11.12.1963

KIRCHE / KARDINAL FRINGSDeutsche Welle

Leben heißt, sich verändern. Vollkommen sein heißt, sich oft verändert zu haben.
Kardinal Newman
Rot wie sein Gewand war sein Cäsarenkopf. Alfredo Ottaviani, 73, wortgewaltiger Kardinal der Kurie, zerknüllte sein Skript in zitternden Händen und suchte erregt nach lateinischen Vokabeln. Seine Stimme überschlug sich.
"Altissime", mit lautester Stimme, müsse er hier, in der Basilika des heiligen Petrus, vor über 2000 Bischöfen Protest erheben. Was soeben an "Schmähungen des Heiligen Offiziums", der obersten kirchlichen Glaubens- und Sittenbehörde, vorgebracht worden sei, lasse sich, "um keine härteren Ausdrücke zu gebrauchen", nur mit "Unwissenheit" erklären.
Objekt des klerikalen Zorns war Ottavianis Kardinals-Kollege Richard Joseph (früher: Josef) Frings, 76, Erzbischof von Köln, ranghöchster deutscher Katholik und einer von zwölf Präsidenten des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Versammlung aller katholischen Oberhirten.
Er hatte, in wohlgesetzter lateinischer Rede, den schärfsten Angriff vorgetragen, den je in diesem Jahrhundert ein Glied der römischen Kirche gegen die Kurie führte.
Unter dem Applaus der Mehrheit aller katholischen Bischöfe klagte der Kölner Kirchenfürst das von Ottaviani geleitete Heilige Offizium öffentlich an, der Kirche schweren Schaden zugefügt zu haben und "Nichtkatholiken ein Ärgernis" zu bieten.
Frings: Das Offizium - Nachfolgeinstitut der mittelalterlichen Inquisition - beschuldige und verurteile rechtgläubige Gelehrte, ohne ihnen oder ihren Bischöfen Gehör zu leihen. Theologische Bücher würden verboten, ohne daß der Autor den Grund erfahre.
Mit dieser in der jüngsten Kirchengeschichte beispiellosen Attacke gegen die Diktatur der autoritär herrschenden obersten Glaubenswächter durchbrach der Rheinländer - wie der Römer Ottaviani und die anderen Kardinäle nach katholischer Lehre "Sohn des Papstes" - eine jahrhundertealte Mauer des Schweigens.
An diesem Tage, dem 8. November 1963, hat der deutsche Kardinal Kirchengeschichte gemacht. Das katholische "Ruhrwort" verglich das Duell der beiden Papst-Söhne sogar mit dem biblischen Ereignis, "als Paulus in Antiochien den Petrus vor allen zur Rede stellte".
Die Kurienkleriker um Ottaviani aber setzten laut "Corriere della Sera" sogleich ein Wort des Papstes Pius IX. in Umlauf: "Erst wird ein Konzil vom Teufel, dann von Menschen, schließlich aber doch von Gott regiert." In den Seitenschiffen des Petersdoms und in vatikanischen Amtsstuben tuschelten die Ottavianer einander zu: Man sei wohl noch in der Phase des Teufels.
Für Gefolgsleute Ottavianis war der Verdacht, der transalpine Frings besorge die Geschäfte Beelzebubs, nicht so abwegig. Denn bis zu diesem Tage galt in der katholischen Kirche das ungeschriebene, aber sakrosankte Gesetz, daß die Tätigkeit des Heiligen Offiziums jenseits jeder Kritik zu bleiben habe. Im Schutz dieses Tabus konnten die Glaubens- und Sittenrichter, deren Behörde bis 1908 mit der Inquisition auch den Namen gemeinsam hatte, an mittelalterlichen Methoden festhalten.
Zudem sah Ottavianis Behörde, die bislang rigoros Theologen richtete und dabei Karrieren und Existenzen zerstörte, nun auch neue Machtansprüche gefährdet: Ottaviani wollte als Chef der theologischen Konzilskommission auch über die Entscheidungen des Konzils sein "Urteil" (Frings) fällen. Die Resolutionen der Bischofsversammlung waren in seinen Augen kaum minder überwachungsbedürftig als theologische Schriften. Fragte Frings: "Bedeutet denn die fast einmütige Zustimmung der Väter nichts?"
Gerade diese "fast einmütige Zustimmung" aber war es, die dem römischen Kardinal bewies, daß er und seine Getreuen in die Minderheit gedrängt waren. Erbittert über den Beifall der Bischöfe für seinen deutschen Amtsbruder wetterte er gegen Frings wie gegen einen lutherischen Ketzer.
Nach dem "Kampf der Titanen" ("Deutsche Tagespost") hielt es viele Bischöfe nicht auf den Sitzen. Sie eilten an die beiden Konzilbars (Frings: "Die Güte des Heiligen Vaters hat in den Seitengängen zwei Erfrischungsstätten einrichten lassen") und besprachen das Ereignis: nicht nur die Kontroverse der beiden Kardinäle, sondern auch die erstaunliche Wandlung des rheinischen Oberhirten.
21 Bischofsjahre hatten Frings zum scheinbar erstarrten Symbol für den deutschen Katholizismus gemacht, der vergangenen Zeiten nachtrauert, weil sie katholischer waren als die Gegenwart.
Zwei Konziljahre aber genügten, um denselben Mann zum Symbol für den Erneuerungswillen der Kirche zu wandeln - einer Kirche, die im Konzil das Getto verlassen will, in das sie sich vor der unchristlich gewordenen Welt geflüchtet hat.
An jenem 8. November rettete Frings, der bis zum Konzil als Traditionalist gegolten hatte, die Bischofsversammlung, die am Fortschritts-Haß Ottavianis zu scheitern drohte: Der mächtigste Kardinal der römischen Kirche wollte seine Theologische Kommission praktisch zur zweiten Instanz neben und über dem Konzil machen. Ein Parlament von über 2000 Oberhirten, das seine Beschlüsse von einem Kardinal der Kurie überprüfen und korrigieren läßt, wäre im Vatikan aber so überflüssig wie in Moskau der Oberste Sowjet.
Kölns Frings entschied sich für den Kampf in offener Arena. Er schlug im Petersdom Töne an, die konservativen wie einfältigen Katholiken als schiere Revolution erscheinen mußten.
Vor allem im tiefschwarzen deutschen Süden verwirrte das Dom-Duell zwischen Frings und Ottaviani nicht wenige Gläubige, denen bis dahin die Eintracht ihrer Oberen so selbstverständlich war wie der sonntägliche Kirchgang. Die Redaktion des "Passauer Bistumsblatts"
hielt es deshalb für notwendig, in der Rubrik "Wir sprechen uns aus" Leser zu beruhigen, die von Glaubensskrupeln ("Was ist denn nun eigentlich wahr?") heimgesucht wurden und meinten, "wir müßten uns eigentlich schämen, wenn wir in der Presse lesen, wie sich Kardinal Frings und Kardinal Ottaviani vor aller Welt die Meinung sagten".
Solchen Skeptikern hat Frings schon vor einem Jahr mit dem Wort eines vorchristlichen Griechen geantwortet: "Der Kampf ist der Vater aller Dinge."
Die fromme Bestsellerautorin Luise Rinser ("Die vollkommene Freude")
erklärte die Progressivität des alten Kämpfers damit, daß Frings das Augenlicht fast verloren hat: Seine Blindheit "zwingt ihn zu äußerster Konzentration und macht ihn hellhörig nach innen und außen. Darum hört er auch schärfer als viele andere die Notrufe der Zeit".
Der Kardinal selbst: "Die Bischöfe ... sind als Konzilväter nicht Gehorchende, sondern zusammen mit dem Papst Gesetzgebende, und es ist nicht zu verwundern, daß manche, die sich im Gehorsam gegen den römischen Papst von niemandem übertreffen ließen, jetzt in dieser neuen Situation fortschrittliche und freiheitliche Ansichten vertreten."
Mit diesem Satz entschlüsselt der Kirchenfürst das Geheimnis, das der Konzilvater Frings Kennern des Kölner Erzbischofs Frings aufgibt. Eben der strikte Gehorsam gegen den Papst, in dem tatsächlich kein Katholik den Kölner zu übertreffen vermag, erklärt die Wandlung des zu Pius-Zeiten streng konservativen Oberhirten zu einem zumindest in Rom Progressiven.
Johannes XXIII. brachte seiner Kirche ein "neues Pfingsten" (Erzbischof Bengsch, Berlin) und einen neuen Frings. Ein Wort des Kardinals kann auf ihn selbst gemünzt werden: Seine Wandlung zählt zu den "Dingen, die man sich unter dem Pontifikat Pius' XII. gar nicht hätte vorstellen können".
