25.12.1963

LUKACSKaninchen am Himalaja

Als Georg Lukács siebzig wurde, 1955, dichtete Ostdeutschlands Johannes R. Becher: "Du lehrtest uns Durch -Sicht und Über-Sicht, wir wurden mündig erst in Deiner Lehre."
Ein Jahr später war aus der gerühmten Durch-Sicht-Lehre des deutsch schreibenden Literatur-Patriarchen aus Budapest "eine besonders gefährliche Spielart des modernen Revisionismus" geworden. Der Ostberliner Aufbau-Verlag, der bis dahin seine Bücher herausgebracht hatte, publizierte eine Anti -Lukács-Schrift, und der Marxist Lukács wurde nun als Parteifeind geschmäht.
Dazwischen lag der ungarische Aufstand von 1956, bei dem Lukács als Kulturminister der Nagy-Regierung amtiert und eine Rolle gespielt hatte, die der englische Essayist Herbert Read so umschrieb: "Wenn einmal die innere Geschichte der Revolte aufgezeichnet wird, vermute ich, daß sich Lukács als ihr hauptsächlicher Initiator herausstellen wird."
Es war nicht das erstemal in seiner Kommunisten-Karriere, daß Lukács das Auf und Ab von Lob und Verdammung erlebte. Nicht zum erstenmal lief er Gefahr, "bei einer schroffen Wendung des Kurses aus dem Wagen herausfallen zu müssen" (Lukács).
1924 bereits, auf dem 5. Komintern -Kongreß in Moskau, eiferte Grigorij Sinowjew, damals präsumtiver Nachfolger Lenins, gegen den intellektuellen Genossen: "Noch ein paar solcher Professoren, die ihre marxistischen Theorien spinnen, und wir sind verloren."
Aber der ungarische Professor überlebte diesen und noch manchen anderen Angriff mit galileischer List und Lippenreue. Über Stalins Ausrottungspraxis - der auch Sinowjew zum Opfer
fiel -, über die Titoisten-Prozesse von 1949 und über den ungarischen Herbst hinweg spann er weiter an seinen mal "linksabweichlerischen" und mal "rechtsabweichlerischen", mal "revisionistischen" und mal "häretischen" Theorien zur kommunistischen Ideologie, Philosophie und Ästhetik.
Heute gilt, Georg Lukács zumindest im Westen neben Ernst Bloch als der bedeutendste marxistische Geisteswissenschaftler der Gegenwart. Sein umfangreiches Werk, das er vor über fünfzig Jahren begann, wird in England und in Frankreich, in Italien und den Vereinigten Staaten - wenn auch zumeist gegen den Strich - gelesen und diskutiert.
Für Westdeutschlands Verleger bedurfte es erst der ungarischen Revolte, um auf den Marx der Ästhetik aufmerksam zu werden. 1958 endlich brachte der Hamburger Claassen Verlag unter dem Titel "Wider den mißverstandenen Realismus" einen ersten Lukács-Essay auf den bundesdeutschen Markt. 1961 folgte der Luchterhand Verlag mit "Schriften zur Literatursoziologie", einer sorgsam edierten Textauswahl, die, gemäß der Absicht ihres Herausgebers Peter Ludz, ein "dichtes Bild des bisher veröffentlichten Werkes von Georg Lukács vermittelt".
Im vergangenen Jahr schließlich setzte Luchterhand sogar das 1956 vom Ostberliner Aufbau-Verlag abgebrochene Großunternehmen fort: Er begann eine auf zwölf Bände geplante Lukács-Gesamtausgabe und publizierte
- 1962 das politisch-philosophische Werk "Die Zerstörung der Vernunft" (758 Seiten; 58 Mark);
- im April 1963 - außerhalb der Gesamtausgabe - die berühmte Frühschrift "Die Theorie des Romans" (172 Seiten; 14,80 Mark);
- in diesem Herbst den Doppelband "Die Eigenart des Ästhetischen" (1. Halbband 852 Seiten, 2. Halbband 888 Seiten; zusammen 130 Mark).
