11.12.1963

HITLERS KRANKHEITENTrockene Kehle

Als seine Soldaten 1941 in Rußland einfielen, hatte Großdeutschlands Oberster Kriegsherr daheim eine ernste Krise zu überstehen. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop wurde Zeuge einer gespenstischen Szene, die er später so beschrieb:
"Hitler sah aus wie der Tod. Er konnte kaum mehr atmen, war totenblaß, und die Adern an seinen Schläfen waren dick geschwollen. Ich glaubte, daß er im Sterben sei, und ich ergriff seine Hand und leistete einen heiligen Eid, daß ich ... immer zu ihm halten wurde, ganz gleich, was er vorhätte."
Ribbentrop wußte nicht, daß die Ursache dieses Auftritts eine unheilbare Krankheit war, die schon den zwölfjährigen Knaben befallen hatte.
Zeugen ähnlicher Anfälle wurden außer dem Mitläufer von Ribbentrop auch der schwedische Geschäftsmann Birger Dahlerus, der Generalfeldmarschall Erich von Manstein und der junge Rittmeister Gerhard Boldt, Ordonnanzoffizier des Generalobersten Guderian.
Was sie bei Hitler erlebten, hielten auch sie anfangs für meisterlich dosierte Theatralik.
Als der Schwede Dahlerus in der Nacht vom 26. zum 27. August 1939 versuchte, durch ein Vermittlungsangebot den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu verhindern, wurde er das Opfer Hitlerscher "Redegier". Das Gesicht des Führers wurde "starr und seine Bewegungen sonderbar".
Der schwedische Friedensvermittler berichtete später: "Plötzlich blieb er (Hitler), vor sich hinstarrend, mitten im Zimmer stehen. Seine
Stimme klang bedeutend dumpfer, und sein ganzes Verhalten machte den Eindruck eines völlig Anomalen ...
"'Gibt es Krieg', ächzte der Führer, 'dann werde ich U-Boote bauen, U -Boote, U-Boote ... 'Plötzlich sammelte er sich, hob die Stimme als ob er zu einer großen Versammlung spräche und schrie: 'Ich werde Flugzeuge bauen, Flugzeuge bauen, Flugzeuge, Flugzeuge, und ich werde meine Feinde vernichten.' In diesem Augenblick wirkte er mehr wie ein Gespenst der Sage als wie ein wirklicher Mensch ... Seine Augen irrten umher."
Manstein beschwor seinen Obersten Befehlshaber am 4. Januar 1944: "Man muß sich darüber klar sein ... daß die überaus kritische Lage ... nicht allein auf die unbestreitbare Überlegenheit des Gegners zurückgeführt werden darf. Sie ist auch die Folge der Art, in der bei uns geführt wird."
Beobachtete der Feldmarschall: "Indem ich diese Worte aussprach, verhärteten sich augenblicklich die Züge Hitlers ... Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei einem Menschen einen Blick wahrgenommen zu haben, der so die Macht seines Willens ausdrückte ... Blitzartig durchzuckte mich der Gedanke an einen indischen Schlangenbeschwörer."
Dem Rittmeister Boldt fiel auf, daß Hitlers Händedruck "schwach und weich" war. "In seinen Augen war ein unbeschreibliches Flackern, was beängstigend und völlig unnatürlich wirkte. Sein Gesicht und die Augenpartie machten den Eindruck völliger Erschöpfung."
Ohne es zu wissen, haben Ribbentrop, Dahlerus, Manstein und Boldt den sogenannten "Blickkrampf" Hitlers beschrieben, der klassisches Symptom eines schweren Hirnleidens ist.
Ihre Berichte und alle in der Literatur verfügbaren Schilderungen über Hitlers Gesundheitszustand hat jetzt der Facharzt für Nerven- und Gemütskrankheiten, Dr. Johann Recktenwald, gesammelt und analysiert. Seine Diagnose: Hitler litt an sogenanntem Spät -Parkinsonismus, der Nachfolgekrankheit eines organischen Hirnleidens (Enzephalitis), das auch heute noch in den meisten Fällen unheilbar ist*.
