25.12.1963

VOM WOHLSTAND BEDRÄNGT

Graue Fabrikhallen drängen sich Dach
an Dach am bergigen Ufer des Vareser Sees. Die Zufahrtstraße zwängt sich in steiler Kurve durch das Werktor. Auf dem Firmenschild stehen fünf große Buchstaben: IGNIS.
Giovanni Borghi, 53, Präsident der Ignis-Gesellschaft im norditalienischen Comerio, hat dieses Firmenzeichen in wenigen Jahren zu einer Weltmarke gemacht. Ignis beherrscht den italienischen Kühlschrankmarkt. Inis-Kühlschränke eroberten Frankreich und die Niederlande. Ignis drängt auf den deutschen Markt.
Borghi, ein stiernackiger Selfmade -Mann, hatte vor zwei Jahrzehnten bei Null begonnen. Zusammen mit seinem Vater betrieb er ein kleines Geschäft für Haus- und Küchengeräte. Aus der winzigen Werkstatt wurde bei Kriegsende eine Fabrik, denn Borghi erkannte seine große Chance. Italien besaß bis dahin keine Industrie für elektrische Haushaltsgeräte, wohl aber einen auffnahmefähigen Binnenmarkt.
Borghi baute Elektroherde. Borghi produzierte seit 1952 Kühlschranke und später auch Waschmaschinen. Borghi wurde zum Schrittmacher einer ganzen Industrie.
1952 wurden in Italien erst 30 000 Kühlschränke hergestellt, zehn Jahre später waren es 1,8 Millionen. Die Waschmaschinenproduktion, die 1962 noch bei 511 000 Stück lag, hat sich allein in diesem Jahr mehr als verdoppelt und dürfte 1,2 Millionen erreichen.
Italien wurde einer der bedeutendsten Elektrogeräte-Produzenten der Welt (Produktionswert 1962: 1,03 Milliarden Mark). Es überrundete Westdeutschland als bislang führenden Kühlschrank -Hersteller Europas.
Anfang 1963 beklagten sich die französischen Kühlschrank - Produzenten über ein italienisches Dumping, denn 1962 waren bereits 22,5 Prozent aller in Frankreich verkauften Kühlschränke italienischer Herkunft. Frankreich erwirkte bei der EWG-Kommission in Brüssel einen zeitlich befristeten Ausnahmezoll von 12 Prozent.
Auch die deutsche Kälte-Industrie erhob Protest und erklärte, daß die wachsenden italienischen Exporte "mit den Bestimmungen des EWG-Vertrages nicht in Einklang zu bringen sind". Die italienischen Angebote lagen um 20 bis 25 Prozent unter den deutschen Preisen.
Heute produziert Ignis allein 34 Prozent aller italienischen Kühlschränke
und erzielt einen Jahresumsatz von 260 Millionen Mark, davon ein Drittel im Export. Ignis verfügt über 34 Niederlassungen in Italien sowie Tochtergesellschaften in sechs europäischen Ländern, darunter die "Deutsche Ignis" in Stuttgart.
Und der Boom nimmt kein Ende. "Stellen Sie sich vor", sagt Ignis-Präsident Borghi, "was wir umsetzen können, wenn Italien erst in das Zeitalter der Tiefkühltruhe eintritt."
Wie Giovanni Borghi haben es nach Kriegsende Tausende anderer Unternehmer gemacht. Sie schufen im Städtedreieck Mailand, Turin und Genua das größte Industriegebiet Italiens, das heute allein fast zwei Drittel des italienischen Sozialprodukts hervorbringt.
Diese Unternehmer waren die Avantgardisten des "Miracolo Economico", des italienischen Wirtschaftswunders. Sie sorgten dafür, daß Italien innerhalb eines Jahrzehnts, in dem 2,4 Millionen neuer Arbeitsplätze entstanden, eine Entwicklung nachholte, zu der Deutschland ein halbes Jahrhundert gebraucht hatte.
Diese Männer, erfahrene Manager und Kaufleute mit Spürsinn, entschieden sich für die rationellsten Fertigungsmethoden,
erwarben die modernste maschinelle Ausrüstung (zum Teil in den USA zu günstigen finanziellen Bedingungen), nützten den Vorteil niedriger Lohne und die Gunst des Gemeinsamen Marktes. Sie machten "Made in Italy" zu einem international anerkannten Gütezeichen.
Der "Italian Style", der italienische Schick, eroberte die Weltmärkte. Die Karosserie-Mode aus Turin beeinflußt heute die Autoproduktion der übrigen Welt. Die Schuhmesse in Vigevano diktiert, ob amerikanische und deutsche Frauen hohe oder flache Absätze tragen.
Italienische Damenhandtaschen aus Eidechse oder Krokodil gelten in den USA, England, Westdeutschland und der Schweiz, die zusammen 68 Prozent der exportierten Lederwaren aufnehmen, als Zeichen höchster Eleganz.
Italienische Nähmaschinen - ein Drittel der Produktion wird exportiert - entwickelten sich zu einer scharfen Konkurrenz für entsprechende amerikanische und deutsche Erzeugnisse.
Und Olivetti, Italiens größter Büromaschinen-Hersteller, der sich vor kurzem die US-Firma Underwood angliederte, wurde in New York als erstes Industrie-Unternehmen für seine formschönen, vielfach nachgeahmten Maschinen preisgekrönt*.
