06.11.1963

BERGMANLust in Timuku

Kanonendonner und Sirenengeheul mischen sich in das Rasseln von Panzerketten und das Klappern von Soldatenstiefeln, während Anna sich in einem Hotelbett einem Unbekannten hingibt. Ihre lesbische Schwester Irmgard, die dem Liebesakt heimlich folgt, neidet dem Manne die Lust
Derart gewagte - und voll ausgespielte - Szenen enthält ein neues schwedisches Lichtspiel, das zum größten kommerziellen Filmerfolg in Schweden zu geraten scheint: "Das Schweigen". Allein in Stockholm fanden sich während der ersten vier Vorführungen mehr als hunderttausend Besucher an den Kinokassen ein.
Regisseur des Sexual-Schockers ist der 45jährige Pastorensohn Ingmar Bergman, der bereits vor drei Jahren, in seinem Film "Die Jungfrauenquelle", nach Meinung der deutschen Katholischen Filmkommission "die Grenze des Erlaubten und Erträglichen aufs abstoßendste überschritten" hat. Sein Film enthielt die Darstellung einer Vergewaltigung, die ein Amtsgericht in München
- vergeblich - zu entfernen trachtete
(SPIEGEL 44/1960).
Mit seinen folgenden Filmen, den Opera 24 und 25 - "Wie in einem Spiegel" und "Licht im Winter" -, betätigte sich der Cineasten-Liebling Bergman als "Gottsucher". Die Hamburger "Welt" erkannte, es sei dem Regisseur darum zu tun, "die Fragen nach Gott in die öffentliche Debatte zu bringen", und ein Rezensent der "Filmkritik" vermutete, Bergman habe "zum Glauben zurückgefunden": Es lasse "sich schwer vorstellen ... er könnte noch einmal zurückgreifen auf Sünder ..."
In seinem Opus 26 griff er zurück. "Sexual-Mauer durchbrochen", meldete Stockholms "Expressen". Bergman habe sich, so ließ sich das US-Fachblatt "Variety" berichten, "von seiner Frage nach Gott abgewandt und einen Film schierer tierischer Lust geschaffen".
Das makabre Lust-Spiel - Bergmans teuerster Film - zeigt die schwedischen Schwestern Ester und Anna sowie Annas elfjährigen Sohn auf der Heimreise durch ein fremdes Land. In der Phantasiestadt Timuku machen sie Station. Es herrscht Kriegs- und Untergangsstimmung. Panzer und Soldaten füllen die Straßen, Schlachtenlärm und Sirenengeheul die Luft.
Während die intellektuell und maskulin anmutende Ester im Hotel verweilt, sucht die sinnliche Anna Liebesabenteuer in der Stadt. Während einer Theateraufführung bemerkt sie, wie Zuschauer sich sexuellen Gelüsten hingeben; sie selbst gibt sich in der Kirche einem Fremden hin. Auf Drängen ihrer Schwester berichtet sie ausführlich von solcherlei Erlebnissen.
Ester verzehrt sich vor Sehnsucht nach Anna. Doch Anna bleibt den Männern treu. Als Ester zu Tode erkrankt, läßt Anna die sterbende Schwester zurück und reist mit ihrem Knaben weiter nach Schweden.
Nach der Premiere, die Stockholm aus seinem Herbst-Phlegma aufscheuchte, meldete "Dagens Nyheter": "Ingmar Bergmans Sieg". "Stockholms-Tidningen" behauptete, Bergman habe "mit einem Schlag seinen Thron in der Welt des Films zurückerobert", und die schwedischen Cineasten feierten das Werk als einen Meilenstein.
Bergman, so lobten sie, habe alle moralischen und religiösen Konventionen überwunden, sich zum erstenmal ganz auf sein Genie verlassen und in den beiden Schwestern Repräsentanten der ganzen Menschheit gefunden, indem er ihr wahres Wesen voller Begierden und Schwächen, voller Ängste und Grausamkeiten unter dem Druck einer nahenden Katastrophe gnadenlos enthüllt.
Tatsächlich verließ Bergman sich fast ganz auf die Sprache der Bilder und Geräusche. Der Film enthält kaum Dialog, kaum Musik; und die Sprache in Timuku ist ein Phantasie-Slang, den der Regisseur eigens ersann.
Freilich, in den Kohabitations-Szenen verlangte Bergman seinem Ensemble so viel Bereitschaft ab, daß die Darstellerin Gunnel Lindblom (Anna) aufsteckte und für die gewagtesten Szenen ein Double erbat. Denn, so formulierte der "Tagesspiegel", "der Puls erotischer und sexueller Lüste schlägt in diesem Film rasch und wild".
Selbst den schwedischen Kritikern erschien es sensationell, daß die Zensoren gegen diesen Pulsschlag nichts einzuwenden hatten. Die schwedische Zensur habe aufgehört zu funktionieren, hieß es in einigen Blättern. Der Film- und Fernsehkritiker Gunnar Oldin schlug sogar gleich vor, "daß man die Zensur bei uns abschafft".
Die Zensoren aber ließen verlauten: "Die schwedische Zensur richtet sich gegen Brutalität, Gewalt und die destruktiven Kräfte." Das Geschlechtsleben sei aber nicht kriminell. "Die Erotik ist ja eine lebensbejahende Kraft." Und: "Unsere Zensur hat nicht die Aufgabe, Kunstwerke zu verstümmeln."
Kinobesucher außerhalb Schwedens werden freilich das Bergman-Opus kaum unverstümmelt betrachten dürfen. Zwar haben es Verleihfirmen in vielen Ländern mittlerweile angekauft. Doch dem Film drohen die Scheren der Zensoren: Zum erstenmal hat sich der schwedische Regie-König bereit gefunden, eines seiner Werke im Ausland von der Zensur beschneiden zu lassen.
Regisseur Bergman*
Vorführung über Verführung
Bergman-Film "Die Jungfrauenquelle"*: Zum Glauben zurückgefunden
Bergman-Film "Das Schweigen**: Auf Sünder zurückgegriffen
* SPIEGEL-Titel 44/1960.
* Birgitta Pettersson, Tor Isedal
** Ingred Thulin, Gunnel Lindblom, Birger Malmsten.

DER SPIEGEL 45/1963
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