Auch mit dem Johannes-Nachfolger Paul VI. glaubt sich der Kardinal einig. Seinen Marsch auf die römische Festung Ottavianis sieht er durchaus im Einklang mit den Forderungen des derzeitigen Heiligen Vaters:
- gründliche Reform der gesamten
Kurie;
- Delegation von Vollmachten, die bisher bei Vatikan-Ministerien lagen, an die Bischöfe;
- Kirchen-Regierung mit Hilfe eines neu zu schaffenden Senats von Bischöfen.
Bei einer Audienz am Tage vor der Kontroverse zwischen Frings und Ottaviani versicherte Paul VI. den von dem Kölner angeführten deutschen Bischöfen überdies, er halte Reformen in der Kirche für unabdingbar und stehe deshalb ganz auf der Seite des deutschen Episkopats. Erinnert sich Regensburgs Bischof Graber: "Eigentlich war es noch schöner als bei Johannes XXIII."
Und am vergangenen Mittwoch beendete der Montini-Papst die zweite Sitzungsperiode des Konzils mit einem Hinweis, der wegen der Ankündigung einer Pilgerreise ins Heilige Land vielfach kaum beachtet wurde: Die Betonung des Bischofsamtes stehe mit Recht im Vordergrund des Konzils, das im September nächsten Jahres fortgesetzt und wahrscheinlich noch 1964 beendet wird.
In den neun Monaten bis zur nächsten Konzilsitzung wird dem Kölner, der mit Mozart-Schallplatten im Gepäck nach Rom reiste, wenig Zeit für musische Mußestunden bleiben.
Wie seine geistige Haltung, änderte Frings in letzter Zeit auch seinen Lebensstil. Theologische Gespräche, denen er früher problemlose Konversation mit Freunden vorzog, führt er neuerdings häufig, um seinem Widersacher Ottaviani gewachsen zu sein.
Jahrzehntelang las der geistliche Herr die Dramen Shakespeares mindestens ebenso gern wie die Texte der Kirchenväter. Auch bei Musik von Mozart, Strawinski und Hindemith erholte sich Frings von seinen Amtsgeschäften. Früher geigte er selbst, am liebsten im Quartett.
In privatem Kreis wirkt der Kardinal seit jeher weltoffener als es seine oft militanten öffentlichen Reden vermuten lassen. Bei Moselwein und Zigarillos pflegt er Kontakt zu Freunden, die ihm auch unfromme Witze erzählen dürfen. Nie gibt sich Frings als auf Distanz bedachter Kirchenfürst. Sein Arbeitszimmer ist modern und nicht verschwenderisch eingerichtet. Das antike Mobiliar in anderen Räumen seines 1956 bezogenen neuen Palais wurde ihm ebenso geschenkt wie das "japanische Zimmer", das er seinen Gästen gern zeigt.
Wie sein Konzil-Gegenspieler Ottaviani, der ebenfalls an einer Augenkrankheit leidet, ist der fast erblindete Frings mehr denn je auf seine Umgebung angewiesen. Sein wichtigster Berater in Konzilfragen aber ist einer der begabtesten deutschen Reform-Theologen: der frühere Bonner und heutige Münsteraner Professor Joseph Ratzinger, 36. Aus vielen Gesprächen mit dem halb so alten Gelehrten gewann der Kardinal jene theologisch fundierte Überzeugung, die er heute im Konzil vertritt.
Auch diese Aufgeschlossenheit für theologische Probleme überraschte viele alte Frings-Kenner. Der geistlichen Wissenschaft hatte sich Frings ein Priesterleben lang nie in besonderem Maße gewidmet - im Gegensatz etwa zu dem deutschen Kurienkardinal Augustin Bea, der ein Wissenschaftler von Rang war, bevor Johannes XXIII. ihm das Sekretariat für die Einheit der Christen übertrug und Bea einer der progressiven Sprecher auf dem Konzil wurde.
Der geborene Neußer Frings verdankt seine Karriere weder wissenschaftlichen Leistungen noch adliger Herkunft, wie viele seiner Vorgänger auf dem Kölner Bischofsthron. Frings mußte sich den Aufstieg in das Kardinalskollegium und damit in die Päpstliche Familie als Seelsorge-Praktiker erdienen.
Einer "heiligen Familie" gehört er freilich schon seit seiner Geburt an. Dieses Prädikat gab der Neußer Volksmund den Besitzbürgern Werhahn, Kallen und Frings, die schon vor Jahrhunderten als erzkatholisch galten.
Mit den millionenschweren Werhahns verbindet die Frings-Sippe allerdings nur die Entscheidung der Großväter Frings und Werhahn, je eine Kallen -Tochter zu heiraten. Dazu Joseph Frings, der in seiner Sippe "dat Jüppche" genannt wird: "Wir sind der ärmere Zweig der heiligen Familie." Alliierte Bomben zerstörten die väterliche Baumwollweberei; die Firma "Frings & Frowein" wurde liquidiert.
Auf dem Neußer Gymnasium lernte Frings, wie er sich später erinnerte, "ein blankgeputztes Christentum". Mit einigen seiner Klassenkameraden (von 37 studierten 15 Theologie) hält er noch heute Kontakt.
Seinem Schulfreund Alfred Polletz*, der eine nach katholischer Lehre verbotene Mischehe eingegangen war und seine Kinder evangelisch erziehen ließ, erwies der Kardinal unlängst einen letzten Dienst. Gekleidet wie ein schlichter Priester, fuhr der Kirchenfürst in einem Taxi zu Polletz, um dem Sterbenden die Absolution zu erteilen. Polletz war schon tot, als der Kardinal kam; er wurde auf Geheiß seines prominenten Freundes dennoch kirchlich beerdigt.
Lange Zeit blieb Frings-Bruder Heinrich der einzige Webersohn, der Karriere gemacht hatte: Er wurde Reichsgerichtsrat in Leipzig**. Bruder Joseph dagegen war mehr als zweieinhalb Jahrzehnte lang einfacher Priester, dessen Welt an den Grenzen seines Sprengels zu enden schien.
Sein erstes Priesteramt erhielt Frings 1910 im Kölner Arbeiterviertel Zollstock. Auch zwei Studienjahre in Rom und Freiburg trugen dem Kaplan keine reputierlichen Ämter ein. 1915 wurde Frings Pfarrektor im ländlichen Kölner Vorort Fühlingen, 1922 Rektor des Waisenhauses in der Vaterstadt Neuß und 1924 Pfarrer im Kölner Villenviertel Braunsfeld.
In Braunsfeld hatte er zum erstenmal mit dem damaligen Oberbürgermeister Konrad Adenauer zu tun, der seine Kinder auf die angesehene Braunsfelder Schule schicken wollte. Weil er aber nicht in dem Distrikt wohnte, brauchte er dazu die Genehmigung des Pfarrers Frings. Doch vergebens hoffte der Hochwürdige Herr auf einen Bittgang des Stadtvaters.
Frings: "Ich freute mich schon darauf, daß der etwas eigenwillige Bürgermeister sich bei mir die Erlaubnis holen mußte ... Aber es kam anders. Während der großen Ferien nahm der Kölner Bürgermeister Adenauer eine Neueinteilung der Schulbezirke der Domstadt vor, die so ausfiel, daß nunmehr auch seine Wohnung zum Braunsfelder Schulbezirk gehörte, so daß das Bittgesuch an mich also ins Wasser fiel."
Das Verhältnis zwischen dem Alt -Kölner Adenauer und dem Neu-Kölner Frings blieb bis heute kühl. Auch den Kardinal pflegt Adenauer lässig mit "Tach, Herr Frings" zu begrüßen. Der Kirchenfürst auf die Frage, warum er sich nicht mit ähnlicher Anrede revanchiere: "Meinem Beruf wohnt eine gewisse Großzügigkeit inne."
Als Frings, seltener Gast im Palais Schaumburg, zum 80 Geburtstag des Kanzlers nach Bonn kam, tauschte Adenauer mit dem geistlichen Gast nur einige Floskeln aus, dann widmete er sich anderen Gratulanten. Der Kardinal retirierte mit dem Protestanten Pferdmenges zum Plausch in den Hintergrund.
Den Familienfeiern der Adenauers bleibt Frings fern. Scherzte der Kardinal: "Ich gehöre ja schließlich nicht zum Hofstaat des Herrn Bundeskanzlers." Distanz halten die beiden Katholiken, obwohl Frings einst in Braunsfeld die Adenauer-Kinder Paul (heute Monsignore) und Lotte (heutige Multhaupt) in Religion unterwies.
Während seiner Braunsfelder Zeit war Frings im unweit der Kirche gelegenen Neptun-Bad Mitte der dreißiger Jahre häufig gesehener Gast. Handtuch-Dialog mit einem weltlichen Mitschwimmer: "Sind Sie nicht der erste Geiger vom Café Germania?" Frings: "Das bin ich nicht, aber ich werde demnächst anderswo die erste Geige spielen."
