06.11.1963

FRANKDie Welt leuchtet

Mit zwanzig fixierte er in seinen Tagebüchern den Wunsch, Führer Deutschlands zu werden. Mit vierzig hatte er es immerhin zum Generalgouverneur der ersten Ostprovinz Adolf Hitlers gebracht.
Aber auch in dieser Position gab Hans Frank, Doktor der Rechte, seinen Hang zu Illusionen und Tagträumen nicht auf. Zum Vehikel seines Ehrgeizes machte der besessene Nationalsozialist Recht und Gesetz.
Daß der gefürchtete Chef des Generalgouvernements, der vier Jahre lang die Bevölkerung des von den Deutschen besetzten Polen drangsalierte, im Reich rechtsstaatlichen Ideen anhing, erhellt eine jetzt in Warschau erschienene Frank-Studie des ehemaligen polnischen Anklagevertreters bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, Stanislaw Piotrowski*.
Der polnische Historiker sichtete das 38 Bände starke Tagebuch Franks mit zusammen rund 11 000 Seiten und die Dokumente, die polnische Widerstandskämpfer und Einheiten der Roten Armee bei ihrem Einzug in das von den Deutschen geräumte Polen vorfanden.
Ergebnis seiner Recherchen: Frank war eitel bis zu einem Grad, den Psychologen den "Geniekomplex" nennen. Bis zur letzten Minute des Dritten Reichs glaubte er an seine Sendung, das bis dahin in Deutschland geltende "Recht byzantischer Herkunft, das zum Teil im Geist jüdisch war", durch ein neues "Deutsches Recht" abzulösen. Dieser fixen Idee zuliebe riskierte er sogar einen Konflikt mit Adolf Hitler.
Der Juristerei verdankte Frank seinen. Aufstieg zu einer jener 21 Nazigrößen, die 1946 auf der Anklagebank des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher Platz nahmen. In Münchner Zeitungen hatte der junge Rechtsanwalt Frank, einst Mitglied im rechtsradikalen Freikorps Epp und Kavallerist der SA beim November-Marsch Hitlers zur Münchner Feldherrnhalle, eine Annonce gelesen, mit der die NSDAP einen Juristen suchte, der angeklagte Parteigenossen ohne Honorar verteidigte.
Frank meldete sich und wurde 1926 Parteimitglied. Ein Jahr später trat er
- angeblich wegen ideologischer Differenzen - wieder aus, bald jedoch wieder ein. 1930 wurde er Reichstagsabgeordneter.
Noch im selben Jahr durfte er seinen ersten großen Auftritt in der Öffentlichkeit erleben. In einem Prozeß vor dem Leipziger Reichsgericht, in dem sich Ulmer Reichswehroffiziere dafür verantworten sollten, in ihrer Einheit eine NSDAP-Zelle gegründet zu haben, rief Frank als Verteidiger Adolf Hitler in den Zeugenstand.
Hitler schwor, die NSDAP wolle ihre politischen Ziele auf dem Wege strikter Legalität erreichen; das Reichsgericht akzeptierte diesen Eid. Die Nazipartei war damit auch für viele Wähler; die bislang aus bürgerlichen Vorurteilen nicht die NSDAP gewählt hatten, salonfähig geworden. Der Dank der Partei folgte. Nach der Machtübernahme wurde Frank Justizminister in Bayern und "Reichskommissar für Gleichschaltung der Justiz in den Ländern".
Eine Probe seiner Rechtsauffassung vermittelte der Jurist, mittlerweile Präsident einer neugeschaffenen "Akademie für Deutsches Recht", 1935 in einer Rede vor den Rechtsexperten der Partei: "Zum erstenmal in der Geschichte der Nation (ist) die Liebe zum Führer zu einem Rechtsbegriff geworden."
Seine Eitelkeit wurde nur noch von seiner Bewunderung für Adolf Hitler übertroffen. Begegnungen mit dem Führer schilderte Frank stets in lyrischen Tagebuchnotizen. Hitler hingegen hielt Frank - zu Recht - für einen Träumer, der "von Realpolitik nichts versteht".
Frank bestand nämlich, ohne Sinn für die Wirklichkeit des Dritten Reichs, auf Rechtsgarantien, die der nationalsozialistischen Justiz und Polizei, der SA und SS unbequem sein mußten. "Niemand", so Frank vor dem ersten Großdeutschen Rechtswahrertag im Mai 1939, "soll verurteilt werden, der
nicht Gelegenheit erhalten hat, sich zu verteidigen."
Oder: "Niemand soll der von ihm in volksgenössisch einwandfreier Weise benutzten Güter verlustig gehen, es sei denn durch den Spruch des Richters. Die Ehre, die Freiheit, das Leben, der Arbeitsertrag sind solche Rechtsgüter."
Als Hitler Polen überfiel, meldete sich Frank als Freiwilliger zur Front und tat in Potsdam als Leutnant in einem Infanterieregiment 14 Tage lang Dienst. Am 15. September 1939 erhielt er dann seine Berufung zum nahezu unumschränkten Herrn des noch nicht ganz eroberten Generalgouvernements.
Begeistert nahm er den Auftrag an. Nun hatte er Gelegenheit, Hitler sein organisatorisches und realpolitisches Talent zu beweisen.
