06.11.1963

„NUR EIN KALB FÜRCHTET DEN TIGER NICHT“

Zum erstenmal hat die sowjetische Zensur Berichte sowjetischer Spezialisten freigegeben, die in der chinesischen Industrie eingesetzt waren und sich dem wirtschaftlichen Dilettantismus des von Mao Tse-tung proklamierten "Großen Sprungs nach vorn" entgegenstellten. So berichtet der russische China-Spezialist Jewgenij Woskressenski in der Moskauer Illustrierten "Ogonjok" von einer Besichtigung sogenannter Volkshochofen:
Der chinesische Parteisekretär und ich fuhren in der Nacht los. Unser Wagen wirbelte eine Staubwolke auf. Zu beiden Seiten der Straße tauchte im Scheinwerferkegel eine schier endlose Reihe von Menschen auf, die wie Schatten vorüberhuschten.
Unter der Last der Körbe gebeugt, bewegten sie sich mit jenem federnden Tanzschritt, den die chinesischen Werktätigen im Laufe vieler Generationen angenommen haben.
"Wissen Sie", erklärte mir der Parteisekretär, "der Transport des Erzes bereitet uns ziemliche Kopfschmerzen! Zwanzig Kilometer hin und zwanzig Kilometer zurück. Manche schaffen es zweimal und schleppen hundert bis hundertundzwanzig Kilogramm Erz heran. Mit der Kohle haben wir es einfacher. Die brauchen wir nur über zehn Kilometer heranzuschaffen."
"Leider haben wir nicht genug Leute", beklagte sich der Parteisekretär. "Die besten sind mit dem Schmelzen des Metalls beschäftigt. Sie arbeiten gut und mit Begeisterung. Die Reisernte ist nicht so wichtig."
Der chinesische Bauer, so dachte ich bei mir, ist in der ganzen Welt für seinen Fleiß bekannt. Eine jahrhundertealte bittere Erfahrung hat ihn gelehrt, jedes Reiskörnchen zu hegen und zu pflegen. Aber laut sagte ich: "Kann man denn nicht einen Teil der Leute von dem Erz- und Kohletransport abziehen und bei der Reisernte einsetzen?"
"Nein, das geht nicht", erwiderte sogleich der Parteisekretär. "Wir machen jetzt einen Großen Sprung in der Metallproduktion."
"Aber Sie haben doch nie zuvor mit der Metallurgie zu tun gehabt..."
"Das ist ja auch schlimm genug. So war es früher, jetzt ändert sich alles. Wie heißt es doch: Wo ehedem nackter Fels war, sproß über Nacht der Bambus. Sehen Sie selbst!"
Ich wandte den Kopf und erblickte zu meiner Linken einen glühenden Feuerschein. Hellrote Stichflammen loderten bald zum Himmel, bald sanken sie in sich zusammen. Als unser Auto auf einer Anhöhe hielt, bot sich direkt unter uns ein erschütterndes Panorama dar: In tiefe Purpurglut getaucht, wimmelte es um kegelförmige Kleinhochöfen wie in einem Ameisenhaufen, viele winzige Männlein. Und sie waren dauernd in Bewegung.
Wir entstiegen dem Auto und gingen mitten in diesen Feuerring hinein. Der Parteisekretär führte mich zu einem schon älteren, untersetzten Mann mit aufgedunsenen Gesichtszügen.
"Direktor Liu", stellte er ihn vor. "Der Direktor der Hochöfen?" fragte ich.
"Sowohl der Hochöfen als auch der Schule", antwortete der Parteisekretär. "Haben Sie denn keinen Unterricht?" Der Direktor druckste heruim, doch für ihn antwortete der Parteisekretär: "Das Wichtigste ist jetzt das Metall. Alles andere kommt in zweiter Linie."
"Wollen Sie unseren besten Hochofen sehen?" fragte der Parteisekretär. "Natürlich", stimmte ich zu.
Wir gingen zu einem kegelförmigen Ofen, der wie alle anderen mit Lehm beschmiert war. Er wurde von drei gewöhnlichen elektrischen Lampen beleuchtet.
"Dieser Hochofen", fuhr der Parteisekretär fort, "ist der Stolz unseres Bezirks.
Er erhielt als erster den Ehrentitel 'Tschao-in' ('Wir werden England einholen!')."
Wir sahen, wie aus dem Ofen eine wabernde Feuerlohe schoß und eine dichte weißrosa glühende Masse hervorquoll, die sich in vorbereitete Formen aus Erde und Sand ergoß. Später ergriffen die Hochöfner die mit Zunder bedeckten Platten und warfen sie auf einen großen Haufen in der Nähe des Ofens.
Direktor Liu lud uns in ein kleines Gemach ein, in dem sich ein Tisch und mehrere Bänke befanden und das von einer trüben Glühbirne erhellt wurde.
"Wie werden Ihre Leute mit dieser komplizierten Aufgabe fertig?" fragte ich den Direktor. Doch an seiner Statt antwortete mir wieder der Parteisekretär: "Gemäß den Weisungen unserer Führer überwinden wir kühn den blinden Glauben an die Technik und Wissenschaft.
Wir sind der Ansicht, daß die Volksmassen alles vermögen."
"Aber man muß die Leute doch schulen, nicht wahr?"
