06.11.1963

DIAKONELeibliche Väter

Alfredo Ottaviani, Bäckerssohn aus Roms Armenviertel Trastevere und mächtigster Kardinal des Vatikans, trat ans Mikrophon und wetterte in klassischem Kirchenlatein gegen jene Konziltheologen ("Periti"), die im Petersdom Werbeschriften für die Zulassung verheirateter katholischer
Geistlicher verteilt hatten. Familienväter dürfe es aber - so der römische Kirchenfürst vor 2204 Konzilvätern - im katholischen Klerus auch fürderhin nicht geben.
Die Intervention Ottavianis richtete sich weniger gegen die schreibfreudigen Periti als gegen jene Kardinäle und Bischöfe, die in ihren Reden auf dem Konzil dieselben Forderungen gestellt hatten wie die Theologen in ihren Schriften.
Der Chef des Heiligen Offiziums, das über Glauben und Sitte der Katholiken wacht, sicherte sich das letzte Wort zu dem bislang umstrittensten Konzilthema, ob neben den weiterhin zum Zölibat verpflichteten Priestern fortan verheiratete Diakone als Kleriker minderen Ranges amtieren sollen.
Der oberste Glaubens- und Sittenwächter widersprach sogar jenen gemäßigten Konservativen, die immerhin zur Ehelosigkeit verpflichtete Diakone zulassen wollen: Die katholische Kirche solle auf diesen geistlichen Stand überhaupt verzichten.
Diakonats-Gegner Ottaviani wurde überdies gemeinsam mit anderen Kardinälen wie Siri (Genua) und Ruffini (Palermo) auch hinter den Konzilkulissen aktiv.
Zwei Wochen lang verhinderten die italienischen Kirchenfürsten eine von dem belgischen Kardinal und Konzilmoderator Léon Joseph Suenens im Petersdom angekündigte Testabstimmung über den Diakonat und andere Kernfragen des Kirchenschemas.
Den Text für die Stimmzettel hatten die beiden prominentesten Fürsprecher des neuen geistlichen, Standes, der Belgier Suenens und der Deutsche Julius Kardinal Döpfner, gemeinsam mit den beiden anderen Moderatoren verfaßt.
Der Eminenzen-Streit wurde schließlich mit höchstinstanzlichem Spruch beendet: Papst Paul VI., der an den Konzilsitzungen nicht teilnimmt und sie per Haus-Television verfolgt, entschied, die Konzilväter sollten abstimmen.
Innerhalb von zwei Tagen mußten dann die um Ottaviani gescharten Konservativen zwei Niederlagen hinnehmen:
- Am Dienstag entschied das Konzil mit knapper Mehrheit (1114 gegen 1074 Stimmen), der von Katholiken stärker als von Protestanten verehrten Gottesmutter Maria solle nicht ein von Ottaviani bereits verfaßtes besonderes Schema, sondern lediglich ein Kapitel des Kirchenschemas gewidmet werden. Damit wird eine von progressiven Katholiken und von Protestanten seit langem erhobene Forderung verwirklicht.
- Am Mittwoch sprachen sich die Kirchenoberen mit großer Mehrheit (1588 gegen 525 Stimmen) dafür aus, den Diakonat - trotz der Absage Ottavianis - "als eigenen und bleibenden Stand der Hierarchie zu erneuern, je nach dem Nutzen für die Kirche in den verschiedenen Regionen".
Über die Frage, ob die Diakone auch verheiratet sein dürften, wurde allerdings nicht abgestimmt. Die progressiven Konzilväter hoffen aber, daß die regionalen und nationalen Bischofskonferenzen auch darüber entscheiden dürfen, ob Familienväter in den Klerus aufgenommen werden.
Die Diakone könnten fast in gleichem Maße wie die Priester predigen, taufen
sowie bei Trauungen und Beerdigungen amtieren. Lediglich das Zelebrieren der Messe und die Funktion des Beichtvaters sollen ausschließlich den Priestern vorbehalten bleiben.
