13.11.1963

BAUHAUSEinst gen Himmel

Heute weiß jeder Bescheid", schrieb "Die Weltbühne" im Jahre 1930 "Wohnungen mit viel Glas und Metallglanz: Bauhausstil. Desgleichen mit Wohnhygiene ohne Wohnstimmung: Bauhausstil. Stahlrohrsesselgerippe: Bauhausstil. Gewürfelte Tapeten: Bauhausstil. Kein Bild an der Wand: Bauhausstil. Bild an der Wand, aber was soll es bedeuten: Bauhausstil, alles kleingeschrieben: bauhausstil. ALLES GROSSGESPROCHEN: BAUHAUSSTIL."
Diese Glosse auf modische Legendenbildung wird in einem Buch über das Bauhaus zitiert, das jetzt - mehr als drei Jahrzehnte später - zum ersten Male eine umfassende Dokumentation über jene Schule präsentiert, die wie keine zweite ihrer Art in diesem Jahrhundert Stilgeschichte gemacht hat und von Legenden verklärt worden ist. Der verschwenderisch illustrierte Großband wurde von dem Tapetenfabrikanten und frühen Bauhausförderer Emil Rasch subventioniert. Autor und Herausgeber ist der Kunsthistoriker Hans Maria Wingler, der seit 1960 auch ein Bauhausarchiv in Darmstadt leitet**.
Winglers voluminöse Materialsammlung dokumentiert, wie das Bauhaus von 1919 bis 1933 zuerst in Weimar, dann in Dessau zu einer globalen Geschmackszentrale avancierte, die Architekten, Kunsthandwerker und Designer in aller Welt mit neuen Gebrauchsmustern und Formideen versorgt hat - für Kaffeetassen, Möbel und Lokomotiven ebenso wie für Tapeten, Diwandecken und Wohnhäuser.
Die Bauhaus-Chronik läßt aber auch erkennen, wie interne Auseinandersetzungen die Schule schwächten, bevor sie von den Nationalsozialisten liquidiert wurde; das Buch läßt vor allem erkennen, wie einseitig das verbreitete Vorstellungsbild vom kühl-rationalistischen, nüchtern-technologischen Bauhaus ist.
Die Bauhausgründung war von romantischen Reminiszenzen an die mittelalterliche Bruderschaft der Dombauhütten-Leute und von messianischen Reformideen inspiriert. In dem vom ersten Bauhausdirektor Walter Gropius erlassenen Gründungsmanifest wurde ein "Bau der Zukunft" verheißen, "der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei". Dieses Gesamtkunstwerk, gelegentlich auch "Kathedrale des Sozialismus" genannt, sollte, so Gropius, "aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen ... als kristallenes Sinnbild eines neuen Glaubens".
Die Vorgeschichte der Bauhaus-Idee begann um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Im frühkapitalistischen England eiferten der Kunsttheoretiker John Ruskin und der Kunstgewerbler William Morris für das von der Industrialisierung bedrohte Handwerk: die maschinelle Produktion bewirke den Verfall der Künste, und nur handgearbeitete Dinge könnten die Menschen wirklich beglücken. Spätere Kunst- und Baureformatoren, wie der Wiener Adolf Loos, der Amerikaner Louis Sullivan und der Belgier Henry van de Velde, plädierten für eine Integration von Kunsthandwerk und Technik. Van de Velde sah in den Maschinen nicht nur Mittel zur Produktion minderwertiger Massenware, sondern auch Werkzeuge zur Herstellung eines neuen zeitgemäßen Stils. Er verkündete: "Durch das mächtige Spiel ihrer Eisenarme werden sie Schönes erzeugen, sobald die Schönheit sie leitet."
Von solchen Ideen einer maschinellen Ästhetik beeinflußt, baute der 28 jährige Architekt Walter Gropius 1911 aus Stahl, Glas und Beton die "Fagus" -Schuhleistenfabrik in Alfeld an der Leine, ein Gebäude, das heute als epochemachendes Erstlingswerk der modernen Zweckarchitektur gerühmt wird. Ein Jahr zuvor hatte Gropius, 1883 in Berlin geborener Sproß einer alten preußischen Baumeisterfamilie, das "Bauspekulanten- und Unternehmertum" sowie Architekten angeklagt, das Baugewerbe durch skrupellose Gewinnsucht "in Hinsicht auf Geschmack sowohl wie Solidität" korrumpiert zu haben. Zur Abhilfe empfahl der Bau -Ethiker künstlerisch "bis ins kleinste Detail" durchgeformte, industriell vorfabrizierte
und seriengefertigte Normbaukastenhäuser. Er hatte dabei "einen tieferen kulturellen Gedanken": die Idee eines "Zeitstils", der sich nur unter Verzicht auf den "individuellen Grundriß" herausbilden könne.
