06.11.1963

USA / STRIKE COMMANDHölle ohne Anhalter

Vier-Sterne-General Paul D. Adams stapfte an den feldmarschmäßig angetretenen Soldaten der 2. US-Panzerdivision ("Hölle auf Rädern") in der texanischen Garnisonsstadt Fort Hood vorbei. Dann gab er die Losung: "Merkt euch, die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet."
Kurz darauf begann das größte und teuerste Lufttransportmanöver der Geschichte (Tarnname: "Big Lift"). In kurzen Zeitabständen erhoben sich auf einem Dutzend amerikanischer Stützpunkte zwischen Texas und Virginia
206 Transporter, um 15 278 Mann
- eine ganze Division - innerhalb von
72 Stunden nach Frankfurt am Main zu bringen.
"Big Lift" zeigte die wachsende Bedeutung eines Sonderkommandos der US-Streitkräfte, das Fallschirmspringer Paul DeWitt Adams seit Oktober 1961 befehligt: des Strike Command.
Dieses "Schlag-Kommando" ist zum Schlüsselwort amerikanischer Strategie und Weltgeltung geworden. Unter Adams-Befehl stehen acht Divisionen, acht Jagd- und Jagdbombergeschwader, vier Transportgeschwader, ein Aufklärungsgeschwader und ein Lufttankgeschwader bereit, jederzeit an jedem Brennpunkt der Welt in kürzester Frist eingesetzt zu werden.
"Ohne einen Schuß abzufeuern", begeisterte sich die der amerikanischen Armeeführung nahestehende Zeitschrift "Army", "könnte ein Einsatzverband des Strike Command unmißverständlich von unserem Willen Zeugnis ablegen, ein vom Gegner bedrohtes Gebiet zu schützen. Schon das bloße Erscheinen des Strike Command könnte den Funken eines örtlichen Konflikts zum Erlöschen bringen."
Die hochmobile Ausfalltruppe der Festung Amerika begnügt sich freilich nicht damit, die Marine als Bannerträgerin amerikanischer Weltgeltung abzulösen. Sie symbolisiert mehr: den Aufbruch der amerikanischen Militärpolitik in ein 'neues Zeitalter, in die Ära einheitlicher und transkontinentaler Kampfinstrumente.
Zum erstenmal gehen Amerikas Wehrpolitiker schon im Frieden daran, der jahrhundertealten Rivalität der amerikanischen
Teilstreitkräfte ein Ende zu machen und aus allen Wehrmachtteilen bestehende Kampfverbände aufzustellen, die nur noch einem strategischen Gesamtzweck dienen.
Im Strike Command, in dem Armee und Luftwaffe für den Einsatz als strategische Feuerwehr nahtlos integriert sind, läßt sich der Triumph des amerikanischen Generalstabschefs Maxwell D. Taylor ablesen, der jahrelang - in Uniform und in Zivil - die Zersplitterung der US-Streitkräfte kritisierte und eine Reform forderte.
Von der Zersplitterung war die Armee, Taylors Truppe, besonders hart betroffen. Seit die Heeresluftwaffe 1947 zu einer eigenen Teilstreitkraft aufgestiegen war, sah sich die Armee - so Taylor - "in die Rolle eines hitchhikers" (Anhalters) gedrängt, der stets die Luftwaffe um Hilfe bitten mußte, wenn es galt, die kämpfende Erdtruppe aus der Luft zu- - unterstützen oder Verbände durch die Luft zu transportieren.
Solche Hilferufe aber fanden meist nur ein widerwilliges Echo bei den auf ihre Selbständigkeit bedachten Fliegergenerälen:
- Die 7. US-Armee in Deutschland beantragte
bei den Manövern im Jahre 1960 insgesamt 1400 Einsätze der Luftwaffe zur Unterstützung der Erdtruppe. 1120 Einsätze wurden von der Luftwaffe genehmigt, 600 aber tatsächlich nur geflogen.
- In dem fünftägigen Manöver "Wintershield
II" Ende 1961 ersuchte die 7. Armee um 80 Flugeinsätze - zwei Drittel von ihnen kamen nie zustande.
