13.05.1964

MÜNCHENTapfer mitmarschiert

Hitlers Wunsch wird Wirklichkeit: Aus München soll die weiß-blaue Trambahn verschwinden.
Den Wahl-Münchner Adolf Hitler hatte gestört, daß die Oberleitungen über den Straßen seiner Hauptstadt
der Bewegung "das Stadtbild verschandeln". Die roten Stadtväter hat jetzt das Chaos auf den Straßen genötigt, den Führer-Willen zu vollziehen.
In diesem Frühjahr beschlossen sie, die Straßenbahnen durch eine U-Bahn zu ersetzen. Erster Bauabschnitt: eine elf Kilometer lange Strecke von Nord nach Süd. Sie soll 1975 fertig sein und München - nach Berlin und Hamburg - zur dritten deutschen Metro-Metropole machen.
Die Stadtväter haben ihren Entschluß nicht übers Knie gebrochen. Zehn Jahre lang disputierten sie die Frage, wie die zunehmende Verstopfung der bayrischen Landeshauptstadt durch den Verkehr zu kurieren sei. Sie faßten zahlreiche "endgültige Beschlüsse" und verwarfen sie ebensooft wieder.
Stadtrat Ludwig Schmid: "Seit 1955 fassen wir immer wieder einstimmige Beschlüsse über die unverzügliche Schaffung eines Massenverkehrsmittels."
Münchens Oberbürgermeister Hans -Jochen Vogel (SPD) deutet den kommunalen Zickzackkurs als technische Aufgeschlossenheit: Die Stadt habe "stets auf dem neuesten Stand der Verkehrstechnik" bleiben wollen. Da sich aber "die Beurteilungskriterien der Experten dauernd geändert" hätten, sei man "den ganzen Weg tapfer mitmarschiert".
Zwar hatten die Experten schon beim Beginn des Wiederaufbaus der Isar -Metropole zum U-Bahn-Bau geraten. Doch den Münchnern erschien ein so neumodischer Firlefanz unnütz und teuer.
Erst 1955, als die in den Nationalfarben gestrichene Straßenbahn - Münchens meistbenutztes Massenverkehrsmittel - im Gewühl der Mopeds und Kleinwagen festsaß, beschloß das Stadtparlament, die Tram in den Untergrund zu schicken und "unter das Pflaster abtauchen zu lassen".
Diese Unterpflaster-Straßenbahn, kurz U-Strab genannt, sollte lediglich die City unterqueren. Das Projekt hätte weniger gekostet als eine U-Bahn, für die man einen neuen Wagenpark hätte anschaffen müssen.
In den folgenden Jahren fertigten ein rundes Dutzend Gutachter, Planer und Institute Expertisen an und kamen endlich zu dem Schluß, die U-Strab sei kostspieliger Unsinn. Der Stadtrat fand das schließlich auch: Er tat sein "kleinkariertes Projekt" ("Süddeutsche Zeitung") im Juli 1963 zu den Akten. In einer neuen "endgültigen Entscheidung" billigte das Plenum nun den Bau einer "vorläufigen U - Straßenbahn", auch "Tiefbahn" genannt: Tunnel und Bahnhöfe sollten groß genug sein, um später einmal die Unterpflaster-Straßenbahn ohne umfängliche Umbauten durch eine richtige U-Bahn zu ersetzen.
Doch schon ein halbes Jahr später sah OB Vogel unter dem Beifall aller Rathaus-Fraktionen im Tiefbahn-Projekt nur noch "eine halbe Sache". Vogel: "Jetzt machen wir Nägel mit Köpfen."
Der Stadtrat rang sich - wiederum endgültig - zum bislang neuesten Plan durch: zur U-Bahn.
Die Kosten für den ersten Elf-Kilometer-Abschnitt sind mit 600 Millionen Mark zwar enorm; und vorderhand weiß niemand in München, wie die notwendigen Mittel beigebracht werden sollen. Andererseits aber hat das Projekt den Vorteil, daß die Aufwendungen für den feierlichen Akt des ersten Spatenstichs gespart werden können. Denn den ließ einstens schon Trambahngegner Hitler tun: Ein 600 Meter langes Tunnelstück ist 1938 bis 1941 bereits fertiggestellt worden.
Nach dem Krieg hatte ein Champignon-Züchter in des Führers hinterlassener Röhre zeitweise eine Schwammerlkultur betrieben. Sonst hatte sich niemand dafür interessiert.
Als die Stadtväter dann das halbvergessene Bauwerk im letzten Herbst besichtigten, zeigten sie sich von dem soliden Gemäuer derart beeindruckt, daß es Oberbürgermeister Vogel leicht fiel, seine Mannschaft für die Verlängerung des guterhaltenen Hitler-Baus um 10,4 Kilometer zu entflammen.
Der bewegliche Stadtvater drängt seither zur Eile: Die ersten Gleise sollen verlegt sein, wenn im nächsten Jahr Bayerns Hauptstadt Schauplatz der "Ersten Weltverkehrsausstellung" sein wird. Und die ersten U-Bahn-Kilometer können im Jahr darauf von der Tatkraft des jungen Oberbürgermeisters zeugen: Im Frühjahr 1966 stellt sich Vogel seinen Münchnern zur Wiederwahl.
Simplicissimus
"Die Ausrüstung und alles - würde mich nicht wundern, wenn er der ist, der unsere U-Bahn baut"
Münchens OB Vogel
Hitlers Wunsch wird Wirklichkeit

DER SPIEGEL 20/1964
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