Bald darauf wechselte der sportliche Neu-Kölner vom Neptun- ins Hohenstaufen-Bad und von seiner Braunsfelder Pfarrei in das Erzbischöfliche Priesterseminar über, dem er von 1937 bis 1942 als "Regens" vorstand. Zu wissenschaftlichen Ehren gelangte Frings allerdings nicht. Das einzige Werk, das er in seiner vorbischöflichen Zeit verfaßte, blieb seine Doktorarbeit. Professoren und Seminaristen mißfiel zuweilen die Strenge des Chefs, der so gefährliche Bücher wie Nietzsches "Zarathustra" oder Luthers Kleinen Katechismus
nicht einmal zu Studienzwecken freigeben wollte.
Mit seinem Regens-Posten hatte Frings Chancen für den Bischofsthron gewonnen. Zahlreiche Geistliche wechselten aus "Regens"- oder "Subregens' -Ämtern in bischöfliche Residenzen über.
Nach dem Tode des Erzbischofs Karl Joseph Kardinal Schulte am 10. März 1941 erhielt Frings eine Chance: Das Kölner Domkapitel, der Senat des Erzbischofs, und die Bischöfe der Nachbardiözesen setzten ihn auf die Kandidatenliste, die an den Heiligen Stuhl ging. Pius XII. wählte drei Anwärter aus, und in geheimer Wahl entschieden sich die Domkapitulare für Frings. Anschließend holten sie bei der NS -Reichsregierung das vorgeschriebene Plazet ein. Am 1. Mai 1942 schließlich wurde Frings Oberhirte der - nach Mailand - größten Diözese der Welt.
Der mit Zustimmung der Hitlerregierung ernannte Erzbischof machte der politischen Obrigkeit bald zu schaffen. Öffentlich verwahrte sich der oberste Kölner Katholik dagegen, daß jemand seiner Güter oder gar seines Lebens beraubt werde ... weil er einer fremden Rasse angehört".
Dennoch begehrte der Oberhirte nicht so gegen das NS-Regime auf wie der Münsteraner Graf von Galen oder der Berliner Graf von Preysing. Frings
zählte eher zu den "prominenten Mitgliedern der Kirche", von denen er 1963 rückschauend sagte, sie hätten "nicht so offen gesprochen" wie die beiden Grafen auf Bischofsthronen, dafür aber "viele Dinge im Stillen geordnet".
Als der Bombenkrieg begonnen hatte und der Erzbischof den Stahlhelm häufiger überstülpte als seine Mitra, zog sich Frings auf jene karitative Arbeit zurück, die ihn populär machte.
Im Frühjahr 1945, als die Alliierten in das von ihnen zerstörte Köln einzogen, wurde Frings zum prominentesten Not-Helfer. Mit seiner Silvesterpredigt 1946, die bis zu seiner Konzil -Intervention 1963 seine berühmteste Rede blieb, erleichterte er seinen Gläubigen das Gewissen. Der Erzbischof verkündete von der Kanzel, daß "in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann".
Als katholische Moraltheologen und englische Besatzer protestierten, ließ Frings der gedruckten Fassung seiner Predigt eine Fußnote beigeben: Sein Freibrief gelte natürlich nur für Fälle "höchster oder quasi-höchster Not". Außerdem ließ er verbreiten, er habe vor allem an die Kohlen auf den alliierten Zügen gedacht.
Fringsens umstrittener Aufruf fand Eingang in das "Wörterbuch der deutschen Umgangssprache", Band 1, Seite 179: "Fringsen (intransitiv): in der Not zur Selbsthilfe greifen ... Bezieht sich auf eine Äußerung des Kölner Kardinals Frings zwischen 1945 und 1948 ... Vor allem rhein(isch) ..."
In den Jahren ohne weltliche deutsche Obrigkeit machte sich der geistliche. Frings zum Sprecher der Nation. Er protestierte gegen Todesurteile der Alliierten und Demontagen, plädierte für die Erhaltung der Kruppwerke ("Diese Firma und diese Familie haben immer ein soziales Verständnis gezeigt"), verhandelte mit englischen Hochkommissaren und amerikanischen Generälen. Er schickte Priester nach Bayern und ließ sie dort "Kartoffelpredigten" (Frings) halten, und auch er selbst kehrte von Reisen nach England, Kanada und Italien nie ohne Spenden zurück.
Als der Kardinal dann aber von karitativen zu politischen Taten überging, stieß er auf jene Grenzen, die militanten Klerikern in demokratischen Staaten gesetzt sind.
Frings träumte in den ersten Nachkriegsjahren zweifellos von einem katholischen Europa, von einer deutschen Staatspartei mit katholischem Programm, einem bundesdeutschen Grundgesetz mit katholischen Paragraphen und vor allem von einem katholischen Köln.
Mehrfach erinnerte der Kardinal damals an mittelalterliche Idealzustände, als noch "der Papst als das geistliche Haupt und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als das weltliche Haupt der Christen fungierten".
Und noch im Jahre 1948 gab Frings der 700-Jahr-Feier des Kölner Doms das Programm, es solle "für einige Tage das 'christliche Abendland' des 13. Jahrhunderts wieder erstehen".
Aber in der Zeit Charles de Gaulles blieb der Traum vom "Reich Karls des
Großen in moderner Form" (Frings) unerfüllt.
Schneller noch als die europäischen Höhenflüge stoppte der Kölner Kirchenfürst einen Exkurs in parteipolitische Niederungen. Im November 1948 trat er in die CDU ein, im Mai 1949 verließ er sie wieder.
Den Austritt begründete der Christdemokrat auf Zeit mit dem Reichskonkordat, das Geistlichen die politische Betätigung verbiete. Das Konkordat war allerdings nicht erst 1949, sondern schon 1933 In Kraft getreten, und der Kardinal hatte nach Kriegsende die Gültigkeit dieses Vertrages mehrfach betont.
Des Kardinals Partei aber blieb die CDU, auch ohne Mitgliedsbuch im erzbischöflichen Portefeuille, bis heute. Frings-Kommentar zu dem Triumph der CDU und der CSU bei den Bundestagswahlen 1953: "Sieg der gesunden Vernunft, des christlichen Gedankens, der überragenden Persönlichkeit (Adenauers)." Die SPD ist nach Meinung
des Kirchenfürsten keine Partei, der ein Katholik seine Stimme geben darf.
Die Abneigung gegen die Sozialdemokraten rührt von einem päpstlichen und von dem ersten bundesdeutschen Dokument her: 1931 verdammte Pius XI. den Sozialismus aller Schattierungen, und 1949 verhinderte die SPD im Parlamentarischen Rat die von Frings geforderte Bestimmung im Grundgesetz, die Eltern dürften den religiösen Charakter der staatlichen Schulen bestimmen.
Gemeinsam mit allen anderen Erzbischöfen und Bischöfen protestierte Frings ("Vergewaltigung des Gewissens") damals. Alle Katholiken habe man "aufs schwerste gekränkt", und das Grundgesetz sei "mit einem schweren Makel behaftet". Den "Makel" trägt es noch heute.
Nicht einmal der Wunsch nach einem katholischen Köln wurde dem Kardinal erfüllt. Jeder dritte Bürger des "deutschen Rom" (Frings) ist evangelisch, und zwei von drei Kölner Katholiken fehlen sonntags in der Kirche. Der Oberhirte, in seiner Erzdiözese Herr über 2,4 Millionen Katholiken, regiert in Wahrheit allenfalls eine knappe Million Gläubige. Die übrigen zahlen nur Steuern.
Um die lauen, nur Kirchensteuer zahlenden Christen wirbt der Oberhirte auch in Annoncen, aber zugleich schokkiert er viele durch seinen Kampf gegen alles, was nicht präzise dem katholischen Weltbild entspricht.
Frings protestierte nicht nur - selbstverständlich - gegen Arbeit am Sonntag und Fleisch am Freitag, sondern auch gegen christliche Gemeinschaftsschulen ("Kümmerformen religiöser Erziehung") und gegen das kommerzielle Fernsehen, gegen den Knef-Film "Die Sünderin" und gegen Hochhuth, gegen den "Irrglauben an einen ewigen Fortschritt" und gegen die "falsche Verhimmelung des Leibes und des Leiblichen" auf den Bildschirmen, gegen die Empfängnisverhütung und gegen die kommerzielle Werbung ("Immer stärker werdende Hemmungslosigkeit"), gegen schlagende Verbindungen und gegen die Gewerkschaft "Erziehung und Wissenschaft", gegen Musikberieselung zur Fastenzeit ("Laßt nicht wahllos vom Morgen bis Abend das Radio laufen") und gegen sozialistische "Jugendweihe" im stadteigenen- Kölner Gürzenich ("Skandal").