Skrupellos und ohne Rücksicht etwa auf das Völkerrecht hungerte der deutsche Juristenführer die Bevölkerung des Generalgouvernements aus. Mit brutalem Terror begegnete er jedem polnischen Widerstand. Systematisch ließ er die Juden und die polnische Intelligenz ausrotten und verbat sich energisch jedweden Eingriff der ordentlichen Rechtsprechung in sein Regiment.
Es müsse, erklärte er, als Verstoß gegen die Interessen des deutschen Volkes angesehen werden, wenn sich etwa Richter und Polizisten aus dem Reich in Fragen des Generalgouvernements einschalten wollten.
Seine Rechtstheorien hatte Frank für die Heimat aufbewahrt. Hier allerdings trat er konsequent für sie ein. Im Juni 1942 verkündete er in einem Vortrag an der Berliner Universität: "Noch nie war ein Reich denkbar ohne Recht..."
Zwar: "Es kann kein Zweifel mehr darüber sein, daß der Führer der oberste Gerichtsherr des deutschen Volkes ist."
Aber: "Genausowenig wie ein Volk ohne Recht leben kann, kann es auch nicht ohne Freiheit bestehen."
Frank ging so weit, im nationalsozialistischen Staat die Freiheit als "die Möglichkeit der geistigen Entfaltung" zu interpretieren.
Bei einer anderen Gelegenheit, einem Vortrag vor der Akademie der Wissenschaften in Wien, sprach Frank von "Menschlichkeit": "Das Recht ist auch eine menschliche Einrichtung. Die Menschlichkeit hat als Begriff an Wert verloren, man leugnet sie sogar... Ich bin anderer Meinung ... daß... in keinem Fall Menschlichkeit einen Staat gefährden kann."
Der Konflikt mit Hitler und dessen Paladinen war nach diesen Reden unausweichlich geworden. Der Chef der Reichskanzlei, Dr. Lammers, forderte Frank im Namen des Führers auf, alle seine Ehrenämter niederzulegen. Zugleich wurde ihm von Hitler verboten, außerhalb seiner Tätigkeit als Generalgouverneur öffentlich Reden zu halten.
Beleidigt bot Frank auch seinen Rücktritt als Generalgouverneur an. Als Hitler ablehnte, wertete er dies als einen Vertrauensbeweis des Führers und erzählte stolz, Hitler habe ihm nach einer zweistündigen Audienz den Titel "großer Realpolitiker des Ostens" verliehen.
Als Privatmann paßte sich Frank dem Wesen der NS-Größen besser an. Seine persönliche Hofhaltung in Krakau glich der eines byzantinischen Herrschers. Wertvolle Kunstgegenstände aus beschlagnahmten polnischen Sammlungen zierten die Gemächer.
Trotz üppiger Verpflegung litt Frank unter dem Wahn, tuberkuloseanfällig zu sein. Er registrierte erschrocken Lungenstiche und schrieb sie dem ungewohnten rauhen Klima Polens zu.
Reisen nach Wien oder München boten dem Hypochonder Gelegenheit zu Abstechern nach Garmisch-Partenkirchen - nicht nur der Lunge wegen. Am 1. Januar 1943, während der Schlacht um Stalingrad, notierte Frank in seinem privaten Tagebuch: "Schwere Sorgen liegen über Deutschland. Und über mir. Ich denke an meinen Lebenskampf. Und an meine schweren Probleme..."
Drei Tage später war die Depression gewichen. Grund: "Endlich wieder bei Lili."
Tagebucheintragung vom 6. Januar: "Mit Lili. Wir leben und lieben. Ich werde endlich geheilt. Fühle, meine Lungen fangen an, besser zu werden."
Und am 7. Januar: "Mit Lili in Glück und Segen. Schnee, Sonne. Wir sind allein, und die Welt leuchtet."
Zwei Jahre später leuchtete in Krakau der östliche Horizont vom Mündungsfeuer der Geschütze. Der Krieg schickte sich an, heim ins Reich zu kehren, und Frank floh von Krakau nach Schlesien.
Im schlesischen Seichau, am Sitz des Freiherrn von Richthofen, feierte der Gouverneur ohne Gouvernement ein Fest nach dem anderen. Die Stimmung war so ausgelassen, daß Offiziere sich beim Leiter der Parteikanzlei und Frank-Feind Bormann beschwerten. In Bayern wurde Frank schließlich von
den Amerikanern verhaftet und vor das Nürnberger Gericht gestellt.
Nach seinen eigenen Angaben waren es Details aus diesem Prozeß, die bei Hans Frank einen Gesinnungswandel noch während des Prozesses hervorriefen. Er lehnte die Bemühungen der Verteidigung ab und bekannte sich - als einziger der Angeklagten - schuldig.
Während seiner Haft schrieb er ein Buch: "Im Schatten des Galgens - Deutung Hitlers und seiner Zeit auf Grund eigener Erlebnisse." Frank: Er übernehme die volle Verantwortung "für das, für was ich einzustehen habe".
Das Todesurteil empfand er als "verdient und richtig". Kurz vor seiner Hinrichtung im Oktober 1946 trat der Altkatholik Frank zum römisch-katholischen Glauben über.
* Stanislaw Piotrowski: "Hans Franks Tagebücher".
Polnischer Verlag der Wissenschaften, Warschau; 451 Seiten.
Generalgouverneur Frank*: "Die Liebe zum Führer...
Angeklagter Frank in Nürnberg
... ist ein Rechtsbegriff"
* Im Arbeitszimmer seines Amtssitzes auf der Krakauer Burg.

DER SPIEGEL 45/1963
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