Die italienische Schuhmode triumphierte. Italien ist heute der größte Schuhexporteur der Welt, obschon seine Schuhindustrie in 62 000 Betriebe mit 150 000 Beschäftigten zersplittert ist, von denen kaum 900 Unternehmen mehr als 10 Arbeiter beschäftigen.
Die Schuhausfuhr stieg sprunghaft
von Jahr zu Jahr; sie verdoppelte, verzehnfachte, verhundertfachte sich. 1951 wurden erst 302 000 Paar exportiert, 1962: waren es 39,6 Millionen Paar, nahezu die Hälfte der italienischen Schuherzeugung.
Facharbeiter mußten in. abendlichen Schnellkursen ausgebildet werden, damit, die Produktion mit der Auslandsnachfrage Schritt halten konnte. Jeder siebente Bundesdeutsche trägt gegenwärtig italienische Schuhe.
Heute bringen die Schuhexporte, die vor allem nach den USA und nach Westdeutschland gehen, den Italienern mit 548 Millionen Mark etwa ebensoviel Devisen wie die Ausfuhr von Zitrusfrüchten und Gemüse.
Die Salamander AG, einer der großen westdeutschen Schuhhersteller, suchte die Invasion aus dem Süden im Gegenstoß aufzufangen: Sie errichtete in Vigevano, dem italienischen Schuhzentrum bei Mailand, einen eigenen Betrieb. Und einer der Schuhimporteure bestätigt: "Die deutschen Fabrikanten drückt der ausländische Schuh."
Noch immer ist die Bundesrepublik vor den USA und Frankreich der wichtigste Handelspartner Italiens. 1962 nahm Westdeutschland wertmäßig 19,3 Prozent der italienischen Exporte auf und war Lieferant für 16,9 Prozent der italienischen Einfuhren. Das entspricht der Hälfte des gesamten italienischen Warenaustauschs mit der EWG.
Die großen deutschen Warenhaus-Konzerne unterhalten Einkaufsbüros in Mailand, denn sie wissen, daß ihre Kunden auf ihren Italien-Urlaubsreisen an italienischen Schuhen, italienischer Kleidung, italienischem Wein Geschmack gefunden haben.
Warenhaus-Millionär Helmut Horten (Defaka) hat für das Italien-Geschäft vor fünf Jahren eine eigene Firma gegründet, die "Horten Italiana S. R. L." am Corso Vittorio Emanuele in Mailand. Sie erforscht für den Horten -Konzern das italienische Warenangebot vom Kugelschreiber bis zum Kühlschrank und arbeitet ständig mit 500 bis 600 italienischen Firmen zusammen.
Oft sind es winzige Betriebe, beispielsweise in der Schuhindustrie, für die Helmut Horten zum wichtigsten Brotgeber geworden ist. Sie produzieren an deutschen Maschinen, die Vater, Mutter und zwei Söhne bedienen, 200 Damensandalen pro Tag für die unersättlichen Wühltische der Horten-Häuser. "In diesen Werkstätten hängt dann auch", erzählt Renato Delaini, Prokurist
von Horten Italiana, "das Bild des Horten-Einkäufers auf dem Ehrenplatz neben dem Bild des heiligen Antonius."
Die Textilindustrie stellt etwa ein Fünftel aller italienischen Exporte. Rund 2000 Betriebe mit 140 000 Beschäftigten, die meisten davon in Oberitalien, produzierten 1962 Konfektionskleidung im Werte von 1,9 Milliarden Mark. Davon wurden über 60 Prozent exportiert. Von der Hutproduktion gingen etwa 80 Prozent ins Ausland. Und die Ausfuhr italienischer Krawatten verdoppelte sich von einem Jahr zum anderen.
Bis 1966 soll, so prophezeit "Confindustria", der Dachverband der italienischen Industrie, der Produktionswert der,italienischen Konfektion um 40 Prozent steigen und die Zahl der Beschäftigten um 60 000 zunehmen. Alle paar Monate entstehen neue Firmen.
Größter Produzent ist der Marzotto -Konzern mit acht Textilfabriken in ganz Italien und-einem Jahresverdienst von etwa 400 Millionen Mark.
"Ich bin für die amerikanische Methode: Wer viel leistet, soll auch viel verdienen", pflegt Konzern-Junior Graf Giannino Marzotto, 35, zu erklären, wenn- er über seine mit Schwimmbad, Kino, Klub und Kindergarten verwöhnten Arbeiter spricht.
Größtes Industrie-Unternehmen Italiens wurde Fiat, 1899 in Turin mit 50 Arbeitern als "Fabbrica Italiana Automobili Torino" gegründet. Der Fiat -Konzern baut heute nicht nur 84 Prozent aller Autos (1962: 796 000 von insgesamt 947 000), die in Italien produziert werden. Fiat baut auch Traktoren, Schiffsmotoren, Düsenflugzeuge, Kühlschränke, Lokomotiven, Werkzeugmaschinen. Gesamtumsatz 1962: fünf Milliarden Mark. Das Volkswagenwerk, Westdeutschlands größtes Auto-Unternehmen, erzielte im gleichen Jahr einen Umsatz von 6,4 Milliarden Mark.
Fiat betreibt eigene Hüttenwerke, eigene Gießereien, eigene Walzwerke. Fiat baut Autobahnen (so die Autostraße Mailand - Turin, deren Benutzung 3,50 Mark kostet), Straßentunnel in
den Alpen (Großer St. Bernhard und Montblanc), Staudämme in Rhodesien, Ghana, im Sudan und Iran. Fiat besitzt zusammen mit dem italienischen Chemiekonzern Montecatini ein eigenes Kernforschungszentrum.