Als wichtigste Symptome dieser Krankheit nennt Recktenwald neben den Blickkrämpfen noch andere Unpäßlichkeiten, wie Zitterlähmung und schwere Schlafstörung.
Folgenreicher als die körperliche Unbill waren für den Patienten und seine Umwelt die von diesem Hirnleiden ausgelösten Charakterwandlungen. Sie verringerten - wie Recktenwald es nennt - die "soziale Brauchbarkeit", lösten Wutanfälle aus und waren die Ursache für zunehmende Roheit und Skrupellosigkeit.
Patienten, die wie Hitler an Spät-Parkinsonismus erkrankt sind, lügen "voll Buntheit ... aus Freude am Lügen", Lust am Verbrechen zeichnet sie aus. Ihnen wohnen aber Überzeugungskraft und Überzeugungsdrang inne, die sie bald ihre Umgebung beherrschen lassen.
Eine Reihe dieser Symptome hat Nervenarzt Recktenwald bis in die Kindheit Hitlers zurückverfolgt. Im
Herbst des Jahres 1900 ließen Hitlers Leistungen in der Schule überraschend nach. Aus dem sehr guten Volksschüler wurde ein ganz schlechter Realschüler, der schon in der ersten Klasse der höheren Schule sitzenblieb. Zudem verwandelte sich der unauffällige, gefügige Junge in einen aufsässigen Flegel, der sich seinen Lehrern nicht unterordnen wollte und der seine Mitschüler herumkommandierte.
Auch zu Hause bei den Hitlers gab es in jener Zeit Schwierigkeiten. Zwischen dem energischen Vater und dem kranken Sohn kam es immer wieder zu Streitigkeiten und Haßausbrüchen. Als Sohn Adolf einmal bei gemeinsamer Gartenarbeit nicht das letzte Wort behielt, sank er - nach Hitlers eigenem Geständnis - vor Wut ohnmächtig zu Boden.
Gleichzeitig verschlechterte sich der körperliche Zustand des Kindes. Besonders auffallend waren seine dürre Gestalt und sein blasses Gesicht. Da sich der Gesundheitszustand bis Anfang 1914 nicht gebessert hatte, stellten die österreichischen Behörden den Wehrpflichtigen bei der Musterung wegen "allgemeiner Körperschwäche" zurück.
Schon als Jüngling litt Hitler häufig an Schlaflosigkeit. Einer Vermieterin fiel auf, daß er bis tief in die Nacht hinein in seinem Zimmer auf und ab ging. Er selbst schrieb einem Freund von seiner "Gewohnheit, oft wieder bis zwei ja drei Uhr früh zu arbeiten" und morgens von selbst nicht aufzuwachen.
Ein akutes Infektionsstadium hat der emsige Gemütsarzt bei Hitler nicht feststellen können. Er fand aber heraus, daß die Zornausbrüche und das plötzliche Versagen in der Schule mit dem Tod des sechsjährigen Hitler-Bruders Edmund zeitlich zusammenfallen.
Bruder Edmund, dessen Todesursache in den Akten mit Masern angegeben wird, ist mit großer Wahrscheinlichkeit der infektiösen Enzephalitis zum Opfer gefallen, die just zu jener Zeit im Wohngebiet der Hitlers festgestellt wurde. Recktenwald vermutet, daß auch Adolf Hitler sich damals angesteckt hat.
Ein erster Höhepunkt der Krankheit stellte sich 1932 ein. Mitten im Wahlkampf versagten Hitlers Nerven, und zum erstenmal wurde ein Psychiater gerufen. Die wachsenden seelischen und körperlichen Belastungen nach der Machtergreifung verschlimmerten das Hirnleiden von Jahr zu Jahr.
Nach dem Ausbruch des Krieges und vor allem nach den ersten Niederlagen der Wehrmacht wurden Zittern und Blickkrämpfe immer häufiger.
"Es zittert nicht nur die linke Hand, sondern die ganze Körperhälfte", stellte der Panzergeneral Guderian fest. "Sein Gang wurde schleppend, seine Haltung gebückt, seine Bewegung zeitlupenartig langsam. Er mußte sich den Stuhl unterschieben lassen, wenn er sich setzen wollte."