Henry van de Velde, Mitglied des "Deutschen Werkbundes", eines 1907 gegründeten Vereins für "hohe Qualität der Industrieprodukte", planierte schließlich das Feld, auf dem der Baureformer Gropius, allerdings nur theoretisch, den "Bau der Zukunft" errichten konnte. Van de Velde schlug Gropius 1915 als seinen Nachfolger für die Direktion der Kunstgewerbeschule in Weimar vor. Vier Jahre später konnte der aus dem Weltkrieg heimgekehrte Husarenoffizier Gropius dort seine Laufbahn als "Lehrer des 20. Jahrhunderts" (so der Engländer Arnold Whittick) beginnen.
Als Direktor des "Staatlichen Bauhauses in Weimar", das aus einer Fusion von Kunstgewerbeschule und Kunstakademie der Goethe-Stadt hervorging, setzte er fortschrittliche Kunstschaffende, wie die Maler Paul Klee, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Georg Muche, Oskar Schlemmer, Laszlo Moholy-Nagy und Josef Albers sowie den Bildhauer Gerhard Marcks, als Bauhaus-"Meister" ein und gab die Losung aus: "Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!" Später kam noch die Maxime "Kunst und Technik - eine neue Einheit" hinzu.
Die Bauhausmeister, denen echte Handwerksmeister zur Seite standen, unterrichteten ihre Lehrlinge in Konstruktion und Komposition, in Farb- und Materialkunde, sie demonstrierten Gestaltung in Glas, Holz, Stein, Metall und Webstoffen. Kandinsky baute seine Theorien der abstrakten Kunst aus, Schlemmer entwarf seine "Mensch im Raum"-Ballette, die der Korrespondent der "Frankfurter Zeitung" Benno Reifenberg damals als "Irrweg" einer "schlechten Radikalität" mißbilligte. Eine eigentliche Architektur-Abteilung gab es am Bauhaus in Weimar nicht.
Der mehr mystisch als technologisch orientierte Maler Johannes Itten, den Gropius auf Empfehlung seiner ersten Frau, der späteren Alma Mahler-Werfel, angeheuert hatte, erfand eine bizarre Bauhaus-Tracht und entwickelte die sogenannte Vorlehre, die jeder Bauhausschüler durchlaufen mußte, bevor er - so Gropius - "geistig und werklich reif zur Mitarbeit am Bau" geworden war.
Diese Vorlehre, eine Art Elementarschulung in Formgefühl und Materialkunde, erwies sich später als eine der fruchtbarsten Bauhaus - Erfindungen: Sie wurde von vielen Kunst- und Werkschulen adaptiert.
Den Bürgern Weimars war die Reformakademie von Anfang an suspekt, der Bohemebetrieb der fetenfreudigen Werkschüler ein Ärgernis. Rechtsradikale Attacken ("Das Bauhaus ist spartakistisch-bolschewistisch"), Streitigkeiten zwischen den mehr künstlerisch und den mehr technologisch gestimmten Meistern, Geldnöte und eine "völkische" Landesregierung brachten die Schule schließlich zur Strecke.
Auch ein "Kreis der Freunde des Bauhauses", dem Gerhart Hauptmann, Albert Einstein, Marc Chagall, Oskar Kokoschka, Franz Werfel und der Pianist Edwin Fischer angehörten, konnte nichts mehr retten: Am 1. April 1925 erklärten die Meister das Bauhaus für aufgelöst.
Die Bauhaus-Frondeure frohlockten indes zu früh: Noch im selben Jahr bot die Stadt Dessau den obdachlosen Bauhäuslern eine provisorische Bleibe und ein Gelände an, auf dem dann Ende 1926 das nach Gropius-Plänen gebaute Bauhaus Dessau" eingeweiht werden konnte. Dieser Meisterbau des Bauhausgründers steht, von Ulbrichts rückständigen Kulturideologen nicht gern gesehen, noch heute.
Obwohl nach der Rangerhöhung zur "Hochschule für Gestaltung" in Dessau für das Bauhaus eine recht erfolgreiche Periode anbrach, konnte das Institut auf die Dauer mit den Angriffen von außen und mit seinen inneren Unstimmigkeiten doch nicht fertig werden. Zwar wurde die Schule nun zum Stil-Mekka für Architekten und Designer aus allen Erdteilen, wurden ihre formalen Neuerungen zur - meistens nur oberflächlich imitierenden - Zeitmode; ein Wiener Modejournal empfahl Damen-Dessous mit geometrischem Bauhausdessin.