Das Monumental-Buch von der "Eigenart des Ästhetischen", das Lukács Ende letzten Jahres als den ersten Teil eines noch weit umfangreicher gedachten Werks abschloß - geplant sind zwei weitere Bände mit den Arbeitstiteln "Kunstwerk und ästhetisches Verhalten" und "Die Kunst als gesellschaftlich-geschichtliche Erscheinung"-, ist die erste systematische Ästhetik des Marxismus. Sie ist zugleich ein Versuch des Literatur-Theoretikers und Soziologen Lukács, die Arbeit eines Halbjahrhunderts nach dem "hohen Vorbild" der Ästhetik Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770 bis 1831), der ihn zeit seines Lebens nachhaltig beeinflußt hat, zu summieren.
Einen ersten Beitrag zur Ästhetik, der Wissenschaft vom Kunstwerk, von seinen Formen, Stoffen und Werten, seiner Erschaffung, seiner Wahrnehmung, seinen metaphysischen Beziehungen und gesellschaftlichen Bedingungen, hatte der Budapester Bankdirektorssohn György Szegedy von Lukács 1909 in seiner philosophischen Dissertation "Die Metaphysik der Tragödie" geliefert. Voraufgegangen war seine Budapester Promotion zum Doktor der Staatswissenschaften, waren Studienaufenthalte in München, Heidelberg und Berlin.
1912, nach einer italienischen Bildungsreise, etablierte sich der 27jährige ungarische Adlige mit dem Gelehrtengesicht und einem in der Habsburger Monarchie geweckten Sinn für europäische Dekadenz und Morbidität als Privatdozent in Heidelberg. Er schloß Freundschaft mit dem großen Soziologen Max Weber und verkehrte im kabbalistischen Dichterkreis Stefan Georges.
In dieser subjektiv-idealistischen Frühzeit hielt Lukács noch "die materialistische Philosophie ... erkenntnistheoretisch für völlig überwunden". Besonders stark beeindruckte ihn damals die "Philosophie des Geldes" (1900) von Georg Simmel. Durch den Berliner Philosophen Simmel - der sie seinerseits freilich von Marx und Hegel übernommen hatte - wurden ihm jene Begriffe der "Verdinglichung" und "Entfremdung" vertraut, die als Schlüsselworte in seinem Gesamtwerk immer wiederkehren und heute zu den Lieblingsvokabeln zeitgenössischer Soziologen gehören.
Für Simmel wie für Marx sind alle menschlichen Institutionen Formen dieser "Selbstentfremdung" und "Verdinglichung"; sie entzweien das Individuum mit sich selbst und mit anderen und machen es zum manipulierbaren Instrument und Objekt der Herrschenden.
In der vom "hohen Vorbild" Hegels beeinflußten "Theorie des Romans" - bei Luchterhand nun wieder aufgelegt - zeichnet Lukács ein besonders düsteres Bild solcher Entfremdung.
In diesem Dokument europäischen Krisenbewußtseins, das Lukács, wie er später gestand, "erfüllt von tiefem Pessimismus" in den Kriegsjahren 1914 und 1915 niederschrieb, verglich er die "in sich geschlossene Welt" der Antike mit der von "Schädelstätten gewesener, vermoderter Innerlichkeiten" umgebenen bürgerlichen Gesellschaft. Der Roman, die dem modernen Bürgertum angemessene Literaturgattung, ist für den frühen Lukács "Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit", ist "die Epopöe der gottverlassenen Welt".
Die "Theorie des Romans", vom Kommunisten Lukács später als "ein in jeder Hinsicht reaktionäres Werk, voll von idealistischer Mystik, falsch in allen seinen Einschätzungen der historischen Entwicklung" verworfen, wurde 1916, im Jahr seiner Erstveröffentlichung, mit höchstem Lob quittiert. Zu ihren Bewunderern gehörten Thomas Mann und Max Weber; Theodor W. Adorno sah in ihr einen Maßstab für die philosophische Ästhetik, und noch im Handbuch der "Allgemeinen Literaturwissenschaft" von 1951 wird sie als "die wohl noch immer gescheiteste Untersuchung der Gattung" gelobt.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs glaubte Lukács einen Ausweg aus der "transzendentalen Obdachlosigkeit" und "vollendeten Sündhaftigkeit" bürgerlicher Kultur erkannt zu haben: Im Dezember 1918 - die Habsburger Monarchie war zusammengebrochen - schloß er sich "nach kurzem Schwanken" der soeben gegründeten Kommunistischen
Partei Ungarns an und machte Revolution.
