee, daß ich nun auch kein guter Soldat mehr zu sein brauchte, bin ich dennoch nie gekommen."
Erst 1947, nach zwei Jahren amerikanischer Gefangenschaft, tauchte er wieder in der elterlichen Druckerei auf, die Mutter Schmücker mit der Unterstützung eines Altgesellen neben einem inzwischen eröffneten Lebensmittelladen weitergeführt hatte.
Drucker Schmücker richtete den Betrieb wieder her, schrieb als Lokalmitarbeiter für Löningen und Umgebung Aufsätze für die "Neue Tagespost" in Osnabrück und schloß sich der oldenburgischen Jungen Union an, der sein Bruder Walter vorstand. Als Ortssprecher der jungen CDU-Truppe rückte er ins Löninger Gemeindeparlament ein.
Bei den ersten Wahlen zum Kreistag fiel CDU-Jungmann Schmücker durch. Ein Jahr später, 1948, schaffte er es. Zugleich stieg er zum Vorsitzenden der Oldenburger Jungen Union auf. Bruder Walter hatte sich aus dem politischen Leben zurückgezogen.
Während Ludwig Erhard im Frankfurter Wirtschaftsrat längst Meriten gesammelt hatte, kämpfte der christdemokratische Junior um einen aussichtsreichen Platz auf der niedersächsischen Landesliste zur ersten Bundestagswahl. Acht Plätze hatten die CDU-Delegierten bereits besetzt, um-den neunten bewarben sich der junge Unionsmann Kurt Schmücker und der alte Wilhelmstraßen-Diplomat Hans Kroll. Schmücker obsiegte, und Kroll - der spätere deutsche Botschafter in Moskau - müßte sich mit dem zehnten Listenplatz begnügen.
Am Morgen nach der Bundestagswahl stand fest, daß die niedersächsische CDU nur neun Mann über ihre Landesliste in den Bundestag schieben konnte. Kandidat Kroll blieb der Weg in's Parlament versperrt. Kurt Schmücker zog mit 29 Jahren als jüngstes CDU-Mitglied in den ersten Deutschen Bundestag ein.
Ursprünglich hatte er seine im Oldenburgischen begonnene Jugendarbeit im Bonner Parlament fortsetzen wollen. Er mußte jedoch feststellen, "daß andere davon viel mehr verstanden als ich".
Dann versuchte er, im Innenausschuß seine Kommunalerfahrungen aus der Heimatgemeinde an den Mann zu bringen. Wacker schlug er sich mit dem "Gesetz über Personalausweise" herum und plädierte für die Abschaffung des bis dahin obligaten Fingerabdrucks.
Endlich wurden die CDU-Oberen auf den unermüdlichen Arbeiter aufmerksam. Hermann Ehlers und Heinrich: Krone drängten den kleinen Unternehmer, sich einer gefährlichen Entwicklung der Erhardschen Nachkriegs -Wirtschaftspolitik anzunehmen. Nach der Währungsreform hatten Investitionshilfe und Steuergesetzgebung die Großindustrie zu Lasten des gewerblichen Mittelstandes aufgebläht. Nun galt es, einen deutschen Ableger der radikalen französischen Poujadisten -Bewegung zu verhindern.
Mit Verve nahm sich - Schmücker des Parteiauftrags an: "Wir meinen, daß es nun dringend an der Zeit ist, etwas für diejenigen zu tun, die bis jetzt warten mußten."
Zusammen mit Richard Stücklen gründete er 1953 den "Diskussionskreis Mittelstand" der CDU/CSU-Fraktion. Er zählt heute mit etwa 80 Anhängern mehr Gefolgsleute als Katzers linker Arbeitnehmerflügel. Im Jahre 1956 schaffte sich Schmücker mit dem Bundesarbeitskreis Mittelstand der CDU ein solides Parteisprungbrett.
Schmückers Mittelstandsattacken blieben auch materiell nicht ohne Erfolg. Der Diskussionskreis erstritt.
- zahlreiche Mittelstandserleichterungen bei der Einkommen-, Umsatz-, Vermögen- und Gewerbesteuer,
- eine Handwerksordnung,
- das Gesetz über die Berufsausübung
im Einzelhandel,
- die Einrichtung von Mittelstandsinstituten an den Universitäten Köln und Bonn,
- die Handwerker-Altersversorgung.
Außerdem brachte der Schmücker -Arbeitskreis die Diskussion über eine wettbewerbsneutrale Umsatzsteuer, die Reform des Kartellgesetzes und die Konzentrations-Enquete der Bundesregierung in Gang.