Aber auch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Kardinal Reformen nicht gänzlich verschlossen. Auf sozialem Gebiet gehen seine Forderungen sogar weiter als es nicht wenige konservative CDU-Politiker und Industrielle für opportun halten. Seit Jahren erklärt Frings, das Eigentum müsse gerecht verteilt werden, und weitere soziale Reformen seien geboten.
Alljährlich einmal, am Vorabend des 1. Mai, erläutert der Kölner die sogenannten Sozial-Enzykliken der Päpste Leo XIII, Pius XI. und Johannes XXIII. Dabei rühmt er nicht selten einen deutschen Amtsbruder, den Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler (1811 bis 1877). Ihm und anderen "Avantageurs" sei es zu danken, daß "die Entwicklung nicht zum großen Kladderadatsch, nicht zur sozialen Revolution geführt hat" (Frings).
Noch vor den römischen Päpsten hatte der deutsche geistliche Freiherr eine katholische Soziallehre entwickelt, in der er der Kirche empfahl, sich nicht nur mit der Verteilung milder Gaben zu befassen, sondern energisch Reformen
anzustreben. Sozial-Papst Leo XIII. über Ketteler: "Mein großer Vorgänger."
Der Kölner Frings versagte sich bislang jeden Hinweis darauf, daß der Mainzer Ketteler, der zunächst Jura studierte und als Korpsstudent bei der Mensur ein Stück seiner Nase verlor, ihm auch auf einem anderen Weg mutig vorangegangen war: Ketteler gehörte gemeinsam mit den meisten anderen deutschen Oberhirten auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70 zu den Verfechtern größerer Bischofsrechte gegenüber Papst und Kurie.
An die Rolle der Deutschen auf dem Ersten Vaticanum wird von ihren heutigen geistlichen Landsleuten freilich nur selten öffentlich erinnert. Grund: Damals gehörten die Deutschen zu der Konzilminderheit, die gegen die von Papst Pius IX. unterstützte Mehrheit opponierte.
Dem Kirchenmonarchen und seinen Anhängern gelang es auf jenem Konzil,
die Vorrechte des Papstes als Dogmen zu verkünden: Der Papst besitze die höchste, uneingeschränkte Jurisdiktionsgewalt über die gesamte Kirche und über jeden Gläubigen, also auch über jeden Bischof. Ferner gilt der Papst als unfehlbar, wenn er kraft seines Amtes für die gesamte Kirche Lehrentscheidungen fällt. Die Zustimmung der Bischöfe braucht er dafür nicht.
Ketteler und die anderen Bischöfe der Minorität erhoben auf dem Ersten Vatikanischen Konzil jene Forderung nach mehr Rechten für die Bischöfe, die bis zum heutigen Tage nicht erfüllt worden ist. Erst hundert Jahre später, auf
dem Zweiten Vatikanischen Konzil, werden sie von Frings und anderen Deutschen, die nun vom Papst und der Mehrheit der Oberhirten unterstützt werden, wieder gestellt.
Die Unterschiede in den Auffassungen zwischen dem Konzil-Papst Pius IX. und den Konzil-Päpsten Johannes XXIII. und Paul VI. deutete der derzeitige Heilige Vater am vergangenen Mittwoch an. Während die Beschlüsse des ersten Vaticanums mit der Formel "Pius IX. nach Zustimmung des Konzils" begannen, entschied sich Montini für die kollegialere Formel "Paul VI. in Gemeinschaft mit den Konzilvätern", die er den beiden ersten Konzilbeschlüssen über die Liturgie und über die "Massenmedien" voranstellte.
Vor dem Ersten Vatikanischen Konzil hatten 14 deutsche Oberhirten, darunter Ketteler und der Kölner Erzbischof Melchers, im September 1869 einen Warnbrief an den Papst geschrieben:
"Wir ... müssen gestehen, daß wir selbst, soweit Deutschland in Betracht kommt, die gegenwärtige Zeit für weniger geeignet halten, die Unfehlbarkeit des Papstes zu definieren." Es sei zu befürchten, daß "ein nicht geringer Teil der Gläubigen im Glauben irre" werde.
In der Ewigen Stadt wurde Ketteler denn auch hinter den Konzilkulissen aktiv. Er ließ eine Streitschrift drukken, in der dem Papst das Recht bestritten wurde, "allein unabhängig von jeder Mitwirkung und jeder
Zustimmung seiner (bischöflichen) Brüder und der Kirche der höchste und unfehlbare Richter zu sein".
Als die Broschüren in Rom eintrafen, wurden sie von Beamten der Kurie beschlagnahmt. Ketteler protestierte beim Kardinalstaatssekretär, und der Papst selbst antwortete ihm. Pius IX. ("Diese Schrift ist gegen mich geschrieben") fragte den renitenten Mainzer, ob er denn im päpstlichen Hause den Feinden des Papstes Waffen in die Hände geben wolle.
Ketteler verteilte die Broschüren trotzdem und zog auch in der Konzilaula gegen die einseitige Definition der päpstlichen Vorrechte zu Felde. Er griff zu einem biologischen Vergleich: Das Haupt sei im menschlichen Organismus das höchste Glied wie der Papst in der Kirche, und trotzdem könne es nicht ohne die anderen Glieder handeln - wie auch der Papst nicht ohne die Bischöfe Entschlüsse fassen dürfe.
Dazu der papstfromme Konzilchronist Theodor Granderath: "Kann das Haupt nicht denken und Entschlüsse fassen,
ohne daß die Füße mit ihm denken und Entschlüsse fassen?"
Immerhin erreichten Ketteler und seine Anhänger, daß dem Kapitel über den Primat des Papstes ein Satz über die Rechte der Bischöfe eingefügt wurde: Die unmittelbare Jurisdiktionsgewalt des Papstes solle der bischöflichen Gewalt "keinen Eintrag" tun.
Die Opposition gegen das Unfehlbarkeits-Dogma hingegen blieb gänzlich vergebens. Als Ketteler sah, daß ihm in der Konzilaula keine Chance blieb, entschloß er sich zu einem letzten Schritt. Gemeinsam mit dem Münchner Erzbischof Scherr und vier anderen Bischöfen ging er zum Papst und bat, in das Unfehlbarkeits-Dogma solle wenigstens eingefügt werden, der Papst könne bindende Lehren nur verkünden, wenn die Bischöfe ihnen zuvor zugestimmt hätten.
Ketteler warf sich vor Pius IX. auf die Knie: "Guter Vater, retten Sie uns und retten Sie die Kirche Gottes!"
Doch der Heilige Vater blieb hart. Gemeinsam mit anderen Unfehlbarkeits -Gegnern beschlossen die deutschen Bischöfe, Rom unverzüglich zu verlassen und nicht mit über die Papstdogmen abzustimmen. Der Bamberger Erzbischof Deinlein hoffte, "durch unsere gemeinsame Entfernung doch noch eine Änderung des Beschlusses im Inneren Seiner Heiligkeit zu erwirken".
Doch weder an diesem Ort noch im Innern des Petersdomes änderte sich etwas. Die Konzilmehrheit - nun allein in der Aula - beschloß die Dogmen. "Allenthalben im deutschen Land" - so Konzilchronist Granderath - wurde "das Unfehlbarkeitsdogma zur Kriegslosung".
Während Ketteler und der Kölner Erzbischof Melchers sich schon wenige Tage später den Konzilbeschlüssen unterwarfen, blieben einige andere deutsche Bischöfe zunächst noch zum Widerstand entschlossen.
Der Breslauer Fürstbischof Förster hielt es für "fast unmöglich, jetzt für Rom und den Papst in die Schranken zu treten", und erwog ebenso wie der Rottenburger Hirte Hefele den Verzicht auf sein Bischofsamt. Hefele: "Ich kann Unrecht haben, aber ich will als ehrlicher Schwabe in die Grube fahren, lieber als daß ich aus Menschenfurcht falsches Zeugnis gebe."
Die Kurie und der Papst selbst griffen zu zweifelhaften Druckmitteln. In Hefeles Diözese Rottenburg konnten katholische Brautpaare nicht heiraten, weil dem renitenten Schwaben die vorgeschriebenen Vollmachten verweigert wurden. Und der ebenfalls aufsässige. Prager Erzbischof und Kardinal Schwarzenberg bat den Papst vergebens um das Plazet für ein Amtsgeschäft. Pius IX. an Schwarzenberg: Er wolle der Bitte "gern willfahren", doch "wäre es Uns sehr willkommen, wenn Du vorher die dogmatische Konstitution (des Konzils) verkünden würdest".
