06.11.1963

FERNSEHEN / TelemannSPARFLAMME EMPOR

An seine erste Begegnung mit Heinz Maegerlein wird sich Telemann noch im Austragsstüberl
erinnern.
Damals, im Jahre 1954, als das deutsche Fernsehen über wenig Zuschauer und seine Kritiker über viele wohlklingende Fachvokabeln
- darunter das Wort "telegen" -
verfügten, machte der heutige Allsport-Kommentator und Fragemeister- ("Hätten Sie's gewußt?") ein; verlorenes Betrachterhäuflein mit den Sehenswürdigkeiten einer Düsseldorfer Jagdausstellung vertraut; hier die Verhaltensweise des Auerhuhns, dort den waidmännischen Wert eines Sechzehnenders biederäugig erläuternd.
Und Telemann, durch und durch noch TV-Neuling, rätselte: Wenn "telegen" soviel wie "für das Auftreten im Fernsehen geeignet" bedeutet, mithin ein Feengeschenk meint, dessen kein Fernsehschaffender füglich entraten sollte - wer hat ausgerechnet diesen Mann zu aktiver Television ermuntert?
Heute ahnt er: Es muß jemand gewesen sein, der, wäre er beauftragt, anläßlich eines Profumo-Filmvorhabens die Rolle der Christine Keeler zu besetzen, sämtliche Jahrmarktsschaubuden nach einer Dame ohne Unterleib absuchen würde.
Indes, die ständig sich mehrende Zuschauerschaft lachte Telemanns erstem und all seinen weiteren Eindrücken hohn. Mit ihrer Zahl wuchs zugleich ihre Vorliebe für Maegerlein den Quizmaster, Maegerlein den olympischen Boten, Maegerlein den Deuter sowohl des Sommer- als auch des Wintersportgeschehens und schließlich für Maegerlein den Halbjahresbilanzzieher, als welcher er am 27. Oktober zum zwölften Male hervortrat, den Abstand zu messen, der zwischen dem hehren Hochziel der Leibesertüchtigung und schnöder Realität gottseisgeklagt noch immer klafft ("Zwischen Sommer und Winter, eine Plauderei über den Sport", Bayrischer Rundfunk).
Hart geißelte er die "mangelnde Achtung vor der sportlichen Leistung" sowie jene 420 von 500 getesteten "jungen Männern unseres Volkes", die "nicht einmal einen einzigen Klimmzug am Reck zustande bringen".
Ernst war sein Pädagogenblick, als er dem Skisportler Georg Thoma bekannte: "Ich bin gar nicht ganz glücklich darüber gewesen, daß Sie alle diese großen Konkurrenzen des letzten. Winters gewonnen haben."
Und unüberhörbare Mißbilligung schwang in der Frage an den Beinahe -
Weltmeister im Eiskunstlauf
Manfred Schnelldorfer: "Schaulaufen ... ist das eigentlich so ganz die richtige Vorbereitung für einen Olymnpia-Teilnehnmer?"
Am unerbittlichsten jedoch befragte Sport-Inquisitor Maegerlein die Tennis-Hoffnung Helga Schultze aus Hanau: "Fräulein Schultze... Sie haben fast immer aus dem Koffer gelebt, und Sie haben ein sehr unstetes Leben geführt. Ich glaube, sehr viel waren Sie nicht zu Hause in Hanau?"
Helga Schultze: "Sie sagen das mit einem leichten Unterton in der Stimme..."
Maegerlein: "Ich möchte Sie fragen, gefällt Ihnen dieses unstete Leben?"
Helga Schultze: "Glauben Sie, man wird sehr oberflachlich?"
"So deutlich wollte ich's nicht sagen", schäkerte der Plauderer zwischen Sommer und Winter und fuhr fort zu inquirieren: "Bereiten Sie Ihre Reisen vor? Ich kenne viele, drum bin ich so skeptisch, die also praktisch doch in erster Linie die Tennisstadien und die Klubhäuser kennen ..."
Worauf das Fräulein Schultze sich geschickt exkulpierte: Sie lese vor Antritt einer jeden Tennis-Exkursion ein
Buch über das zu bereisende Land. Zum Schluß kündete der ARD -Leibeserzieher, hinterrücks von den Lohen eines offenen Kamins beheizt: "Wirklich arm in der Welt sind ja nur die Blasierten, die zu keinem wirklichen Erleben mehr Fähigen - ganz gleich, aus welchen Bezirken es kommt ... Nur wer noch glühen kann, lebt!"
Und plötzlich wurde Telemann inne, was es mit Maegerleins vielstrapaziertem Tele-Genie in Wahrheit für eine Bewandtnis hat: eine magische.
Zwischen den Jahreszeiten ist es, wie jedermann weiß, nirgendwo geheuer. Böse Dämonen, arglistige Kobolde, der schreckliche Sonnenwendmann, auch "Wilder Jäger" genannt, durchgeistern die Lüfte - weshalb unsere Germanen -Ahnen eine Menge kultischer Vorkehrungen zu treffen hatten.
Heute bedarf es keiner Sonnenfestfeuer und keines beschwörenden Mummenschanzes mehr. Man bestellt, auf daß aller Spuk verschwinde, den Heinz Maegerlein vor die TV-Kamera.
Da steht er dann, vom Sardellen -Scheitel bis zur Turnvater-Sohle eine einzige Absage an die Mächte der Finsternis, und glüht und glüht und glüht und glüht und glüht und glüht und glüht.
Maegerlein
Von Telemann

DER SPIEGEL 45/1963
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