27.11.1963

ÖSTERREICH / TOPLITZSEETod nach Mitternacht

Der Bauer Hermann Steinegger in Gößl, einem winzigen Gebirgsort im österreichischen Salzkammergut, wurde in der Nacht zum 29. April 1945 durch heftiges Klopfen aus dem Schlaf gerissen. Als er schlaftrunken die Tür öffnete, erblickte er SS-Männer. "Los", kommandierte einer der Schwarzuniformierten, "anspannen, zum Toplitzsee!"
Zwölfmal ächzte der Ochsenkarren des Bauern mit schweren Kisten, die von zwei Lastwagen umgeladen worden waren, zum nahen See. Dort ruderten
die letzten Getreuen Adolf Hitlers mit den Kisten hinaus und versenkten sie.
Seit jener Aprilnacht vor 18 Jahren spukte der geheimnisvolle SS-Schatz vom Toplitzsee in den Gehirnen von Schatzsuchern und Abenteurern. Die Kisten, so hieß es, hätten zu Barren umgeschmolzenes Zahngold, aus den Konzentrationslagern enthalten. Neben den Goldkisten seien auch Behälter mit geheimen Akten der NS-Führung im Toplitzsee versenkt worden.
Anlaß dieser Gerüchte war die Tatsache, daß der Toplitzsee in einem Gebiet liegt, das bei Kriegsende einer riesigen Schatzkammer glich: dem Alpenbecken von {Bad Aussee, 60 Kilometer südöstlich von Salzburg, das als provisorische Alpenfestung zum letzten Refugium des Hitlerreiches erklärt worden war.
Entdecker dieser Zufluchtstätte waren großdeutsche Kunstexperten, die Anfang 1944 den Auftrag hatten, einen Schatz zu verstecken, wie es ihn in solcher Anhäufung niemals zuvor in der Geschichte gegeben hatte: Die wertvollsten Kunstschätze Europas, von Fachleuten auf einen Gesamtwert von etwa vier Milliarden Dollar geschätzt, sollten vor Kriegseinwirkungen bewahrt werden.
Die Kunstschützer fanden ein ideales Versteck: die kilometerlangen Stollen des Salzbergwerkes von Altaussee. Die dort vorherrschende beständige Temperatur von sieben Grad Celsius und eine relative Luftfeuchtigkeit von etwa 75 Prozent erwiesen sich für die Lagerung empfindlicher Gemälde als sehr geeignet. Von Januar 1944 an rollten monatelang Zugladungen voller Kunstwerke nach Bad Aussee. Anfang 1945 befanden sich in den Salinen unter anderem:
- die Hitler-Sammlung für das geplante Reichsmuseum in Linz, die 6500 Gemälde umfaßte, darunter 17 Rembrandts und das Gros deutscher Meister des 19. Jahrhunderts;
- enteignete jüdische Sammlungen, darunter die Kollektionen- der Häuser Rothschild in Wien und Paris;
- über tausend Kisten mit Kunstschätzen, darunter der Genter Altar der Brüder van Eyck und die Marmor-Madonna von Michelangelo aus Brügge, die im Zuge der sogenannten Aktion Rosenberg in den besetzten Westgebieten beschlagnahmt worden waren;
- die von Göring entführten Schätze des Museums von Neapel und des Klosters Monte Cassino;
- die wertvollsten Stücke der Museen in Wien, unter anderem Gobelins aus Schloß Schönbrunn, aus München die gesamte Schackgalerie und - von der SS zusammengeraubte Kunstschätze aus Südosteuropa.
Im Frühjahr 1945 drohte das Ausseer Salzbergwerk zum Grab für diese wertvollsten Kunstsammlungen Europas zu werden: Der Gauleiter von Oberdonau August Eigruber ordnete an, die im Berg lagernden Schätze zu vernichten, um sie vor dem "Zugriff des Weltjudentums und der Bolschewisten" zu bewahren. Der Anschlag konnte von den Bediensteten der Saline nur dadurch verhindert werden, daß sie die Stolleneingänge sprengten.
Zur selben Zeit strömten ins Ausseer Land, in dem sonst 14 000 Bauern, Holzfäller und Salinenarbeiter wohnen, über 100 000 Menschen: braune Würdenträger,
wie Kaltenbrunner, Skorzeny und Eichmann, versprengte Wlassow-Krieger, SS-Einheiten, evakuierte Familien und Quislinge- aus den besetzten Gebieten.
Sie alle brachten eilig zusammengerafftes Fluchtgut mit, Gold, Geld und Schmuck. Je schneller sich der Krieg seinem Ende zuneigte, desto größer würden die aufgestapelten Besitztümer im Gebiet zwischen Aussee und Toplitzsee.
Einige Wochen später war der Spuk der Alpenfestung verflogen, die Kunstschätze aus den Salzstollen wurden ihren Eigentümern zurückgegeben. Geblieben aber war die Gier nach dem Geld und Gold, das Glücksritter aufgrund der SS-Versenkungsaktion des 29. April 1945 im Toplitzsee vermuteten.