Fiat schuf zugleich ein atembeklemmend lückenloses System sozialer Betreuung, das so rationalisiert ist wie der Produktionsprozeß in den 24 Fiat -Werken.
Die Fiat-Sozialpolitik beginnt mit den kleinen blauen, mit Wiegen ausgestatteten Bussen, in denen die Kinder aus den Fiat-Wohnsiedlungen in Kindergärten und Ferienheime befördert werden. Sie endet nach 40 oder 50jähriger Betriebszugehörigkeit mit Goldmedaille, Diplom und Sonderprämie (ein Monatsgehalt) im Casino der bisher 17 000 Fiat-Veteranen oder im Fiat -Altersheim.
Dazwischen liegen: kostenlose mehrjährige Berufsausbildung in der Fiat -Zentralschule, "Giovanni Agnelli", kostenlose ärztliche Betreuung durch die Fiat-Betriebskrankenkasse oder eine ihrer 20 ambulanten Stationen, kostenlose Benutzung des Fiat-Kulturzentrums nebst Leihbibliothek und der Fiat -Sportanlagen mit Tennisplätzen, Boccia -Bahnen, Hallenbädern.
Wer Glück hat erhält auch einen kostenlosen Aufenthalt im Fiat-Sanatorium in den Turiner Bergen oder ergattert eine der 3270 billigen Werkswohnungen - 1200 weitere sind im Bau - in einem der modern-monotonen Fiat-Wohnviertel.
In einem Jahrzehnt stürmischen wirtschaftlichen Aufstiegs ist Italien mit Unternehmen wie Fiat, Olivetti und Montecatini eine der führenden Industriemächte geworden. Sein Sozialprodukt vergrößerte sich seit 1953 um über 50 Prozent. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich seine Industrieproduktion. Seine Exporte haben sich - dank der Zollsenkung innerhalb des Gemeinsamen Marktes - mehr als verdreifacht.
Italiens wirtschaftliche Zuwachsraten waren in den letzten Jahren die größten innerhalb der EWG. Allerdings war auch die Ausgangsbasis für dieses rasche Wachstum weitaus schmäler als etwa in Frankreich und Westdeutschland, Italiens hochindustrialisierten Nachbarn, oder gar in den USA.
- 1961 wuchs das Bruttosozialprodukt in Italien um 8,3 in Westdeutschland um 6,7 und in den USA nur um 1,7 Prozent.
- 1962 lag Italien wiederum mit 6,8 Prozent Zuwachs an der Spitze vor der Bundesrepublik mit 5,8 und den USA mit 5,7 Prozent:
- 1963 schätzt die Brüsseler EWG -Kommission die, italienische Zuwachsrate auf fünf Prozent, während der EWG-Durchschnitt vier Prozent betragen und die Bundesrepublik nur 3,5 Prozent erreichen wird.
Auch der Produktivitätszuwachs je Arbeitsstunde war in Italien mit 69 Prozent gegenüber 1953 größer als in der gesamten nicht kommunistischen Welt, Japan ausgenommen (siehe Seite 71).
Diesen Aufstieg in die Reihe der führenden Industrie Nationen verdankt Italien
- einer kräftigen Kapitalinjektion von außen, zunächst als Marshall-Plan -Hilfe (14 Milliarden Mark), später in Form privater Auslandsinvestitionen, die bis Ende 1962 ebenfalls 14 Milliarden Mark erreichten*,
- der strengen Finanzpolitik des Turiner Wirtschaftsprofessors und späteren Staatspräsidenten Luigi Einaudi (1948 bis 1955), der Italiens Währung in den entscheidenden Nachkriegsjahren als Staatsbank-Präsident und Finanzminister vor der Inflation bewahrte,
- der Entdeckung reicher Erdgas-Vorkommen in der Poebene, die für Italiens Industrie zu einer billigen heimischen Energiequelle wurden,
- einem noch heute nicht voll ausgeschöpften Arbeitskräftereservoir im wenig entwickelten Süden des Landes, aus dem jährlich etwa 250 000 Menschen nach Norden wandern.
Die Wanderer aus dem Suden kommen mit der Eisenbahn oder sogar mit dem Fahrrad (wie es Regisseur Visconti in dem Film "Rocco und seine Brüder" geschildert hat). Sie haben meist keinen Beruf erlernt; sie suchen irgendeine Arbeit und nehmen es mit den Sozialabgaben, die ihr Arbeitgeber eigentlich für sie zu entrichten hätte, nicht allzu genau.
Im Sommer schlafen sie oft im Freien, im Winter suchen sie sich einen Unterschlupf. Sie schuften auf dem Bau und arbeiten später, wenn sie arriviert sind, am Fließband. Haben sie endlich Fuß gefaßt, kommt die Familie nach: Frauen, die weder lesen noch schreiben können, und viele Kinder.
Diese Binnenwanderung - der eigentliche Motor des "Miracolo Economico" - hat im letzten Jahrzehnt über zwei Millionen Menschen in die großen Industriezentren des Nordens geführt, weil
Kalifornien in Mailand beginnt", wie man sich in den Dorfkneipen Kalabriens erzählt.
Dem übervölkerten Norden entsprechen verwaiste Bauernhöfe in Süden, die zum Teil erst durch die Bodenreform vor knapp zehn Jahren entstanden, Höfe in den Abruzzen, in der Basilicata und in Kalabrien, die nur noch von einer betagten Großmutter behütet werden, während die Söhne längst bei Fiat in Turin oder Olivetti in Ivrea am Fließband stehen und die Enkel im Werkskindergarten aufwachsen.
