06.11.1963

TRAINERZorn am Zabo

Das Telephon klingelte. Anna Widmayer, Ehefrau des Fußballtrainers Herbert Widmayer, hob den Hörer auf und vernahm: "Sind Sie die Frau dieses Scheißtrainers?"
Ähnlich deftig formulierende anonyme Anrufer forderten Widmayer in den letzten,drei Wochen bis zu zehnmal, am Tag auf, sein Amt als Trainer des berühmten 1. FC-Nürnberg unverzüglich aufzugeben. Unter umfangreicher Schmähpost fand sich ein Drohbrief. Widmayer solle die Stadt verlassen,
wenn ihm sein Leben lieb sei. Widmayers Feinde nahmen sich zunächst das Opel-Rekord-Coupé des Trainers vor und demolierten eine Tür.
Am Mittwoch letzter Woche um 20 Uhr gab es für Widmayer keinen Zweifel mehr über den Ernst der Lage. Im Klubhaus eröffnete ihm vor versammeltem Vorstand Vereinschef Karl Müller, es könne "zur Katastrophe" kommen, so daß ihm, Widmayer, unter den waltenden Umständen weitere Trainertätigkeit beim 1. FC Nürnberg nicht zuzumuten sei. Der Trainer möge sich aus gesundheitlichen Rücksichten von der nervlichen Belastung ständiger Drohungen befreien und Urlaub nehmen. Widmayer, der sich "durchaus gesund" fühlt, verstand den Wink und stimmte zu: Einer der erfolgreichsten deutschen Fußballtrainer war gefeuert worden.
Es war der erste Hinauswurf eines Bundesligavereins-Trainers seit Bestehen der Bundesliga, der vor drei Monaten etablierten neuen höchsten Spielklasse. Grund der Entlassung: Die von Widmayer trainierten Nürnberger ließen, den Torhunger ihres Stammpublikums seit Wochen ungestillt.
Tatsächlich mußten die Fans des Vereins vom Zabo - Nürnbergs traditionsreicher Spielanlagie in Zerzabelshof und Heimstatt eines von jeher kräftig entwickelten Balltreter-Patriotismus - in letzter Zeit schlimme Fakten verkraften. Zunächst erlitt Deutschlands Rekordfußballmeister (acht Meistertitel) die Schmach einer 2:4-Niederlage auf eigenem Platz gegen den Karlsruher Sport-Club. Danach wurden die Nürnberger als Gäste des TSV 1860 München 5:0 überrannt. Nachdem auch Schalke 2:0 in Nürnberg zu siegen vermochte und - am vorletzten Wochenende - auch noch der 1. FC Kaiserslautern mit einem 5:0-Sieg das Nürnberger Gelände verlassen konnte, war der 1. FC Nürnberg innerhalb von drei Wochen vom vierten auf den dreizehnten Bundesliga -Tabellenplatz abgesackt.
"Club, tiefer geht's nicht mehr!" konstatierte das Nürnberger "Sport Magazin", und hielt dem Altmeister seinen "engmaschigen, viel zu verschnörkelten Stil" vor.
Daß bei derartigen Mißerfolgen' einer Mannschaft als erste Therapie der Trainer vom Vereinsvorstand in die Wüste geschickt wird, ist an sich nicht außergewöhnlich. Bisher wurden aus diesem Grund in jeder Saison Trainer plötzlich entlassen, so etwa
- Bumbas Schmidt vom VfR Mannheim
(1949),
- Georg Knöpfle vom FC Bayern
München (1954),
- Helmut Kronsbein vom Meidericher
SV (1957),
- Bela Satori von Alemannia Aachen
(1957),
- Hermann Lindemann von Fortuna
Düsseldorf (1960),
- Willibald Hahn vom KSV Hessen
Kassel (1962),
- Emil Izso vom VfL Osnabrück (1963),
- Fritz Schollmeyer vom SV Arminia
Hannover (1963).
Ungewöhnlich hingegen ist der Stil, in dem Trainer Widmayer beim 1. FC Nürnberg ausgebootet wurde: Zum erstenmal inszenierten Vereinsfans, offenbar durch die drei Heimniederlagen ihres Vereins besonders tief gekränkt, eine regelrechte Kampagne gegen den vermeintlich schuldigen Mannschaftstrainer.
Zur Hochform lief Nürnbergs Fußballpöbel nach der 0:5-Niederlage des Vereins gegen den 1. FC Kaiserslautern auf. Die Fans zündeten 20 Feuer an und verbrannten die mitgebrachten Vereinsfahnen. Sprechchöre forderten die Entlassung des Trainers, der beim Verlassen der Kabine schlicht als "Dreckschwein" tituliert wurde. Dabei erwiesen sich einige Brüller zusätzlich als geübte Spucker.
Der Vorstand gab dem Druck des Fußballvolks nach, obwohl den Nürnbergern gerade unter Widmayer enorme Erfolge beschieden waren. Widmayer übernahm die Elf in der Saison 1960/61 - und prompt hieß der nächste Deutsche Fußballmeister 1. FC Nürnberg. 1962 gewann die Elf den Pokal des Deutschen Fußball -Bundes, und sowohl 1962 als auch 1963 stieß sie in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft vor. Nur wenige deutsche Fußballtrainer präparierten ihre Mannschaften ähnlich wirkungsvoll.
Die eigentlichen Ursachen der Nürnberger Misere beruhen denn auch darauf, daß die Elf nicht rechtzeitig durch geeignete Neukäufe ergänzt worden ist. Daher spielt praktisch heute noch die Mannschaft von 1960. "Wir hätten hervorragende Spieler kaufen können - aber nur mit den nötigen (verbotenen) Zahlungen unter dem Tisch", erläuterte Trainer Widmayer. Drei preiswerter eingekaufte Spieler erwiesen sich bisher nicht als Verstärkung der Mannschaft. Der 1. FC Nürnberg blieb auf die Mitwirkung seines 'immerhin 38jährigen Veteranen Max Morlock angewiesen.
Hatte sich der Verein mithin den höheren Anforderungen der Bundesliga nicht anpassen können, so scheint seiner Anhängerschaft die Anpassung an das neue Ballgefühl besser gelungen. Trainer Widmayer jedenfalls führt nur auf die Bundesliga zurück, daß er den 1. FC Nürnberg unter Umständen verlassen mußte, die selbst für das wenig zimperliche Fußballmilieu ungewöhnlich sind. Widmayer: "Wir wollen durch die Bundesliga das Spielniveau heben - gesteigert aber wurde bisher nur der Vereinsfanatismus." Das mußte mit Anpöbeleien beim Einkaufen sogar die Ehefrau des Trainers entgelten.
Widmayer hat bereits sechs Vereinsofferten auf Übernahme des Trainings vorliegen, aber er will sich "nicht gleich wieder in ein neues Abenteuer stürzen".
"Unser Beruf", sagte Widmayer, "gleicht sich südamerikanischen Maßstäben an - es fehlt nur noch, daß man (wie 1962 ein Schiedsrichter in Brasilien) nach einer Niederlage erschossen wird."

DER SPIEGEL 45/1963
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