In den hundertdreißig Tagen der ungarischen Räteregierung Béla Kuns (1919) wurde er Volkskommissar für das Bildungswesen, er gründete ein kurzlebiges Forschungsinstitut für Historischen Materialismus und kämpfte als politischer Kommissar in der 5. Division der Ungarischen Roten Armee gegen Tschechen und Rumänen. Dann floh er, nach dem Sieg des ultrakonservativen Admirals Nikolaus von Horthy und nach Wochen illegaler Tätigkeit in Budapest, außer Landes. Er kehrte erst ein Vierteljahrhundert später zurück.
Thomas Mann, konservativer Autor der "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918), kam dem ästhetischen Revolutionär zu Hilfe: In einem offenen Brief an den österreichischen Bundeskanzler forderte er Asylrecht für Lukács, den
er schon ein Jahrzehnt zuvor als scharfsinnigen Interpreten seines Romans "Königliche Hoheit" schätzen gelernt hatte und dem er auch viel später noch wegen seiner "außerordentlichen ästhetischen Sensibilität" und der "Opfer, die er seinen Überzeugungen gebracht, des strengen Lebens, das er sich auferlegt hat", seine Hochachtung kundtat.
Nicht ganz seriös-respektvoll ist dagegen das Porträt, das Thomas Mann im "Zauberberg" (1924) von seinem Kritiker entworfen hat. Lukács ist dort, zumindest annähernd, wiedererkennbar in dem ostjüdischen, von weltrevolutionär-fanatischen Ideen erfüllten Jesuiten-Professor Leo Naphta, der in Davos-Dorf bei einem Damenschneider namens Lukacek logiert und schließlich Selbstmord begeht.
Thomas Mann beschreibt den faschistisch-kommunistischen Kleriker als einen "kleinen, mageren Mann, rasiert und von ... scharfer, man möchte sagen, ätzender Häßlichkeit": "Alles war scharf an ihm, die gebogene Nase, die sein Gesicht beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dick geschliffenen Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, die er vor seinen hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, das er bewahrte, und dem
zu entnehmen war, daß seine Rede scharf und folgerecht sein werde."
Lukács hat dem verehrten "Zauberberg"-Autor diese Karikierung nicht nachgetragen. Dem Hamburger Journalisten Günther Specovius, der ihn unlängst in Budapest besuchte, erklärte er: "Warum sollte ich ihm (Thomas Mann) übelnehmen, daß er meine Nase oder meinen Mund für seinen Naphta benutzt hat? Ich verdanke ihm so viel. Das ist so, als wenn ein Freund zu mir kommt und sagt: 'Ich habe meine Zigarrentasche vergessen, gib mir doch eine Zigarre.' So habe ich Thomas Mann eben meine Gesichtszüge geliehen."
Umgekehrt diente aber auch der bürgerliche Romancier dem späteren marxistischen Literaturtheoretiker als eine Art Modell. Denn Lukács tadelte an Thomas Mann zwar die "sehr bedenklichen Konzessionen an die reaktionäre
Ideologie der imperialistischen Periode"; dennoch sah er in ihm den bedeutendsten modernen Vertreter der "humanistischen Protestliteratur" und war ihm dankbar für das Apercu, daß "es erst gut stehen werde um Deutschland und dieses sich selbst gefunden haben werde, wenn Karl Marx den Friedrich Hölderlin gelesen" hat. Lukács hatte somit einen bürgerlichen Kronzeugen für seine Theorie, der zufolge der Marxismus legitimer Nachfolger des klassischen deutschen Humanismus Ist.
