13.05.1964

FOKKER 28Endlich mal was

Bei Sekt und belegten Broten bestätigten die beiden Manager einander wortreich die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit im Flugzeugbau.
Dabei herrschte zwischen den Gesprächspartnern Professor Dr.-Ing. Karl
Thalau, Chef der Firma Heinkel und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie, und Pierre Francois, Generalsekretär der französischen Dassault-Werke, keineswegs Einigkeit.
Francois hatte in der Halle B der Deutschen Luftfahrtschau in Hannover zu einem Empfang geladen, um das Dassault-Flugzeug Mystère 30 zu propagieren. Diese Maschine betrachtet Thalau sowohl als Heinkel-Chef wie auch als Verbandspräsident mit Mißfallen.
Die Mystère 30, die vorerst nur auf dem Reißbrett existiert, ist ein zweimotoriges Düsenverkehrsflugzeug für kurze Strecken und damit Konkurrent des holländischen Projekts Fokker F 28. Auch die F 28 soll mit zwei Düsenaggregaten ausgestattet werden und die heute noch auf Kurzstrecken geflogenen Kolben- und Turboprop-Maschinen ersetzen.
Nur in der Größe unterscheiden sich die beiden Entwürfe: Das französische Flugzeug wird 36 bis 40 Passagiere, das holländische 50 bis 65 befördern.
Verbandspräsident Thalau hatte seit Anfang dieses Jahres zielstrebig dabei mitgewirkt, das niederländische Projekt zu einem europäischen Gemeinschaftsunternehmen zu machen. Die Regierungen in Den Haag, Bonn, Paris und Rom sollten sich an der Entwicklung finanziell beteiligen, Flugzeugfirmen der vier Länder die Maschine gemeinsam konstruieren und bauen.
Bonn zeigte Wohlwollen. Ohnehin hatte die Bundesregierung den westdeutschen Flugzeugfirmen deutlich gemacht, daß als Gegenleistung für staatliche Hilfsgelder
- Zusammenschlüsse zu größeren Unternehmen und
- Gemeinschaftsarbeit mit ausländischen Firmen
erwartet würden (SPIEGEL 3/1964).
Mit einem Zusammenschluß konnte Thalau bis heute nicht dienen. Zwar hatte er Anfang Dezember letzten Jahres über die Fusion der Entwicklungsabteilungen von vier süddeutschen Firmen (Bölkow, Heinkel, Messerschmitt und Siebel) bei der Bundesregierung bereits Vollzugsmeldung erstattet; er mußte sie aber wenig später widerrufen.
Die Verschmelzung scheiterte "an einer einzigen Frage" (Thalau), nämlich daran, wer der Chef des neuen Unternehmens sein sollte. Der selbstbewußte Ludwig Bölkow, der über den weitaus größten Entwicklungsstab verfügt, wollte nicht auf die Führerrolle verzichten.
Thalau erinnert sich nur ungern seines Bußganges zu Verteidigungsstaatssekretär Volkmar Hopf, dem Hauptpromoter der Vereinigung: "Es war für mich natürlich sehr peinlich. Ich habe dem Staatssekretär gesagt: Eigentlich müßte ich ja nun zurücktreten."
Statt mit seinem Rücktritt wartete Professor Thalau mit dem Vorhaben F 28 auf, das wenigstens den Bonner Wunsch nach internationaler Zusammenarbeit erfüllte.
So fand Thalau bei den Beamten des Wirtschaftsministeriums auch Unterstützung. Der Bund will zur Entwicklung der F 28 Kredithilfe leisten, voraussichtlich in Höhe von etwa 60 Prozent (zehn bis zwölf Millionen Mark) der in Westdeutschland entstehenden Kosten.
Jedoch gelang es dem Flug-Professor wieder nicht, seine Industriekollegen auf Vordermann zu bringen. Einige von ihnen revoltierten, als die Konditionen des F-28-Geschäfts bekanntwurden: Am Serienbau der Maschine sollten die beiden norddeutschen Unternehmen Vereinigte Flugtechnische Werke GmbH (VFW) in Bremen und Hamburger Flugzeugbau GmbH mit zusammen 18 Prozent beteiligt werden; für alle süddeutschen Firmen - Heinkel, Messerschmitt, Dornier, Siebel und Bölkow sollten ganze sechs Prozent abfallen.