Als aber der Baseler Architekt Hannes Meyer die neugeschaffene Architekturabteilung übernahm und gegen den künstlerischen "Formalismus" der Maler-Meister zu opponieren begann, verschärften sich die internen Spannungen.
1928 trat Gropius von der Bauhausdirektion zurück; als seinen Nachfolger empfahl er Hannes Meyer.
In Hans Maria Winglers Bauhaus -Chronik wird zum ersten Male deutlich, welche Rolle dieser "Große Unbekannte in der Bauhausgeschichte' ("Times Literary Supplement") gespielt hat. Der dezidierte Sozialist Meyer wollte das Bauhaus stärker sozial engagieren. Er hielt nichts von "geometrischen und stereometrischen Gebilden, lebensfremd und funktionsfeindlich", erweiterte den Lehrplan um die Fächer Photographie, Psychologie, Stadtplanung und Betriebswissenschaft und erklärte: "Bauen ist kein ästhetischer Prozeß... Bauen ist nur Organisation."
Nach nur zweijähriger Amtszeit wurde der radikale Schweizer - er arbeitete später, wie der deutsche Städtebauer Ernst May, zeitweilig in der Sowjet -Union - als Bauhausdirektor abgesetzt. Meyers Kommentar: "Ich wurde von hinten abgekillt... Die Bauhaus -Kamarilla jubelt. Die Dessauer Lokalpresse fällt in ein moralisches Delirium. Vom Eiffelturm stößt der Bauhauskondor Gropius herab und pickt in meine direktoriale Leiche, und an der Adria streckt sich W. Kandinsky beruhigt in den Sand: Es ist vollbracht."
Drei Jahre später hatten auch die Nationalsozialisten ihr Werk vollbracht. Meyers Nachfolger, der Architekt Ludwig Mies van der Rohe, versuchte noch 1932, das Bauhaus durch Entpolitisierung zu retten. "Die Weltbühne" damals: "Der neue Direktor hat das Amt eines Kommunistenreinigers übernommen."
Doch Ende September 1932 löste der nun von einer Nazi-Mehrheit beherrschte Rat der Stadt Dessau die "Hochschule für Gestaltung" auf. Als Gutachter hatte der NS-Kunstideologe Schulze-Naumburg ("Kunst aus Blut und Boden") fungiert. Im Sommer 1933 wurde die Schule, die sich in einer Telephonfabrik am Rande Berlins noch einmal - als Privatunternehmen - etabliert hatte, endgültig geschlossen.
"Ende des Bauhauses?" fragte damals die "Neue Leipziger Zeitung". "Gebe Gott, daß es nicht so ist, denn unser Bauhaus tut der Baukunst not, wie das liebe Brot dem Menschen."
Das Bauhaus war nicht tot. "Es lebt und wächst durch das Wirken derer, die es einst schufen", schrieb 1938 der Direktor des New Yorker "Museum of Modern Art", Alfred H. Barr, anläßlich einer Bauhaus-Retrospektive. An amerikanischen Kunstschulen und Universitäten lehrten emigrierte Ex-Meister, wie Albers, Marcel Breuer, Moholy-Nagy, lehrten der erste und der letzte Chef der Jahrhundert-Schule, Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe.
Das Bauhaus, resümierte Gropius, "hat nicht nur in europäischen Ländern, sondern in Nord- und Südamerika, in Australien und Asien - namentlich in Japan - Wurzel geschlagen".
Der Traum vom krönenden Gesamtkunstwerk, vom "Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens", erfüllte sich jedoch weder in der Alten noch in der Neuen Welt. Fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Versuch, die Umwelt der Menschen radikal zu verändern und den "Bau der Zukunft" zu errichten, erkannte Formreformator Gropius resigniert: "Wir werden noch immer von den Gewohnheiten einer vergangenen Welt beherrscht."
** Hans M. Wingler: Das Bauhaus". Verlag Gebr. Rasch & Co., Bramsche, und M. DuMont Schauberg, Köln; 556 Seiten; 145 Mark.
Bauhaus in Dessau, Bauhaus-Produkte (Teemaschine, Sessel, Schachspiel): Traum vom Gesamtkunstwerk
Bauhaus-Meister in Dessau*: Legenden um Formreformer
Bauhaus-Meister Itten
Die Kathedrale des Sozialismus ...
Bauhaus-Direktor Meyer
... wurde nicht gebaut
* Von links: Kandinsky (mit Ehefrau Nina), Muche, Klee, Gropius.

DER SPIEGEL 46/1963
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