Erst neun Monate nach den Konzilbeschlüssen hatten alle deutschen Bischöfe die Dogmen in ihren Diözesen veröffentlicht und damit nach Ansicht des unbeirrbaren Jesuiten Granderath "ein ausgezeichnetes Beispiel echt katholischer Auffassung und edeln Sinnes" gegeben.
Doch diese katholische Gesinnung wurde alsbald auf eine harte Probe gestellt. Bismarck erkannte die fatale Lage der deutschen Kleriker und zwang die katholischen Bischöfe, sich eben zu den
römischen Beschlüssen zu bekennen, die sie so lange bekämpft hatten.
In einer "Circular-Depesche" vom 14. Mai 1872 befand der Reichskanzler, aufgrund der "Bestimmungen über die Unfehlbarkeit und die Jurisdiktion des Papstes" sehe er, Bismarck, in den Bischöfen nunmehr nur noch "seine (des Papstes) Werkzeuge, seine Beamten ohne eigene Verantwortlichkeit".
Die Bischöfe protestierten: Die Behauptungen Bismarcks "entbehren der Begründung". Doch der Kanzler blieb bei seiner Ansicht und bestritt das Recht des Papstes, sich über seine "Werkzeuge" in innerdeutsche Angelegenheiten zu mischen. In einer jahrelangen Auseinandersetzung, die als Kulturkampf in die Geschichte einging, zog er die Konsequenzen:
Preußen brach die Beziehungen zum Heiligen Stuhl ab, nahm der katholischen Kirche per Gesetz ihren Einfluß auf die Schulen und hob die von dem Vatikanischen Konzil beschlossene päpstliche Jurisdiktion für Preußen auf.
Sein Ziel, eine von Rom unabhängige katholische Nationalkirche, erreichte Bismarck jedoch nicht. Nachdem der Konzil-Papst Pius IX. von dem weltoffeneren Leo XIII. abgelöst worden war, wurde der offene Zwist zwischen Preußen und Katholiken mit päpstlicher Hilfe beendet.
Seine Meinung über die zu päpstlichen "Beamten" degradierten Bischöfe korrigierte Preußens Kanzler aber nicht. Und bis auf den heutigen Tag blieben Bismarcks Gedanken in der Erinnerung auch vieler Katholiken lebendig.
"Innerhalb und außerhalb der Kirche", so gestanden die renommierten
katholischen Theologieprofessoren Karl Rahner und Joseph Ratzinger 1961 in einem Buch "Episkopat und Primat" ein, sei immer noch die Ansicht weit verbreitet, die Bischöfe amtierten nur als "Beamte, Funktionäre des Papstes".
In den neun Jahrzehnten zwischen dem Ersten und dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden die Papstkritiker in dieser Meinung durch die Praxis der römischen Zentrale noch bestärkt.
Die Kongregationen (die Ministerien des Vatikans) beriefen sich immer häufiger darauf, im Namen des Papstes zu handeln. Jahr für Jahr ergießt sich aus den vatikanischen Amtsstuben eine
Flut von Direktiven in die bischöflichen Residenzen.
Auch nebensächliche Entscheidungen, wie die Aufteilung der Pfarreien oder die Änderungen von Terminen kirchlicher Feste, müssen sich die Bischöfe stets von einer Vatikaninstanz genehmigen lassen.
Diese Praxis führt zwangsläufig dazu, daß auch untergeordnete Beamte der Kurie auswärtige Exzellenzen oft wie "subalterne Beamte der Provinz" (Rahner) behandeln.
Gleichwohl hielten es fünf Heilige Väter nicht für notwendig, die Rechte der Bischöfe zu fixieren: Das Konzil von 1869/70 wurde weder - wie ursprünglich geplant - fortgesetzt, noch wurde ein neues einberufen.
Zahlreiche Oberhirten fanden sich mit ihrem minderen Status ab. Sie beschränkten sich darauf, die römischen Weisungen auszuführen. Auch unter Katholiken entstand der Eindruck, die Bischöfe füllten ihr Amt hinreichend aus, "wenn sie Papstworte, von Bullen und Enzykliken bis zu Ansprachen vor
römischen Pilgergruppen, rezitierten", wie der angesehene Schweizer Priestergelehrte Otto Karrer bedauernd feststellte.
Nur wenige katholische Theologen - unter ihnen in den letzten Jahren mehrere deutschsprachige Gelehrte wie Rahner, der heutige Frings-Berater Ratzinger und Hans Küng (Tübingen) bemühten sich darum, einen Widerspruch zu erklären, der Nichtkatholiken bis heute unlösbar scheint:
Die Bischöfe sind zwar nach katholischer Lehre Nachfolger der Apostel und haben wie diese ihr Amt kraft göttlichen Rechts. Der Papst aber kann Bischöfe absetzen und ihre Kompetenzen auf ein Minimum beschränken, ohne daß die Oberhirten aufbegehren dürften.
Im Hinblick auf das Verhältnis der Apostel zu Petrus deuteten die Bischofsrechtler an, daß Christus dem Petrus zwar ein besonderes Vorrecht, den Primat, gegeben, zugleich aber die zwölf Apostel einschließlich Petrus als Kollegium eingesetzt habe. Folglich: Wenn die katholischen Bischöfe kraft göttlichen Rechts die Nachfolger der Apostel seien, dann dürfe ihre Gewalt nicht auf ihr jeweiliges Bistum beschränkt werden. Vielmehr müßten die Bischöfe dann als Kollegium gemeinsam mit dem Papst, dem Nachfolger Petri, die Kirche regieren.
Mit dieser theologischen Erkenntnis aber gaben sich die Reformer nicht zufrieden. Sie forderten auch eine umfassende Erneuerung der Kirche schlechthin.
- Das Verhältnis zu den nicht katholischen Christen müsse überprüft, auf
unfruchtbare Polemiken verzichtet werden;
- die Kirche solle sich von dem Verdacht befreien, sie sei ein totalitaristisches Gebilde und leugne Gewissensfreiheit und Toleranz.
Soviel nordischer Reformeifer mißfiel den zumeist italienischen. Wächtern im Heiligen Offizium außerordentlich. Mit Fleiß wiesen die Glaubensrichter den Neuerern eine Fülle angeblicher "errores" (Irrtümer), "temeraria" (Gewagtheiten) und "scandalosa" (Ärgernisse) nach.
Mit Hilfe dieser Beckmesser-Methode gelang es der Kurie jahrzehntelang, die Zugluft der neuen Zeit vom Vatikan fernzuhalten; Kritiker verurteilte sie kurzerhand zum Schweigen. Aktionen der neuen Gegenreformation in den eigenen Reihen wurden nur selten öffentlich bekannt, meist sogar nur dann, wenn reformfreudige Theologen ihre Lehrstühle verlassen mußten oder auf den Index kamen.
Dabei stützten sich die Glaubenswächter auf Pius XII., der mehrfach vor der "neuen Theologie" gewarnt und neue Ideen in Rundschreiben und Ansprachen verworfen hatte. Folge: Die "neuen Theologen" wurden häufig auch von ihren Bischöfen eher geduldet als gefördert.
Zu den Oberhirten, die sich gegenüber der neuen Theologie lange Zeit zumindest zurückhielten, zählt auch der Kölner Kardinal Frings.
Am Beispiel eines Duzfreundes und Kölner Amtsbruders erlebte Frings schon kurz nach dem Kriege, wie unnachsichtig das Heilige Offizium gegen jeden Gelehrten vorging, der vom römischen Kurs abwich.
Im Mai 1946 hielt Joseph Klein, seit 1929 Professor am Erzbischöflichen Priesterseminar und dem Kardinal Frings seit gemeinsamer fünfjähriger Seminarzeit freundschaftlich verbunden, an der Bonner Universität eine Antrittsvorlesung über "Grundlegung und Grenzen des kanonischen Rechts", die bald darauf auch gedruckt wurde.
Vom Heiligen Offizium bekam Klein einige Zeit später auf dem Wege über das Frings-Ordinariat den Bescheid, seine Schrift werde demnächst auf den Index gesetzt und der Autor dürfe kein Lehramt mehr ausüben. Professor könne Klein nur bleiben, wenn er die Entscheidung des Offiziums anerkenne und sich von seiner Schrift distanziere. Diese "Unterwerfung" solle gleichzeitig mit der Indizierung bekanntgemacht werden.
Vergebens bemühte sich der bis dahin auch bei seinen Amtsbrüdern angesehene Gelehrte in Köln und Rom, die Gründe für das geplante Verbot seines Werkes zu erfahren, in dem er unter anderem die Anerkennung von Gewissensentscheidungen und eine "Kirche der freien Gefolgschaft" gefordert hatte.