Daneben hobelte Schmücker an so umstrittenen Materien wie dem Kindergeld- und dem Ladenschlußgesetz. Er wetterte gegen die überbetriebliche Mitbestimmung, gegen das Werbefernsehen und gegeh das Stempeln- von Frischeiern. Insgesamt 29mal kletterte er im ersten Bundestag aufs Rednerpodium, 33mal im zweiten und 41mal währerid der dritten Legislaturperiode.
Die Chance, sich- im Bundestag freizuschwimmen, hätte der Mittelstandskämpfer schon bei der Bundestagswahl 1953 ergriffen, als der CDU-Bauer Georg Kühling den Wahlkreis, 31 Vechta-Cloppenburg abgab. Katholik Schmücker ergatterte damit einen jener Wahlkreise, in denen nach einem Scherzwort des verstorbenen FDP-Liberalen Wolfgang Döring "jede schwarze Vogelscheuche gegen Carlo Schmid und Thomas Dehler durchkommt".
Schmücker landete als Direktkandidat im Deutschen Bundestag und brauchte fürderhin um seinen Parlamentssitz nicht mehr' zu fürchten. Mit 81,9 Prozent aller Erststimmen hielt er bei der letzten Bundestagswahl den absoluten persönlichen Abstimmungsrekord. Sein Gegenkandidat von der SPD, der Rektor der evangelischen Volksschule in Vechta, mußte sich mit 11,5 Prozent Stimmenanteil begnügen.
Frühzeitig begann sich Schmücker um neue Aufgaben zu bemühen"die ihn aus der ewig quengelnden Mittelstands -Lobby heraushoben. Im Gegensatz zu seinem großen Kollegen Erhard oben auf der Regierungsbank (Ex-Finanzminister Franz Etzel: "Der Mann liest ja nie Akten") kniete sich der Unstudierte tief in die Aktenberge und lernte, sich um jedes Detail einer Bundestagsvorlage zu kümmern. Sein theoretisches Wissen suchte er sich aus Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen zusammen. Einmal bekannte er: "Meine größte Freude ist das Studieren nationalökonomischer Lehrbücher."
Als ihm eines Tages ein Schwarm wertvoller, Exotenvögel aus der selbstgebastelten Voliere im Ziergarten seines Löninger Eigenheimes entfleucht war, bezog Schmücker einen Nachmittag lang Posten unter seinem Blumenfenster: In der einen Hand einen Bindfaden, mit dem er einen im Freien aufgestellten Koffer zuschnappen lassen konnte, in den er listig Sonnenblumenkerne gestreut hatte, in der anderen Hand "Die Grundlagen der Nationalökonomie" des neoliberalen Wirtschaftstheoretikers Walter Eucken.
Die Vogeljagd endete ohne Ergebnis. Sein Bücherstudium indes schlug sich in den Bonner Parlamentsdebatten nieder. Im Jahre 1957 übernahm er den Vorsitz im fraktionsinternen CDU/CSU-Arbeitskreis II "Ernährung und Wirtschaft". Zwei Jahre später bereits machte ihn die Fraktion zum Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Wirtschaft. Seither heißt der Sprecher der CDU in allen wirtschaftspolitischen Debatten Kurt Schmücker.
Dabei kam ihm allerdings zugute, daß die Christdemokraten führende Wirtschaftspolitiker früherer Legislaturperioden, wie Pferdmenges, Hellwig, Becker, Lindrath, Krammig, Scharnberg und Neuburger, nicht mehr in ihren Reihen haben. Andere wiederum sind zu offensichtlich interessenverdächtig, wie etwa Dichgans (Eisen- und Stahlindustrie), Stein (BDI), Birrenbach (Thissen); Elbrächter (Oetker), Gassmann (Daimler-Benz), Müser (Bergbau), Illerhaus (Handel), Burgbacher (Energie) und Balke (Arbeitgeber).
Gegen den Widerstand der Großbanken, der Industrie und der Genossen aus dem Mittelstand unterstützte Schmücker den -Wirtschaftsminister bei dessen Konjunkturdämpfungsversuchen, verteidigte die Mark-Aufwertung, plädierte für ein konjunkturpolitisches Sachverständigengremium, drängte Erhard zu einer Enquete über die Konzentration in der Industrie und empfand schon im Jahre 1959 dessen Maßhalteparolen voraus:
"Wir haben den Wohlstand für alle zur Parole gewählt; aber nicht - wie uns häufig unterstellt wird -, um jedem ein unbekümmertes Leben zu ermöglichen und den interessenlosen Spießbürger zum Idol zu erheben, sondern um möglichst allen, die danach verlangen, eine Basis der freien Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu verschaffen."
