13.05.1964

HOGGAN UND DIE HISTORISCHE WAHRHEIT

In einem Sonderdruck der "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" hat Hermann Graml vom Münchner Institut für Zeitgeschichte nachgewiesen, daß der US-Historiker Hoggan in seinem Buch "Der erzwungene Krieg" zahlreiche Dokumente falsch oder sinnentstellend zitiert hat. Die nachfolgenden Beispiele sind der Untersuchung Gramls
entnommen:
DOKUMENT: Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben vom 12. November 1938:
"§ 1. Alle Schäden, welche durch die Empörung des Volkes über die Hetze des internationalen Judentums gegen das nationalsozialistische Deutschland am 8., 9. und 10. November 1938 an jüdischen Gewerbebetrieben und Wohnungen entstanden sind, sind von dem jüdischen Inhaber oder jüdischen Gewerbetreibenden sofort zu beseitigen.
§ 2. Die Kosten der Wiederherstellung trägt der Inhaber der betroffenen jüdischen Gewerbebetriebe und Wohnungen. Versicherungsansprüche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit werden zugunsten des Reiches beschlagnahmt."
HOGGAN: "Die deutschen Versicherungen waren angewiesen, den Juden unverzüglich alle Eigentumsschäden vom 10. November (1938) zu ersetzen ..."
DOKUMENT: Aufzeichnung - des britischen Premierministers Chamberlain über sein Gespräch mit Mussolini am 13. Januar 1939:
"Ich sagte dann, daß sich die deutsche Presse bei mehr als einer Gelegenheit etwas verächtlich über die kämpferischen Qualitäten der Demokratien geäußert und angedeutet habe, daß sie unter keinen Umständen bereit wären, sich der Probe eines Krieges auszusetzen: Eine solche Haltung verrate eine grobe Fehleinschätzung; die Demokratien würden sehr wohl unter bestimmten Umständen kämpfen und seien auch im vergangenen September (1938) zum Kampf bereit gewesen, und es wäre eine schreckliche Tragödie, wenn eine aggressive Aktion auf Grund einer Fehleinschätzung unternommen würde, wieweit die Demokratien zu gehen bereit seien."
HOGGAN:, "Nach einem Essen in der britischen Botschaft am Freitagabend, dem 13. Januar 1939, besprachen Chamberlain und Mussolini die allgemeine Lage ... Er (Chamberlain) versicherte Mussolini kategorisch, daß Großbritannien und Frankreich nunmehr, im Gegensatz zu - 1938, zum Kampf gegen Deutschland vorbereitet seien."
DOKUMENT: Hitlers Weisung vom 25. März 1939 an den Oberbefehlshaber des Heeres:
"Vorläufig beabsichtigt Führer nicht, die polnische Frage zu lösen. Sie soll nun aber bearbeitet werden. Eine in naher Zukunft erfolgende Lösung müßte besonders günstige politische Voraussetzungen haben. Polen soll dann so niedergeschlagen werden, daß es in den nächsten Jahrzehnten als politischer Faktor nicht mehr in Rechnung gestellt werden brauchte. Der Führer denkt bei dieser Lösung an eine vom Ostrand Ostpreußens bis zur Ostspitze Schlesiens vorgeschobene Grenze."
HOGGAN: "Nochmals lehnte es Hitler (am 25. März 1939) ab, daß Brauchitsch militärische Maßnahmen für einen möglichen deutsch-polnischen Krieg treffe, da der Ausbruch eines Krieges zwischen den beiden Ländern seine Vorschläge für eine deutsch-polnische Regelung annullieren würde. Ein derartiges Geschehen würde nur von neuem die Frage der ,vorgeschobenen Grenze' von Ostpreußen bis Oberschlesien aufwerfen."
DOKUMENT: Premierminister Neville Chamberlain am 8. Juni 1939 zu Legationsrat im Auswärtigen Amt von Trott zu Solz:
"Glauben Sie, daß ich diese Verpflichtungen (gegenüber Polen) gern eingehe? Herr Hitler zwingt mich zu ihnen."
HOGGAN: "Am 8. Juni 1939 sprach