In Rom versuchte Klein, zu Ottaviani ins Heilige Offizium vorzudringen, obwohl er mit diesem Amt offiziell nur auf dem Dienstweg über seinen Bischof
- Frings - verkehren durfte.
Klein erhielt denn auch den Bescheid, Ottaviani - damals noch Assessor und Zweitmächtigster des Offiziums - sei allenfalls bereit, ihn nach der Unterwerfung zu empfangen. Im übrigen sei Ottaviani davon überzeugt, daß der Kölner Priester-Professor selbst die Fehler in seinem Buch feststellen
könne, wenn er nur gründlich genug die Bibel und die päpstlichen Enzykliken studiere.
Aussprachen mit Frings hinterließen bei Klein den Eindruck, daß auch sein erzbischöflicher Freund die Motive des Offiziums nicht kannte. Die Bitte des Kardinals, der Professor möge doch einen Skandal vermeiden und den vom Offizium gewünschten Unterwerfungstext schreiben, lehnte der renitente Gelehrte ab.
Klein bat Frings um Fürsprache in Rom. Nach der Rückkehr aus der Ewigen Stadt schrieb der Erzbischof an seinen Freund: "Für Dich bleibt nun nichts anderes übrig, als daß Du Dich unterwirfst." Der Kölner Oberhirte wies zugleich einen Weg: "Rom erwartet irgendein Zeichen, wenigstens ein negatives, daß Du Dich der römischen Entscheidung fügst." Als "negatives Zeichen" gilt in Klerikerkreisen etwa, daß der Autor seine indizierte Schrift selber aufkauft und damit aus dem Verkehr zieht.
Auch dazu war Klein nicht bereit und zog zögernd die Konsequenzen: Er emigrierte 1949 auf einen Lehrstuhl nach Göttingen, 1950 aus seinem Priesterberuf (er las keine Messen mehr) und 1953 aus der katholischen in die evangelische Kirche.
Mit dem aufsässigen Katholiken Klein hatte der Kardinal noch korrespondiert. Dem Protestanten Klein aber schrieb er keine Zeile mehr.
Die Haltung des Kölners wird verständlich, wenn man sein Verhältnis zu den Protestanten berücksichtigt: Es war, alles in allem, schlecht. Oder, mit den Worten des Kölner evangelischen Superintendenten Hans Encke: "Zurückhaltend, sauber, loyal".
Professor Joachim Beckmann, Präses der rheinischen Kirche und Düsseldorfer evangelisches Pendant zu Frings, wurde beispielsweise bei einem Besuch im Erzbischöflichen Palais freundlich empfangen und bewirtet; die Erörterung strittiger Probleme aber wußte Frings zu vermeiden. Ihm lag nicht daran, die evangelisch-katholischen Kontroversen am Rhein im direkten Gespräch mit dem Düsseldorfer Protestanten zu bereinigen.
Katholisch-evangelische Kontakte waren in Köln lange Zeit weniger erwünscht als in anderen Bischofsstädten. Monsignore Erasmi, Leiter des 1952 in Köln gegründeten Amtes für "Beratung in Glaubensfragen", war sich "sicher, der Intention unseres Erzbischofs zu entsprechen", als er strikt vermied, wie "deutsche Parallelstellen" in das "Fahrwasser der theoretischen Aussprachen" zu geraten.
Am Frings-Widerstand scheiterten auch die Bemühungen evangelischer Kirchenräte, eine Anerkennung der evangelischen Taufe bei Konvertiten zu erreichen. Es blieb bei der alten Praxis, daß Neu-Katholiken ein zweites Mal getauft werden mußten.
Im Jahre 1957 kam es sogar zu einem öffentlichen Kirchenkampf, als Frings in den Altenberger Dom, der nach alter Tradition von Gläubigen beider Konfessionen benutzt wird, Zisterziensermönche delegieren und die Protestanten verdrängen wollte. Erst nach öffentlichem evangelischem Aufbegehren ließ Frings von seinem Plan ab.
Protestanten-Proteste hatte Frings auch hinnehmen müssen, als er im Jahre 1954 auf dem Katholikentag in Fulda Deutschland der Gottesmutter Maria weihte.
Wenige Monate später befremdete Frings die Protestanten durch eine weitere Marien-Tat. Mit einem Hirtenwort ging er über Pius XII., der zuvor schon das Dogma von der leiblichen Himmelfahrt Marias verkündet hatte, noch hinaus. Der Erzbischof erklärte, Maria sei auch Christi "Gehilfin beim Erlosungswerk" und "Vermittlerin aller Gnaden".
Dem gedruckten Hirtenbrief wurde ein Kommentar beigegeben, in dem die Frings-Schrift als "wichtiges theologisches Dokument" bezeichnet wurde: Der Erzbischof habe "in der autoritativsten Weise, in der ein Bischof sich äußern kann", gesprochen. Die deutschen Katholiken wurden aufgefordert, sich diesen Brief zu eigen zu machen, denn um so "berechtigter wird die Hoffnung, daß diese Sätze einmal zu Dogmen unseres heiligen Glaubens erklärt werden".
Diese einst von ihm selbst geschürte Hoffnung machte Frings neun Jahre später gemeinsam mit den meisten Konzilvätern zunichte: Ottavianis Plan, ein besonderes Marienschema zu verabschieden, wurde abgelehnt; der Gottesmutter soll statt dessen, wie der Kölner Kardinal im Namen von 66 deutschsprachigen und skandinavischen Konzilvätern im Petersdom gefordert hatte, ein Kapitel im Kirchenschema gewidmet werden. Seitdem gilt als sicher, daß - entsprechend den protestantischen Wünschen - kein neues Mariendogma verkündet wird.
Eine andere, für die kirchliche Praxis wichtigere evangelische Forderung, die Frings jahrzehntelang abgelehnt hat, bejahte der Kardinal auf dem Konzil ebenfalls: Die sogenannten Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken, die in evangelischen Kirchen geschlossen werden und deshalb nach katholischem Kirchenrecht ungültig sind, sollen für gültig erklärt werden. Außerdem sollen Gläubige, die solche Ehen eingehen, nicht mehr exkommuniziert werden.
Obwohl der Kardinal keine Zweifel daran aufkommen ließ, daß auch weiterhin evangelisch geschlossene Mischehen für Katholiken grundsätzlich verboten bleiben sollen, ist seine Intervention doch der bislang überzeugendste Beweis für den Klimawechsel in seiner Kirche.
Evangelische Oberhirten haben die katholische Mischehen-Praxis stets als das größte Hindernis für eine Annäherung der Kirchen bezeichnet. Nach katholischem Kirchenrecht sind in Deutschland etwa eine Million Ehen "ungültig", und eifernde Kleriker scheuten nicht davor zurück, sie als "Konkubinate" zu diffamieren.
Die Frings-Forderung, die noch vor kurzem nur von wenigen katholischen Außenseitern vertreten wurde, kam auch für Kleriker überraschend.
Noch zwei Tage vor der Frings-Rede auf dem Konzil hatte der Essener Ruhrbischof Hengsbach, der seit langem als weltoffen gilt (und auf Romflügen sich gelegentlich in den "Simplicissimus" vertieft), im Petersdom die Protestanten
um Verständnis für die einschlägigen Bestimmungen gebeten und eine mögliche Änderung mit keinem Wort erwähnt.
Die Wandlung des Kölner Kardinals wird auch am Verhalten gegenüber dem populären, reformfreudigen Priester Heinz Schütte, 38, deutlich. Der Geistliche verfaßte in Mußestunden eine Schrift "Um die Wiedervereinigung im Glauben", in der er pro-protestantische Reformen der katholischen Kirche anregte.
Freunde rieten ihm, um die kirchliche Druckgenehmigung lieber nicht im heimischen Köln, sondern im benachbarten Essen einzukommen. Der dortige Bischof Franz Hengsbach entschloß sich zu einem besonderen Gunstbeweis für Autor und Buch. Er gab selbst das Imprimatur, das gewöhnlich nur vom Generalvikar oder dessen Beauftragtem erteilt wird.
Fleißig sammelte Schütte die Lobsprüche von Katholiken auf Bischofsthronen und Lehrstühlen. Zu den vierzehn Oberhirten, die dem Autor gratulierten, zählte sein Erzbischof Frings erwartungsgemäß nicht.
Glaubenswächter Ottaviani startete in Rom sogar eine Gegenaktion: Das Heilige Offizium erließ ein "Monitum" (Warnung) gegen Schüttes Buch. Der Autor wurde aufgefordert, mehrere gefährliche "Irrtümer" aus seinem Werk zu entfernen.
