06.11.1963

MENOTTIÖl im Essig

Wir Italiener", gestand vor Jahren
Gian-Carlo Meriotti, "sind irgendwie Clowns. Aber im Grunde sind wir eine sehr düstere Rasse. Bei uns dreht sich immer alles um den Tod, um Tod, Tragödie und Tränen."
Mit Bühnen-Toten und Tragöden -Tränen hat der italo-amerikanische Komponist, der 1911 in einem Flecken bei Mailand geboren wurde und 17jährig in die Vereinigten Staaten kam, auch Karriere gemacht.
Seine gruselige Spiritisten Oper "Das Medium", von Arturo Toscanini mit hohem Lob bedacht ("Ein Meisterwerk in reinster italienischer Operntradition"), wurde 211mal, sein kafkaesker "Konsul", der den Pulitzerpreis gewann, acht Monate lang en suite am Broadway gespielt und in über zwanzig Länder exportiert.
Mit melodisch intonierten Tragödien wurde der italienische Staatsbürger Menotti zum populärsten zeitgenössischen Bühnenkomponisten Amerikas - zu einem Puccini der Gegenwart, dessen traditionelle Tonalität in Amerika weit mehr geschätzt wird als die melosarmen Neutöne seiner avantgardistischen Berufskollegen.
Der Clown in Menotti blieb dabei jahrelang verborgen. Er blieb es bis zur vorletzten Woche. Dann endlich hatte die Buffo-Oper "Der letzte Wilde", die ein Administrator der Pariser Nationalopern vor fünf Jahren bei Menotti bestellte, ihre Welt-Premiere, allerdings nicht, wie ursprünglich;geplant, im großen Théatre de l'Opera - dazu schien sie zu frivol -, sondern in der weniger repräsentativen Opßera-Comique. Menotti strich das Libretto für die kleinere Bühne zusammen.
Dem Herzog und der Herzogin von
Windsor, den Baronen Guy und Philippe
de Rothschild, dem französischen Kulturminister Andre Malraux, dem amerikanischen Botschafter Charles Bohlen, dem Nato-Botschafter Thomas Finletter und ihren Damen war auch dieser Gala-Abend repräsentativ genug.
Sie kamen, um sich an einer musikalischen Satire zu erfrischen, die allem zivilisierten Lebensstil nach Kräften zu spotten versucht. Komponist, Librettist und Regisseur Menotti hielt sich während der Premiere im Theater -Foyer versteckt.
Heldin des Melodramas ist die junge amerikanische Milliardärstochter und Anthropologie-Studentin Kitty, die nach Indien reist, um dort, so will es Vater Scattergood, den Sohn des Maharadschas von Radschputana zu heiraten. Aber Kitty hat noch ein höheres Ziel: Sie will vor der Eheschließung noch schnell den legendären Schneemenschen des Himalaja fangen.
Der Wunsch wird ihr erfüllt. Die Studentin, dafür sorgt Radschputanas Landesvater, bekommt ihren "letzten Wilden":
Es ist der fürstliche Diener Abdul, der für Kitty im Dschungel ausgesetzt worden ist. Ohne Ehemann und mit vergitterter Beute kehrt die erfolgreiche Dschungeljägerin nach Chicago zurück und stellt ihren Pseudo-Schneemann auf Cocktail-Partys der großen Welt zur Schau.
Entsetzt läßt Abdul den Segen der allerneuesten Zivilisation über sich ergehen. Modernisten-Feind Menotti, der, wie er sagt, mit seiner Kunst "Öl in den Essig der modernen Musik" gießen möchte, peinigt den Fremden aus Indien mit esoterischem Lyrik-Gestammel, mit den Klecks-Labyrinthen modernster Malerei und vor allem und immer wieder mit dem Ohren-Greuel "konkreter" und "serieller" Musik.
Abdul beschließt: Zurück zur Natur. Wenig später ist er wieder im heimatlichen Dschungel, diesmal als freiwilliger und echter Wilder. Mit von der Partie ist die verliebte Milliardärstochter Kitty. Im Liebesduett besingen die beiden zum Schluß Waldeslust, Höhlenglück und das einfache Leben auf freier Wildbahn, von dem Kitty allerdings eigene Vorstellungen hat: Während der Happy-End-Umarmung transportieren Scattergoods Domestiken Badewanne, Kühlschrank und Fernsehgerät in den Dschungelhaushalt.
So originell und amüsant die gesellschaftssatirische Fabel des Librettisten Gian-Carlo Menotti auch war - die Musik des Komponisten Menotti war weder das eine noch das andere. Dem Kritiker von "Paris-presse" erschien sie als "eine Musik auf halbem Weg zwischen Gounod und Puccini, der gegenüber Prokofieff und Richard Strauss als schreckliche Modernisten erscheinen müssen", der Rezensent des "Figaro" fand das Werk des "charmanten Kleinkünstlers" Menotti sogar von "bestürzender Plattheit".
Im Januar nächsten Jahres soll der "Letzte Wilde" in der New Yorker "Metropolitan Opera" in voller Länge vorgeführt werden.
Menotii-Oper "Der letzte Wilde"*: Waldeslust im Dschungel
Komponist Menotti
Versteck im Foyer
* Mady Mesplé als Kitty, Gabriel Bacquier
als Abdul in der Pariser Opéra-Comique.

DER SPIEGEL 45/1963
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