Trott mit Premierminister Chamberlain ... Chamberlain vertraute ihm an, die Gewährung der britischen Garantie an Polen am 31. März 1939 gefalle ihm persönlich keineswegs. Er erweckte damit den Eindruck, als sei Halifax der Alleinverantwortliche für die britische Politik, und er überlasse alles resigniert dem Lauf der Dinge."
DOKUMENT: Außenminister Hallfax an Botschafter Kennard am 23. August 1939:
"Sie sollten erneut mit dem Außenminister über diesen Punkt (Kontaktaufnahme mit Deutschland) sprechen und ihn drängen, einen sofortigen Schritt zu unternehmen..."
HOGGAN: "Halifax hatte bislang (bis zum 28. 8. 1939) nicht den leisesten Versuch gemacht, den Verhandlungswillen der Polen zu sondieren."
DOKUMENT: US-Botschafter Biddle, Warschau, am 26. August 1939 an den amerikanischen Außenminister:
"Beck und seine Mitarbeiter betonten, daß die Häufung von Zwischenfällen und andere provozierende Machenschaften, die Deutschland bis heute gegen Polen inszeniert habe, bereits einen ausreichenden Grund für Polen dargestellt hätten, Krieg zu führen. Jedoch habe Polen die ernste Situation mit Rücksicht auf das Ganze und mit dem vollen Gefühl der Verantwortung gegenüber den Verbündeten und anderen freundlich gesinnten Ländern betrachtet, aufrichtig bemüht, den Krieg zu verhindern."
HOGGAN: "Beck versicherte dem amerikanischen Botschafter Biddle am 25. August 1939 kurz vor Mitternacht, daß der Krieg zwischen Polen und Deutschland unvermeidlich sei. Nach seiner Überzeugung besitze Polen eine angemessene Rechtsgrundlage für eine Kriegserklärung an Deutschland, falls die Deutschen es unterließen, in den nächsten Tagen die Initiative gegen Polen zu ergreifen...
DOKUMENT: Der britische Botschafter Kennard, Warschau, am 27. August 1939 an Außenminister Halifax:
"Diesen Morgen diskutierte ich Fragen des Bevölkerungsaustauschs und neutraler Beobachter mit Oberst Beck. Was den ersten Punkt betrifft, so sagte er, daß er prinzipiell nichts dagegen einzuwenden habe und bereit sei, der deutschen Regierung mitzuteilen, er sei willens, einen solchen Vorschlag in Erwägung zu ziehen ... Hinsichtlich der Frage neutraler Beobachter habe er erneut den Ministerpräsidenten konsultiert, würde mich aber noch im Laufe des Tages seine Entscheidung wissen lassen..."
HOGGAN: "Kennard setzte hinzu, Beck lehne es ab, die Minderheitenfrage zu erörtern, und wünsche keine neutralen Beobachter der Verhältnisse in Polen. Er persönlich sei sehr zufrieden mit dem Standpunkt, den der polnische Außenminister in diesen wichtigen Fragen einnehme."
DOKUMENT: Botschafter Henderson, Berlin, am 31. August 1939 an Außenminister Halifax:
"... Herrn v. Ribbentrops Antwort (auf Hendersons Vorschlag, den direkten Kontakt zwischen Deutschland und Polen auf normalem diplomatischem Wege herzustellen) bestand darin, ein längeres Dokument hervorzuziehen, das er laut auf Deutsch und in raschestem Tempo vorlas."
HOGGAN: "Henderson wurde von Ribbentrop um Mitternacht des gleichen Tages (30. August 1939) empfangen... Dann begann der deutsche Außenminister langsam und deutlich die sechzehn Punkte der deutschen Vorschläge an Polen zu verlesen und jeden einzelnen ausführlich zu erklären. Die während des Krieges entstandene Version, daß die Vorschläge undeutlich und außerordentlich schnell verlesen worden seien, entspricht nicht den Tatsachen und wurde nach 1945 als Propagandalüge entlarvt."
Britischer Außenminister Halifax
Zu Verhandlungen nicht bereit?

DER SPIEGEL 20/1964
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