06.11.1963

DIEPPEHitler wußte alles

Sie nannten sich beide Mountbatten.
Sie saßen in ihrem Hauptquartier, gestikulierten vor großen Lagekarten und planten denselben Angriff, am gleichen Platz, mit gleichen Mitteln und bezweckten doch nur die Vernichtung des anderen.
Der eine, Lord Mountbatten, Chef der Kombinierten Operationen im britischen Oberkommando, fertigte am 17. August 1942 die letzten Einsatzbefehle für seine 6000 britischen und kanadischen Soldaten aus. Ihr Auftrag: handstreichartige Besetzung des Kriegshafens Dieppe an der deutschbesetzten Kanalküste Frankreichs. Das "Aufklärungsunternehmen", so verhieß der Lord, sei zwar noch keine Invasion, habe aber immerhin die Aufgabe, die Verteidigungsanlagen von Hitlers Festung Europa zu testen.
Der andere saß zur selben Stunde im Hauptquartier der 3. deutschen Luftflotte in Frankreich und spielte am Sandkasten durch, was sein Doppelgänger nur den geheimsten Einsatzbefehlen anzuvertrauen wagte: den britischen Angriff auf Dieppe.
Was die beiden Mountbattens voneinander unterschied, war nur die Uniform: Der eine trug den dunkelblauen Rock eines Konteradmirals Seiner Britischen Majestät, der andere das hellere Fliegerblau eines Stabsoffiziers des großdeutschen Führers Adolf Hitler.
Zwei Tage lang übte der deutsche "Mountbatten" mit seinen Kameraden das Dieppe-Spiel. Er saß in einem Zimmer und spielte den Part des britischen Befehlshabers, in einem anderen Zimmer war der Ic (Nachrichtenoffizier) des Generalfeldmarschalls Gerd von Rundstedt placiert und mimte den deutschen Verteidiger, während in einem dritten Zimmer General Fröhlich als Schiedsrichter amtierte.
General Fröhlich entschied: "Wir werden die gelandeten alliierten Truppen in weniger als fünf Tagen aus Frankreich hinausgejagt haben."
Als die Truppen des echten Mountbatten im Morgengrauen des 19. August 1942 am Strand von Dieppe landeten, erwartete sie ein wohlvorbereiteter Gegner. Die Aktion lief ab, wie es Generalleutnant Kessler, Leiter der Operationsabteilung beim Oberbefehlshaber West, zwei Tage zuvor seinen Offizieren bei einer Besprechung im Hauptquartier von Angers prophezeit hatte: "Wir wissen, daß die Stadt Dieppe das eigentliche Ziel des Hauptangriffs ist und daß auf beiden Seiten der Stadt zwei Unterstützungsangriffe angesetzt sind, die die Stadt an der Flanke und im Rücken abschneiden sollen."
Solche Voraussicht bezahlten die Alliierten mit blutigen Verlusten und einer militärischen Katastrophe: Von 6000 Angreifern blieben 3000 tot oder gefangen zurück, 100 Flugzeuge wurden abgeschossen.
Die Niederlage von Dieppe erschütterte Englands Militärs und Presse derartig, daß nach dem Kriege das Gerücht
aufkam, das Landeunternehmen sei dank der mangelnden Sicherheitsvorkehrungen des Lord Mountbatten vorzeitig an die Deutschen verraten worden.
Doch der Lord, heute Chef des britischen Verteidigungsstabes und als Onkel des Prinzgemahls Philip, Herzogs von Edinburgh, einer der mächtigsten Männer am englischen Königshof, wies die Klagen seiner Kritiker zurück.
Noch 1962 dementierte er im kanadischen Fernsehen: "Die Überprüfung deutscher Dokumente nach dem Kriege hat gänzlich und endgültig unsere Auffassung bestätigt, daß die Deutschen nicht die geringste Ahnung von dem bevorstehenden Dieppe - Unternehmen hatten."
Und die britischen Geschichtsschreiber taten Seiner Lordschaft den Gefallen, zu dem gleichen Urteil zu gelangen. Der offizielle Historiker der britischen Seekriegsführung, Captain Rosskill, konstatierte: Man-wisse heute, daß britische Befürchtungen, die Deutschen seien über das Dieppe-Unternehmen vorher informiert gewesen, "in keiner Weise zutreffen".
Der Fall wäre in Vergessenheit geraten, hätte nicht der intimste Feind Mountbattens, der britisch-kanadische Presse-Lord Beaverbrook, den Mann weiterhin im Auge- behalten, den er als Abkömmling der deutschen, später anglisierten Adelsfamilie Battenberg und als Vertreter einer entschieden linksliberalen Politik wie keinen anderen britischen Zeitgenossen verfolgt.
Der Presse-Lord stöberte denn auch einen Helfer auf, der ihm den dokumentarischen Beweis dafür liefern konnte, daß Mountbattens Dieppe-Unternehmen den Deutschen in der Tat schon viele Tage vor Angriffsbeginn bekannt gewesen war.
Lord Beaverbrook fand seinen Dokumentaristen in der Zeitung. Am 9. September dieses Jahres las er im Londoner "Daily Telegraph" einen Leserbrief des britischen Historikers David Irving, der sich anläßlich des Erscheinens mehrerer Dieppe-Bücher über die mangelnde Sorgfalt seiner Kollegen lustig machte.
