06.11.1963

SCHWÄCHSTER PUNKT: INFANTERIE

Der schwächste Punkt (der Rhein -Armee) ist die Infanterie. Dies ist nicht, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat, eine Frage der Rekrutierung obwohl die Unfähigkeit einiger Regimenter, Rekruten zu werben, ein erschwerender Faktor ist. Die eigentliche Schwierigkeit besteht in der Organisation des Heeres und besonders in der Zuteilung von Soldaten an die Infanterie.
In einem Heer von 175 000 bis 180 000 Mann kann nur ein bestimmter Prozentsatz für die Infanterie abgestellt werden, wenn die Unterstützungseinheiten stark genug sein sollen, eine vernünftige Balance zu halten. Dennoch bemüht sich das Heer, mehr Infanterie-Bataillone kampfbereit zu halten, als es mit den zur Verfügung stehenden - Leuten
möglich ist. Das Ergebnis ist, daß ein sogenanntes voll aufgefülltes Infanterie-Bataillon in Deutschland 600 bis 650 Offiziere und Soldaten hat.
Wenn man die Kranken, die Urlauber und die Wachen abzieht, dann ist schon der Bataillons-Kommandeur glücklich zu preisen, der mit 500 Mann ausrücken kann. Bei den letzten Manövern in Deutschland haben deshalb die Kompanien nur mit zwei statt mit drei Zügen operiert - dies gleicht einem Verfahren, als wenn man zu einem Fußball-Endspiel mit einer Mannschaft von nur acht Spielern antreten wollte. Unter diesen Umständen ist eine vernünftige taktische Ausbildung unmöglich.
Hinter diesem Katalog der Schwächen liegt eine Tatsache von großer Bedeutung: Die britische Rhein -Armee ist einfach nicht stark genug... Der englische Beitrag zur Nato in Mitteleuropa wird demnächst aus drei Divisionen von je zwei Brigaden bestehen, mit einer Infanterie-Gesamtstärke von vierzehn Bataillonen, jedes in einer Friedensstärke von knapp über 600 Mann. Die operative Aufgabe des britischen Korps wurde aber unter der Voraussetzung gestellt, daß eine Streitmacht von wenigstens vier Divisionen zu je drei Brigaden vorhanden ist - also eine Armee zweimal so groß wie diejenige, die jetzt geplant wird. Das Ergebnis kann man sich leicht vorstellen.
Das britische Korps kann sich in der Weite der westfälischen Ebene verlieren; um eine wirksame Verteidigung zu leisten, muß es sich auf den frühen Gebrauch nuklearer Waffen und auf künstliche Hindernisse
verlassen, die die Flüsse und Hügel ergänzen? Einige dieser Hindernisse sollen durch ein System atomarer Zerstörungsmunition gebildet werden - gewissermaßen durch ein nukleares Minenfeld -, das den Feind zwingen soll, beengte Vormarschwege einzuhalten, die mit den begrenzten Kräften des britischen Korps wirksamer verteidigt werden können.
Es ist nicht erforderlich, tief in die Mysterien atomarer Strategie und Taktik einzusteigen, um zu der Überzeugung zu gelangen, daß eine Armee, die eine Verteidigung in Europa nur auf der Basis der Verwendung atomarer Waffen offerieren kann, unter Umständen unfähig sein wird, überhaupt irgendeine Verteidigung zu leisten. Wenn die politischen Gründe gegen den Einsatz atomarer Waffen Vorrang haben sollten, dann besteht nur noch eine Wahl zwischen Rückzug oder Niederlage.
Rhein-Armee beim Weser-Übergang: In Deutschland ein atomares Minenfeld?

DER SPIEGEL 45/1963
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