Die "Stuttgarter Zeitung" lobte den Erhard-Gefolgsmann: "Daß Erhard heute Kanzler ist, verdankt er nicht zuletzt dem Mut seines Mitstreiters, der in dreieinhalb Legislaturperioden nicht müde geworden ist, seinem Wirtschaftsminister Erhard ir Bundestag aus der Fraktion jenen Feuerschutz zu geben, den der auf Debatten fast immer unvorbereitete Erhard gelegentlich dringend nötig hatte."
Im Jahre 1961 belohnte die CDU/CSU -Fraktion den Mann des internen Ausgleichs mit einem Sitz im Fraktionsvorstand. Nächst dem Fraktionspräses von Brentano konnte Schmücker die meisten Kollegenstimmen für sich buchen.
Zuvor hatte er ein Angebot Konrad Adenauers, ihn zum Finanzminister zu machen, ebenso konsequent abgelehnt
wie ein Jahr später bei der Umbildung des Adenauer-Kabinetts die Posten des Schatz- und des Verkehrsministers. Sein langfristiges taktisches Konzept sah vor, die eigene Position in der CDU geduldig auszubauen, Erhard auf den Kanzlerthron zu heben und dann selbst auf dessen Stuhl nachzurücken. (Ehefrau Ilse: "Mein Mann wollte eigentlich erst mit 50 Jahren Minister werden.")
Heinrich von Brentano überließ seinem Stellvertreter in der Folgezeit alle kniffligen innenpolitischen Fleißaufgaben. Dabei zeigte Pragmatiker Schmücker auch Sinn für das Gefällige in der Demokratie. Um Theodor Blanks totgelaufene Krankenversicherungsreform wieder flottzumachen, erfand er das Sozialpaket, indem er kurzerhand die schwer verdauliche Selbstbeteiligung an den Krankenkosten mit einer Kindergelderhöhung und der Lohnfortzahlung für kranke Arbeiter verknüpfte.
An der Regierungsbildung 1962 hatte er als einziges Mitglied-der CDU/CSU -Verhandlungskommission, das nicht für einen Ministersessel vorgesehen war, entscheidenden Anteil. Prominente FDP-Unterhändler lobten ihn als "vernünftigsten Mann der CDU-Kommission". Und als Konrad Adenauer schließlich in der Sitzung des CDU/CSU -Fraktionsvorstandes am 22. April dieses Jahres seine letzte große Attacke gegen den ungeliebten Kronprinzen ritt, begehrte der sonst so stille Anführer der Brigade Erhard energisch auf: "Meinen Sie denn, Herr Bundeskanzler, die Politik gepachtet zu haben?"
Obwohl Ludwig Erhard für den strebsamen Schmücker freundschaftliche Gefühle hegt, war er nicht restlos davon überzeugt, daß der prononcierte Mittelstandspolitiker auch der rechte Wirtschaftsminister sei. Minister sollte Schmücker zwar werden, aber als Chef des Wirtschaftsressorts hatte Erhard seinen langjährigen Weggefährten, den 69jährigen BWM-Staatssekretär Ludger Westrick ausersehen.
Der von Konrad Adenauer einst als Aufpasser ins Wirtschaftsministerium gesetzte Westrick hatte sich als perfekter Vollstreckungsbeamter des Wirtschaftsprofessors erwiesen. Erhards Verwaltungschef war auf internationalen Konferenzen ebenso zu Hause wie im Spinnenhetz der verwinkelten Bundesbürokratie. Diplomatisch verkündete Erhards Polit-Intimus Karl Hohmann seinerzeit: "Dem Minister sind beide gleich lieb."
Die Wahl Schmückers wurde letztlich von der CDU-Fraktion entschieden. Die beiden Fraktions-Hirten von Brentano und, Krone machten dem Kanzleraspiranten klar, daß das Fraktionsvolk seinem künftigen Regierungschef niemals verzeihen würde, wenn er den etwas unheimlichen Verwaltungsmann und Nichtparlamentarier Westrick dem langgedienten Parteimann vorziehe. Erhard gab nach, und nur Konrad Adenauer kritisierte den Jung-Minister. "Herr Schmücker, das hätten Sie nicht tun dürfen.'Sie hätten Fraktionsvorsitzender werden müssen;"
Am Tage nach der Bonner Minister -Vereidigung zog Löhingens Feuerwehrkapelle vor Schmückers Gartenpforte auf, und tausend Fackelträger zertrampelten enthusiastisch die Vorgarten-Rabatten des ersten Oldenburgers, der je deutscher Minister geworden ist.