Kritiker Taylor folgerte, angesichts so dürftiger Mitarbeit der Luftwaffe werde die Armee im Ernstfall schwer behindert sein; nicht nur werde die an der Front notwendige Schlachtflieger -Unterstützung fehlen, auch die strategische Eingreifreserve der Armee in den Vereinigten Staaten habe keine Chance, den kämpfenden Truppen schnell zu Hilfe zu kommen.
Aus diesem Dilemma sah Taylor nur einen Ausweg: der Zersplitterung der US-Wehrmacht in autonome Teilstreitkräfte ein Ende zu setzen und endlich die Wehrmachtteile jeweils zu einem strategischen Gesamtzweck zusammenzufassen.
"Ich schlage vor", schrieb Taylor 1960 in seinem Bestseller "Die undeutliche Posaune", "ein gemeinsames (aus allen
Teilstreitkräften gebildetes) Hauptquartier zu errichten, das - ähnlich wie das Hauptquartier der strategischen Luftwaffe für den Großkrieg - alle für den möglichen Einsatz im begrenzten Krieg vorgesehenen Truppen lenkt, ausbildet und transportiert*.
Damit war das Strike Command geboren. Kritiker Taylor, in der Eisenhower-Ara aus dem Dienst geschieden, fand in John F. Kennedy den Präsidenten und in McNamara den Verteidigungsminister, die bereit waren, den größeren Teil der Taylorschen Reformideen zu verwirklichen.
Der neue Militärberater Kennedys, bald darauf zum Vorsitzenden des Vereinigten Generalstabs avanciert, brauchte nicht lange zu suchen, um den geistesverwandten Offizier aufzustöbern, dem er den Aufbau des Strike Command anvertrauen konnte. Es war der heute 57jährige Fallschirmjäger Paul DeWitt Adams, Absolvent der Kriegsakademie West Point, Veteran des Korea-Krieges, der als Armeechef der US-Landeoperation im Libanon 1958 die beklemmende Schwerfälligkeit interkontinentaler Truppeneinsätze erfahren hatte.
Im September 1961 befahl Staatschef Kennedy die Zusammenlegung von strategischer Armeereserve (Strategie Army Corps, abgekürzt STRAC) und taktischer Luftwaffenreserve (Tactical Air Command, abgekürzt TAC) zum Strike Command. Bald darauf konnte General Adams seine Arbeit aufnehmen.
Er bezog mit zunächst 150 Armee - und 150 Luftwaffenoffizieren zwei Kasernen auf dem Luftstützpunkt MacDill im US-Staate Florida. Er ordnete weiträumige Manöver an, um seine aus Armee und Luftwaffe zusammengestückelte Truppe zu harmonisieren und auf ihre doppelte Aufgabe zu trimmen:
- die bereits bestehenden Wehrmachtkommandos der USA (Atlantik, Europa, Ferner Osten) im Notfall mit schnell herangeflogenen Einheiten zu unterstützen und
- örtliche Konflikte in allen Teilen der Welt durch einen Soforteinsatz einzudämmen.
Die erfolgreiche Aufbauarbeit des Generals ließ schließlich im Pentagon den Plan reifen, für den Fall lokaler Kriege oder Unruhen in Afrika südlich der Sahara und im Nahen Osten einschließlich Indiens dem General Adams den Oberbefehl über die dann einzusetzenden US-Truppen zuzugestehen.
Indes, der Plan stieß auf den harten Widerstand vor allem der Admiräle, die befürchten, die Marine könne ihre
Monopolstellung als Symboltruppe der amerikanischen Weltmacht an das Strike Command verlieren.
Während der amerikanische Nato -Oberbefehlshaber Lemnitzer für den hart bedrängten Admiral Griffith, den Befehlshaber der 6. US-Flotte im Mittelmeer, einsprang und davon abriet, das Mittelmeer an Adams abzutreten, verbat sich auch der (von dem Pentagon-Plan gar nicht betroffene) Pazifik -OB Admiral Felt alle Einmischungen des Adams in seinen Befehlsbereich.
