06.11.1963

ELLEN ROMETSCH88-63-85

Vor dem Gut Oberberge in Linderhausen,
unweit Wuppertals, warnen rote Buchstaben auf eilig aufgestellten Pappschildern: "Zugang verboten" und "No way in". Das Telephon auf Oberberge wird seit Anfang vergangener Woche kaum noch abgehoben.
Telephon und allzu freier Zutritt hatten der attraktivsten Bewohnerin des Gutes, Ellen Rometsch, 27, Schwierigkeiten eingetragen. Sie ist aus den Vereinigten Staaten hinauskomplimentiert worden, weil sie unter dem Verdacht stand, in Washington eine deutsche Ausgabe des Londoner Skandalgirls Christine Keeler gewesen zu sein.
Ellen ("Elly") Rometsch, eine schwarzhaarige schlanke Schönheit, 1,65 groß und 113 Pfund schwer, war im April 1961 mit ihrem zweiten Gatten, Rolf, einem Feldwebel der Bundeswehr, nach Amerika gereist.
Feldwebel Rometsch wurde damals zum "German Logistic Office" versetzt einer Dienststelle des Bonner Verteidigungsministeriums in Washington, die den Transport gekauften Rüstungsmaterials nach Deutschland abwickelt.
Das Ehepaar Rometsch bezog ein Haus in der Military Road in Arlington. Um die Miete von 200 Dollar (800 Mark) bezahlen zu können, suchte Ellen einen Job als Modell.
Dabei lernte das Mädchen mit den Mannequin-Maßen die blonde Washington-Schönheit Carol Tyler kennen. Carol Tyler, einst Modell für eine Skulptur "Miss Frieden" und damals mit einem Jahressalär von 8000 Dollar (32 000 Mark) Assistentin des Sekretärs der demokratischen Senatsfraktion, Robert G. Baker, verschaffte Freundin
Ellen Zugang zu der bunten Washingtoner Society, die Senatssekretär Baker um sich versammelt hatte.
Neben den Pflichten im 100-Mann -Senat betrieb Baker, wegen seiner vielfältigen Verbindungen als "101. Senator" bekannt, den exklusiven "Quorum Club", in dem Industrie-Lobbyisten, Diplomaten; Regierungsbeamte und Senatoren verkehrten. In dieser Gesellschaft war Ellen Rometsch, von der kaum jemand wußte, daß sie verheiratet war, bald begehrtes, Mitglied.
Zu der stets nach letztem modischen Geschmack gekleideten Feldwebelsfrau fühlten sich manche Mitglieder der Washingtoner Gesellschaft hingezogen. Die Idylle flog auf, als Ende des Sommers gegen Ellens Gönner Baker schwere Beschuldigungen laut wurden: Sekretär Baker, der ein Jahresgehalt von 20 000 Dollar bezog, hatte sich in den letzten Jahren auf bisher ungeklärte Weise ein, beträchtliches Vermögen erworben.
Die Republikaner, die Munition für den Präsidentschaftswahlkampf des nächsten Jahres witterten, verlangten eine Untersuchung darüber, ob Baker sein Geld durch Korruption oder andere dunkle Geschäfte verdient habe.
Beamte des amerikanischen Bundeskriminalamtes (FBI), die Frau Rometsch verhörten, fanden heraus, daß Baker -Freundin Elly aus der deutschen Sowjetzone stammte, von wo sie aber bereits 1950 in die Bundesrepublik gekommen war.
Die FBI-Leute sahen die deutsche Soldatenfrau, die gesellschaftlichen Verkehr mit amerikanischen Geheimnisträgern pflegte; als "Security risk" an. Unter Hinweis auf die polizeilichen Untersuchungen informierte das State Department die Deutsche Botschaft. Wegen ihres angeblich "unmoralischen Verhaltens", so wurde jedenfalls den Bonner Diplomaten bedeutet, sei eine Rückkehr der Feldwebelsfrau nach Deutschland dringend erwünscht.
General Konrad Mühllehner, Chef des "German Logistic Office", beorderte das Ehepaar Rometsch unverzüglich in die Heimat und sorgte am 21. August sogar für militärisches Geleit zum Flugplatz. Einen Monat später wurde die Rometsch-Ehe in Bonn aus alleinigem Verschulden der Frau geschieden. Elly Rometsch zog sich auf die Rübenäcker von Gut Oberberge zurück, wo ihre Eltern wohnen.
Auf dem westfälischen Landgut wurde die Heimkehrerin aufgestöbert, als ihr Name durch einen Bericht der "Washington Daily News" in die Schlagzeilen kam. Gutsherr Albert Narath von einem scharfen Hund begleitet, mit Jagdgewehr und Peitsche bewaffnet - zwang jedoch eilends angereiste Journalisten, Photo- und Fernsehreporter zum Rückzug.
Bisher einziger Kommentar der Ellen Rometsch: "Es ist alles nicht wahr. Ich bin keine deutsche Keeler." Und im Gegensatz zur britischen Christine widerstand die deutsche Ellen bisher auch einem 55 000-Mark-Angebot des memoirenhungrigen "Daily Express".
Senator John Williams, republikanischer Inquisitor der Baker-Affäre, beharrt unterdessen in Washington: "Ich habe Beweise für alles." Wesentlicher Bestandteil der Senatoren-Beweise sind Busen-, Taillen- und Hüftenmaße von Ellen Rometsch: "88 - 63 - 85."
US-Heimkehrerin Ellen Rometsch
Wahlmunition im Quorum Club

DER SPIEGEL 45/1963
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