13.05.1964

GEHEIMNUMMER AUF DER VISITENKARTE

Am 10. Februar 1962, um 8.45 Uhr morgens, wurde auf der Glienicker Brücke im Südwesten Berlins der am 1. Mai 1960 über Swerdlowsk abgeschossene U-2-Pilot Francis Gary Powers gegen Sowjetoberst Rudolf Abel ausgetauscht, der nach Ansicht des US-Geheimdienstes CIA jahrelang den sowjetischen Agentenapparat in den Vereinigten Staaten geleitet hatte. Makler dieses aufsehenerregenden Agenten -Handels - nach dessen Vorbild Ende April der 1961 in England zu 25 Jahren Haft verurteilte Sowjetspion Konan Trofimowitsch Molody alias Gordon Lonsdale gegen den von Moskau 1963 wegen Spionage mit acht Jahren Gefängnis bestraften Kaufmann Greville Wynne ausgetauscht wurde - war der New Yorker Rechtsanwalt James Britt Donovan, 48. Im August 1957, noch Abels Verhaftung, von der New Yorker Anwaltskammer für die Verteidigung des Meisterspions ausgewählt, rettete Donovan seinen Mandanten mit einem ungewöhnlichen Argument vor dem Elektrischen Stuhl. Donovan plädierte: Die Kommunisten würden möglicherweise "einen Amerikaner von gleichem Rang verhaften", der dann gegen Abel ausgetauscht werden könnte. Die amerikanischen Richter verurteilten Abel zu 30 Jahren Zuchthaus. Viereinhalb Jahre später handelte Donovan im Auftrag des State Department in Ostberlin mit einem hohen Sowjetfunktionär und dem Zonen-Anwalt Wolfgang Vogel die Freilassung Abels gegen die Auslieferung des Aufklärungsfliegers Powers und des US -Studenten Frederic Pryor aus, gegen den das Ulbricht -Regime einen Spionage-Schauprozeß plante. Seine nervenaufreibenden Erlebnisse in Ostberlin hat Agenten-Händler Donovan - im Herbst 1962 handelte er von der kubanischen Regierung 1113 Gefangene der gescheiterten Schweinebucht -Invasion vom April des Vorjahres gegen US-Bulldozer und Medikamente ein - in einem jetzt erschienenen Buch beschrieben, dem folgende Auszüge entnommen sind*:
Donnerstag, 11. Januar: Die Regierung hatte mich zu einer Unterredung nach Washington gerufen. "Auf höchster Ebene", so sagte man mir, sei entschieden worden, ein Austausch Powers gegen Abel wäre im Interesse Amerikas.
"Wenn Sie dazu bereit sind", erklärte man, würden wir es begrüßen, wenn Sie nach Ostdeutschland reisten, um den Austausch auszuhandeln."
Da eine Geschäftsreise nach Europa nichts Ungewöhnliches für mich war, kamen wir überein, daß ich auf normalem Wege eine Reise nach London vorbereiten sollte. Ich würde vorher Freunde benachrichtigen, mir ein Hotelzimmer reservieren lassen, mit einem regulären Linienflugzeug reisen und meine eigentliche Mission sowohl in meiner Firma als auch vor meiner Familie geheimhalten.
Ich bin fest davon überzeugt, daß ich in all den Jahren nie mit einem wirklichen Angehörigen Abels direkte Verbindung hatte, auch nicht bei meinen Kontakten in Ostberlin. Dennoch schrieb ich auch diesmal an die mir bekannte Anschrift: Ich sandte einen Brief an "Frau Abel" in Leipzig, den ich von Washington aus wegschickte und in dem ich erklärte, "bedeutende Ereignisse" ließen ein Zusammentreffen nützlich erscheinen. Ich schloß: "Ich schlage vor, daß ich Sie am Sonnabend, dem 3. Februar 1962, um zwölf Uhr mittags in der Sowjetischen Botschaft in Ostberlin treffe. Es ist unbedingt erforderlich, daß von keiner Seite aus etwas über diese Zusammenkunft an die Öffentlichkeit dringt. Wenn Sie mit der Zusammenkunft einverstanden sind, kabeln Sie an mein Anwaltsbüro einfach: ,Glückliches neues Jahr'."
Ich hielt es für nötig, ein amtliches Schreiben mitzunehmen, um die Russen davon zu überzeugen, daß die amerikanische Regierung mein Versprechen der Freilassung Abels honorieren würde. Noch am selben Nachmittag bekam ich einen solchen Brief. Ich kritisierte daran jedoch, er sei so vorsichtig abgefaßt, daß er unklar war. Man lehnte es jedoch ab, den Brief zu ändern, und er war alles, was ich als Beweis für meinen Status und guten Glauben mit nach Ostdeutschland nahm. Der Brief, auf einem Bogen des Justizministeriums geschrieben, lautete:
Lieber Herr Donovan, mit Bezug auf die unlängst mit Ihnen geführte Unterredung
über die amtliche Begnadigung Ihres Mandanten wird Ihnen hiermit zugesichert, daß nach Erfüllung der dargelegten Bedingungen der in dem Brief an die Frau Ihres Mandanten für die Nicht-Erwägbarkeit einer amtlichen Begnadigung angegebene Grund nicht mehr bestehen wird.
Freundliche Grüße
Reed Cozart
Staatsanwalt für Gnadenangelegenheiten
Donnerstag, 25. Januar: Heute morgen um zehn Uhr erhielt ich in meinem New Yorker Anwaltsbüro ein Telegramm aus Berlin: "Glückliches neues Jahr. Helen." Die Verabredung in Berlin war fest.