Eine gewaltige gesellschaftliche Umschichtung hat stattgefunden, später und
zögernder als bei anderen europäischen Völkern. 1951 waren noch 42,5 Prozent aller italienischen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig; bis 1962 sank dieser Prozentsatz auf 28 (Bundesrepublik: 13 Prozent). Dementsprechend arbeiteten im vergangenen Jahre bereits 40,4 Prozent der 20,6 Millionen Erwerbstätigen Italiens in der Industrie.
Die Süditaliener, die diese Bevölkerungsumschichtung zuwege brachten, werden im Norden als "Terroni" bespöttelt*. Sie bilden das Fußvolk des italienischen Wirtschaftswunders - nicht anders als die Heimatvertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre.
Sie sind als Arbeitskräfte auch im übrigen Westeuropa so umworben, daß selbst Bauunternehmer aus Hamburg in Bari, im südlichsten Italien, mit dem Kleinbus anrollen, um sofort acht oder zehn Maurer mitzunehmen. 300 000 Italiener arbeiten gegenwärtig in Westdeutschland, etwa 480 000 in der Schweiz.
Wenn der Arbeitsvertrag dieser Terroni in der Bundesrepublik abgelaufen ist, gelten sie in ihrer Heimat als tüchtige, welterfahrene Männer, die manchmal sogar ein deutsches Facharbeiter -Diplom vorzuweisen haben; sie kehren auch oft mit einer deutschen Frau zurück. In diesem Jahr hat allein das deutsche Konsulat in Bari bis Oktober 389 solcher Ehen registriert; im Jahre 1955 war es erst zwei.
Der alteingesessene Norditaliener verachtet die Terroni; er findet sie schmutzig und ungebildet. "Man sollte eigentlich", meint ein Mailänder Geschäftsmann, "gleich hinter Florenz eine Grenze ziehen. Denn da hört Europa auf, und Afrika fängt an."
Und ein anderer klagt bei einem Espresso an der Bar, er müsse sich dringend eine neue Wohnung suchen; in seinem Haus hätten sich zu viele "Nichteuropäer" eingenistet. "Alles Terroni", erläutert er.
Sizilianer, Kalabreser, Neapolitaner, Venezianer stellen heute einen großen Teil der Arbeitskräfte in Italiens eisernem Industriedreieck zwischen Mailand, Turin und Genua.
- Turin, einst königliche Residenz und erste Hauptstadt des geeinten Italien (1861 bis 1865), ist schneller gewachsen als jede andere italienische Stadt. Zwischen 1951 und 1961 vergrößerte sich die Bevölkerung um 41,7 Prozent. Wo 1951 erst 721 000 Menschen lebten, wohnen heute 1,2 Millionen. Unter den 120 000 Arbeitskräften der Turiner Fiat-Werke sind 40 000 Süditaliener. "Wirklich wertvolle Arbeitskräfte", spottete ein Fiat-Ingenieur, "werden sie erst in der zweiten Generation."
- Mailand, das wichtigste Industrie - und Handelszentrum des Landes mit gegenwärtig 1,58 Millionen Einwohnern (die 24 Prozent aller nationalen Steuern aufbringen), mächtigen Bankpalästen und wuchernden Industrievororten, verzeichnete einen Bevölkerungszuwachs von 24,1 Prozent. In den letzten beiden Jahren wanderten jeweils 80 000 Menschen zu.
- Genua, dritter Pfeiler des Industriedreiecks und größter Hafen Italiens
mit 775 000 Einwohnern, hat jährlich etwa 40 000 Menschen aufzunehmen.
Dieser Gewichtsverlagerung zeigten sich die Städte Oberitaliens nicht gewachsen. Der Bedarf an Wohnungen, Schulen, Krankenhäusern, Straßen, Parkplätzen, öffentlichen Verkehrsmitteln stieg rascher, als die Stadtväter voraussahen. Denn Raumordnung und Städteplanung sind in Italien bisher kaum bekannte Begriffe.
Der Zustrom der Terroni hat die Bodenspekulanten reich gemacht; er trieb die Mieten in den Industriestädten in schwindelnde Höhen und machte den Wohnungsbau zu einem abenteuerlichen Geschäft.
Eine Wiese mit einem Schild, daß es hier demnächst Wasseranschluß und Lichtleitung geben werde, bedeutet ein Vermögen. Wo im vergangenen Jahr der Quadratmeter Bauland in den Vororten Mailands noch für 125 Mark zu haben war, kostet er heute 200, ja 250 Mark.
Eigentumswohnungen werden mit 380 bis 520 Mark je Quadratmeter Wohnfläche gehandelt, im Zentrum Mailands mit 2000 bis 2500 Mark.
In Rom und Mailand stiegen die Mieten auf 1600 bis 1700 Mark pro Raum und Jahr; 1959 zahlte man 700 bis 800 Mark.
Das hat der Bau-Industrie zu einem stürmischen Aufschwung verholfen. Wurde 1951 erst für 1,96 Milliarden Mark gebaut, so waren es 1962 bereits 11 Milliarden, also fast sechsmal soviel. 1962 wurden in ganz Italien 359 300 Wohnungen errichtet (Bundesrepublik: 552 600) und für weitere 590 400 Baugenehmigungen erteilt. Aber Bau-Boom und Mietwucher nehmen kein Ende.
