06.11.1963

KUNDENFANGKauf im Kino

Rund 350 Münchner Hausfrauen desertierten am hellen Vormittag vom heimischen Herd weg in das Kino an der Ecke.
Der "HWK-Film-Verleih München" hatte sie mit numerierten Ehrenkarten zu der Erstaufführung des "spannenden und ergreifenden Farbfilms 'Gefährliches Leben'" eingeladen und verkündet, es würden überdies ein Auto vom Typ Opel Rekord, Mittelmeerreisen und viele "weitere wertvolle Preise" verlost.
Indes hatte der Veranstalter nicht die Absicht, auf diese Weise die notleidende Flimmerbranche zu sanieren. Lotterie und "HWK-Film" waren nur ein Trick des ambulanten Händlers Hans Werner Köhler, mit dem er die Hausfrauen in die verödete Schauburg lockte, um ihnen Kochtöpfe zu verkaufen.
"Gefährliches Leben" - das nämlich ist ein Leben ohne Köhlers Dampfkochtopf. Nur dieser Topf, so erfuhr die versammelte Hausfrauen-Riege, garantiere "gesunde Ernährung und glückliche Menschen", denn: "Der Tod kommt aus der Küche!" Die Siechtumsstationen in Köhlers Film: "Kreislaufstörungen und Krebs, Krankenhaus und Grab."
Von Kochtöpfen jedoch war zu Beginn der Vorstellung noch nicht die Rede gewesen. Zunächst wurden die Adressen für die Tombola eingesammelt. Das erhöhte die Spannung. Erst am Ende der "geschlossenen Sondervorstellung" erfuhren die Gäste, daß die große Lotterie nicht sofort im Kino, sondern nur "etwa halbjährlich" stattfinde.
Die Wutausbrüche der Genarrten waren in Hans Werner Köhlers Kino -Schau einkalkuliert. Mochten die "Ehrengäste" auch laut schimpfend abziehen, die Kochtopfaufträge hatte er vorher entgegengenommen. Dazu diente ihm der Gruselfilm vom "gefährlichen Leben".
Köhlers Schocker verfehlte bei allen Aufführungen nie seine Wirkung. Um ihre Lieben vor qualvollem Ende zu bewahren, unterschrieben viele verängstigte Hausmütterchen bereitwillig die von den Köhler-Agenten dargereichten Bestellscheine über den Schnellkochtopf zum Preis von 100,50 Mark. Was sie nicht wußten: Der Kochtopf kostet beispielsweise im Versandhaus Neckermann nur 69 Mark.
In einem Musterprozeß bis hinauf zum Bundesgericht heftete sich schließlich die Frankfurter Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs dem Kino -Helden Köhler an die Fersen. Die Wettbewerbshüter betrachten die Kochtopf -Matinees als sittenwidrige Irreführung der Kundschaft, nicht zuletzt wegen der aufgeschobenen Verlosungen.
Köhler unterlag nach langem Rechtsstreit. Aber obwohl der Bundesgerichtshof ihm seine Verkaufspraktiken untersagte, muß die Zentrale in Frankfurt konstatieren: "Die Werbeveranstaltungen in Filmtheatern mittels Filmvorführungen und Gratisverlosungen haben an Aktualität noch nichts eingebüßt." Andere Händler nämlich knüpfen Köhlers Masche weiter.
Als Nestor der Branche gilt der sächsische Wahl-Frankfurter Heinrich Heuer.
Er zog gleich nach der Währungsreform von 1948 mit seinen Agenten durch die Wirtshaussäle und verhökerte für 13,50 Mark einen schlichten Wäschestampfer, dem er den Namen "Super-Washling" gab.
Als ihm der Verkauf zur Abendzeit durch das westdeutsche Ladenschlußgesetz verdorben wurde, verlegte Heuer seine Vorführungen auf Vormittage und in die Kinos. Um die Leute anzulocken, zeigte er alte, ausrangierte Spielfilme und sorgte mit der Verlosung geringwertiger Gegenstände für zusätzliche Unterhaltung.
Nach und nach machten sich Heuers Vertreter selbständig. Sie verkauften auf eigene Rechnung Waschgeräte und Kochtöpfe und entwickelten das Anreißersystem zur Perfektion.
Der Münchner Horst G. Möller zum Beispiel ließ in die Briefkästen Blechplaketten mit dem eingeprägten Kopf eines Raubtieres einwerfen, das wie ein Tiger aussah, und lud ein: "Sie haben 50 DM in bar gewonnen, wenn die Rückseite der beiliegenden Münze einen Tigerkopf trägt."
Viele Hausfrauen beeilten sich, das Geld abzuholen, mußten sich aber am Ende belehren lassen, daß ihr vermeintlicher Tiger ein Panther, Leopard oder Jaguar sei. Das Oberlandesgericht München: "Irreführung" und "Täuschung".