Und Guderian-Ordonnanz Boldt berichtet: "Er (Hitler) wackelte leicht mit dem Kopf. Sein linker Arm hing schlaff herab, und seine linke Hand zitterte beträchtlich ... Seine ganzen Bewegungen waren die eines senilen Mannes."
Auch Hitlers Sekretärin Maria Schröder und Kammerdiener Heinz Linge wurden wiederholt Zeugen solcher Erscheinungen. Und der britische Hitler -Biograph Bullock skizzierte den Gesundheitszustand des deutschen Führers
so: "Im Laufe des Jahres 1943 stellte sich bei Hitler ein Zittern des linken Armes und des linken Beines ein, das sich ... immer stärker bemerkbar machte ... Bemüht, dieses Zittern zu unterdrücken, preßte er seinen Fuß gegen irgendeine Stütze und hielt seine linke Hand mit der rechten fest. Zur selben Zeit begann er, seinen Fuß nachzuziehen, als ob er lahm sei."
Auch Schlaflosigkeit, an der Hitler fast sein ganzes Leben lang litt, gehört zu den Symptomen des Spät-Parkinsonismus. Es handelte sich dabei um eine von äußeren Einflüssen unabhängige und auch durch Medikamente nicht zu beeinflussende Verschiebung des Schlafbedürfnisses.
Hitler machte die Nacht zum Tage. In endlosen Monologen mußten seine Gäste und die engsten Mitarbeiter die Schlafverschiebung überbrücken und oft bis zum Morgengrauen ausharren.
Schon seit 1933 waren, wie Hitlers Sekretärinnen aussagten, stundenlange nächtliche Diktate durchaus üblich, und Oberst Hoßbach, Adjutant der Wehrmacht beim Führer, wunderte sich ebenfalls bereits in den dreißiger Jahren darüber, "daß er (Hitler) manchmal ... in frischer Luft ganz plötzlich vom Schlaf überfallen wurde".
Reichspressechef Dr. Otto Dietrich, der jahrelang mit seinem Führer auf Tuchfühlung leben durfte, teilte mit, daß auch im Sonderzug die Gewohnheit der nächtlichen Dauersitzungen beibehalten worden sei, damit der Führer "dem Alleinsein bis zur Möglichkeit des Einschlafens" entfliehen konnte. Klagt Dietrich: "Ihm zuzuhören und ihm Gesellschaft zu leisten, bis er glaubte, schlafen zu können, war der Tribut, den er unerbittlich von seinen Gästen forderte."
Nervenarzt Recktenwald kann Hitler nicht des Teppichbeißens überführen,
von dem schon während des Krieges die Rede war. Nach der zunehmenden Zahl von Wutanfällen schließt er jedoch selbst eine solche Angewohnheit nicht als unmöglich aus.
Wieder war es neben anderen Generaloberst Guderian, der einer klassischen Führer-Eruption beiwohnte: "Mit zorngeröteten Wangen, mit erhobenen Fäusten stand der am ganzen Leib zitternde Mann vor mir, außer sich vor Wut und völlig fassungslos. Nach jedem Zornesausbruch lief Hitler auf der Teppichkante auf und ab, machte dann wieder dicht vor mir halt und schleuderte den nächsten Vorwurf gegen mich. Er überschrie sich dabei, seine Augen quollen aus ihren Höhlen, und die Adern an seinen Schläfen schwollen."
NS-Pressechef Dietrich wußte von einem Wutzustand mit nachfolgender "stundenlanger Ekstase" zu berichten, und Dolmetscher Paul Schmidt ("Statist auf diplomatischer Bühne") meldete: "Fast übergangslos wurde er ärgerlich. Seine Stimme bekam einen heiseren Klang, die R's rollten und die Faust ballte sich, während seine Augen Blitze zu schleudern schienen."