Als Schütte im Jahre 1961 gemeinsam mit Gleichgesinnten in Düsseldorf ein evangelisch-katholisches Treffen arrangieren wollte, erhielt er zwar das Plazet des Kölner Kardinals. Nach der Tagung aber informierte Frings seinen Klerus: Die Veranstaltung habe gegen seinen Willen stattgefunden, eine Wiederholung wünsche er nicht.
Zwei Jahre später zeigte sich Frings gegenüber Freunden der christlichen Verständigung aufgeschlossener.
In der vierten Auflage seines Buches durfte Schütte erstmalig auch seinen Oberhirten Frings erwähnen und ihm für Förderung "sehr herzlich Dank" sagen. Und im August 1963 besuchte der Kardinal in Köln eine katholisch evangelische Tagung, hörte sich dabei den Vortrag des römischen Theologieprofessors Witte über die Lutherische Weltkonferenz in Helsinki an und betete zum Abschluß gemeinsam mit den Protestanten das Vaterunser.
Zwischen dem Düsseldorfer Treffen 1961 und der Kölner Tagung 1963 hatte sich die Frings-Metamorphose vom Konservativen zum Progressiven vollzogen.
Die erste Nachricht über den fortschrittlichen Frings kam aus Italien: Im November 1961 hielt der Kardinal im Genueser "Teatro Duse" einen Vortrag über "Das Konzil und die moderne Gedankenwelt".
Dabei schlug er zum erstenmal das Thema an, das er später auf dem Konzil in den Mittelpunkt rückte: Die Kirche brauche eine "stärkere Intensivierung der bischöflichen Gewalt".
Zugleich aber begründete er die neuen Aufgaben seiner Kirche mit dem "Kleinwerden der Welt und einer gänzlich neuen Einheit der Menschen", die er an einem naturwissenschaftlich nicht ganz glücklichen Beispiel erläuterte. Frings: "Wer in London am Fernsehapparat eine Rede des amerikanischen Präsidenten anhört, kann seine Worte früher vernehmen, als wer zu Füßen des Präsidenten sitzt, weil die elektrischen Wellen das Wort schneller weitertragen als die akustischen."
Zum erstenmal in seinem Leben forderte Frings damals, die Kirche müsse
- "überkommene kirchliche Formen, wie zum Beispiel den Index" und ihre "ganze einschlägige Praxis überprüfen", weil die Menschen "gegen alle Anzeichen totalitären Verhaltens außerordentlich feinfühlig und kritisch" seien,
- beweisen, daß "die Idee der Toleranz, die Achtung vor der geistigen Freiheit des anderen Menschen", sich "nirgendwo mehr finden" ließe als in der katholischen Kirche,
- die Meinung ihrer Kritiker widerlegen, "im Katholizismus könne es gar kein echtes Ringen mit geistigen Fragen, sondern nur von oben dirigierte Meinungen geben".
Ein Jahr nach seinem Vortrag in Genua eröffnete Frings dann den Kampf auf dem Konzil schon am ersten Arbeitstag. Er attackierte erfolgreich die Kurialisten: Gemeinsam mit dem französischen Kardinal Liénart protestierte der deutsche Kirchenfürst gegen im Vatikan hergestellte Listen, mit deren Hilfe der Kurie genehme Konzilkommissionen gewählt werden sollten.
Die von Frings und Liénart angeführten Transalpinen legten dem Konzil eine neue Liste vor, die weit mehr Progressive enthielt und nach der dann auch gewählt wurde.
Die deutsche Konzil-Equipe, unter den mehr als 2000 Oberhirten mit rund 50 Köpfen nur eine kleine Minderheit, erzielte einen großen Wahlerfolg. Die deutschen Kandidaten erhielten gemeinsam mit den Franzosen die meisten Stimmen.
Geld und Geist hatten dem Sieg dieser deutschen Welle auf dem Konzil den Weg bereitet. Die Bücher reformfreudiger deutscher Theologen sind in allen Erdteilen verbreitet, und Frings ist in den vergangenen Jahren zum beliebtesten Kardinal der römischen Kirche geworden, weil auf seine Initiative hin die deutschen Katholiken alljährlich in den Aktionen "Adveniat" und "Misereor" über 70 Millionen Mark für notleidende. Glaubensbrüder in anderen Ländern sammeln.
Mit zwei Millionen Mark trugen die katholischen Landsleute Luthers auch zur Finanzierung des Konzils bei, denn etwa die Hälfte der Bischöfe kann den Rom-Aufenthalt nicht aus eigener Schatulle finanzieren.
Der gebefreudige Kirchenfürst, der trotz repräsentativer Pflichten mit einem staatlichen Gehalt von rund 50 000 Mark jährlich auskommt und in seinem Kölner Palais auch schon königliche Bittsteller, wie den Oberhäuptling von Basutoland, Motlotlehi Moshoeshoe II., empfing, wurde in seinem römischen Quartier von zahlreichen Missionsbischöfen aufgesucht, die ihm für finanzielle Hilfe dankten.
Den Progressiven, zu denen auch die meisten Missionsbischöfe zählen, gelang es schon in der ersten Konzilperiode 1962, die Absichten des reaktionären Autokraten Ottaviani zu durchkreuzen. Sie stellten "Mängel" in den von Ottaviani verfertigten Entwürfen über "die Kirche" und über die "Quellen der Offenbarung" fest und forderten gründliche Überarbeitung.
Nach der ersten Konzilsession versuchte der Kölner Erzbischof nicht wie die meisten anderen Oberhirten die Differenzen auf dem Konzil zu beschönigen. Frings: "Es hat sich gezeigt, daß zwei Richtungen zu unterscheiden und zu erkennen waren. Eine sehr rechts gerichtete, sehr konservative Richtung, die
namentlich von Mitgliedern der römischen Kurie, von römischen und spanischen Kardinälen und Bischöfen vertreten wurde. Und auf der anderen Seite eine etwas freiere und der heutigen Welt mehr aufgeschlossene Richtung." Natürlich volle auch die fortschrittliche Gruppe" auf dem Konzil "nicht ein Tippelchen von der alten katholischen Wahrheit" preisgeben.
In der Konzil-Pause wurde dann allerdings rasch deutlich, wie sehr die Meinungen der beiden Richtungen über das, was "katholische Wahrheit" ist, auseinandergehen.
Der Kölner Erzbischof überraschte in einem Hirtenbrief seine Diözesanen mit
einem Bild, das er bis dahin in den 53 Jahren seines Kirchen-Dienstes nie gebraucht hatte: Die Kirche ruhe auf "zwei unverrückbaren Pfeilern", dem Papst und dem "Kollegium der Bischöfe", das die Kirche mitregieren müsse.
Um auf dem Konzil den zweiten Pfeiler standfest zu machen, kamen im August 1963 die deutschen Bischöfe in Fulda mit den ebenfalls progressiven Oberhirten aus elf anderen transalpinen Ländern zusammen und einigten sich auf einen gemeinsamen Konzilkurs.
Italiens "Corriere della Sera" signalisierte Gefahr: In Fulda sei eine geheime "Verschwörung gegen die Kurie und ihren Kardinal Ottaviani" angezettelt worden. Dazu Frings: "Reiner Unsinn." Solche Zusammenkünfte seien üblich, ein Protokoll gehe nach Rom, und Kardinal Döpfner werde überdies dem Papst berichten.
Wenige Wochen später machte sich der Kölner in aller Öffentlichkeit auf
dem Konzil zum Fürsprecher der bischöflichen Rechte und wurde damit zum Gegenspieler Ottavianis. In einer "aufsehenerregenden Rede" (Katholische Nachrichten-Agentur) gab der Kölner Kardinal im Petersdom die theologische Begründung für seine Pfeiler-These.
Frings schockierte die Papalisten mit dem Hinweis, für den Primat des Papstes gebe es ebensowenig wie für die Kollegialität der Bischöfe in den ersten christlichen Jahrhunderten Beweise "im streng juridischen Sinne". Entscheidend sei vielmehr, daß einst die Kollegialität der Bischöfe ebenso wie der Primat des Papstes zum praktischen Leben der Kirche gehört habe. Wichtige Fragen seien nicht vom Papst allein, sondern auf Synoden und später auf Konzilien entschieden worden.
Zahlreiche progressive Sprecher im Petersdom unterstützten diese Forderung und machten die kollegiale Mitverantwortung der Bischöfe für die Gesamtkirche zum Hauptthema des Konzils.
Die Konservativen aber überschütteten die Versammlung der Kirchenoberen mit Gegenargumenten. Fünf Wochen lang predigten sie: Die Leitung der Gesamtkirche stehe allein dem Papst zu. Er könne die Bischöfe beteiligen, brauche das aber nicht zu tun.