Ähnlich operierte der Stuttgarter Händler Karl Leopold Grauding mit kleinen Blechschlüsseln, die wahllos in die Briefkästen klimperten. Dazu hieß es auf einem Flugblatt: "5 Schlüssel zu 100 DM wurden in Ihrem Wohngebiet... mit fünf dieser Karten verteilt... Wenn Sie einen Schlüssel erhalten haben, dann brauchen Sie nur umseitig genannte Film- und Werbe-Veranstaltung zu besuchen. Dort steht die Kassette mit dem Bargeld."
Eine "Quittung" war gleich beigefügt: "Bitte mitbringen zur Abholung von Kassette und Bargeld."
Jeder Empfänger mußte sich für einen Glückspilz halten, denn jeder war "Gewinner". Da jedoch keine§wegs jeder
der ausgeteilten Schlüssel einen Gewinn einbrachte, handelte sich Grauding beispielsweise vor dem Landgericht Kiel eine Einstweilige Verfügung gegen die Schlüssel-Methode ein.
Kochtopfvorführungen nach der Methode Köhler und Grauding (zusammen 40 Millionen Mark Jahresumsatz) wurden als "ein heiteres, interessantes Bühnen- und Filmerlebnis mit bekannten und beliebten Künstlern" angepriesen. Das Landgericht Bremen fand: "Ein solcher Vortrag ist aber kein 'heiteres und interessantes Bühnenerlebnis' und noch viel weniger ein 'Bühnenerlebnis mit bekannten und beliebten Künstlern'."
Die meisten der Kinohändler haben es mit der Gesundheit, auf die insbesondere der rentenempfangende Teil ihrer Vormittagskundschaft anspricht. Unter Filmtiteln wie "Süßes Leben" oder "Dein Herz schlägt länger" und "Das Glück kommt nie zu spät" werden ihnen Elektro-Heizdecken verkauft.
Für die Bettwärmer, die im Versandhandel 32,50 und 65,90 Mark kosten, nehmen die Kinohändler "Vorzugspreise" von 98 bis 120 Mark.
Die Decken werden als Heilmittel gegen Bettnässen, Bandscheibenschäden, Frauenleiden, Managerkrankheit und Rheuma offeriert. Ein Professor Dr. Dr. Werner Zollner und das Gesundheitsamt Mannheim, so spintisieren die Verkäufer, hätten die Decken geprüft.
Als "Gewinne" verteilen die Händler 100-Gramm-Portionen billigen Bohnenkaffees oder Artikel, die phantasievoll angepriesen werden:
"Tiefkühlbox" ist eine schlichte Plastikdose, "kombinierte Saftpresse" ein Kunststoffbecher mit Zitronenausquetscher im Deckel, "Hausbar- und Küchenhelfer" ein Flaschenkorken, "ein VW -Exportmodell von der Firma Banzhaff" ist ein Spielzeugauto und "Fernsehgerät" ein Kinderfernglas aus Hongkong-Plastik. Als "Hauptattraktion" gilt die "zusätzliche Urlaubsreise" ("Sie reisen, wir bezahlen"). Sie soll allerdings nur irgendwann einmal "monatlich" verlost werden.
Manfred Ludwig Kämpfe aus Langen bei Frankfurt verhieß den Besuchern seiner "Star-Strahlen-Wärmedecken" - Schau sogar "1000 echte Gold-Dukaten". Als das Landgericht Lübeck ihn fragte, ob er denn selbst an seine Versprechungen glaube, meinte Kämpfe, er wolle die 1000 Dukaten wirklich im Laufe der Zeit, Stück für Stück, auf seinen Veranstaltungen verlosen.
Die deutschen Gerichte können die von Ort zu Ort ziehenden Händler nur bei eindeutigen Verstößen gegen das Wettbewerbsgesetz zur Unterlassung zwingen. Zwischen dem, was rechtlich noch erlaubt ist, und dem, was das angelockte Publikum der Kino-Frühschicht aus den Ankündigungen herausliest, ist ein weites Feld für Täuschungsmanöver aller Art, und strafrechtlich war den Händlern bislang nicht beizukommen. Ihre Kinovorstellungen gehen weiter.
In Österreich, wohin sich "Star-Strahlen"-Kämpfe im Sommer dieses Jahres vorwitzig gewagt hatte, herrschen dagegen ungleich strengere Bräuche.
Als er dort seine Decken für je 800 Schilling - tatsächlicher Wert etwa 300 Schilling - absetzte, erstatteten allein in Innsbruck 350 Decken-Käufer Betrugsanzeige, und Kämpfe wurde in Untersuchungshaft genommen.
Werbeprospekt einer Verkaufs-Matinee
Kochtöpfe zum Überpreis

DER SPIEGEL 45/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1963
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUNDENFANG:
Kauf im Kino