Ein Angestellter, der monatlich 650 bis 800 Mark verdient, muß davon 320 bis 400 Mark, also rund die Hälfte seines Einkommens, für eine bescheidene Drei-Zimmer-Wohnung ausgeben. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt deshalb in Haushalten von vier, fünf und mehr Personen, damit Schwiegereltern, Onkel oder Geschwister die Mietlast tragen helfen.
Das schafft natürlich sozialen Sprengstoff. In Mailand stürmten vor wenigen Wochen erregte Demonstranten über den Domplatz. Alle Gewerkschaften, auch die regierungstreuen Christdemokraten, hatten zum erstenmal zu einem gemeinsamen Streik gegen steigende Preise und überhöhte Mieten aufgerufen. Die Regierung antwortete mit einem Mietstoppgesetz.
Noch immer bind nämlich die italienischen Reallöhne - sie erhöhten sich bis 1961 gegenüber 1953 um 23,7 Prozent, in der Bundesrepublik jedoch um 52,2 Prozent - die niedrigsten innerhalb der EWG. Ein Arbeiter verdient heute zwischen 320 und 380 Mark in Mittelitalien, zwischen 380 und 520 Mark im Norden.
Insgesamt stiegen,die Arbeitseinkommen 1962 um 16,5 Prozent, während sich die Verbraucherpreise in den letzten zwölf Monaten um etwa zehn Prozent erhöhten (Bundesrepublik:vierProzent), bei einer Reihe wichtiger Lebensmittel jedoch um 18 bis 30 Prozent,
Den Bauernsöhnen am Fließband, die Wohnungsnot und Preissteigerungen zu Protestkommunisten gemacht haben, verdankt die italienische KP ihre Wahlsiege im Norden. Sie avancierte im April 1963 in Turin und Genua zum ersten Male zur stärksten Partei vor
den Christdemokraten. In Mailand errang sie 21,6 Prozent der Stimmen, nur noch 0,97 Prozent weniger als die Christdemokratische Partei.
Die KP Italiens, die größte kommunistische Partei außerhalb des Ostblocks, seit 37 Jahren von Palmiro Togliatti geführt, ist längst eine wohletablierte Macht. Die größte Gewerkschaft des Landes, die CGIL, hört auf ihr Kommando.
Die Kommunisten regieren zusammen mit den Nenni-Sozialisten bereits in 2200 von 8000 Gemeinden. Im April 1963 mobilisierte die KP insgesamt 7,8 Millionen Wähler, über eine Million mehr als 1958. Auch neun Zehntel der im Ausland tätigen italienischen Arbeiter stimmten für sie. In ihren Mitgliederlisten sind 1,8 Millionen Italiener registriert, darunter ein großer Teil der Intellektuellen, der Künstler, Journalisten, Professoren.
Der wachsenden Gefahr von links suchte Italiens große Regierungspartei "Democrazia Cristiana" (DC), die 1,6 Millionen Mitglieder und 11,8 Millionen Wähler zählt, mit einer "Öffnung nach links" (Apertura a sinistra) zu begegnen.
Mit Amintore Fanfani, 55, unter de Gasperi mehrfach Minister und 1958 zum erstenmal Regierungschef, begann das "Mitte-Links" (Centro-Sinistra)-Experiment. Aldo Moro, 47, der gegenwärtige DC-Parteisekretär und neue Premier, sucht es jetzt zu vollenden: Er zog die Sozialisten und deren Chef Pietro Nenni in die Regierung.
Das vom linken DC-Flügel unter Fanfani und Moro dabei anvisierte Ziel: den Marxismus, dem heute fast 40 Prozent der italienischen Wähler anhängen - sei es als Kommunisten (25,3 Prozent), sei es als Sozialisten (13,8 Prozent) -, durch soziale Reformen zu überwinden und die Sozialisten durch einige Ministersessel von den Kommunisten zu trennen.
Mit Fanfanis "Apertura a sinistra" begann 1962 der konjunkturelle Umschwung: lang anhaltende Lohnkämpfe, rapid steigende Preise, wachsende
Kapitalflucht, Kursstürze an den Börsen, rasch größer werdende Defizite in der Handels- und in der Zahlungsbilanz, beginnende Inflation. Die Politik drohte das "Miracolo Economico" zu zerstören.
Italiens Industrieverband, die mächtige "Confederazione Generale dell'Industria Italiana" (Confindustria), die 100 000 Unternehmen mit drei Millionen Arbeitern vertritt, schlug Alarm. "Die Verstaatlichung der Elektrizitätswirtschaft und die Einführung der Dividendensteuer", verlautbarten die italienischen Unternehmer, "haben ein Klima der Unsicherheit entstehen lassen und die Neigung des Sparers gebremst, sein Geld produktiv anzulegen."
Die Verstaatlichung - das ideologische Geschenk der Fanfani-Regierung an die Nenni-Sozialisten - hatte im Dezember 1962 etwa 250 Elektrizitätswerke der neugeschaffenen "Enel" (Ente Nazionale per l'Energia Elettrica) unterstellt. "Damit begannen", erläuterte ein
Confindustria-Funktionär, "die negativen Erscheinungen in der Wirtschaft."
Geschädigt wurden rund 500 000 Kleinaktionäre, denn die Papiere der vier großen privaten Elektrizitätsgesellschaften waren bei kleiner Stückelung eine beliebte Kapitalsanlage.
Die von Enel zu zahlende Entschädigung, auf etwa 13 Milliarden Mark geschätzt, wird nach dem mittleren Kurswert der Aktien in den Jahren 1959 bis 1961 berechnet. Sie soll in zehn gleichen Jahresraten geleistet werden - nur der Zeitpunkt ist noch höchst ungewiß.