Ich traf sofort alle Vorkehrungen für eine Reise nach London und schickte die erforderlichen Telegramme dorthin ab. Meiner Familie erklärte ich, meine Reise werde kurz sein. Meinen Kindern versprach ich Andenken aus England. Mary, meine Frau, meinte scherzhaft, ich sollte mir doch mehr Kunden mit Aufträgen in Brooklyn suchen.
Sonnabend, 27. Januar: Ich fuhr mit einem Taxi zum Harvard-Club. Ein Kontaktmann aus Washington eröffnete mir dort, die Ostdeutschen hielten einen jungen amerikanischen Studenten von der Yale-Universität fest, Frederic L. Pryor aus Michigan. Pryor solle wegen Spionage vor Gericht gestellt werden. Vor Errichtung der Berliner Mauer hatte Pryor in Ostberlin für seine Doktorarbeit über den Handel hinter dem Eisernen Vorhang Recherchen angestellt. Dabei grub er zu tief, stieß auf Material, das als geheim betrachtet wurde, und jetzt planten die Ostdeutschen, einen Schauprozeß gegen ihn. Der Staatsanwalt hatte öffentlich verkündet, er werde die Todesstrafe für den jungen Amerikaner fordern.
Ein anderer amerikanischer Student, Marvin Makinen von der Pennsylvania -Universität, war in Rußland wegen Spionage verhaftet worden. Begründung: Er habe russische Militäranlagen photographiert. Ein sowjetisches Gericht hatte ihn zu acht Jahren Haft verurteilt.
Der ostdeutsche Anwalt Wolfgang Vogel, der behauptete, sowohl die Familie Abel als auch die Angehörigen Pryors zu vertreten, teilte der US-Mission in Westberlin mit, Frau Abel sei davon überzeugt, auch Pryor und Makinen würden freigelassen werden, wenn die Vereinigten Staaten den Sowjetspion im Austausch gegen Powers auf freien Fuß setzten. Unsere Leute hielten Vogel jedoch für unzuverlässig.
Washington riet mir, ich solle zwar versuchen, alle drei Amerikaner freizubekommen, mein Hauptauftrag sei jedoch, Abel gegen Powers auszutauschen.
Über diesen Mann-gegen-Mann-Handel hinaus sollte ich nach eigenem Ermessen vorgehen. Ich beschloß, die Freilassung aller drei Männer anzustreben.
Mein Freund im Harvard-Club teilte mir außerdem mit, es sei beschlossen worden, ich solle allein durch die Mauer nach Ostberlin gehen. Ich erinnerte ihn daran, daß ich nach dem ursprünglichen Plan Washingtons von einem Beamten der amerikanischen Mission begleitet werden sollte, der fließend Deutsch und Russisch sprach. Die Überlegung dabei war, daß ich nicht nur begleitet würde, sondern daß auch vom Nimbus seiner diplomatischen Immunität etwas auf mich abfärben würde.
"Ich weiß", sagte er, "aber die Pläne haben sich geändert. Es ist in letzter Zeit zu viel an der Mauer passiert. Sollte etwas mit Ihrem Auftrag in Ostberlin schiefgehen und ein Beamter der amerikanischen Mission wäre beteiligt, so wäre dies für unsere Regierung sehr unangenehm. Das verstehen Sie doch. Immerhin erkennen wir Ostdeutschland nicht an."
Ich verdaute das eine Minute und meinte dann: Ganz zweifellos halte man es doch wohl für sehr unwahrscheinlich, daß irgend etwas "schiefgehen" werde, während ich allein drüben sei.
"Nun", erwiderte er, "mit Ihnen ist die Lage ganz anders. Die Regierung könnte in keine Verlegenheit kommen, da Sie keinerlei amtlichen Status haben werden." Er beeilte sich jedoch zu sagen - möglicherweise hatte er Zweifel auf meinem Gesicht gelesen -, er sei angewiesen worden, mir zu versichern, daß unsere Regierung "auf höchster Ebene" sehr ernst reagieren würde, sollte wirklich etwas "schiefgehen".
Ich sollte auf keinem Teil der Reise, so riet er mir abschließend, ein Tonaufnahmegerät oder eine Waffe mit mir führen.
Dienstag, 30. Januar: Am frühen Morgen traf ich nach einem Routineflug vom Idlewild-Flughafen mit einer Pan -American-Düsenmaschine in London ein. Ich nahm ein Zimmer im Hotel Claridge. Kurz darauf suchte mich ein junger, sehr tüchtig aussehender "Mr. White" auf und teilte mir mit, ich solle am folgenden Freitag nach Berlin abreisen. Aus Sicherheitsgründen solle ich inzwischen den Namen "Mr. Dennis" annehmen.
Freitag, 2. Februar: Noch vor Morgengrauen traf Mr. White ein, und ich verließ das Claridge. Ich bat den Empfangschef, Post für mich bis zu meiner Rückkehr aufzubewahren. Dann schickte ich ein Telegramm an Mary und teilte ihr mit, ich sei von Freunden zu einem Erholungsaufenthalt nach Schottland eingeladen worden. Zu eben einer solchen Erholung hatte sie mich seit einiger, Zeit gedrängt. Am Connaught Square hielten wir kurz an. Eine junge Dame von der britischen Abwehr stieg zu uns ins Auto. Als wir an dem Luftstützpunkt ankamen, stieg sie aus und verhandelte mit einem uniformierten Wachsoldaten.