Fürs erste jedoch verdankte er dem Naphta-Porträtisten eine österreichische Freistatt und die Möglichkeit, seine Studien fortzusetzen. In einem karg möblierten Zimmer der Wiener Laudongasse verfaßte er das Buch "Geschichte und Klassenbewußtsein" (1923).
Diese philosophische Weiterentwicklung und Präzisierung Marxscher Gedanken, von der eine ganze Generation von Philosophen und Soziologen profitieren durfte, brachte dem ungarischen Autor bei der linken Intelligenz hohen Ruhm, zugleich aber auch die ersten strengen Parteirügen ein. Denn Lukács hatte zwar den Sieg des Historischen Materialismus verkündet, er hatte aber auch den frühen Marx gegen seinen geistigen Zwillingsbruder, den späten
Engels, herausgestrichen, Marx gegen seine modernen marxistischen Verfälscher verteidigt und einen sogenannten Vulgärmarxismus verächtlich gemacht.
Auf dem 5. Komintern-Kongreß in Moskau protestierte Parteiführer Sinowjew: "Wir dürfen einen theoretischen Revisionismus dieser Art in unserer Kommunistischen Internationale nicht dulden." Das Buch kam auf den Parteiindex, Lukács unterwarf sich und verwarf sein Werk.
Bereitwillig unterwarf er sich auch dem Verdikt, das die Komintern-Chefs über die sogenannten Blum-Thesen fällten: Unter seinem Partei-Pseudonym Blum hatte Lukács 1928 eine Schrift verfaßt, in der er, für den Fall eines Umsturzes in Ungarn, statt der "proletarischen Diktatur" eine "demokratische Diktatur der Arbeiter- und Bauernklasse" empfahl. Die Blum-Thesen wurden als Dokument opportunistischer und revisionistischer Denkart verurteilt. Lukács beschuldigte sich bußfertig der Rechtsabweichung.
Doch er wich weiterhin ab, selbst in der Sowjet-Union Stalins, in die er, Kommunist und Jude dazu, 1933 aus Berlin retirierte. So mißbilligte er beispielsweise die Partei-Meinung, der zufolge "der Prozeß der Umsetzung eines richtigen Bewußtseins in eine richtige realistische, künstlerische Widerspiegelung der Wirklichkeit prinzipiell direkter und einfacher sei als der eines falschen Bewußtseins" - mit einfacheren Worten: daß ein kommunistischer Schriftsteller, der seinen Marx und seinen Lenin sorgfältig studiert hat, notgedrungen bessere Romane schreiben müsse als sein bürgerlicher oder gar antikommunistischer Kollege.
Lukács definierte den "großen Schriftsteller" als einen "Tribun", und Tribun zu sein, so dozierte er, bedeute "keinesfalls notwendig und immer eine unmittelbare politische Stellungnahme zu den aktuellen Tagesfragen ... Ihr Tribunat, ihre ,Parteilichkeit' im Leninschen Sinn kann oft gerade in der Ablehnung der aktuellen Parteiungen zum Ausdruck kommen".
Diese Forderung nach Unabhängigkeit für den Schriftsteller war den russischen Kulturfunktionären um so bedenklicher, als sie einherging mit einer recht realistischen Einschätzung der Sowjetliteratur zur Stalinzeit.
Der selbständige Analytiker Lukács war sich bewußt, daß "eine wahrheitsgetreue historisch-konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung", wie sie Stalin und Schdanow für den 1934 proklamierten "Sozialistischen Realismus" forderten, in der Praxis kaum möglich war: In der von politischen und ökonomischen Krisen geschüttelten Sowjet-Union Mitte der
dreißiger Jahre hätte sie notgedrungen systemfeindlich und konterrevolutionär gewirkt. In dieser Zwangslage blieb der sowjetischen Literatur kein anderer Ausweg, als die Realität durch "revolutionäre Romantik" und utopische Wunschträumerei zu deformieren.
Trotz solcher Eigenwilligkeiten jedoch blieb Lukács, der jahrelang in der sowjetischen Akademie der Wissenschaften arbeitete, dezidierter Kommunist. "In der Einsicht, daß individuelle Freiheit in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft nur ein korruptes und korrumpierendes... Privileg sein kann", leistete er schon 1922 "Verzicht auf individuelle Freiheit" und akzeptierte das "bewußte Sich-Unterordnen jenem Gesamtwillen, der die wirkliche Freiheit wirklich ins Leben zu rufen bestimmt ist... Dieser bewußte Gesamtwille ist die kommunistische Partei".