Der schier endlosen Debatte setzte der Münchner Kardinal Döpfner gemeinsam mit den anderen drei "Moderatoren", die das Konzil leiten, ein Ende. Den Konzilvätern wurden vier Fragen über die Stellung der Bischöfe vorgelegt, die in einem Kapitel des "Schemas" über die Kirche definiert werden soll. Vierte und wichtigste Frage: "Soll im Schema gesagt werden, daß diese Vollmacht (die volle und höchste Gewalt über die ganze Kirche) dem mit seinem Haupt (dem Papst) vereinten Bischofskollegium auf Grund göttlichen Rechtes zukommt?"
Von 2138 Bischöfen bejahten 1717 bei dieser Abstimmung, die lediglich der Orientierung dienen sollte und nicht als offizieller Konzilbeschluß gilt, ihr göttliches Mitbestimmungsrecht.
Damit war eine wichtige Vorentscheidung gefallen. Über göttliches Recht darf sich nach katholischer Lehre auch der Papst nicht hinwegsetzen, und er wäre, wenn eine spätere endgültige Entscheidung des Konzils ebenso ausfiele wie die Testabstimmung, verpflichtet, die Bischöfe an der Regierung der Kirche zu beteiligen.
Würzburgs "Katholisches Sonntagsblatt" prophezeite optimistisch, der Tag der Abstimmung "wird in die Geschichte eingehen und selber Geschichte machen. Dogmengeschichte und Kirchengeschichte, vielleicht auch Weltgeschichte und, wie wir sicher glauben, Heilsgeschichte".
Für die konservative Konzilminderheit aber war es ein Tag wie jeder andere. Der Ire Browne, Kurienkardinal und Ottaviani-Vize in der Theologischen Kommission, erklärte, die Abstimmung habe nichts zu bedeuten. Die Theologische Kommission Ottavianis werde überprüfen, was im Einklang mit der katholischen Glaubenslehre vom Konzil beschlossen werden dürfe.
Hätten sich die Bischöfe in diesem entscheidenden Augenblick mit dieser "Verhöhnung des Konzils" (Erzbischof d'Souza, Indien) abgefunden, so wäre
das Bischofsparlament zu einer beratenden Versammlung degradiert worden, über deren Kompetenz Kurienkardinäle so souverän urteilen dürften wie jahrzehntelang über die Rechte der regionalen Oberhirten.
Kardinal Frings erkannte die Gefahr und zog in offener Schlacht gegen die von Ottaviani angeführte Vatikan -Theokratie zu Felde. In seiner Rede vor dem Auditorium demonstrierte der Kölner, daß Ottavianis Kommission sich dem Konzil unterzuordnen hat und daß die Bischofsversammlung auch der Kurie übergeordnet ist.
Von Frings ermuntert, entwickelten die Progressiven in der Konzilaula das Programm, nach dem die Bischöfe künftig die Kirche mitregieren wollen:
- Ein ständiger Senat von Bischöfen
(von Papst Paul VI. befürwortet) soll mindestens ein- bis zweimal jährlich zusammentreten. Gemeinsam mit dem Papst soll dieser Senat alle wichtigen Probleme beraten und entscheiden.
- Die Kurie muß aufhören, "trennende Wand zwischen dem Papst und den Bischöfen" (Bischof Simons, Indien) zu sein. Sie soll künftig Papst und Bischofskollegium unterstehen.
- Befugnisse, die bislang beim Vatikan
liegen, sollen auf die nationalen Bischofskonferenzen und auf die einzelnen Bischöfe übergehen.
Die Konservativen begehrten auf: Ottaviani verwahrte sich gegen das "Gerede" von der Kollegialität, die noch niemand exakt begründet habe; anscheinend wolle man den Primat des Papstes zumindest in der Praxis "einschränken oder an Bedingungen binden". Der Kurienkardinal Browne rief den Konzilvätern ein "Caveamus!" ("Hüten wir uns!") entgegen, und Kardinal Ruffini (Palermo) warnte davor, daß offenbar die Autorität des Papstes "ausgehöhlt" werden solle.
Mehrfach beriefen sich die Traditionalisten auf Paul VI.: Er sei sich angeblich mit ihnen einig, und ihm allein müsse das Konzil ohnehin die Entscheidung überlassen.
Paul VI. aber hat in seiner Schlußrede zur zweiten Konzilperiode am vorigen Mittwoch deutlich zu verstehen gegeben, daß er in die Debatten auf dem Konzil nicht eingreifen will.
Die endgültige Entscheidung liegt allerdings allein beim Papst, weil seine Stimme nach katholischem Kirchenrecht mehr Gewicht hat als ein Votum des zweitausendköpfigen Konzils. Während Beschlüsse der Bischofsversammlung erst verbindlich werden, wenn der Papst sie billigt, kann umgekehrt der Kirchenmonarch jede Frage allein entscheiden.
Angesichts der Zurückhaltung Pauls VI. bleibt es aber den Konzilvätern überlassen, sich auf Beschlüsse zu einigen. Es ist deshalb so gut wie sicher, daß die Traditionalisten ihre negative Rolle auch in der nächsten Session weiterspielen werden.
Dem Kölner Erzbischof Frings wird wenig Zeit bleiben, sich daheim am Rhein des Punktsiegs in der zweiten Rom-Runde zu erfreuen.
Auch nach Abschluß der Bischofsversammlung im Petersdom wird der deutsche Kardinal im Vatikan benötigt. Papst Paul VI. berief ihn in die 40köpfige Kommission, die wahrscheinlich von 1965 an die Konzilbeschlüsse in "Canones" (Artikel) des kirchlichen Gesetzbuches ummünzen soll.
Prominentester Partner des Kölners bei der Canones-Redaktion ist Alfredo Ottaviani.
* Der Name wurde geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
** Frings wuchs mit fünf Geschwistern auf, von denen noch zwei leben: Verlagsleiter Alfons Frings, 70, von 1946 bis 1961 Oberbürgermeister von Neuß, und Anna Hopmann, die ihrem Bruder Joseph den Haushalt führt. Opfer alliierter Bombenangriffe wurden während des Zweiten Weltkrieges Frings-Schwester Elisabeth in Neuß und Diplom-Ingenieur Peter Frings in Magdeburg. Reichsgerichtsrat Heinrich Frings starb nach dem Kriege in einem sowjetischen Internierungslager.
Frings-Stichwort im Lexikon
Für Notrufe der Zeit...
2, 254. Lit: 1879 Zell 4, 20; 1888 Stinde 4, 106; 1938 Stolp 2, 263.
fringsen intr in der Not zur Selbsthilfe greifen, auch bei offenem Verstoß gegen behördliche Anordnungen. Bezieht sich auf eine Äußerung des Kölner Kardinals Frings zwischen 1945 und 1948, der beispielsweise das Ausrauben der Auslandszuge mit deutscher Kohle durch Familien ohne ausreichenden Hausbrand als einen Akt berechtigter Notwehr bezeichnete. Vor allem rhein. Wiewohl nicht mehr aktuell, ist das Wort noch heute weithin bekannt. Lit: 1956 A 43/36.
frisieren v l) mir heucheln, vortäuschen. Der Friseur, der auf seinem Fachgebiet die
Konzilvater Frings, Päpste Paul VI. (1963), Johannes XXIII. (1959), Pius XII. (1958): An der Seite des Heiligen Vaters...
Frings-Gegner Ottaviani
... gegen die Diktatur der Kurie
Zweites Vatikanisches Konzil im Petersdom: Erst der Teufel, dann die Menschen, schließlich Gott
Vorstadtpfarrer Frings
"Wir sind der ärmere Zweig ...
... der heiligen Familie". Kardinal Frings mit (v.l.) Schwester Anna und Adenauer, zum Tee bei Bertha Krupp
Frings-Bewundererin Luise Rinser
Frings-Stichwort im Lexikon
Für Notrufe der Zeit...
... hellhörig durch eigenes Leid
Mainzer Bischof Ketteler
Die Feinde des Papstes ...
Papst Pius IX.
... mit Waffen versorgt
Reichskanzler Bismarck
Die Bischöfe des Papstes ...
Papst Leo XIII.
... zu Beamten erklärt
Christus bei der Fußwaschung*: Die Nachfolger der Apostel wollen ...
... Sitz und Stimme im Vatikan: Frings bei der Fußwaschung
Früherer Frings-Freund Klein
Unterwerfung verweigert
Bischofskonferenz in Fulda: Die Verschwörer schrieben ...
... für den Papst ein Protokoll: Kardinäle Bea, Döpfner
"Simplicissimus"-Titelblait: Vom Bischof gelesen
* Im Johannes-Evangelium wird berichtet,
daß Christus die Fußwaschung an den Aposteln vollzogen hat. In zahlreichen katholischen Kirchen wird diese symbolische Handlung alljährlich am Gründonnerstag wiederholt.

DER SPIEGEL 50/1963
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