Da tauchte aus dem Schilderhaus ein fahlgesichtiger Herr in dunkler Zivilkleidung und mit korrekter Melone auf. Er tippte in Richtung "Mr. Dennis" an die Krempe der Melone, stieg zu mir in den Fond des Wagens, beklagte das unangenehme Wetter und bat mich dann um meinen Paß. Wie ich vorher instruiert worden war, öffnete ich den Paß auf der Visumseite - auf der weder mein Name noch mein Photo zu sehen war. Er drückte mit peinlicher Sorgfalt einen amtlichen Stempel darauf, der besagte, daß ich soeben Großbritannien verlassen hätte.
Dann fuhren wir weiter durch den Militärflughafen und hielten wenige Minuten später neben einer wartenden amerikanischen C-45. Die junge britische Dame winkte mir durch den Regen nach und rief fröhlich: "Gott segne Sie, Mr. Dennis." Der bleiche Gentleman tippte wieder an seine Melone.
Nach einer Zwischenlandung in Wiesbaden begann durch dichten Nebel und Schneeregen unser zweistündiger Flug entlang dem engen Korridor über Ostdeutschland nach Berlin. Schließlich schlitterte unsere Maschine auf die Landebahn des Flughafens Tempelhof. Ein Amerikaner namens Bob erwartete uns dort mit einem kleinen Auto. Es schneite jetzt sehr heftig. Niemand hielt uns auf. Schnell fuhren wir davon. Keiner sagte ein Wort, bis wir vor einem verdunkelten Privathaus in einem Villenviertel von Westberlin hielten. Wir traten ein, machten im Wohnzimmer Licht, schlossen die Jalousien, legten unsere schneebedeckten Mäntel ab und sahen einander zum erstenmal im Hellen.
"Willkommen", sagte Bob. "Es tut mir leid, daß ich während unserer Fahrt nicht viel gesagt habe, aber ich glaubte, nach Ihrem Flug von London hätten Sie gern ein bißchen Ruhe und Entspannung, bevor wir uns unterhalten." Er war groß, etwa 40 Jahre alt, sah gut aus und wirkte ruhig und selbstsicher.
"Sie werden allein hier wohnen. Jeden Morgen wird eine zuverlässige deutsche Hausangestelte kommen, Ihr Frühstück zubereiten und das Bett oben herrichten. Wir haben uns bemüht, es Ihnen bequem zu machen. Sie werden alles finden, von amerikanischen Zigaretten und einem zwölfjährigen Scotch bis zu den neuesten Zeitschriften. Ich schlage vor, Sie packen erst einmal aus und entspannen sich ein paar Stunden. Ich komme dann später und führe Sie zum Essen aus."
Drei Stunden danach saßen wir bei einem ausgezeichneten Dinner in einem Restaurant in einer Nebenstraße. Wir sprachen über alles, nur über meinen Auftrag nicht. Später fuhren wir nach dem mit Geschäftsleuten bevölkerten Berlin-Hilton-Hotel hinüber, wo Bob mich in die matt erleuchtete Golden City Bar führte.
Als wir durch den Schnee nach Hause fuhren, erklärte er mir: Nach meinem Abstecher nach Ostberlin am nächsten Tage solle ich ihn vom Hilton-Hotel aus auf einer Geheimnummer anrufen, die ich auswendig lernen müsse. Das Telephon mit der Geheimnummer, sagte er, werde Tag und Nacht allein für diesen Zweck besetzt bleiben, solange ich in Berlin bliebe.
Sonnabend, 3. Februar: Als ich aufwachte, war ich buchstäblich steif, so hatte ich mich erkältet. Die Erkältung hatte sich in meinem Rücken festgesetzt. Es fühlte sich an wie Rippenfellentzündung. Bob kam an, und ich maß Fieber. Er versprach mir ein Einreibmittel. Nach einem guten Frühstück, das von dem deutschen Mädchen schweigend serviert wurde, erklärte mir Bob anhand von Stadtplänen die einzigen Wege nach Ostberlin, die die Mauer offen gelassen hatte. Der für meine heutige Reise ausgewählte Plan war einfach.
Die S-Bahn verließ Westberlin und fuhr über die Mauer. Die Fahrgäste stiegen an der Friedrichstraße in Ostberlin aus. Diesen Weg, so erklärte mir Bob, legten täglich einige wenige ostdeutsche Arbeiter mit Sondererlaubnis zurück, sowie eine noch kleinere Anzahl "neutraler" Besucher.
Nachdem ich den Zug verlassen haben würde, sollte ich nach eigenem Ermessen die ostdeutschen Grenzwachen passieren und zur Sowjetischen Botschaft Unter den Linden gelangen. Bob erklärte mir, daß die Verhältnisse an der ostdeutschen Grenze sich von Tag zu Tag änderten und nicht vorauszusehen seien. Manchmal wiesen die Grenzposten jeden Besucher zurück, manchmal ließen sie sie unendlich lange warten und durchsuchten sie vielleicht sogar.
Durch einen Schneesturm fuhren wir dann zur nächsten S-Bahn-Station in Westberlin, wo ich eine Rückfahrkarte kaufte ("Toi, toi, toi", sagte ich dabei zu Bob). Ich ging die Treppe hinauf und stieg in den ersten Zug.
Gegen 11.15 Uhr passierte ich den S-Bahnhof Zoo und traf wenig später auf dem Bahnhof Friedrichstraße ein.