Seinem "bewußten Sich-Unterordnen" verdankte es Lukács schließlich auch, daß er eine Ära überlebte, in der, wie
er sagte, "eine Idee nur eine Verbindung von zwei Stalin-Zitaten" war und die "Hegelsche Dialektik von These, Antithese und Synthese durch Stalins Denunziation, Gegendenunziation und Liquidierung" ersetzt wurde.
1957, in einer Nachschrift zu seiner autobiographischen Skizze "Mein Weg zu Marx", schrieb er zurückblickend und gleichsam entschuldigend: "Ich war gezwungen, eine Art Partisanen-Krieg für meine wissenschaftlichen Ideen zu führen; d. h. mit einigen Stalinzitaten das Erscheinen meiner Arbeiten zu ermöglichen und in diesen dann meine abweichende Anschauung mit der nötigen Vorsicht so offen auszudrücken, wie es der jeweilige historische Spielraum gestattete. Daraus folgte zuweilen ein Gebot des Schweigens."
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schienen Schweigegebot und wissenschaftlicher Parteikampf nicht mehr erforderlich. Im Gefolge der Roten Armee kehrte Lukács nach einem Vierteljahrhundert der Emigration in seine Geburtsstadt zurück. Er erhielt einen Lehrstuhl an der Budapester Universität, bezog eine Sechs-Zimmer-Wohnung am eleganten Donaukai, kam als Abgeordneter der KPU ins Parlament und begann mit einer Massenpublikation seiner Bücher, die er in der Moskauer Emigration geschrieben hatte.
Aber die friedliche Zeit des Ruhms und Erfolgs ging bald wieder zu Ende. 1949 - in Ungarn wurde gerade, ein Jahr nach dem Ausschluß Jugoslawiens aus dem Kominform, der Parteiführer Lászlo Rajk des Titoismus beschuldigt und liquidiert, in Polen wurde Gomulka abgesetzt - begann der von Lukács kritisierte Durchschnittsepiker Alexander Fadejew, Präsident des Sowjetischen Schriftstellerverbands, eine Anti -Lukács-Kampagne, in der er den Philosophen beschuldigte, er habe die Sowjetliteratur vernachlässigt.
Die ungarischen Genossen sekundierten eilfertig. Sie fanden mit Fadejew, Lukács habe gegen die neurussischen Schriftsteller und deren Sozialistischen Realismus üble Nachrede geübt, und sie beriefen sich dabei unter anderem auf einen Zeitungsaufsatz des Jahres 1947, in dem Lukács den qualitativen Unterschied zwischen der zeitgenössischen sowjetischen Literatur und der klassischen Literatur bürgerlicher Epochen durch ein Gleichnis plausibel gemacht hatte. "Der Marxismus-Leninismus", schrieb er damals, "ist gewiß der Himalaja unter den Welt-Perspektiven. Würde ihn jedoch ein Kaninchen besteigen, so wäre es dennoch nicht größer als der Elefant unten in der Ebene."
Lukács verlor seine Professur und sämtliche Partei-Ämter, er übte, wieder einmal, Selbstkritik, gelobte Besserung und rühmte den "Realismus in der Sowjetliteratur" nun als "leuchtende Fackel des Fortschritts", als eine "neue, eine höhere Etappe der Weltliteratur". Aber er blieb in Ungnade.
Ganz erloschen jedoch war sein Ostblock-Ruhm nicht. Ausgerechnet in der hyperstalinistischen DDR wurde er auch weiterhin als führender marxistischer Geistesarbeiter neben Ernst Bloch und Hans Mayer akzeptiert. Unbeeindruckt vom Abweichler-Verdikt der ungarischen Genossen, setzte der Ostberliner Aufbau-Verlag seine nach dem Krieg begonnene Ausgabe der Lukács -Studien über die "Probleme des Realismus", über den "Russischen Realismus
in der Weltliteratur", über "Balzac und den französischen Realismus" und über die "Deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts" fort. Um den Realismus jedenfalls ging es immer.
