06.11.1963

JESSICA MITFORDSchönes Gedenkbild

Der letzte Empfang, den die Lady gibt, ist auch ihr glanzvollster: Kosmetikerinnen haben ihre schon zahlreichen Fältchen sorgsam mit Schminke und Salben geglättet und ihre Leibesfülle in ein Korsett gezwängt. Darüber trägt sie ein kostbar besticktes Neglige. Wie das Korsett stammt auch das Nachtgewand aus einem Spezialhaus, das die Stücke eigens für das festliche Ereignis angefertigt hat.
Die Lady empfängt ihre Gäste im "Schlummerraum", wo sie auf einem mit Seide ausgeschlagenen "verstellbaren Schaumgummi-Schönblickbett" ruht - schön, schweigend und reglos. Denn die Lady ist bereits seit mehr als 48 Stunden tot.
Nach einer angemessenen Zeit stillen Verharrens läßt der Zeremonienmeister des Empfangs - der sich selbst einen {"Trauerheilkundigen", den balsamierten, geschminkten Leichnam aber ein "schönes Gedenkbild" nennt - über das Schaumgummi-Schönblickbett einen
bronzenen Sargdeckel stülpen. Das
"schöne Gedenkbild", so verkündet der Begräbnisspezialist, werde nunmehr der "freundlicheren Hitze" anvertraut.
Die Hinterbliebenen scheiden aus dem Krematorium, mit der Gewißheit, daß der Trauerheilkundige sie übers Jahr erneut um sich versammeln wird, um mit ihnen während einer Erinnerungsfeier für die Verblichene "Gruft -Bouletten" zu verzehren.
Vokabular und Requisiten der makabren Szene kommen nicht aus Alfred Hitchcocks - Gruselwerkstatt. Erinnerungs-Picknicks, bei denen Gruft-Bouletten (vaultburgers) serviert werden, veranstaltet das kalifornische Bestattungsunternehmen Wilbert für
zahlungskräftige Kunden; verstellbare
Schönblickbetten und Spezialkorsetts
für teure Leichen sind außer bei der Firma Wilbert auch bei den meisten anderen Beerdigungsinstituten der Vereinigten Staaten zu haben.
Obschon der an heidnische Riten erinnernde Pomp amerikanischer Wohlstandsbegräbnisse durch Evelyn Waughs
Satire "The Loved One" (deutsch: "Tod in Hollywood") weltweit bekannt wurde, ist ein vor kurzem erschienener Katalog der amerikanischen Begräbnissitten nicht nur ein Bestseller, sondern auch ein nationales Ärgernis.
Durch die Enthüllungen der britischblütigen Gattin Jessica eines in Kalifornien lebenden Advokaten sieht der rechtsrepublikanische Kongreßabgeordnete James Utt spezifisch amerikanische Lebensart ebenso gefährdet wie die Grundlagen abendländischer Kultur schlechthin*.
James Utt am 15. Oktober vor dem Kongreß: "Es ist ein Schlag gegen die christliche Religion."
Das war freilich nicht Jessicas erster Schlag, denn die Lust zu gewaltigen Streichen steckte fast allen der sechs Töchter im Blut, die den Eheleuten Lord und Lady Redesdale geboren wurden. Die "Honourable Misses Freeman-Mitford", unter denen Totengräber-Schreck Jessica, heute 46, der Reihenfolge nach die fünfte ist, galten bereits vor drei Jahrzehnten als das schrecklichste Schwesterngespann des Vereinigten Königreichs. Mutter "Muv" damals: "Wann immer ich in einer Zeitung 'Tochter eines Peer' lese, kann ich sicher sein, daß es sich um eine meiner Töchter handelt."
Mitford-Miss Nr. 4, von ihren Eltern mit dem schicksalschwangeren Namen Unity Valkyrie (Einigkeit Walküre) belastet, machte mit ihren intimen Beziehungen zu Großdeutschlands Führer Schlagzeilen. Sie durfte bei Hitler zu jeder Zeit über eine Privatleitung anklingeln, bekehrte ihren Vater vom Hunnenhasser zum Hitler-Fanatiker und setzte sich 1939 - als mit dem Frieden auch ihr Glaube an den deutschen Führer zerbrach - selbst die Pistole ins Genick. Den Folgen des Schusses erlag sie neun Jahre später.
Schwester Diana, ebenfalls auf Rechtsdrall geeicht, heiratete 1936 den britischen Faschisten-Chef Sir Oswald Mosley. Nancy, die Älteste, erwarb sich unter anderem mit einer Voltaire -Biographie literarischen Ruhm und teilte die englische Sprache in U ("Upper-class") und Non-U-Vokabeln auf. Deborah Vivien ehelichte den Herzog von Devonshire, Pamela einen bürgerlichen Oxford-Professor.