Der erste Uniformierte, der meinen Paß kontrollierte, ließ mich ohne weiteres durch. Dann ging ich einen mit Seilen abgegrenzten Gang entlang, bog um eine Ecke und entdeckte etwa hundert Menschen, die in einer langen Schlange auf die Paßkontrolle warteten. Nach zehn Minuten durften nur ein oder zwei Personen passieren. Die Verzögerung schien absichtlich inszeniert zu sein. Mein Paß und mein Bargeld waren immer noch nicht kontrolliert.
Da es schon spät für mich war, verließ ich meinen Platz in der Schlange und ging zum nächsten Vopo. Mit strengem Blick erklärte ich ihm mit lauter Stimme auf deutsch, ich hätte um zwölf Uhr eine Verabredung in der Sowjetischen Botschaft. Er schlug die Hacken zusammen und führte mich ohne weiteres an die Spitze der Schlange,
Zwei uniformierte Zollbeamte fragten mich, wieviel Geld ich bei mir hätte. Ich zeigte es ihnen (zwanzig Westmark). Weiter gab ich an, wie Bob mir geraten
hatte, ich wohnte im Berlin-Hilton -Hotel. Schließlich mußte ich eine vorgedruckte Karte mit meinen Angaben unterschreiben, die sie als mein Visum bezeichneten und an meinem Paß befestigten. Dann durfte ich unbehelligt aus dem Bahnhof hinaus in die beißende Kälte Ostberlins gehen.
Im Sommer und Herbst 1945 war ich zum letztenmal in Berlin gewesen - mit einem Team des damaligen US -Geheimdienstes OSS auf der Suche nach erbeuteten Nazifilmen und anderem Beweismaterial für die Nürnberger Prozesse.
Im Februar 1962 schien Ostberlin unverändert. So weit man in irgendeiner Richtung sehen konnte, lagen die Gebäude in Trümmern oder waren zerfallen. Einschußlöcher waren immer noch an den baufälligen Häusern zu erkennen. Die Straßen waren leer, gefüllt nur mit erdrückender Furcht. Es war, als hätten die Russen 1945 beschlossen, Ostberlin solle ein lebendiger Leichnam bleiben, damit die Deutschen niemals vergessen.
Durch den fallenden Schnee ging ich in Richtung Unter den Linden. Plötzlich, als ich um eine Ecke gebogen war, tauchte eine Gruppe von zehn oder zwölf Jugendlichen auf, in schäbigen Trenchcoats oder schweren Rollkragenpullovern und ohne Hüte. Einigen baumelten Zigaretten im Mundwinkel. Wie ein Rudel Wölfe standen sie da. Ich richtete mich auf. Mit dem grimmigen Gesichtsausdruck eines ostdeutschen oder sowjetischen Beamten, der als Waffe allein seine Diplomatenmappe braucht, ging ich durch sie hindurch. Das war eine lange Minute. Später erfuhr ich, daß solche Banden verwahrloster Jugendlicher Tag und Nacht durch die Straßen Ostberlins zogen. Sie lebten aus den Abfallkübeln der Stadt. Die Sowjets duldeten sie, nach Meinung der Westberliner, weil sie für gelegentliche Gewaltakte verwendet werden konnten. Ihre Taten konnten dann als "Halbstarkenunwesen" verurteilt werden, für das amtlich niemand verantwortlich war.
Als ich Unter den Linden ankam, war ich entsetzt. Ich blickte diesen Boulevard, der einst zu den großartigsten der Welt gehört hatte, hinauf und hinunter und sah fast nichts als Öde und Verlassenheit. Ein paar umherstreunende Männer stapften mühsam durch den Schnee.
Ich erinnerte mich, wie ich im Sommer 1936 zu den Olympischen Spielen auf dieser Allee in einem fröhlichen Hotel gewohnt hatte. Damals war Deutschland auf dem Höhepunkt einer falschen Begeisterung: Es hatte wieder seine Weltmachtposition erreicht. Nur wenige der Menschen, die damals Unter den Linden spazierengingen, konnten die Ruinen vorausgesehen haben.
Ich entdeckte die Sowjetische Botschaft. Dort aber teilte mir eine Empfangsdame in ausgezeichnetem Englisch mit, ich müsse zum nächsten Eingang, zum Konsulat gehen, wo man mich erwarte. Ich ging dort hin, läutete und öffnete eine furchteinflößende Tür.
"Wie geht es Ihnen?" begrüßte mich lächelnd eine junge Frau in der Empfangshalle. "Ich bin die Tochter Rudolf Abels. Dies hier ist meine Mutter, Frau Abel, und ihr Vetter, Herr Drews."
Ich gab allen dreien die Hand, sagte aber nichts. Die "Tochter" war ungefähr 35 Jahre alt, sprach fließend Englisch und wirkte sehr schlau. Ich hielt sie für eine Slawin. "Frau Abel" sah aus wie eine 60jährige Hausfrau. Sie erinnerte mich an eine deutsche Charakterdarstellerin. "Vetter Drews", etwa 55, sprach kein Wort. Er grinste nur. Er war ein hagerer Mann mit hartem Gesichtsausdruck. Andauernd schloß und öffnete er seine mächtigen Hände. Im Geiste stufte ich ihn in die Kategorie "Otto der Würger" ein.
Wahrscheinlich gehörte er der ostdeutschen Polizei an. Alle drei waren schäbig gekleidet. "Können Sie den Austausch bewerkstelligen?" fragte die Frau in einem Ton, als habe sie den Satz für einen ausländischen Film einstudiert.
"Noch heute", sagte ich, "wenn alle vernünftig sind und in gutem Glauben handeln."
"Wie geht es meinem Vater im Gefängnis?" fragte die Tochter.