Die Kardinäle Suenens und Döpfner sowie die anderen Konzilväter, die Verheiratete als Diakone zulassen wollen, bedienten sich der Argumente, die der renommierte Jesuitenpater und Dogmatik-Professor Karl Rahner gemeinsam mit 31 anderen Theologen, Kirchenrechtlern und Laien in einem dickleibigen Sammelband zusammenfaßte".
Der gelehrte Jesuit, der zuvor schon mehrmals mit den Zensoren des Ottaviani-Offiziums in Konflikt geraten war und trotzdem von den Kardinälen König (Wien) und Döpfner gefördert wurde, bemühte sich gemeinsam mit seinen geistlichen Ko-Autoren um den Nachweis, daß die Zulassung von Diakonen "keine so revolutionäre Maßnahme wäre, wie man zunächst vielleicht meinen könnte" (Rahner).
Während Ottaviani die katholische Tradition der letzten Jahrhunderte verteidigt, beruft sich Rahner auf eine noch ältere Quelle: die Bibel.
Laut Neuem Testament haben schon die zwölf Apostel, deren Nachfolger nach katholischer Lehre die heutigen Konzilväter sind, gemeinsam Diakone eingesetzt. Und Paulus forderte nicht die Ehelosigkeit der Diakone, sondern verlangte lediglich, sie sollten "mit einer einzigen Frau verheiratet sein, ihren Kindern und ihrem Hause in rechter Weise vorstehen".
In den ersten christlichen Jahrhunderten amtierten zahlreiche Familienväter als Diakone und bewiesen, daß sich "leibliche und geistige Vaterschaft" (Professor Auer, Würzburg) miteinander vereinbaren lassen. Diakone durften damals sogar Bischöfe werden.
Nur allmählich konnte der Zölibat durchgesetzt werden. Im vierten Jahrhundert wurde zunächst zur allgemeinen Regel, daß nur Ledige zu Bischöfen aufsteigen dürften. Rund hundert Jahre später ordneten die Kirchenoberen an, verheiratete Diakone, die auf eheliche Beziehungen nicht verzichten wollen, dürften nicht mehr Priester werden. Aber erst im zwölften Jahrhundert wurde das Eheverbot für alle Kleriker, auch die Diakone, Kirchengesetz.
Resümiert Rahners Ko-Autor Clément: "Die Verpflichtung zu vollkommener Enthaltsamkeit hat (das Amt des Diakons) im Westen als eigenen Weihestand unterdrückt." Es fanden sich keine Katholiken mehr, die sich wie Priester zum Zölibat verpflichten und mit einem niedrigeren Rang begnügen wollten. Folge: Seitdem gibt es - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nur noch ehelose katholische Geistliche**.
Das Amt des Diakons besteht in der katholischen Kirche lediglich als "rituelles Skelett einer verschwundenen Größe" (Benediktinerpater Augustinus Kerkvoorde), als eine Art Zwischenstufe. Künftige Priester werden zwar zuvor zu Diakonen geweiht, müssen sich aber schon zum Zölibat verpflichten und haben dieses Amt nur formal wenige Monate, bis zur nächsten Weihe, inne.
Der 1563er Beschluß des Konzils von Trient, das Amt des Diakons solle "wieder in Gebrauch zurückgerufen werden und von den Häretikern nicht als unnütz bezeichnet werden", blieb, wie in dem Rahner-Buch festgestellt wird, "ein totes Papier".
Auch im 20. Jahrhundert scheiterten die Versuche, das Amt des Diakons wieder einzuführen. Pius XII. beauftragte das heute von Ottaviani geleitete Heilige Offizium, ein Gutachten anzufertigen. Dann entschied der Pacelli-Papst, das Problem sei "noch nicht reif genug".