Da selbst bei der Enel-Verwaltung mit einer jährlichen Lira-Entwertung von mindestens fünf Prozent gerechnet wird; dürfte die zehnte Entschädigungsrate höchstens noch halb soviel an realer Kaufkraft darstellen wie die erste.
Aus 500 000 Kleinaktionären wurden ebenso viele enttäuschte Wähler. Eine "Vereinigung der geschädigten Kleinaktionäre" (Adicor) bildete sich, die an die EWG-Behörden in Brüssel appellierte. Zwei Klagen vor dem italienischen Verfassungsgericht bestreiten die Rechtmäßigkeit des Enteignungsgesetzes.
Als Italiens geprellte Aktionäre auch noch 15 Prozent Dividendensteuer zahlen, obendrein - zwecks künftiger Besteuerung - ihre Anonymität verlieren und mit ihrem Wertpapierbesitz beim Aktienregister in Rom erfaßt werden sollten, begann die Flucht aus der Aktie. Die Kurse stürzten, die Bodenspekulation bekam Auftrieb, heimliche Geld -Transporte rollten über die Schweizer Grenze (SPIEGEL 46/1963).
Aktionären und Unternehmern sitzt trotz beruhigender Erklärungen der neuen Regierung - auch die Sozialisten wollen mit einer "Serie von Garantien das Vertrauen wiederherstellen" - die Furcht im Nacken, Moro könne weitere Verstaatlichungen planen, etwa der chemischen Industrie.
Schon heute kontrolliert der Staat zwei Fünftel der Wirtschaft. Er kommandiert in Italien mehr Betriebe als in jedem anderen Land außerhalb des Ostblocks.
Der italienische Staat betreibt nicht nur Eisenbahnen, Post und Telephon, er kontrolliert auch
- die vier wichtigsten Schiffahrtslinien (63,2 Prozent der Handelsflotte),
- fast alle großen Schiffswerften,
- etwa 80 Prozent der Elektrizitätserzeugung
(Enel),
- nahezu die gesamte Erdgasgewinnung
sowie ein Drittel der Erdölförderung (Eni),
- die wichtigste Fluggesellschaft des
Landes (Alitalia),
- die Hälfte der Banken,
- die zweitgrößte Automobilgesellschaft
(Alfa Romeo),
- den Rundfunk und das Fernsehen
(Rai),
- die großen Baugesellschaften für die
Autobahnen,
- den überwiegenden Teil der Stahlindustrie
mit einer Produktion von 5,4 Millionen Tonnen (1962 insgesamt 9,5 Millionen Tonnen),
- große Teile der Maschinenbau-Industrie,
- eine Vielzahl kleiner Betriebe von
der Textilproduktion über Zeitungen - wie die von Eni finanzierte "Il Giorno" (210 000 Exemplare) in Mailand - bis zur Kernforschung.
Mit Eni (Ente Nazionale Idrocarburi) und ihren 73 Untergesellschaften, geleitet von Professor Marcello Boldrini, 73, einst Stellvertreter, seit 1962 Nachfolger des tödlich verunglückten italienischen Ölkönigs Enrico Mattei, greift Italien in die Ölpolitik der Weltmächte ein.
Eni, die im Süden Mailands eine eigene supermoderne Verwaltungsstadt, "Metanopoli", errichtete, importiert Russen-Öl. Eni baut zum Ärger von Amerikanern, Briten, Holländern und Belgiern die erste Ölraffinerie am Kongo. Eni errichtet Raffinerien in Algerien, Marokko, Ghana und Tanganjika, baut Pipelines in Indien und bohrt nach Öl im Nil-Delta.
Solche ehrgeizigen Unternehmungen haben die Eni-Schulden auf 5,6 Milliarden Mark - nahezu das Doppelte des Jahresumsatzes - anschwellen lassen, die Zinsenlast auf jährlich 104 Millionen Mark erhöht und den Reingewinn des Riesenkonzerns 1962 auf ganze 1,6 Millionen Mark herabgedrückt.
"Iri" (Istituto per la Ricostruzione Industriale), ursprünglich 1933 von Diktator Mussolini gegründet, um eine Bankenkrise abzuwehren, hat sich in drei Jahrzehnten zu einer riesigen Staatsholding mit 52 Untergesellschaften entwickelt. Ihr Präsident, Giuseppe Petrilli, Herr über 288 000 Arbeiter und Angestellte, ist zugleich Vorgesetzter der Alitalia-Piloten, der Rai-Rundfunk-Redakteure, der Monteure bei Alfa Romeo und der Arbeiter in Italiens größtem Stahlwerk in Tarent.
Iri setzt jährlich Waren und Dienstleistungen im Werte von zehn Milliarden Mark um, investiert 3,14 Milliarden Mark und hat - seltsam für einen Staatskonzern - 450 000 private Aktionäre, denen eine Milliarde des auf 7,2 Milliarden Mark geschätzten Iri-Gesamtkapitals gehört.
Neben diesen Giganten gibt es eine Vielzahl kleinerer halbstaatlicher "Enti"*. Noch keine Regierung hat sie völlig unter Kontrolle bringen oder auch
nur ihre genaue Zahl feststellen können. Sie bieten den Parteien Gelegenheit zu Ämter-Patronage und mancherlei Nebengeschäften, die um Haaresbreite an Korruption vorbeigehen oder tatsächlich Korruption sind. Im wenig entwickelten Süden finden die Enti ihr reichstes Betätigungsfeld.