"Er hat nie besser ausgesehen", sagte ich. "Es ist ein ziemlich angenehmes Gefängnis, und er hat ein eigenes Atelier, in dem er den ganzen Tag malt."
"Auch ein goldener Käfig ist ein Käfig", bemerkte die Tochter, worauf Frau Abel in Schluchzen ausbrach. Ich fragte mich, wann dieses altmodische Melodrama aufhören würde.
Während unserer Wartezeit von etwa 15 Minuten rauchte ich mehrere Zigaretten. Zweimal sagte die Tochter vernehmlich: "Ich würde gern eine Zigarette haben." Nicht einmal bot ich ihr eine an. Drews gab ihr dann eine. Jedesmal sagte sie: "Ich brauche Feuer." Und als ich mich wieder nicht rührte, zündete Drews ihr die Zigarette an.
Punkt zwölf Uhr öffnete sich eine Tür zum Vorraum. Ein großer, gut proportionierter, sauber gekleideter Mann mit randloser Brille trat ein. In selbstbewußter Haltung stellte er sich uns allen als "Iwan Alexandrowitsch Schischkin, Zweiter Sekretär der Botschaft der UdSSR" vor.
"Sprechen Sie Deutsch?" fragte er mich auf englisch.
"Sehr schlecht", antwortete ich.
"Gut", sagte er, "wir werden beide mit Englisch besser fahren."
Er bat uns in ein Konferenzzimmer, setzte sich hinter einen Schreibtisch und forderte uns mit einer Handbewegung zum Niedersetzen auf. Es war genau für jeden ein Stuhl da. Von der Zeit, da ich den Raum betrat, bis wir ihn zwei Stunden später wieder verließen, sprach von der sogenannten Familie niemand ein Wort - abgesehen davon, daß die "Tochter" ja sagte, als sie gefragt wurde, ob die Familie am folgenden Montag zu einer zweiten Zusammenkunft wiederkommen könne. Schischkin nahm sie hin wie ein Bühnenstar notwendige Requisiten.
Ich erklärte Schischkin zunächst einmal, daß ich als Anwalt mit einer Privatpraxis viele dringende Geschäfte hätte und unter Aufopferung kostbarer Zeit gekommen sei. Ich sei gezwungen, so erklärte ich weiter, den Lebensunterhalt meiner Familie zu verdienen und könne deshalb nicht lange in Berlin bleiben. Ich brauchte daher auf meine Vorschläge schnell Antwort.
"Natürlich", antwortete Schischkin. "Ich verstehe vollkommen." Sein Englisch war makellos. "Ich bin nur aus einem Grund nach Berlin gekommen", fuhr ich fort, "ein ostdeutscher Anwalt namens Vogel schickte mir eine Botschaft, Frau Abel sei der Ansicht, durch eine Freilassung ihres Mannes würde Powers freikommen, ebenso wie der amerikanische Student Pryor, der in Ostdeutschland inhaftiert ist, und der Amerikaner Makinen, der jetzt in Kiew im Gefängnis sitzt.
"Daraufhin habe ich die Zusicherung von meiner Regierung bekommen, daß wir Abel an jedem von Ihnen zu bestimmenden Punkt in Berlin innerhalb von 48 Stunden nach unserer Einigung ausliefern werden", erklärte ich weiter.
Schischkin trommelte mit den Fingern auf die Tischplätte. Dann reichte ich ihm den Brief des Begnadigungs-Staatsanwalts im Washingtoner Justizministerium hinüber. Er las ihn sorgfältig, legte ihn zur Seite und sagte: "Sehr vage." Ich erläuterte ihm, in dem Brief seien absichtlich keine Details genannt, um zu vermeiden, daß durch Indiskretion einer Stenotypistin irgend etwas an die Öffentlichkeit dringt. Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück.
Nach einer Pause nahm Schischkin die randlose Brille ab, putzte sie und sagte: "Vor über einem Jahr kamen diese Abel-Leute hier in mein Büro im Konsulat, denn sie sind Ostdeutsche. Ich hörte mir ihre Geschichte an und sagte ihnen, ich wolle bei der sowjetischen Regierung nachfragen, ob Powers gegen Abel ausgetauscht werden könne. Später erhielt ich eine positive Antwort aus Moskau, denn gewisse faschistische Kreise in den Vereinigten Staaten haben versucht, diesen Ostdeutschen Abel mit der Sowjet-Union in Verbindung zu bringen."
"Diese Unwahrheit", fuhr er fort, "ist eine Quelle sowjetfeindlicher Propaganda in den Vereinigten Staaten. Die würden wir gern aus der Welt schaffen, um eine bessere Zusammenarbeit und größeres Verständnis zwischen unseren beiden Ländern zu erreichen."
"Aber", fügte er hinzu, "was diese amerikanischen Studenten Pryor und Makinen angeht, von diesen Fällen habe ich nicht einmal etwas gehört. Sie haben hier jetzt eine neue Angelegenheit zur Sprache gebracht, und ich habe keinerlei Befugnis, zu diesem Zeitpunkt mit Ihnen darüber zu sprechen."
Ich gab meinem Erstaunen Ausdruck. Der einzige Grund für meine Reise nach Berlin sei die Botschaft von Vogel gewesen, in der allem Anschein nach Frau Abel zitiert worden sei. Wenn Schischkin nicht bereit sei, fügte ich hinzu, über diesen Vorschlag zu verhandeln, so hätte ich keine weiteren Instruktionen und könne nur wieder nach Hause fahren.