Die reichlicher bedachten Norddeutschen führten die Verhandlungen mit Fokker weiter und stehen kurz vor Abschluß eines Vertrages. In der Südgruppe aber gab es Unstimmigkeiten.
Heinkels Thalau blieb dem Projekt treu: "Wenn Heinkel dabei zwei Millionen Mark verdient, ist uns das genug. Dafür können wir dann als nächstes europäisches Projekt eine deutsche Maschine vorschlagen."
Dagegen Siebel-Sprecher Helmut Ordemann: "Das ist doch Kleckerkram, da springt nichts raus."
Die Donauwörther Siebelwerke-ATG GmbH, zu je einem Drittel im Besitz von Bölkow, Konzern-Imperator Friedrich Flick und dem Schweizer Waffen- und Maschinenbau-Unternehmen Oerlikon, verließ mit Eklat Thalaus Einheitsfront. Drei Wochen vor der hannoverschen Luftfahrtschau machten die Siebelwerke ein Abkommen bekannt, das sie mit der renommierten französischen Flugzeugfirma Dassault geschlossen hatten: gemeinsame Entwicklung und Serienfertigung der Mystère 30 mit 35 Prozent Beteiligung für den deutschen Partner.
In Hannover warben Ordemann sowie Dassaults Francois eifrig für ihren Düsenvogel. Dassault habe die Mystère 30 genau auf die Bedürfnisse des Kurzstrecken-Luftverkehrs innerhalb der Grenzen eines Landes zugeschnitten. Die Air Inter, eine Gesellschaft für den innerfranzösischen Luftverkehr, sei stark interessiert. Eine andere Gesellschaft mit ausgedehntem binnenländischem Flugnetz habe bereits für 25 Maschinen Optionen erworben. Für die F 28 gebe es hingegen noch keine Optionen.
Der holländische Entwurf, so argumentiert Dassault, gleiche mit seiner größeren Passagierzahl zu sehr der bereits erprobten englischen Kurzstreckenmaschine BAC 111 und dem US-Projekt DC-9, für das sich beispielsweise die Lufthansa interessiert.
Die Mystère 30 soll, wie ihre holländische Konkurrentin, in der zweiten Hälfte 1965 zum erstenmal fliegen und etwa Ende 1966 serienreif sein. Ihr Preis: rund fünf Millionen Mark, etwa 2,7 Millionen billiger als die Fokker.
Siebel erhofft sich nicht nur von den Qualitäten des neuen Flugzeugs, sondern auch von denen des neuen Partners Profit. Dassault genießt weltweiten Ruf als Konstruktionsfirma des Düsenbombers Mirage und Mitherstellerin der Caravelle. Von Dassaults Manager-Jet Mystère 20 für sieben bis zehn Passagiere hat die US-Luftverkehrsgesellschaft Pan American 40 Stück fest bestellt; für weitere 120 Maschinen dieses Typs haben die Amerikaner Optionen erworben.
Mit Hilfe von Dassaults Prestige warb Siebel in Westdeutschland Bundesgenossen für sein Mystère-Projekt. Siebels Ordemann berichtet: "Messerschmitt will mitmachen, Dornier hat erst mal ,jein' gesagt, aber da wird sicher noch ein Ja draus."
Auch in Bonn, wo die Donauwörther bereits an die Kreditkrippe drängen, meint der Siebel-Mann freie Bahn zu haben. "Die Herren vom Bundeswirtschaftsministerium, denen wir das Projekt vorgelegt haben, waren ganz begeistert und haben gesagt: ,Das ist doch endlich mal was."
Oberregierungsrat Harro Reichardt drückt sich vorsichtiger aus: "Wir haben uns unter allen Vorbehalten positiv geäußert."
Fokker F 28 (o.), Dassault Mystère 30: Kampf um Prozente
Heinkel-Chef Thalau
Europäische Projekte

DER SPIEGEL 20/1964
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