06.11.1963

REISENKraft durch Freude

Zehn Abgeordnete und der Präsident des niedersächsischen Landtags werden die erste Hälfte des Monats Dezember fern der kalten Heimat unter afrikanischer Sonne verleben. Fragte die "Niedersachsen-Korrespondenz" des CDU-Pressechefs Dr. Josef Nowak: "Was sollen niedersächsische Parlamentarier auf Staatskosten in Nigeria treiben... Wollen sie dort vielleicht das Okapi und das Zwergnilpferd jagen?"
Bis vor vier Wochen hatte auch die Landtagsfraktion der CDU noch angezweifelt, "ob eine solche Informationsreise... wirklich zu den Aufgaben des Landtags gehört" und darauf gedrungen, das Geld für Fahrten durch das eigene Land auszugeben.
Alsbald aber traten die CDU-Parlamentarier erneut zusammen, um - wegen der großen Nachfrage - auszuknobeln, wer von ihnen am Afrika-Trip teilnehmen solle.
Der Sinneswandel war ein Werk des
Regierungsdirektors Walter Ebbighausen, der zu den Gründern der niedersächsischen CDU zählt und die "Landeszentrale für politische Bildung" leitet, der unter anderem die "wirksame Vertiefung" der staatsbürgerlichen Verantwortung- und die "Verbreitung des demokratischen Gedankens" obliegen.
Den Einfall, auch die Afrika-Kenntnisse niedersächsischer Parlamentarier zu vertiefen, bekam Ebbighausen während des Landtagswahlkampfes im Frühjahr. Er hatte von Heidebauern gehört, denen Abgeordnete in Versammlungen auf die drängende Frage, wozu das schöne Geld für Entwicklungshilfe in Afrika und Asien "verplempert" werde, die Antwort schuldig geblieben waren.
Mit seinem Plan, solche politischen Bildungslücken durch eine Parlamentarier-Tour in den Schwarzen Erdteil zu stopfen, stieß CDU-Ebbighausen bei seinen eigenen Parteifreunden auf Widerstand.
CDU-Generalsekretär Arnold Fratzscher tat die Expedition als "demokratische Kraft durch Freude" ab. Fratzscher war es auch, der die CDU-Fraktion zur internen Ablehnung und den CDU-Pressechef Nowak zur öffentlichen Verhöhnung des Ebbighausen-Projekts inspirierte.
Allerdings hatte der CDU-Generalsekretär die Reiselust seiner Volksvertreter unterschätzt, die Regierungsdirektor Ebbighausen durch aufmunternde Reden und eindringliche Schilderungen des fernen Nigerien noch zu steigern verstand.
Der Vortrag - Nowak: "Der hat gekämpft wie ein nackter Wilder" - hatte zur Folge, daß nun die Mehrheit der CDU-Fraktion die Reise in die Tropen billigte und daß sich mehr Teilnehmer
meldeten als mitgenommen werden konnten, so daß durch Los entschieden werden mußte.
Während Ebbighausen die Elfer-Delegation - sechs Sozialdemokraten, vier Christdemokraten und ein FDP-Mann - bereits belehrte, das Tragen von Tropenheimen und Shorts müsse im ehemals britischen Nigerien als unschickliche Erinnerung an die Kolonialzeit betrachtet werden, setzten die Christdemokraten Fratzscher und Nowak ihre Sticheleien gegen die Afrikafahrer unbeirrt fort.
Schließlich versuchten sie, die Delegation mit Hinweisen auf mögliche Gesundheitsschäden zum Daheimbleiben zu bewegen: Wenn man schon Geld übrig-habe, so verbreitete Nowak in seiner CDU-Korrespondenz, dann sei es doch nicht nötig, "daß sich niedersächsische Abgeordnete einen Hitzschlag am Äquator holen".
CDU-Politiker Nowak, Fratzscher, Ebbighausen: Jagd auf das Zwergnilpferd?

DER SPIEGEL 45/1963
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