25.12.1963

SOWJET-UNION / CHRUSCHTSCHOW-KRISEMitten in der Nacht

Nach Tisch nahm Nikita Chruschtschow seinen Gast beiseite. "Ich bin nie sicher", vertraute sich der Sowjetherrscher dem französischen Expremier und Sozialistenführer Guy Mollet an, "ob ich morgens in meinem Bett aufwache."
Wie im Selbstgespräch fuhr Chruschtschow fort:, "Sie sind alle gegen mich. Doch ich werde mit ihnen schon fertig, wenn man mir Zeit läßt."
Der Pariser "Figaro", der diese bisher unbekannte Kreml-Episode in einem mit "XXX" gezeichneten Artikel am vorletzten Wochenende aufdeckte, wußte dem Rußland-Reisenden Mollet nachzuweisen, er habe der Öffentlichkeit bisher die Geständnisse Chruschtschows vorenthalten.
Am 8. November berichteten Guy Mollet und seine neun sozialistischen Fahrt-Begleiter auf einer Pressekonferenz in Paris, was ihnen Chruschtschow am 29. und 31. Oktober im Katharinensaal des Kreml anvertraut hatte. Doch sie sagten nicht alles, behauptet der konservative "Figaro". Irgendwann im vergangenen Frühjahr - so sei Mollet von Chruschtschow bedeutet worden - habe das sowjetische Parteipräsidium über Chruschtschows China-Politik abgestimmt. Dabei sei der Parteichef mit 8:3 in die Minderheit geraten.
"Das genügte, um Chruschtschow im Kreml praktisch unter Hausarrest zu stellen", schreibt das über interne Vorgänge im Ostblock stets wohlinformierte Pariser Blatt.
Der Kremlherr, nunmehr ein Gefangener der Präsidiumsmehrheit, konnte - laut "Figaro" - eine zuvor getroffene Verabredung mit Kulturminister Jekaterina Furzewa nicht einhalten. Die Furzewa, die bis 1961 mit Chruschtschow zusammen im Parteipräsidium gesessen hatte, wurde mißtrauisch. Nach mehreren Telephongesprächen war sie überzeugt, daß im Kreml eine Art Palastrevolution im Gange war.
Mitten in der Nacht trommelte die Ministerin das sowjetische Zentralkomitee, die höchste Beschlußkörperschaft der Partei, im Kreml zusammen. Durch ihr Votum' befreiten die ZK-Genossen Chruschtschow aus dem Arrest und stellten das Gleichgewicht in der Parteiführung wieder her.
Die "Figaro"-Informationen erhärteten einen Verdacht, der westlichen Ostexperten schon im Frühjahr bei der Auswertung sowjetischer Nachrichten über Diskussionen in der Moskauer Parteispitze gekommen war.
Am 2. April meldete Giuseppe Boffa, Moskauer Korrespondent der italienischen KP-Zeitung "Unità", im Kreml seien "schwierige Auseinandersetzungen" ausgebrochen. Fast zur gleichen Zeit sprach Chruschtschow in einem Anflug von Resignation davon, daß er die schwere Bürde seines Amtes nicht für alle Zeiten tragen wolle.
Das war, wie sich jetzt erweist, nach der Abstimmungsniederlage des Parteichefs im Kreml. Chruschtschow, der Mao persönlich nie leiden konnte, steuerte seit Mitte Februar auf einen offenen Bruch mit Peking zu. Doch seine Präsidiumskollegen versagten ihm die Gefolgschaft.
An die Spitze der Anti-Chruschtschow -Fronde hatten sich die ZK-Sekretäre Frol Koslow und Michail Suslow gesetzt. Beide bekämpften auch Chruschtschows innenpolitischen Reformkurs und hielten zäh am ideologischen Primat der Schwerindustrie fest.
Am 21. Februar ging ein in versöhnlichem Ton gehaltenes Schreiben aus dem Kreml an Stalin-Freund Mao ab. Noch ehe die Antwort in Moskau eintraf, verleugnete Chruschtschow auf einem Kremltreffen am 8. März seine antistalinistischen Vorsätze und pries den toten Stalin als einen "hervorragenden Vertreter unserer Partei".
Bei der Beratung der traditionellen Mai-Losungen Anfang' April benutzte Koslow die Abwesenheit Chruschtschows von Moskau, um eine Jugoslawien-Fassung durchzusetzen, die in Peking als ein Abrücken von Tito aufgefaßt werden mußte. Am 10. April gab die "Prawda" die Einberufung des Zentralkomitees für den 28. Mai bekannt. Das konnte nur bedeuten: Chruschtschows Gegner fühlten sich stark genug, eine offene Kraftprobe zu wagen.
Da aber korrigierte die "Prawda" am 11. April ihre Jugoslawien-Losung - ein bis dahin beispielloser Vorgang in der Geschichte des Bolschewismus. Damit war Chruschtschow wieder am Zuge. Koslow verschwand aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit.
Am 3. Mai stieß die Parteiführung den April-Beschluß um und verschob die ZK-Tagung auf den 18. Juni. Einen Tag später teilte die "Prawda" amtlich mit, daß Koslow ernstlich erkrankt sei; Gerüchte besagten, Koslow habe einen schweren Autounfall erlitten.
Wie gefährdet seine Stellung im Februar und März gewesen war, offenbarte der Kremlchef im Oktober seinem französischen Gast. Als Mollet schwieg, half Chruschtschow, an einer Rückenstärkung durch den Westen interessiert, durch seine internationalen Verbindungen nach:
Hinter dein Pseudonym des im "Figaro" schreibenden "XXX" verbirgt sich ein Intimus der französischen KP-Leitung, dessen Namen die Redakteure des Pariser Blattes geheimhalten.
ZK-Genossin Jekaterina Furzewa
Den überstimmten Kremlchef...
... unter Hausarrest gestellt?: ZK-Sekretär Koslow

DER SPIEGEL 52/1963
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