Die Schatzsucher, die von weit her anreisten, ahnten nicht, was ein kleiner Kreis von Ortskundigen wußte, aber für sich behielt: Die Werte, denen das Interesse der Toplitzsee-Schatzsucher galt, waren längst an anderer Stelle aufgespürt worden:
- Sieben Kisten mit Kirchengold wurden im Salzbergstollen entdeckt und amerikanischen Besatzern übergeben.
- Drei Schatzkisten mit Münz- und Barrengold wurden im Hausgarten der Ausseer Residenz des Himmler-Stellvertreters Ernst Kaltenbrunner ausgegraben - ein amerikanischer Hauptmann bestätigte später den Empfang von 10 176 Goldmünzen.
- Adolf Eichmann hatte bei seiner Flucht aus Bad Aussee 22 Goldkisten vergraben; als offiziell danach geforscht wurde, fand man nur noch einige leere Kisten.
- Die Kriegskasse jener 6. Armee, die unter dem Befehl des SS-Generals Fabiunke in Aussee ihr Ende fand, leerten die Einheimischen - die 4,3 Millionen requirierten Reichsmark wurden zur Sanierung der Gemeindefinanzen verwendet.
- Mit 120 Kilogramm Rohmorphium, die aus den Beständen einer Sanitätseinheit im Ort verblieben waren, wurde in den Nachkriegsjahren ein
ergiebiger Rauschgifthandel betrieben.
Doch ahnungslose Schatzsucher, mit den Ortsgeheimnissen nicht vertraut, ließen sich immer wieder von dem vermeintlichen Schatz im Toplitzsee anlocken. Das Phantom forderte eine Reihe von Menschenleben.
Schon wenige Tage nach Kriegsende fand man am Toplitzsee-Ufer die Leichen von vier SS-Männern. Im Sommer 1945 versuchten amerikanische Militärtaucher, die von der SS versenkten Kisten zu bergen, doch das Unternehmen mußte abgebrochen werden, nachdem ein Taucher in dem eiskalten Bergsee ertrunken war. Die Chronik der Jahre zwischen 1946 und 1958 verzeichnet vier ungeklärte Todesfälle am Rand des Toplitzsees; die Verletzungen der Toten schlossen Bergunfälle aus.
Nicht glücklicher waren drei Schatzsucher, die sich in der Nacht zum 6. Oktober 1963 den Waldweg entlangtasteten, den 18 Jahre zuvor der Ochsenkarren des Bauern Steinegger mit den SS-Kisten gefahren war.
Wieder klatschte ein Boot, ins Wasser einige leise Anweisungen folgten, dann ließ sich ein Taucher in die Tiefe gleiten. Begierig warteten seine Begleiter auf die ersehnte Nachricht. Doch der Taucher kehrte nicht wieder zurück.
Nach stundenlangem Warten stolperten die mitternächtlichen Schatzsucher zum Auto und fuhren davon. Anderntags vermerkte der Portier des Parkhotels in Bad Aussee in eigenwilligem Deutsch auf drei Meldezetteln: "Gast ist nicht genächtigt."
24 Stunden später klärten der Bonner Augenarzt Dr. Karl-Heinz Schmidt und der ehemalige großdeutsche Abwehrmann Georg Freiberger aus Starnberg, Initiator der nächtlichen Aktion, das Rätsel des verschwundenen Gastes auf: Der technische Zeichner Alfred Egner, 19, ein renommierter Münchner Sporttaucher, war ich Toplitzsee ertrunken.
Der Tod des jungen Münchners aber bewog nun die österreichische Regierung, der Schatz-Legende amtlich auf den Grund zu gehen. Das Innenministerium in Wien befahl das Ausräumen dieses "Mülleimers des Dritten Reiches" ("Arbeiter-Zeitung").
Die Tieftaucher, die unter dem Schutz von 200 Polizisten den Grund des 100 Meter tiefen Sees absuchten, brachten am 31. Oktober die Leiche Alfred Egners an die Oberfläche.
Sonst fanden sie nur; was die Illustrierte "Stern" bei einer Tauchaktion vor vier Jahren auch entdeckt hatte: außer einigen Waffen Kisten mit Tausenden von gefälschten Pfundnoten und Dokumenten, die einst im Auftrag des Reichssicherheitshauptamtes (Deckname: "Unternehmen Bernhard") im Konzentrationslager Oranienburg, der großen Geld- und Dokumentenfälscherwerkstätte des Dritten Reiches, hergestellt worden waren.
Einer der besten Kenner der Vorgänge um den Toplitzsee, der in Bad Aussee lebende ehemalige SS-Obersturmbannführer Dr. Wilhelm Höttl, Verfasser eines Buches über das "Unternehmen Bernhard", ist denn auch fest überzeugt, daß der Schatz im Toplitzsee damit erschöpft ist (siehe Seite 72).
Höttl zum SPIEGEL: "Wer würde auch so dumm sein, Gold in einen abgrundtiefen See zu werfen? Gold vergräbt man."
Toplitzsee im Salzkammergut: Mülleimer des Dritten Reiches
Pfundnoten aus dem Toplitzsee
Das Gold wurde vergraben

DER SPIEGEL 48/1963
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