Rahner und andere deutschsprachige Gelehrte aber gaben nicht auf. Neben theologischen Argumenten trugen sie auch Zahlen über den Priestermangel zusammen, der durch Diakone vermindert werden könne.
Geistliche Statistiker ermittelten in 1100 Bistümern Europas, Afrikas, Asiens, Nord- und Südamerikas, daß dort 230 000 Priester amtieren. Bei einer Schlüsselzahl von einem Seelsorger für 1000 Katholiken wurde ein Fehlbedarf von 190 000 Geistlichen berechnet.
Am größten ist das Priesterdefizit in Südamerika. Dort sind nur 37 000 Kleriker tätig, und die dortigen Bischöfe stellten fest, daß sie eigentlich etwa fünfmal soviel Geistliche benötigten.
In dem Rahner-Buch wird prophezeit, daß die Zulassung von Diakonen den Mangel an Klerikern verringern werde:
- Junge Katholiken, die "Anlagen und Neigungen zum seelsorglichen Dienst ohne gleichzeitige Anlagen und Neigungen zum Zölibat" hätten, könnten in den Klerus aufgenommen werden;
- die Ehen der Diakone würden "lebendig strömende Quellen kommender Priesterberufe" werden;
- die Priester würden durch Diakone entlastet und nicht mehr "von ungezählten Nebenaufgaben überlastete, teilweise zum Manager entartete Geistliche" sein; der Priesterberuf würde wieder attraktiver.
Rahner und seine Mitarbeiter warnten die Gegner verheirateter Diakone vor einer "gewissen Unterbewertung der Ehe oder doch des Geschlechtlichen". Man dürfe die "Ehe wahrhaftig nicht als bloße Konzession an die Schwachheit der Menschen" betrachten. Beschränke man die Diskussion auf das Problem, ob Diakone ehelos oder verheiratet sein sollen, so setze man "den Versuch einer Erneuerung des Diakonats aufs Spiel".
Konservative Oberhirten machten aber in der Konzilaula kein Hehl daraus, daß sie dieses Problem für das wichtigste halten. Verheiratete Diakone würden der Kirche "schweren Schaden" (Kurienkardinal Cento) zufügen und "viele Nachteile" (Bischof Carraro, Verona) bringen. Viele potentielle Geistliche würden sich, um heiraten zu können, lieber mit dem niedrigeren Rang eines Diakons abfinden, statt Priester zu werden und im Zölibat zu leben.
Derartige "negative Nebenwirkungen" hält auch Belgiens Kardinal Suenens nicht für,ausgeschlossen. Man müsse sie aber 2in gläubigem Vertrauen" hinnehmen, zumal die Kirche nicht auf einen "von Gott selbst gewollten", Stand verzichten dürfe.
Der von Ottaviani nicht gewollte Stand wird nach Überzeugung deutschsprachiger Konziliaristen in der katholischen Kirche bald populär werden, selbst wenn verheiratete Diakone zunächst nur ausnahmsweise zugelassen werden und jeweils das Plazet des Heiligen Stuhls eingeholt werden müßte.
Konziltheologe Rahner drückte seinen
Optimismus in einer Metapher aus: "Man kann auch Saat ausstreuen, mutig und zuversichtlich, die erst in einer ferneren Zukunft aufgeht, selbst wenn man hofft daß man selbst noch Blüte und Frucht erlebt."
* "Diaconia in Christo". Herausgegeben von
Karl Rahner und Herbert Vorgrimler; Verlag Herder, Freiburg; 658 Seiten, 39,50 Mark.
** Nicht zum Zölibat verpflichtet sind lediglich die Priester der mit Horn unierten Ostkirchen sowie einige ex-protestantische Pfarrer, die auch nach der Konversion verheiratet bleiben durften.
Kurienkardinal Ottaviani
Ehe-Streit im Dom
Konziltheologe Rahner
Verheiratete Geistliche...
Konzilvater Suenens
... für verwaiste Gläubige?

DER SPIEGEL 45/1963
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