13.05.1964

SO EIN TAG, SO WUNDERSCHÖN WIE HEUTE

Als sich im Teatro Colon der Vorhang über der "größten Bühne der Welt" hob - daß es größere gibt, wie zum Beispiel die Metropolitan in New York, lassen die Argentinier ungern gelten -, enthüllte er ein Stück prächtig konservierten deutschen Vereinslebens in Buenos Aires: den Bundeschor des Deutschen Sängerbundes am La Plata.
Deutsche Frauen, mit schwarzen Röcken und weißen Blusen uniformiert, und deutsche Männer, dunkel gekleidet und die Bartmoden von 1900 bis 1945 tragend, füllten die große Bühne in der Länge und in der Tiefe. Sie waren bereit, ihrem Dirigenten zu folgen; einem untersetzten Herrn mit grauer Mähne namens Herbert Wagner.
In der Ehrenloge hatten der Bundespräsident und dessen Frau Platz genommen Heinrich Lübkes Silberhaar und Würde entzückten den Saal. Leonoren -Ouvertüre und "So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn", taten ein übriges.
Beethoven und Mainzer Karnevalslied, von Chorleiter Wagner zum Refrain eines eignen Gesangsopus verarbeitet, ließen Heimat -Stimmung aufkommen. Der Vorsitzende der Deutschen Gemeinschaft in Buenos Aires, Alfredo Freiesleben, hatte es schwer, der Rührung Herr zu werden. Ihm stockte die Stimme, als er der historischen Bedeutung des Tages Erwähnung tat, an dem zum erstenmal, seit Beginn der deutschen Einwanderung vor 150 Jahren ein deutsches Staatsoberhaupt unter den fern der Heimat lebenden Landsleuten und ihren Nachfahren weilte.
"Wir haben", sagte er dem Bundespräsidenten, "unserem Vaterland in guten und in schlechten Zeiten die Treue gehalten und uns bemüht, durch Fleiß und
Rechenschaft dazu beizutragen, daß auch der einfache Bürger dieses Landes Argentinien über die Zeitereignisse hinweg die Achtung vor dem Deutschen schlechthin bewahrt hat."
Das Lob deutschen Fleißes und deutscher Rechenschaft hörte der Bundespräsident gern. In welches fremde Land er auch immer reist - nie versäumt er, dem Schlagwort vom "deutschen Wirtschaftswunder" zu Leibe zu rücken. Es widerstrebt seinem geraden Sinn, als Wunder zu bezeichnen, was doch das deutsche Volk "aus eigener Kraft und unter großen Opfern" geschaffen habe.
So erzählte er auch seinen 3000 Zuhörern im Teatro Colón mit pädagogischem Unterton, wie alle Arbeiter, Bauern, Unternehmer und sogar alle Intellektuellen in Deutschland zusammengearbeitet haben, um das Elend
der Nachkriegszeit in Wohlstand zu verwandeln. Jeder habe sich schnell wieder zu dem entwickeln wollen, was er einmal vor dem Zusammenbruch gewesen sei: "Und nun können Sie sich vorstellen, mit welchem fanatischen Willen gearbeitet worden ist!"
Nach einer kleinen Pause fiel dem
Bundespräsidenten noch eine weitere pädagogische Nutzanwendung ein: "Das ist eine Anstrengung, die eines Tages auch andere Völker machen müssen!"
Da toste der Beifall vom Parkett über die fünf Ränge bis hinauf zur Galerie, und man spürte, daß sich da der Ärger manchen deutschstämmigen Handwerksmeisters über den fröhlichen Schlendrian seiner argentinischen Mitarbeiter nicht-deutscher Abkunft Luft machte - und man spürte die hierzulande nie gestillte Sehnsucht der Deutschen Argentiniens nach deutscher Ordnung.
"Wenn man ein Element wie das deutsche erhalten hilft, bei welchem das Wort ,Pflicht' lauter gesprochen wird als das Wort ,Recht', und wo Leistung allein den Rang setzt, dann wird man wahre Entwicklungshilfe von unschätzbarem Wert geleistet haben." So hatte es Federico Mueller, Herausgeber der deutschsprachigen "Freien Presse", in einem Begrüßungsartikel für Lübke geschrieben.
Viele Deutsch-Argentinier sind, was man hier "Kaiser-Deutsche" nennt: Abkömmlinge von Deutschen, die zu Kaisers Zeiten die Heimat verließen. Die Vorstellung von "deutscher Ordnung" ist in ihren Familien von Generation zu Generation weitergereicht worden, und wenn es unter den 500 000 deutschstämmigen Argentiniern so etwas wie ein Gefühl geistiger Verbundenheit gibt, so bezieht es sich auf "Ordnung".
Das Gefühl der Verbundenheit ist
freilich schwach. Der Botschafter der Bundesrepublik in Buenos Aires, Ernst -Günther Mohr, sagte es ziemlich unverblümt: Die in Argentinien lebenden Deutschen haben zwar eine gemeinsame Muttersprache, geistig aber sind sie uneinig und mit der Tragik des Vaterlandes belastet.
So war die Deutsche Botschaft stolz darauf; alle Deutschen zum Lübke -Besuch unter einen Hut zu bringen. Die letzten 100 Jahre deutscher Geschichte lassen sich am deutschen Vereinsregister in Buenos Aires wie die Geschichte der Erde an den geologischen Gesteinsschichten verschiedenen Alters ablesen. In vier großen Wellen wanderten Deutsche über den Atlantischen Ozean nach Argentinien aus. Die erste begann mit den Freiheitskämpfern von 1848, deren argentinischer Verein "Vorwärts" noch heute besteht.
Nach dem Ersten Weltkrieg folgten viele, die keine Hoffnung mehr auf ein Fortkommen in Deutschland Hatten. Von 1933 an kamen wieder politisch Verfolgte und zahlreiche deutsche Juden. Ihnen folgten nach 1945 deren Verfolger, die nun ihrerseits Verfolgte waren. Argentinien hat für alle Platz und ist groß genug, daß sie einander aus dem Wege gehen können.
"Das Zusammenspiel zwischen allen Deutschsprachigen, wie es vor Hitler bestand, ist noch nicht wieder da", sagt Ernesto Alemann, der von Schweizern abstammende Herausgeber des deutschsprachigen "Argentinischen Tageblatts".
Dem Bundespräsidenten und der Botschaft blieb indessen nichts anderes als eine "Als ob"-Haltung übrig, als ob es keine Gegensätze gebe und die Deutschen Argentiniens ein Herz und eine Seele wären - und die Feierstimmung des Präsidenten -Besuchs kam ihnen dabei zu Hilfe.
Zum Abschiedsempfang des Bundespräsidenten waren Repräsentanten der verschiedensten deutschen Gruppen geladen: Vom Leiter des jüdischen Kulturinstituts, Professor Ballin, bis zum gegenwärtig prominentesten Nazi- und Eichmann-Bekannten, Wilfred von Oven, der sich selbst überzeugen konnte, daß die in seinen "Deutschen Kommentaren" geäußerte Sorge um die persönliche Sicherheit des Bundespräsidenten unbegründet war.
Kurz vor der Ankunft Lübkes hatte von Oven geschrieben: "Es ist ja erst wenige Jahre her, daß in Buenos Aires ein Deutscher bei festlichem Anlaß gekidnappt wurde..."
Dieser Deutsche hieß Adolf Eichmann.
Lübke, Sänger in Buenos Aires: Sehnsucht noch Ordnung

DER SPIEGEL 20/1964
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