Italiens Regierung verfügt damit über ausreichende Instrumente, um die von Moro angekündigte "Programmazione", die staatliche Planung, vor allem im Süden des Landes durchzusetzen. Seit August 1962 besteht in Rom bereits eine zentrale Planungsbehörde.
Die neuen Männer um Moro sehen in der Progranmuazione das wichtigste Heilmittel für die wirtschaftlichen Wachstumsnöte des Landes. Italiens Unternehmer fürchten jedoch die Planung nicht minder als weitere Verstaatlichungen. Denn im Süden des Landes, den sämtliche Regierungen durch vielfältige staatliche Hilfen an den wirtschaftlichen Wohlstand des Nordens heranzuführen suchen, hat die Programmazione bislang versagt.
Eines der wichtigsten Plan-Instrumente ist die 1950 gegründete "Kasse für den Süden" (Cassa per il Mezzogiorno); sie verausgabt jährlich 1,28 Milliarden Mark, ab 1965 sogar 1,79 Milliarden, in Italiens ärmsten Provinzen und möchte das noch mindestens 20 Jahre lang fortsetzen. Die Weltbank und die Europäische Investitionsbank halfen ihr mit Krediten. Die großen Staatskonzerne Eni, Enel und Im müssen 40 Prozent ihrer Investitionen im Süden vornehmen, und die staatlichen Behörden sollen ein Fünftel ihrer Aufträge an Betriebe im Mezzogiorno vergeben.
Wer im Süden investieren will, braucht nur 15 Prozent des erforderlichen Kapitals selbst aufzubringen: 70 Prozent erhält er als Kredit mit einer Laufzeit von 15 Jahren von "Isveimer" (Istituto per lo Sviluppo Economico dell'ltalia Meridionale), dem Institut für die wirtschaftliche Entwicklung Süditaliens in Neapel, weitere 15 Prozent als verlorenen Zuschuß von der Kasse für den Süden.
Der Staat erläßt dem neuen Mezzogiorno-Unternehmer außerdem auf zehn Jahre die Einkommenssteuer, befreit ihn von Zöllen für importierte Maschinen, ermäßigt die Umsatzsteuer um 50 Prozent und gewährt Frachtvergünstigungen auf der Eisenbahn.
Gestützt auf Bari (320 000 Einwohner), das nach Mailand die zweitgrößte Messe Italiens beherbergt, sowie auf Brindisi und Tarent, will die italienische Regierung im Süden bis 1970 ein neues Industriedreieck schaffen, in dem 4000 Unternehmen angesiedelt werden sollen als Gegengewicht zu den Industrie-Regionen des Nordens. Die EWG-Kommission hat den Plan gutgeheißen, und zwei deutsche Firmen sind auch dabei.
Doch haben alle Entwickungspläne, alle Kreditantragsformulare in fünffacher Ausfertigung und Milliarden verlorener Zuschüsse im Süden bisher in einem Jahrzehnt nur etwa 130 000 neuer Industrie-Arbeitsplätze schaffen können, während die zehnfache Zahl ohne Programmazione, ohne staatliche Planung, im Norden entstand, wo der Zustrom aus dem Süden neue Slums zu schaffen droht.
Die Programmazione muß vor allem dort versagen, wo das "Miracolo Economico" seine natürliche Grenze erreicht, wo Italien seinen Marktanteil innerhalb der EWG verteidigen muß. Dabei hilft keine staatliche Planung.
Auch Fiat, im Nachkriegsboom zum größten Industrie-Unternehmen des Landes geworden, spürt die Konjunkturwende. Der Konzern, der täglich fast 4000 Wagen vom Band rollen läßt, jährlich über 300 000 Autos exportiert und 78 Prozent seiner Umsätze im Automobilgeschäft erzielt, fürchtet in Italien um seine marktbeherrschende Stellung.
Seit die Automobileinfuhr vor zwei Jahren liberalisiert wurde, ist Italien innerhalb der EWG zum Haupteinfuhrland ausländischer Kraftfahrzeuge geworden. 21 Prozent aller 1963 in Italien neu zugelassenen Autos sind ausländisehe Fabrikate, in der Bundesrepublik nur 13,6, in Frankreich 11,7 Prozent. Während der italienische Auto-Export stagniert (1963 voraussichtlich 317 000 Fahrzeuge), haben sich die Importe mit etwa 200 000 Wagen gegenüber 1962 mehr als verdoppelt.
Der deutsche Volkswagen wurde plötzlich zum gefürchteten Konkurrenten. VW hat seit 1951 insgesamt 107 000 Fahrzeuge nach Italien importiert, davon 56 000 allein seit Anfang 1963.
Fiat-Präsident Vittorio Valletta intervenierte in Rom bei dem (inzwischen zurückgetretenen) Finanzminister Martinelli. Italiens Parlament debattierte über Schutzmaßnahmen gegen den "übermäßigen Auto-Import". Das VW-Werk wurde des "Dumpings" beschuldigt, was sein Chef, Professor Nordhoff, scharf zurückwies.
VW hatte ebenso wie BMW und Renault seine Preise für Italien gesenkt. Die VW 1200 Limousine war um 384 Mark, der VW 1500 gegenüber 1962 um 1280 Mark billiger geworden. Damit wurden die Preise vergleichbarer Fiat -Produkte unterboten. Fiat selbst sah sich gezwungen, die Preise einiger Modelle zu erhöhen. Und Fiat-Chef Valletta befürwortet nun innerhalb der. EWG - ähnlich den Schutzbestimmungen der Montan-Union - eine Marktordnung für Automobile.