Einen 22pfündigen Bauernschinken als Präsent seiner niedersächsischen Wähler unter dem Arm, ergriff der neue Bundesminister das Wort: "Ein Amt bringt einen Titel mit sich, für euch bin ich aber nach wie vor Schmückers Kurt."
Am Mittwoch vorletzter Woche stellte sich der neue Hausherr seiner Belegschaft vor. In der Turnhalle der dem Wirtschaftsministerium benachbarten Grenzschutzkaserne drängten sich anderthalbtausend Bedienstete, zehn Prozent aller Bonner Staatsdiener.
Ihre Zahl hat sich seit den Zeiten des alten Reichswirtschaftsministeriums nach dem Gesetz des stets steigenden Verwaltungsaufwandes verdoppelt, obwohl es nach Erhards großem Liberalisierungswerk so gut wie nichts mehr zu rationieren, zu planen und zu verwalten gibt.
Auch zu einer Organisationsreform fand Ludwig Erhard keine Muße. Das Organisationsschema des Ministeriums ähnelt eher einem Schnittmusterbogen als dem Stellenplan einer geordneten Bundesverwaltung. Zahllose Referate fristen nur noch das Kümmerdasein eines Pro-Memoria-Postens.
So gibt es beispielsweise in der Abteilung "Gewerbliche Wirtschaft" eigens ein Referat für "Leder, Schuhe, Rauchwaren"; in der Außenwirtschaftsabteilung brütet ein Regierungsdirektor über dem Stand der Handelsbeziehungen zu Frankreich, Italien und den Beneluxstaaten, die als Mitglieder der EWG längst europäisches Binnenland geworden sind.
Einige wichtige Sachgebiete werden gleich zweimal verwaltet. Zollreferate gibt es sowohl in der Europa als auch in der Außenhandelsabteilung. In der Industrieabteilung beschäftigt sich ein Referat mit der 'Koordinierung der außenwirtschaftlichen Fragen im Bereich der gewerblichen Wirtschaft". Im Hause nebenan residiert die Außenwirtschaftsabteilung.
Viele Ministerialräte hatten ihrem Minister schon seit Jahren nicht mehr Vortrag gehalten. Ludwig Erhard regierte mit einer Handvoll intimer Berater. Die unteren Ränge ließ er ungestört wursteln. Vergeblich plädierte Rechnungshofpräsident Hertel 1960 dafür, die Anzahl der Unterabteilungen von 20 auf 14 und die der Fachreferate von 124 auf 101 zu dezimieren.
Schmückers Aufgabe wird dadurch erschwert, daß mit dem Weggang Erhards zugleich die gesamte Ministerialspitze zerbröckelt ist. Staatssekretär Westrick folgte seinem Herrn ins Kanzleramt, und der Europa-Staatssekretär des Hauses, Professor Alfred Müller -Armack, flüchtete vor dem Verwaltungswirrwarr in den einstweiligen Ruhestand. Auch in drei eindringlichen Unterhaltungen vermochte Schmücker den Professor nicht zurückzulocken.
Auf der nachfolgenden Führungsebene geht es nicht minder turbulent zu. Von den acht Ministerialdirektoren bleiben Schmücker auf die Dauer nur drei erhalten. Der Leiter der Grundsatzabteilung, Wolfram Langer, ist zum Westrick-Nachfolger aufgestiegen, Europa-Direktor Meyer-Cording wandert zur Europäischen Investitionsbank ab, der Zentralabteilungsleiter Dr. Walter kandidiert für den Posten des Rechnungshofpräsidenten, der Direktor der
Industrieabteilung, Carl Krautwig, soll Staatssekretär im Ministerium für gesamtdeutsche Fragen werden, und Ministerialdirektor Reinhardt von der Außenwirtschaft geht bereits nächstes Jahr in Pension. Schmücker: "Da ist ja überhaupt keine vorsorgende Personalpolitik getrieben worden."
Dennoch hat der Praktiker Schmücker reelle Chancen, sich im neuen Haus schneller zurechtzufinden als Erhard je in seinen vierzehn Ministerjahren. Denn ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger verfügt der bedächtige Oldenburger über einen wachen Sinn für Ordnung und Organisation.