"Aus den alten Chroniken wissen wir, daß die Urmenschen beinahe schon Metall schmelzen konnten. Warum sollen wir dazu nicht in der Lage sein? Wie, glauben Sie, können wir die Eisenproduktion von 5,5 auf elf Millionen Tonnen steigern, wenn wir uns nur auf die großen Fabriken verlassen?" fragte mich der Parteisekretär und gab sich selbst die Antwort:
"Nein. Deshalb müssen wir jetzt, da wir die Volkskommunen geschaffen haben, den Bauern beibringen, eine
eigene Industrie aufzubauen. Unsere Führer haben die Aufgabe gestellt: Jeder Bezirk muß wenigstens sechs Fabriken haben - für die Erzeugung von Eisen, Heizöl, Kunstdünger, Zement, Strom und ein Repairaturwerk. Die Kosten für diese Fabriken liegen zwischen zwölf und fünfzig Millionen Yuan*."
"Woher nehmen Sie denn das Geld?"
"Etwa zwei Yuan muß jeder Bauer beisteuern. Es sind bei uns 350 000; der Rest wird von der örtlichen Industrie, den Volkskommunen plus einer kommunalen Anleihe aufgebracht. So einfach lösen wir das Problem!"
Am Abend lud mich der Zweite Sekretär des örtlichen Parteikomitees zu sich nach Hause ein. "Sagen Sie, Genosse Wan", fragte ich, "wie lösen Sie die kompliziertesten Probleme des Großen Sprungs?"
"Wir lösen sie sehr schlecht. Den Worten nach klingt alles sehr schön. Doch in der Praxis schmelzen wir Metall, indem wir das Volksvermögen vergeuden. Wir zwingen Männer und Frauen, das Erz vierzig Kilometer weit heranzuschleppen, und der. Reis bleibt ungeerntet..."
Zum erstenmal hörte ich, daß ein chinesischer Parteifunktionär den Großen Sprung verurteilte.
"Wir investieren Geld in Unternehmen", fuhr der Genosse Wan fort, "von denen man im voraus sagen kann; daß sie mit Verlust arbeiten werden. Ein Mensch, der 200 Pfund tragen kann, muß zusammenbrechen, wenn man ihm 500 Pfund aufbürdet. Genauso ist es mit dem Großen Sprung: eine übermäßige Last, die auf die Schultern des Volkes abgewälzt wird. Man stellt die Aufgabe: Sechs Industriewerke in einem Bezirk. Aber woher die Ausrüstung nehmen? Unsere Agenten reisen in den Städten des Landes umher und hoffen, irgendwo eine Werkbank aufzutreiben.
Niemand interessiert sich für die Kosten und ob das einen Sinn hat. Hauptsache, man kann melden: Die Fabriken sind fertig, der Große Sprung ist getan, der Bezirk industrialisiert. Niemanden interessiert es, daß die gebauten Fabriken das Budget verschlungen haben und sie nutzlose Dinge produzieren..
"Wichtig ist nur, um jeden Preis die Richtigkeit der genialen Idee des Größen Sprungs zu beweisen. Gesetzmäßigkeiten? Das ist eine rückständige Auffassung. Planung? Bei uns wurde sie ad absurdum geführt. Wir befassen uns nur damit, einen. Plan nach dem anderen auszuarbeiten. Das Ganze ist: eine katastrophale Augenauswischerei, die für Masseninitiative ausgegeben wird:
"Je abenteuerlicher ein Vorschlag ist, desto schneller findet er die Zustimmung von oben. Offenbar kann man nicht nur in der Wirtschaft einen Großen Sprung machen, sondern auch im Denken. Haben Sie schon einmal so etwas gehört: Den-blinden Glauben an Wissenschaft und Technik überwinden?"
"Ja, ich habe davon gehört."
"Das ist eine Losung für wirtschaftliche Analphabeten. Wir haben ein Sprichwort: 'Nur ein frisch geborenes Kalb fürchtet den Tiger nicht, denn es weiß noch nicht, was das ist.' Und wie steht es bei uns damit?
"Wir bekamen Zehntonner-Lastwagen. Gute und starke Wagen. Irgend jemandem fiel es ein, sie mit vierzig Tonnen zu beladen. Unser Ingenieur warnte: 'Das geht nicht, das hält das Fahrzeug nicht aus.' Daraufhin wurde er zum Rechtsabweichler erklärt.
"Auch der sowjetische Spezialist sagte: 'Das geht nicht. Es gibt eine obere Belastungsgrenze. Die Lastwagen werden in ein, zwei Tagen entzweigehen.' Ihn erklärte man natürlich nicht zum Rechtsabweichler, aber auf der Versammlung hieß es: 'Ein Konservativer, der den Arbeitsenthusiasmus des Volkes nicht begreift!'"
"Und?" fragte ich, denn ich konnte nicht an mich halten.
"Die Lastwagen verwandelten sich in einen Schrotthaufen. Glauben Sie, daß jemand dafür bestraft wurde? Nichts dergleichen. 'Die Massen haben sich überzeugt, daß es so nicht geht.' Das war alles."
1 Yuan = 1,62 Mark.
Volkshochöfen in China: "Wir werden England einholen!"
Von Jewgenij Woskressenski

DER SPIEGEL 45/1963
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