Denn dieser "große", "bürgerliche" und "kritische" Realismus des 19. Jahrhunderts und seine großen Autoren - Balzac und Stendhal, Puschkin, Gogol und Tolstoi, Walter Scott und Charles Dickens, Goethe, Keller, Fontane und, als später Nachfahre, Thomas Mann - sind für den österreichisch-ungarischen Bürgersohn Lukács noch immer höchster und einziger Maßstab für eine wahrheitsgetreue Romanliteratur. In ihr ist, Engelsscher Forderung nach "Treue des Details" und "getreuer Wiedergabe typischer Charaktere unter typischen Umständen" gemäß, "die künstlerische Schöpfung weder ein toter Durchschnitt, wie dies der Naturalismus meint, noch ein sich selbst zersetzendes, ins Nichts zerfließendes individuelles Prinzip".
Gemäß der marxistischen Grundthese, daß das (gesellschaftlich-ökonomische) Sein das menschliche Bewußtsein bestimme, sind nach Lukács auch Kunst und Literatur Formen des "Überbaus", der mehr oder weniger richtigen ideologischen Widerspiegelung der Wirklichkeit. Die objektiv richtige Widerspiegelung dessen, was Hegel den jeweiligen "Weltzustand" nannte, ist der wahre Realismus. Realismus ist somit kein Stil, sondern "die gemeinschaftliche Grundlage aller großen Dichtung".
Diese große Dichtung, die den echten Zusammenhang zwischen "Erscheinen und Wesen" bloßlegt, ist, laut Lukács, nur dem genial begabten Individuum vorbehalten, dessen Voraussetzung die "leidenschaftliche Stellungnahme zu den großen Fragen des menschlichen Fortschritts" ist - was keineswegs immer eine progressive politische Einstellung bedeuten muß.
Weder Shakespeare noch Goethe, weder Gottfried Keller noch Balzac standen links, aber ihre "unbestechliche ästhetische Ehrlichkeit", die ästhetische Moral aller großen Künstler, führte sie zu einer objektiv richtigen Widerspiegelung der Wirklichkeit, die ihre ganz persönlichen Wünsche und gesellschaftlichen Wunschvorstellungen oft genug widerlegte. Das von Friedrich Engels legitimierte Paradebeispiel für Lukács ist Balzac, der ein Verehrer des reaktionären Royalismus war und dessen Werke dennoch die restaurative Gesellschaft entlarvten.
Jede Abweichung von diesem Realismus, jede Trennung von Inhalt und Form wird von Lukács als zugleich inhuman und unkünstlerisch verworfen und als indirekte Rechtfertigung jener bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung verdammt, der es nach marxistischer Auffassung sehr darauf ankommen muß, durch die Verabsolutierung der Form über den wahren Inhalt hinwegzutäuschen.
Der kapitalistischen Bourgeoisie ist es, nach Lukács, demnach gelungen, die geschichtliche "Orientierungsfähigkeit der Intellektuellen zu vernichten", sie zu bloßen Beobachtern, zu Formalisten und artistischen Seelendurchleuchtern ohne echte soziale Verbindlichkeit zu degradieren.
In dem Essayband "Wider den mißverstandenen Realismus", der 1958 bei
Claassen erschien, hat Lukács seinen Unwillen gegen diese "dekadente" westliche Literatur anschaulich zum Ausdruck gebracht. Er erkennt in ihr nicht viel mehr als "Auflösung der Welt und Auflösung des Menschen": "Der kapitalistische Alltag, der bürgerliche Durchschnitt wird - mit weitgehendem Recht - als Verzerrung (als Erstarrung, als Zerstückelung) der menschlichen Persönlichkeit behandelt" - so bei Franz Kafka und James Joyce, bei Conrad, Proust, Musil, Faulkner, Dos Passos, Gide, Camus und Beckett. Nahezu die gesamte westliche Moderne wird von Lukács am Vorbild Thomas Mann gemessen und als "oberflächlich naturalistisch", "psychologistisch", "formalistisch" verworfen.