Seine Organisationsmaxime für Bonn erläuterte Freiwirtschaftler Schmücker im Stil eines Mannes, der den wuchernden Planstellen-Krebs einer Behörde noch nicht kennt: "Wenn unsere Politik richtig ist, müssen wir uns selber überflüssig machen."
Neben dem Neuaufbau der Ministeriumsspitze stehen auf der Traktandenliste des Wirtschaftsministers Schmücker für die letzten zwei Jahre der Legislaturperiode vornehmlich Projekte, die Ludwig Erhard unschlüssig vor sich hergeschoben hat. So will der Wirtschaftspraktikus noch bis zum Jahresende den seit einigen Monaten überfälligen Sachverständigenrat berufen, der dem Kabinett und dem Parlament jährlich einen umfassenden Wirtschaftsbericht vorlegen soll.
Ferner plant er, das von Erhard über Jahre mehrmals versprochene Warentest-Institut zu gründen, will es aber nicht in öffentliche, sondern in private Stifterhände legen. Schmücker: "Sonst müssen wir im Bundestag noch über '8X4' und 'Sunil' debattieren."
Kartell- und Konzentrationsbericht
- der eine schon über ein Jahr alt, der
andere seit einem halben Jahr überfällig - sollen endlich ausgewertet werden. Schmücker will außerdem das Kartellgesetz bis 1965 novellieren, beispielsweise die Meldepflichten für marktbeherrschende Unternehmen verschärfen und die Bestimmungen für Normen - und Typenkartelle neu fassen.
Während Ludwig Erhard sich auf den Ministerratssitzungen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft fast nie hat sehen lassen, tritt: der neue Mann in diesem Monat gleich dreimal in Brüssel an. Schon bisher reiste er mit seinem sachkundigen Schatten Klaus, Oertel jährlich vier- bis fünfmal und damit öfter als Erhard in die EWG-Hauptstadt.
Noch in einem anderen Punkt aber will der Wirtschaftsminister über seinen theoretischen Ziehvater hinauswachsen: Er möchte endlich jenes konjunkturpolitische Instrumentarium schaffen, dessen Fehlen den Konjunkturbeschwörer Erhard immer wieder zur Anwendung unverbindlicher Seelenmassage zwang. Schmücker will unter anderem
- die Ausgabenpolitik der öffentlichen Hand bis hinunter zu Haushalten der Großgemeinden aufeinander abstimmen sowie
- die steuerlich zulässigen Abschreibungssätze je nach der Konjunkturlage variieren und die Steuersätze entsprechend dem Konjunkturrhythmus jährlich neu festsetzen.
Dazu bedarf es freilich einer größeren Kompetenzfülle als sie das Bundeswirtschaftsministerium je besessen hat. Schmücker hat seinen neuen Regierungschef deshalb überredet, ein Superwirtschaftsministerium ähnlich dem britischen Schatzamt unter Einschluß des Finanzressorts oder nach dem Muster des französischen kombinierten Wirtschafts- und Finanzministeriums zu schaffen.
Einen deutschen Schatzkanzler Schmücker dürfte es - den CDU-Wahlsieg vorausgesetzt - allerdings allenfalls, in der nächsten Regierung Erhard geben. Bis dahin sollen intern alle organisatorischen Weichen gestellt sein. Schmunzelt Schmucker: "Wir müssen ja 1965 auch noch etwas zu bieten haben."
Von seiner Zukunft im Bonner politischen Geschäft ist Schmücker jedenfalls überzeugt. Seinen Löninger Druckereibetrieb hat er dieser Tage auf zehn Jahre verpachtet.
Erhard-Nachfolger Schmücker am Tag der Ernennung: Erbe eines Wunders
Schmücker, Vorgänger: "Rund wie Erhard, schön wie Jürgens"
Die Zeit
"Ob er da hinein wächst?"
Ex-Staatssekretär Westrick
Nach Erhards Abgang...
Staatssekretär Langer
... ein Revirement...
Ex-Staatssekretär Müller-Armack
... im Ministerium
Funkmaat Schmücker: Start bei der Jungen Union
Schmücker-Druckerei in Löningen: Karriere beim Mittelstand
Familie Schmücker im Löninger Eigenheim: Nationalökonomie nach Feierabend
* V. l.: Ingrid, Petra, Kurt Schmücker, Elisabeth, Ehefrau Ilse, Fritz, Michael, Krista.

DER SPIEGEL 45/1963
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BONN / SCHMÜCKER:
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