Jessica schließlich wollte weder von Bürgertum und Hochadel noch von den braunen Träumen ihrer Familie etwas wissen. Sie setzte auf Rot.
Während des Bürgerkrieges folgte sie dem bolschewistischen Churchill -Neffen Esmond Romilly zu den roten Fahnen nach Spanien. Ein Zerstörer, den die Royal Navy der entlaufenen Redesdale-Tochter nachgeschickt hatte, kehrte ohne Jessica zurück, die sich alsbald mit ihrem roten Freund verehelichte und in die USA auswanderte. Bis 1941 ernährte Esmond seine Familie als Barkeeper. Dann lief er wieder zu den Fahnen. Diesmal zu denen Seiner Britischen Majestät. Noch im gleichen Jahr wurde er über Hamburg abgeschossen.
Jessica blieb ihrer Farbe treu: In dem linken, aus Ungarn stammenden US -Gewerkschaftsanwalt Treuhaft fanden die linke Adelige und ihr Sohn Tito nach dem Abfall Jugoslawiens von Moskau auf Lenin umgetauft - einen neuen Ernährer.
Diese alten roten Sünden der Lenin - Mutter waren denn auch für den hellhörigen Kongreßabgeordneten Utt aus Kalifornien Anlaß genug, auf eine neuerliche linke Untat zu schließen: Jessica Mitfords Attacke auf die Leichenbestatter sei nichts anderes als antichristliche Wühlarbeit.
Dabei ist freilich das kommerzielle Begräbnis-Schaugeschäft ein Terrain, auf dem es für antichristliche Wühlarbeiter nur noch wenig zu wühlen gibt. Auch nach Meinung des amerikanischen Klerus aller Konfessionen hat die "Trauertherapie", die der Trauerheilkundige seiner Kundschaft in Schlummerräumen und "Salons" angedeihen läßt, mit einem christlichen oder jüdischen Leichenbegängnis nicht viel gemein.
Diese Therapie beginnt nicht erst, wenn ein US-Bürger seinen letzten Atemzug getan hat. Bereits in der Blütezeit ihres Lebens werden die Amerikaner vom Vertreterheer der Trauer-Industriellen, Sargfabrikanten und Grabspekulanten in die Zange genommen. Ihre Parole, laut dem Geschäftsführer der Nationalvereinigung der Bestattungsunternehmer: "Begräbnisse werden immer mehr zum festen Bestandteil des amerikanischen way of life."
Die Folgerung aus dieser Erkenntnis: Wer einen Cadillac fährt, darf sich - falls er sein Prestige auch ins Jenseits hinüberretten will - auf der letzten Fahrt nicht mit einem Kleinwagen-Begräbnis bescheiden.
In hartnäckigeren Fällen rät das "National Funeral Service Journal" den Agenten, auf das schlechte Gewissen ihrer Kundschaft zu spekulieren: "Es ist höchstwahrscheinlich so, daß das befriedigendste Begräbnis für die durchschnittliche Familie eine Bestattung ist, bei der die Kosten mit Opfern verbunden sind. Dies gibt den Überlebenden die Chance, für jede wirkliche oder eingebildete Vernachlässigung des Verstorbenen zu büßen."
Das Geschäft mit dem schlechten Gewissen und dem Prestige lohnt: Während die Lebenshaltungskosten in den USA von 1944 bis 1962 um 71,9 Prozent stiegen, kletterten die Preise für eine Beerdigung (Kosten eines durchschnittlichen Leichenbegängnisses: 1450 Dollar) in der gleichen Zeit um 100 Prozent.
80 Prozent der noch freien Friedhofsflächen in den USA wurden im voraus verkauft - auf Jahrzehnte hinaus, denn vornehmlich bei Jungeheleuten machen die Grabhändler ihre besten Geschäfte: Sie schnacken ihnen die im Voraus bezahlte Gruft nicht nur als sichere Kapitalanlage an, sondern auch "als ein seelisches Band, das ihre ehelichen Beziehungen nur bereichern kann" (Bestattungsverein von Amerika).
Rund zwei Milliarden Dollar - etwa soviel wie in den 50 nordamerikanischen Bundesstaaten im gleichen Jahr für höhere Schulen ausgegeben wurde - flossen 1961 in die Taschen von 25 000 US-amerikanischen Trauertherapeuten.
Jessica Mitford meint, daß 2000 Bestatter ausgereicht hätten, um die in jenem Jahr verblichenen 1,7 Millionen US-Bürger unter die Erde zu bringen.
* Jessica Mitford: "The American Way of Death". Verlag Simon & Schuster, New York; 336 Seiten; 4,95 Dollar.
Autorin Jessica Mitford
Die Verstorbene ruht...
... auf einem Schönblickbett: Marilyn Monroes Grab in Hollywood

DER SPIEGEL 45/1963
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JESSICA MITFORD:
Schönes Gedenkbild