"Sie hätten keine weiteren Instruktionen?" fragte Schischkin zweifelnd. "Keine", antwortete ich. "Auf der anderen Seite würde ich Ihnen gern über die Vorkehrungen berichten, die getroffen worden sind, Abel hier auszuliefern, falls Vogels Zusage gehalten wird. Ich werde Ihr Einverständnis nach Washington berichten. Abel wird dann in Begleitung des stellvertretenden Leiters der, amerikanischen Gefängnisbehörde sofort an Bord einer Militärmaschine nach hier geschickt werden. Der Beamte wird ein bereits von Präsident Kennedy signiertes Dokument über die Strafverkürzung bei sich tragen, das er lediglich noch selbst gegenzeichnen muß. Dies wird am Austauschort geschehen - dafür schlagen wir die Glienicker Brücke vor -, nachdem ich bezeugt habe, daß wir die richtigen Leute empfangen.
Ich fuhr fort: "Ein Mann, der Powers identifizieren kann, befindet sich bereits in Berlin. Die Familie Pryors ist hier, wie Sie wohl wissen. Und Leute, die Makinen kennen, sind leicht verfügbar. Es ist nur noch Ihr Einverständnis erforderlich, und Abel wird Ihnen übergeben werden."
Schischkin hörte aufmerksam zu. Dann sagte er: "Sind Sie sicher, daß ein solches Dokument bereits von Präsident Kennedy unterzeichnet ist?"
"Selbstverständlich bin ich dessen sicher", antwortete ich. "Natürlich ist darin die Bedingung enthalten, daß Abel niemals wieder die Vereinigten Staaten betreten darf, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, daß seine Strafe wieder in Kraft tritt." "Noch eins", fügte ich hinzu. "Ein solcher Austausch wird seit geraumer Zeit in unserer Presse befürwortet, und
- das ist meine persönliche Meinung -
wenn Sie wollen, daß Abel freigelassen wird, dann ist jetzt die Zeit zu handeln. Zögern wir, dann könnte sich die günstige Atmosphäre durch einen internationalen Zwischenfall oder durch eine innenpolitische Entwicklung bei uns ändern."
Ich gab mich sehr verärgert darüber, daß die Angelegenheit nicht hier und gleich erledigt wurde.
"Wenn Vogel mich angelogen hat", sagte ich, "dann ist er meiner Ansicht nach ein Schurke, der von den zuständigen Behörden hart bestraft werden sollte."
Abrupt wandte ich mich an Frau Abel und sagte zornig: "Vogel hat erklärt, Sie hätten ihn beauftragt, mir zu schreiben. Hat er die Wahrheit gesagt oder nicht?" Die Frau, erschreckt und verstört, blieb stumm. Schischkin unterbrach schnell: "Es gibt da jetzt nichts weiter zu sagen. Ich will jedoch zugeben, daß Sie meiner Ansicht nach zu Recht verärgert sind."
Darauf meinte Schischkin, er wolle den Brief vom Begnadigungs-Staatsanwalt vorerst behalten. Ich fragte ihn, ob er nicht eine Photokopie davon anfertigen und mir das Original überlassen könne.
"Ich bin ein Beamter der Sowjetischen Botschaft", antwortete Schischkin gereizt "Wenn ich sage, ich gebe es zurück, sollten Sie keinerlei Zweifel daran haben."
Ich gab nach und schlug vor, daß angesichts meiner knappen Zeit die Unterredung später fortgesetzt werden solle, während ich irgendwo in Ostberlin zu Mittag äße. Inzwischen könne er sich über Funk das Einverständnis Moskaus holen, und wir könnten die Angelegenheit noch am Nachmittag abschließen.
"Heute ist Sonnabend", antwortete er. "So zu arbeiten, wie Sie es vorschlagen, wäre viel zu schnell. Können Sie nicht am nächsten Montag um 17 Uhr wieder hierher kommen?"
Ich sagte, daß ich nicht viel länger als bis Montag bleiben könne und erinnerte ihn daran, daß ich 48 Stunden benötigen würde, um Abel nach Berlin zu bringen. Inzwischen könne er sich, falls er vor Montag Nachricht aus Moskau erhalten sollte, über eine Westberliner Telephonnummer mit uns in Verbindung setzen. Ich schrieb ihm Bobs Geheimnummer auf eine Visitenkarte und reichte sie ihm hinüber.
Schischkin sagte daraufhin nachdenklich zu mir: "Sie wollen also drei für einen haben."
Mit einem Lächeln bemerkte ich: "Ein Künstler ist immer mehr wert als drei Handwerker." Mit selbstgefälliger Miene registrierte er lächelnd mein Kompliment für Abel.
Ich übergab Schischkin meine Anwaltsvisitenkarte und als - freundliche Geste auch noch meine Karte als Vizepräsident der New Yorker Erziehungsbehörde. Er betrachtete sie aufmerksam und bemerkte dann: "Das ist sehr gute Arbeit."
Ich bat ihn um seine Karte, und er sagte überrascht: "Ist das nötig?" Ich erwiderte: "Nein, aber wünschenswert." Dann gab er mir seine gestochene Visitenkarte, die ich einsteckte. Wir gaben einander die Hand, und ich verließ das Büro. Die "Familie Abel" trottete hinter mir her. Sie verließ mich an der nächsten Ecke. Die Tochter erklärte, sie seien in einem Ostberliner Hotel abgestiegen.