"Ich muß mich schon wundern über den Mangel an Energie, mit dem die
Autoren ihr Thema bewältigen", spöttelte Irving. "Ich dachte, es stehe ohne jeden Zweifel fest, daß die Deutschen Wochen vor dem Angriff über die britischen Dieppe-Pläne informiert waren. Ich jedenfalls habe das den deutschen Dokumenten entnommen."
Dem Presse-Lord erschien Briefschreiber Irving als idealer Bundesgenosse wider Mountbatten, denn der junge Historiker hatte sich wiederholt
- zuletzt in einem demnächst auch in
Deutschland (im Verlag Sigbert Mohn) erscheinenden Buch über den Luftangriff auf Dresden - als Kritiker britischer Kriegführung hervorgetan.
Über die Redaktion seines Londoner Abendblattes "Evening Standard" ließ Beaverbrook mit Irving Kontakt aufnehmen und ihn um einen detaillierten Artikel bitten. Irving griff in seine Dokumentenkiste und schilderte, wie die Deutschen Mountbattens Dieppe -Krieger erwartet hatten:
Bereits am 9. Juli 1942 habe Adolf Hitler in einem Fernschreiben den Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall von Rundstedt, gewarnt, es sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, daß feindliche Landungen im Bereich des OB West in Kürze stattfinden. Anzeichen sind im besonderen
- "zunehmende Aussagen von Agenten und sonstige Ergebnisse des Nachrichtendienstes,
- "starke Ansammlung von Übersetzmitteln
in Südengland,
- "Zurückhaltung der englischen Luftwaffe in den letzten Tagen".
Hitler wußte sogar anzugeben, wo der Angriff der Alliierten zu erwarten sei: "Als besonders gefährdet sind anzusehen in erster Linie die Kanalküste, der Bereich Dieppe - Le Havre und die Normandie."
Der Führer, so Irving, sei von der Absicht der Briten, bei Dieppe zu landen, derart überzeugt gewesen, daß er sofort die Verlegung der SS-Division "Das Reich", der SS-Leibstandarte "Adolf Hitler", der damaligen Infanterie-Division "Großdeutschland", der 7. Luftwaffen-Division und der Brigade "Hermann Göring" nach Frankreich befohlen habe.
Rundstedt gab daraufhin Order, Kriegsspiele abzuhalten, um die Chance einer Abwehr feindlicher Landeoperationen im Raum Dieppe zu erproben. Zwei Tage bevor Lord Mountbatten die letzten Einsatzbefehle erteilte, setzte sich im Hauptquartier der 3. deutschen Luftflotte ein Offizier an den Sandkasten und spielte "Mountbatten".
Folgerte Historiker Irving: "Das war das tödlichste Sandspiel der Geschichte. Falls die britischen Strategen annahmen, den Deutschen seien ihre Vorbereitungen vor der Landung unbekannt geblieben, so haben sie sich geirrt."
Indes, die Offiziellen der britischen Kriegsgeschichtsschreibung erklärten Irvings Enthüllungen für Hirngespinste. Besorgt, der wohlgezielte Schlag gegen seinen Feind Mountbatten könne sich als Bumerang erweisen, schaltete sich Lord Beaverbrook erneut ein. In einem Memorandum an die Redaktion forderte er den "Evening Standard" auf, man solle Irving veranlassen, in einem zweiten Artikel seine Unterlagen preiszugeben.
Nach langwierigen Verhandlungen mit der Admiralität, die Veröffentlichungen auch nichtbritischer Geheimdokumente dank der strengen Geheimhaltungs-Gesetze Englands verhindern
kann, veröffentlichte Irving Mitte Oktober seine Quellen: Depeschen und Aktennotizen aus dem Archiv des großdeutschen Marinenachrichtendienstes.
Nur der Veröffentlichung eines Dokumentes versagten die Zensoren ihre Zustimmung: Einen Bericht des amerikanischen Geheimdienstes, in dem die deutsche Führerbesprechung in Angers über die bevorstehende Briten-Landung beschrieben wird, durfte Autor Irving nur vorsichtig umschreiben.
In der lauten Genugtuung des Beaverbrook-Lagers ("Evening Standard" : "Hier ist der Beweis!") über Mountbattens neuerliche Niederlage ging freilich unter, daß David Irving vorsichtig genug gewesen war, dem Admiral keinerlei verräterischen Leichtsinn zu unterstellen.
"Wir wissen heute", deutet der Historiker die deutschen Vorkenntnisse, "daß die Deutschen 1942 unseren Marine -Code besaßen und vor allem den Marinefunkverkehr im Hafen von, Portsmouth abhörten."
Historiker Irving
Mit Fernschreiben des Führers...
... eine britische Legende zerstört: Gefangene Engländer nach der Landung in Dieppe (1942)
Dieppe-Planer Mountbatten
Geheimste Einsatzbefehle ...
Dieppe-Verteidiger Rundstedt
... am Sandkasten durchschaut

DER SPIEGEL 45/1963
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