Zu den gesundheitlichen Schäden, die Hitlers Hirnleiden mit sich brachte, gehörten nach Johann Recktenwalds Diagnose außer Blickkrampf, Zitterlähmung, Schlafstörung und Wutanfällen noch:
- dauernde Nahsehstörung", die Hitler zwang, eine Brille zu tragen, mit der er sich jedoch nicht in der Öffentlichkeit zeigen mochte. Um seine Reden vom Blatt ablesen zu können, ließ er sie deshalb mit einer Spezialschreibmaschine, deren Typen zwölf Millimeter groß waren, abschreiben;
- "Lidspaltenerweiterung", bei der die Augen wie bei Basedow-Kranken aus den Höhlen treten. Dieses Leiden war schon einem Hitler-Kumpan aus der Wiener Zeit aufgefallen und ist auf einigen Führer-Bildern deutlich zu erkennen;
- "Salbengesicht", eine abnorme Blässe der Gesichtshaut, "hohle, teigige Wangen", wie die Wagner-Enkelin Fridelind vermerkte; zunehmende Hautverfärbung bis aschgrau, hervorgerufen durch eine Veränderung der Talgdrüsentätigkeit;
- starke Schweißabsonderung;
- Speichelmangel, der dazu führte, daß Hitler während des Essens zahlreiche Flaschen Mineralwasser zu sich nehmen mußte;
- "Libidoschwäche". Sie trat schon sehr frühzeitig auf und führte zu einem "Abscheu vor jeder sexuell gefärbten Annäherung an das andere Geschlecht";
- Drangpsychosen, die sich in Hitlers innerer Unrast, zeitweiliger Lesewut und unstillbarer Redegier ("Quasselwut") äußerten.
Daneben machten dem Führer chronische Verdauungsbeschwerden schwer zu schaffen. Er klagte ständig über Magenschmerzen und Blähungen; dauernd quälte ihn die Angst vor Krebs.
Da zuweilen schon der Genuß von Brot und Butter zu Magen- und Darmbeschwerden führte, verordnete Hitler sich selbst eine rigorose Diät. Wie Pressechef Dietrich berichtete, war Hitler in den letzten Jahren vor seinem Tode Vollvegetarier und lebte fast ausschließlich von Gemüse, Rohkost
und einigen Mehlspeisen. Lange Zeit bildeten auch Zwieback, Knäckebrot, Honig, Tomatenketchup, Pilze, Quark und Joghurt die Grundlage der Führer -Nahrung.
Hitler ließ die für die Einnahme günstigste Nahrungstemperatur ermitteln und das zum Kochen verwendete Wasser genau untersuchen. Schließlich mußte sogar die Erde des für ihn angelegten Gemüseackers nach bestimmten Vorschriften gemischt werden.
Einen Leibarzt hatte Hitler sich schon 1936 zugelegt. Auf Anraten des Führer -Photographen Hoffmann fiel seine Wahl auf Dr. Morell, der damals in Berlin als Spezialist für Geschlechtskrankheiten praktizierte. Obgleich Hitler auch diesem Mediziner, dem er 1944 das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz verlieh, niemals ganz traute, schluckte er täglich bis zu 28 verschiedene Medikamente aus der Braustube Morells. Darunter befand sich eine Mischung aus Belladonna und Strychnin, die unter dem Namen "Dr. Koesters Antigas-Tabletten" in die Geschichte eingegangen sind.
Morell wußte als einziger aus Hitlers Umgebung Genaueres über die Natur der Führer-Leiden. Doch er hütete die Krankheit seines Patienten wie ein Staatsgeheimnis.
* Johann Recktenwald: "Woran hat Adolf Hitler gelitten? Ernst Reinhardt Verlag, München; 122 Seiten; 6,50 Mark.
Hitler, Minister Ribbentrop (1939): Belladonna und Strychnin
Kranker Hitler
"Soziale Brauchbarkeit verringert"
Real-Schüler Hitler (1901)
Vor Wut ohnmächtig Hitler-Autor Recktenwald
Die Erde des Gemüseackers ...
Hitler-Arzt Morell
... nach Hitlers Anweisung gemischt

DER SPIEGEL 50/1963
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