Montag, 5. Februar: Um 17 Uhr kam ich nach Ostberlin und in die Sowjetbotschaft zurück, gestärkt durch das wirksame Einreibmittel, das Bob für meinen schmerzenden Rücken besorgt hatte. Kurz vor der verabredeten Zeit betrat ich das Konsulat. Im Empfangsraum saßen Fräulein Abel und Vetter Drews, der mich auf seine weniger attraktive Art angrinste. Fräulein Abel teilte mir mit, ihre Mutter sei im Hotel geblieben, da sie seit unserer Zusammnenkunft am Sonnabend "sehr nervös" sei.
"Haben Sie irgendwelche guten Nachrichten für uns?" fragte sie. Ich entgegnete, über diese Angelegenheit solle nur in Gegenwart von Sekretär Schischkin gesprochen werden.
Plötzlich erschien Scbischkin, verbeugte sich steif in Richtung Fräulein Abel und Drews; mir aber schüttelte er herzlich die Hand. Dann forderte er mich auf, zu einem vertraulichen Gespräch in das Konferenzzimmer zu kommen. Die andern ignorierte er vollkommen.
Er eröffnete die Unterhaltung: "Haben Sie über unsere letzte Zusammenkunft an Ihre Regierung berichtet? Welche zusätzlichen Instruktionen haben Sie erhalten?"
"Ich habe sofort darüber berichtet", antwortete ich. "Und meine einzigen Instruktionen waren, heute entsprechend Ihrem Wunsch nach hier zurückzukommen, um zu erfahren, welche weitere Nachricht Sie von Ihrer Regierung erhalten haben."
Schischkin nahm hinter dem Schreibtisch Platz und öffnete dann steif und formell eine große Ledermappe. Er habe Instruktionen von Moskau erhalten, sagte er. Er habe im übrigen nichts dagegen, wenn ich die Note Wort für Wort abschriebe. Dann las er mir vor:
"1. Die Sowjetregierung hat menschliche Gefühle und willigt in diesem Geiste ein, Powers gegen Abel auszutauschen.
2. Diese humane Tat auf beiden Seiten und die Eliminierung einer permanenten Quelle sowjetfeindlicher Propaganda sollte dazu beitragen, die Beziehungen zwischen unseren Ländern zu verbessern.
3. Wenn die amerikanische Regierung an der Freilassung Makinens interessiert ist, der sich jetzt in Kiew befindet, dann ist die sowjetische Regierung bereit, Abel gegen Makinen auszutauschen; aber ein gleichzeitiger Austausch von Powers und Makinen gegen Abel ist unmöglich. Es ist an den Amerikanern, ihre Wahl zu treffen. Wenn die Angelegenheit korrekt zum Abschluß gebracht wird und bessere Beziehungen eintreten, können weitere Verhandlungen stattfinden.
4. Was den Fall Pryor betrifft, so liegt diese Angelegenheit außerhalb der Zuständigkeit sowjetischer Behörden und muß mit der ostdeutschen Regierung ausgehandelt werden. Das kann über Frau Abel und ihren Anwalt Vogel geschehen, die Donovan bereits mitgeteilt haben, daß ihre Petition von der ostdeutschen Regierung wohlwollend in Erwägung gezogen wird."
Weitere Instruktionen, so erklärte Schischkin dann, habe er nicht. Frau
Abel und ich sollten uns einen Plan für den Austausch ausdenken, den die Sowjets prüfen würden. Zu dem Vorschlag der Glienicker Brücke, den ich bei der letzten Zusammenkunft erwähnt hatte, meinte Schischkin: "Nicht schlecht."
Ich erklärte ihm, ich sei höchst interessiert an dem Hinweis auf Marvin Makinen. "Darf ich annehmen", fragte ich, "daß - falls die anderen Freilassungen durchgeführt würden und bessere internationale Beziehungen zur Folge hätten - die UdSSR Makinen in naher Zukunft begnadigen würde?" Schischkin darauf: Das könne er zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigen, würde jedoch noch einmal rückfragen.
Ich sagte Schischkin, daß ich diesen Gegenvorschlag meiner Regierung mitteilen wolle und hoffe, innerhalb von 24 Stunden mit einer Antwort zurück zu sein. Schischkin meinte, angesichts meines schmerzenden Rückens (ich hatte die Schmerzen nur schlecht unterdrücken können) sei es nicht nötig, daß ich selbst zurückkehrte. Er schlug vor, ich solle die Antwort meiner Regierung mit einem diplomatischen Kurier zur Sowjetbotschaft schicken.
Anschließend unterhielten wir uns einen Augenblick, und ich fragte Schischkin: "Sagen Sie, warum lassen Sie es zu, daß die Botschaft hier von zerstörten Gebäuden und zerschossenen Mauern umgeben ist, die seit dem Zweiten Weltkrieg nicht repariert worden sind?"
"Wir halten es nicht für ratsam", entgegnete er, "alle Verwüstungen in Berlin zu beseitigen. Dementsprechend haben wir auch nicht alles wieder aufgebaut und haben das auch in der nächsten Zukunft nicht vor."
Vor der Botschaft fragten mich Fräulein Abel und Vetter Drews, welches Ergebnis die Unterredung gehabt habe. Ich klärte sie kurz auf. Darauf Fräulein Abel: "Wir müssen sofort Herrn Vogel aufsuchen. Er hat uns versprochen, in seinem Büro zu bleiben und uns zu empfangen." Warum Vogel sich uns nicht in der Botschaft anschließen konnte, wollte ich wissen. Darauf sie: Er habe so viele Klienten, daß er sein Büro nicht verlassen könne.