Dennoch ist der Kleinwagen-Boom, den Fiat zu nutzen verstand, in Italien noch nicht zu Ende. Die Italiener stehen in der Motorisierung erst dort, wo sich die Deutschen 1958 befanden. Erst jeder 15. Italiener besitzt heute ein Auto (1951 jeder siebzigste), hingegen bereits jeder achte Bundesbürger.
Während die italienische Auto-Industrie, die 1963 zum ersten Male einen Ausstoß von 1,2 Millionen Wagen erreichen wird, ihren Binnenmarkt gegen ausländische Konkurrenz verteidigt, kämpft die übrige italienische Industrie um ihre Auslandsmärkte.
Italiens Handelsbilanz ist trotz aller Exportrekorde von jeher passiv, weil auf der Halbinsel Rohstoffe und ausreichende Energiequellen fehlend. In den letzten beiden Jahren wuchsen überdies die Importe rasanter als die Ausfuhren.
In den ersten acht Monaten des Jahres 1963 erhöhten sich die Einfuhren (meist Halbfabrikate, Rohstoffe, Rohöl, aber auch Fleisch, Zucker und Getreide) um 24,8 Prozent, die Exporte - zu
neun Zehnteln Industrie-Erzeugnisse jedoch nur um 7,3 Prozent (bisheriger Jahresdurchschnitt: 13 Prozent). Das Handelsdefizit beträgt schon jetzt über 6,4 Milliarden Mark.
Für den notwendigen Ausgleich - ja für beträchtliche Überschüsse in der Zahlungsbilanz seit 1958 - hatten bisher der Fremdenverkehr (1962: 3,4 Milliarden Mark), die Italiener im Ausland, die ihre Ersparnisse überwiesen (2,4 Milliarden Mark), und die steigenden Investitionen ausländischen Kapitals in Italien gesorgt. Das ist jetzt vorbei.
So mußte denn die italienische Zentralbank "Banca d'ltalia" melden, daß die Zahlungsbilanz-Überschüsse, die Italien zu einer Gold- und Devisenreserve von 13,6 Milliarden Mark verholfen hatten, der Vergangenheit angehören.
Statt 2,3 Milliarden Mark, wie 1961, errechnete die Bank für 1962 nur noch
einen Überschuß von 200 Millionen Mark. Und im September 1963 berichtete Finanzminister Mario Martinelli, das Defizit der Zahlungsbilanz (das nur durch einen Rückgriff auf die Gold - und Devisenreserven zu decken ist) habe bereits 2,9 Milliarden Mark erreicht. Das war alarmierend.
Die Banca d'Italia warnte vor ökonomischen Denkfehlern: "Eine Ausdehnung des Inlandverbrauchs kann eine etwa eintretende Schrumpfung der Exporte nicht ausgleichen."
Gerade das aber droht: Der Export stagniert, während Italiens Industrie auf den heimischen Konsumgüter-Boom spekuliert, der dank der steigenden Arbeitseinkommen leichtenGewinn verspricht. Dafür kaufen Italiens Industrielle, ohne sich um die. Währungsstabilität übermäßige Sorgen zu machen, Rohstoffe im Ausland ein.
Denn die Süditaliener, die heute in den Fabriken des Nordens arbeiten, statt auf den kargen Äckern ihrer Heimat zu fronen, haben ihr Einkommen
durch ihre Wanderung in das oberitalienische Industrierevier mehr als verdreifacht. Die Terroni schaffen nicht nur für das "Miracolo Economico", sie sind auch seine besten Kunden. Das treibt die Einfuhr in die Höhe,
"Unsere Gold- und Devisenreserven", registrierte Anfang Dezember der römische "Il Messagero", "betragen nur noch acht Milliarden Mark, Davon geben wir (für Importe) monatlich 800 Millionen aus. Innerhalb von zehn Monaten, am Ende das Sommers 1964, werden wir ein insolventes Land sein."
Was danach in Italien werden soll, wollte Professor Walt W. Rostow wissen, der Chefplaner des US-Außenministeriums und einer der wichtigsten Köpfe im Beraterteam des amerikanischen Präsidenten.
Rostow kam nach Rom und konferierte mehrere Tage lang mit den Führern der neuen Regierung. Er sprach mit Moro, mit Nenni, mit Saragat. Alle drei vermochten nur einen Ausweg aus der Krise zu sehen: eine neue großzügige Wirtschafts- und Finanzhilfe Amerikas für das vom Wohlstand bedrängte Italien.
* Olivettl erhielt 1962 den mit 20 000 Dollar dotierten "Kaufmann International Design Award".
* Die Bundesrepublik steht nach den USA und der Schweiz mit 104,3 Millionen Mark bei den Auslandsinvestitionen an dritter Stelle.
* Für "Terroni gibt es keine Übersetzung, doch hängt dieser Spitzname mit Erde (terra), Boden, Dreck zusammen.
* Ente = Amt, Institut, Organisation, Gesellschaft.
* Die Handelsbilanz entsteht aus der Gegenüberstellung
von Einfuhren und Ausfuhren, während die Zahlungsbilanz darüber hinaus den gesamten Kapitalverkehr, Zinsen und Dienstleistungen umfaßt.
Lederwaren
Schuhe
Automobile
Krawatten
Herrenhüte
Büromaschinen
Nähmaschinen
Elektrogeräte
Konfektionskleidung
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DER SPIEGEL 52/1963
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