Die westdeutsche Kritik auf dieses Debüt war entsprechend. Karl Korn fand, Lukács sei, "gewiß ohne es zu beabsichtigen, im Resultat auf die Linie
der spießigsten Kunstreaktionäre" geraten. "Was Lukács Dekadenz nennt", erinnerte sich Hans Egon Holthusen, "bei Goebbels hieß es ,Kulturbolschewismus'." Für den Frankfurter Soziologen und Links-Hegelianer Theodor W. Adorno, dem der Budapester Soziologe und Links-Hegelianer Lukács heute "nonkonformistisch maskierten Konformismus" vorwirft, gleicht Lukács einem Gefangenen, "der hoffnungslos an seinen Ketten zerrt und sich einbildet, ihr Klirren sei der Marsch des Weltgeistes".
Gleichermaßen kritisch war auch die Aufnahme des Lukács-Buchs "Die Zerstörung der Vernunft", das im Sommer 1962, acht Jahre nach der Erstveröffentlichung in der DDR, in Westdeutschland herauskam. Es enthält ein gestrenges 758-Seiten-Verdikt über hundertfünfzig Jahre deutscher Philosophie, deren "Irrationalismus", so Lukács, folgerichtig in der "deutschen Misere" der Hitler-Diktatur enden mußte.
Prominenteste Opfer sind Nietzsche, "im Weltmaßstabe die führende Gestalt der Reaktion für die ganze imperialistische Periode", und Schopenhauer, dessen Pessimismus die philosophische Begründung der Sinnlosigkeit eines jeden politischen Handelns" gegeben habe.
Heidegger und Jaspers repräsentieren den "Aschermittwoch des parasitären Subjektivismus": Während Jaspers heute "als Kämpfer gegen den Marxismus nachholt, was er in der ideologischen Abwehr des Nazismus versäumt hatte", erkläre Heidegger die ganze Geschichte der Menschheit zum Terrain der "Irre", um damit auch seine eigene faschistische Verirrung mit der großen Geste eines universalen Maßstabes zu entschuldigen.
Die geschichtliche Linie der Vernunft hingegen führt für Lukács von Lessing bis Heine, von Kant über Hegel und Feuerbach bis zu Marx und Engels.
Der sarkastische Adorno war auch diesmal nicht überzeugt. Er befand: "Am krassesten wohl manifestierte sich in dem Buch 'Die Zerstörung der Vernunft' die von Lukács' eigener." Mochte Lukács aber auch westlich des Eisernen Vorhangs als orthodoxer Marxist angesehen werden - im Osten galt er, abgesehen von einer ziemlich kurzen Periode parteilicher Wertschätzung, weiterhin als gefährlicher Revisionist.
Im Juni 1956, drei Jahre nach Stalins Tod, war er bei einer philosophischen Diskussion im Petöfi-Club öffentlich rehabilitiert worden. Er nahm sogleich die Gelegenheit wahr, um nun seinerseits Ungarns Stalinisten eines "defätistischen Sektierertums" anzuklagen.
Während des Oktober-Aufstands gehörte er als Minister für Volkskultur der neugebildeten Regierung Imre Nagys an; am Vorabend der sowjetischen Intervention legte er seinen Posten nieder, weil er, im Gegensatz zu Nagy, Ungarns Abfall vom Warschauer Pakt als verhängnisvoll mißbilligte.
Zusammen mit anderen Regierungsmitgliedern wurde er nach Niederwerfung der Revolte verhaftet und nach Rumänien deportiert. Lukács über die Wochen seiner Verbannung: "Es war wie im vollendeten Kommunismus: Wir besaßen kein Geld, bekamen aber alles, was wir haben wollten, umsonst."
Im Frühjahr 1957 durfte der Zwei -Fronten-Partisan gegen westlichen Avantgardismus und wider einen mißverstandenen Sozialistischen Realismus im Osten nach Budapest zurückkehren: Die fällige Selbstkritik blieb er diesmal schuldig.