Am dramatischsten hatte schon früher der Oberbefehlshaber Atlantik, Admiral Smith, gegen Adams votiert: Als das Strike Command in der Kuba -Krise mit 100 000 Mann und 1000 Flugzeugen im Raum Florida aufmarschierte, setzte der Admiral durch, daß nicht Adams, sondern er selbst das Kommando über eine mögliche Invasion der Zuckerinsel erhielt.
Die Gegenspieler des Adams wußten freilich den wachsenden Einfluß des Strike Command mit einem Argument einzudämmen, dessen sachliche Stichhaltigkeit auch Adams anerkennen muß: Der Flugpark, entscheidende Voraussetzung für den schnellen Einsatz der Eingreiftruppe, ist veraltet und noch viel zu klein.
Auch die Stabsoffiziere in den Kasernen von MacDill rechneten aus, es seien 1000 Transportflugzeuge erforderlich, um eine Luftlandedivision von Amerika nach Europa zu bringen und 60 Tage lang mit Nachschub zu versorgen. Da aber der tatsächliche Flugpark (Ende 1961) nur 471 strategische Militärtransporter aufweise, könne das Strike Command höchstens eine halbe Division nach Europa transportieren und auf 30 Tage versorgen.
Schlimmer noch: Reichweite und Geschwindigkeit der meisten Transporter waren zu gering; sie eigneten sich oft nicht zum Lastenabwurf im Fluge. Die Transporter vom Typ C-118 (Douglas) und C-121 (Lockheed-Constellation) besaßen sogar nur seitliche Türen und konnten keine sperrigen Lasten an Bord nehmen.
Die Transportübungen des Generals Adams zeichneten daher von der Schlagkraft des Strike Command nur ein höchst illusionäres Bild:
- Bei einer durchgespielten Verlegung amerikanischer Truppen nach Puerto Rico konnten die Transporter keine Munition und nur ein Drittel des Nachschubmaterials an Bord nehmen - die Masse des Nachschubs wurde auf Schiffen transportiert.
- Bei weiteren Übungen erwies sich, daß mittlere und schwere Panzer nicht von Flugtransportern mitgenommen werden konnten - nur ein leichter Panzer fand jeweils in einem Transporter Platz.
General Adams alarmierte Washington und forderte den Bau eines Riesen-Düsentransporters für interkontinentale Reichweiten. Das schon lange projektierte Flugzeug ging in Auftrag: Die erste Staffel mit 16 Maschinen des Langstreckentyps C-141 (Reichweite: 10 300 Kilometer, Nutzlast-Kapazität: 16,46 Tonnen) soll Mitte 1965 dem Strike Command zur Verfügung stehen.
Um aber die Transporter-Lücke bis zu diesem Datum auszufüllen, erhielt Adams bis zum April dieses Jahres 95 modernere Maschinen aus den Lockhead - und Boeing-Werken. Mit ihnen konnte er in den letzten Tagen das bisher erfolgreichste Manöver seiner Truppe abhalten, die Transportübung "Big Lift".
Daß "Big Lift" ein Erfolg wurde, verdankt Adams allerdings einer besonderen Voraussetzung: Die Einheiten des Strike Command können zur Stunde nur dann voll zum Einsatz kommen, wenn sie an ihren Landeplätzen auf Vorausdepots mit schweren Waffen und Gerät zurückzugreifen vermögen. Im Pazifik und vor allem in der Bundesrepublik - dort lagert Material für eine Panzer- und eine Infanterie -Division - bestehen solche Voraussetzungen.
* Maxwell D. Taylor: "Und so die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Streite rüsten?" Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 240 Seiten; 17,80 Mark.
Abfliegende US-Soldaten in Texas, bereitgestelltes Kriegsmaterial in Deutschland: Eine Division in 72 Stunden über den Ozean
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Kennedy: "Könnt ihr euren Vormarsch nicht stoppen? Wir kommen bei dem verdammten Nebel nicht über den Atlantik!" - Chruschtschow: "Gutt - wir inzwischen werden bombardieren eure Landeplätze!"
Strike-Kommandeur Adams
Aus STRAC und TAC eine neue Waffe

DER SPIEGEL 45/1963
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