13.05.1964

MÖSSBAUERZweiter Effekt

Den ersten "Mößbauer-Effekt" honorierte das Stockholmer Nobelpreis-Komitee mit einer einmaligen Prämie von 96 000 Mark: Für die Entdeckung eines kernphysikalischen Vorgangs, der extrem präzise Zeitmessungen erlaubt, verlieh es dem aus München gebürtigen, heute in den USA lebenden Naturwissenschaftler Dr. Rudolf Mößbauer 1961 den halbierten Nobelpreis für Physik (SPIEGEL 46/1961).
Den zweiten Mößbauer-Effekt wird der bayrische Staat künftig mit jährlich 2,5 Millionen Mark honorieren müssen. Für diesen Preis werden Kultus- und Finanzministerium den Lehrbetrieb an der physikalischen Abteilung der Technischen Hochschule München umfassend reorganisieren - auf ausdrücklichen Wunsch des 35jährigen Nobelpreisträgers, der davon seine Heimkehr in die deutsche Wissenschaft abhängig gemacht hat.
Nach dem Vorbild des angelsächsischen "Department-Systems" werden die bisher getrennt forschenden drei physikalischen TH-Institute zu einem einzigen Instrument verschmolzen, 234 Planstellen für Assistenten und Hilfskräfte ausgeschrieben und die Zahl der Lehrstühle rigoros von sieben auf 16 erhöht.
Diese Entwicklung markiert eine revolutionäre Neuerung im bundesdeutschen Hochschulbetrieb**. Denn die Einführung des Department-Systems bedeutet die Abkehr von der herkömmlichen Lehr- und Forschungsweise, die seit dem Zeitalter der Geheimratswissenschaft durch die uneingeschränkte Machtposition des Lehrstuhlinhabers bestimmt wird. In München aber soll die deutsche Wissenschaft in Bewegung geraten:
- Im Physik-Department gibt es keine Trennung zwischen theoretischer, technischer und experimenteller Physik; alle Physiker forschen und lehren im Teamwork;
- alle Lehrstuhlinhaber des Departments sind gleichberechtigt, sie wählen aus den eigenen Reihen einen Drei-Mann-Vorstand, der im Turnus wechselt;
- die Last des Anfänger-Kollegs, das
bisher ausschließlich vom Leiter des Instituts für experimentelle Physik gehalten wurde, wird demokratisch verteilt; in jedem Jahr weiht ein anderer Department-Professor die Anfangssemester in die Grundlagen der Physik ein;
- Hilfseinrichtungen wie Werkstatt,
Bibliothek, Materialausgabe oder Kernreaktor unterstehen einer zentralen Verwaltung. Ein gehobener Beamter nimmt den Wissenschaftlern, insbesondere den überlasteten Ordinarien, bürokratische Verwaltungsarbeit ab.
Es vergingen fast zwei Jahre, bis Mößbauer, der seit über vier Jahren am Kalifornischen Institut für Technologie in Pasadena arbeitet, diesen zweiten Mößbauer-Effekt erzielen konnte.
Im Dezember 1961 hatte der Nobelpreisträger, dessen Arbeiten über die "Resonanz-Absorption der Gamma -Strahlung und die Entdeckung des nach ihm benannten Effekts" (so 1961 das Nobelpreis-Komitee) eine These aus Albert Einsteins Relativitätstheorie beweisen halfen, zum erstenmal mit dem bayrischen Kultusministerium über ein Münchner Lehramt verhandelt. Im April 1963 schrieb er seinem Münchner Doktorvater Professor Heinz Maier -Leibnitz, die im Ministerium "bisher zur Schau getragene Haltung" bedürfe noch einer "drastischen Änderung".
Die Änderung begann sich im Juni 1963 abzuzeichnen: Kultus- und Finanzministerium genehmigten die "grundsätzliche" (Mößbauer) von 40 "Berufsforderungen": die Verschmelzung der drei Münchner Hochschul-Institute: zu einem Department.
Als schließlich auch die anderen Mößbauer-Wünsche weitgehend erfüllt wurden, entschloß sich der genobelte Physiker zur Rückkehr. Er übernimmt noch in diesem Jahr den Lehrstuhl für Experimentalphysik. Auf den Kontakt zur amerikanischen Wissenschaft aber möchte er nicht verzichten. Er hat sich ausbedungen, "jedes Jahr drei Monate in den USA (zu) arbeiten". ** Lediglich in der physikalischen Abteilung der Universität Freiburg gibt es seit 1960 eine ähnliche Organisationsform.
USA-Heimkehrer Mößbauer
Tradition gebrochen

DER SPIEGEL 20/1964
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