Diesmal verweigerten allerdings auch die Ideologen der DDR dem kommunistischen Freidenker ihre Reverenz. Der Lehrer, bei dem sie "Durch-Sicht und Über-Sicht" gelernt haben wollen, war ihnen nunmehr, nach der Verhaftung des Lukács-Parteigängers Wolfgang Harich, nach der Zwangsemeritierung Ernst Blochs und nach den Intellektuellen-Prozessen von 1957, willkommener Buh-Mann.
Die ungarischen Genossen buhten schleunigst mit. József Szigeti, stellvertretender Minister für Erziehung und ehemaliger Lukács-Schüler, der seinen Professor noch an dessen 70. Geburtstag, 1955, für die Partei reklamiert hatte ("Das Lebenswerk des Genossen Lukács gehört uns, der Partei"), warf ihm nun unter anderem vor, "eine neue bürgerliche Ideologie" begründen zu wollen, den Begriff "Stalinismus" vulgarisiert und sogar den Namen Lenins diffamiert zu haben.
An all diesen Diskussionen nahm Lukács, nach dem Abfall Ernst Blochs und Hans Mayers nunmehr letzte Literatur-Leuchte des Ostens, bis heute nicht teil. Der "geniale Leninist, der jahrzehntelang selbstzerstörerisch ins Netz der orthodoxen Parteipolitik sich verstrickte" (Marxismus-Forscher Peter Demetz), zog sich in sein großbürgerlich anmutendes Domizil am Pester Donaukai zurück, das er seit dem Tod von Ehefrau Gertrud im April dieses Jahres allein bewohnt. Er widmet sich seither, abgeschlossen, unbehelligt und unablässig Zigarren paffend, in der Nähe einer Goethe-Büste und eines Balzac -Porträts, seiner Schreibarbeit und einem extensiven Studium auch der neuesten "Dekadenz"-Literatur.
Obwohl er gegen diese westliche Moderne die "gesunde und fröhliche Abneigung" Goethes empfindet, hat er "sie alle gelesen: Joyce, Proust, Musil, Broch - oft im Schweiße meines Angesichts". Gelesen hat Lukács auch die Romane Wolfgang Koeppens, die er lobt; die Romane Heinrich Bölls, von dem er glaubt, "daß er eines Tages ein wirklich bedeutender Schriftsteller sein wird" und den Graß-Roman "Die Blechtrommel", den er kritisiert: "Auf achtzig bis hundert Seiten reduziert, wäre das eine großartige Novelle geworden, so aber gibt es zu viele Wiederholungen."
An eine Rehabilitierung des Philosophen, der nach seiner Ästhetik eine umfassende marxistische Ethik plant, scheint vorläufig nicht gedacht zu sein.
In der 1962 publizierten "Geschichte der ungarischen Literatur" wird Lukács angekreidet, daß seine "Auffassung vom Realismus von Anfang an fragwürdige Elemente enthielt" und daß er "hemmend beim Kampf um den Sozialistischen Realismus wirkte".
In den "Grundlagen der marxistisch leninistischen Ästhetik", die 1961 in Moskau erschienen, wird nicht einmal sein Name erwähnt.
Dennoch ist sich Georg Lukács seines Nachruhms gewiß: "Ich habe keinen Satz geprägt, der weiterleben wird; aber ich glaube, einige meiner Bücher werden weiterleben."
Philosoph Lukács
Den Ungarn-Aufstand inspiriert?
Lukács-Vorbild Marx
Ist das Klirren der Ketten.
Lukács-Vorbild Hegel ... der Marsch des Weltgeistes?
KPU-Chef Kun (rechts in Zivil), Genossen, während der ungarischen Kommune 1919. Ausweg aus vollendeter Sündhaftigkeit
Lukács-Ideal Balzac (zeitgenössische Karikatur): Durch schreibende Tribune ...
... ein Spiegelbild vom Weltzustand: Lukács-Ideal Thomas Mann, Ehefrau Katja*
* Bei der Verleihung des Ehrenbürgerbriefes der Stadt Lübeck, 1955.

DER SPIEGEL 52/1963
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