Wir winkten ein Taxi heran und gelangten schließlich zu Vogels Büro. Es hatte für die Kanzlei eines prominenten Anwalts eine seltsame Lage. Es befand sich im Haus Nr. 113 Alt-Friedrichsfelde, in einer anscheinend zweitklassigen Wohngegend. Das Gebäude lag etwa 75 Meter vom Gehsteig entfernt. Der Boden davor war mit Unkraut überwuchert. Das Haus, erst kürzlich gebaut, hatte nur Erdgeschoß und ein Stockwerk. Ich bemerkte, daß das Erdgeschoß offenbar eine billige Wohnung beherbergte. Dünne Decken hingen anstelle von Vorhängen vor den Fenstern. Wir öffneten eine Seitentür. Fräulein Abel ging voraus, Vetter Drews hinter mir.
Der Eingang war schlecht erleuchtet. Ich erkannte einen Treppenaufgang, der in einem schmalen Korridor nach oben führte. Das Ganze sah so wenig wie der Aufgang zum Büro eines Anwalts aus, daß mich, mit Vetter Drews hinter mir, auf der Treppe plötzlich Furcht befiel und ich ein- oder zweimal über die Schulter blickte. In solchen Augenblicken tröstet einen der Gedanke, daß es vollkommen sinnlos ist, sich Sorgen zu machen, da man doch nicht fliehen kann.
Am Ende der Treppe drückte Fräulein Abel auf eine Klingel, und wir wurden in ein kleines Vorzimmer eingelassen, das in ein noch kleineres Wartezimmer führte. Nach wenigen Minuten erschien Herr Vogel und führte uns in sein kleines, aber gut möbliertes Büro.
Er war etwa 37 Jahre alt, dunkelhaarig und sah gut aus. Ständig huschte ein rasches Lächeln über sein Gesicht.
Er trug einen Maßanzug aus grauem Flanell, ein weißes Hemd, eine gemusterte Krawatte mit dazu passendem Ziertuch und große, auffallende Manschettenknöpfe. Vogel fragte mich sofort auf deutsch, ob ich diese Sprache gut spräche. Ich erwiderte auf englisch: "Sehr schlecht." Mehrmals wurde mir im Laufe des Tages deutlich, daß alle glaubten, ich könne besser Deutsch, als ich zugab.
Zu meiner Überraschung bot sich Vetter Drews als Dolmetscher an und übersetzte für Vogel meinen knappen Bericht über die Ereignisse in Schischkins Büro. Vogel nickte und erklärte, er sei erfreut, mir eine amtliche Nachricht vom General-Staatsanwalt der DDR zeigen zu können. Diese war in deutsch abgefaßt und lautete:
Werter Herr Rechtsanwalt Vogelt
Hiermit wird bestätigt, daß dem Antrag zur Übergabe Ihres Klienten an amerikanische Behörden stattgegeben werden kann, falls von amerikanischer Seite die Ihnen bekannten Bedingungen eingehalten werden.
Der General-Staatsanwalt I. A.
gezeichnet Windisch Staatsanwalt
Der Brief war ganz offensichtlich nach dem Muster jenes Briefes vom amerikanischen Begnadigungs-Staatsanwalt verfaßt, den ich Schischkin bei unserer ersten Zusammenkunft gezeigt und den er als "vage" bezeichnet hatte. Ich überlegte einen Augenblick, wie Staatsanwalt Windisch den Brief aus Washington gesehen haben konnte.
Nach einem Gespräch über den Brief sagte ich zu Vogel, ich brauchte, um
weitere Pläne machen zu können, eine einfache Antwort auf eine einfache Frage: Konnte Vogel garantieren, daß die Ostdeutschen zum gleichen Zeitpunkt und am gleichen Ort Pryor freilassen würden, an dem Powers gegen Abel ausgetauscht würde? Vogel: "Auf jeden Fall, ja."
Während der Zusammenkunft verhielt ich mich zurückhaltend, aber freundlich. Die Leute in Washington hatten durchblicken lassen, daß ich ihrer Ansicht nach während der Unterredung mit Schischkin am Sonnabend Vogels Verhalten zu scharf verurteilt hätte.
Ich erwähnte daher Vogels gebrochene Versprechungen jetzt überhaupt nicht. Am Schluß der Konferenz besorgte uns Vogel ein Taxi, und wir alle schüttelten ihm die Hand, als wir sein Büro verließen. Oben an der Treppe bat ich Vetter Drews mit einer Handbewegung, voranzugehen. Er tat es.
Drews und Fräulein Abel begleiteten mich im Taxi zum Bahnhof Friedrichstraße. Unterwegs bemerkte sie, unsere Regierung solle nicht vergessen, daß die ostdeutschen Behörden erklärt hätten Pryor würde entweder zum Tode oder zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt werden, sollte es zu einem Prozeß kommen. Ich erwiderte darauf, daß zwar die Freilassung von Powers das erste und wichtigste Ziel meiner Mission sei, dies jedoch nicht bedeute, daß unsere Regierung einen der beiden anderen Amerikaner aufgebe. Wir würden ihre Interessen soweit wie irgend möglich zu schützen versuchen.
An der Friedrichstraße verabschiedeten sich die beiden. Ich fuhr direkt zum
Hilton-Hotel, wo ich gegen 19.10 Uhr ankam. Als ich Bob anrief, sagte er mir, sie hätten sich wegen meiner späten Rückkehr große Sorgen gemacht.
Nach dem Abendessen in einem ruhigen Café kehrte ich nach Hause zurück. Da erschien plötzlich Bob. Über das Geheimtelephon in Westberlin, dessen Nummer ich nur Schischkin gegeben hatte, war eine Botschaft durchgegeben worden. Ein deutsch sprechender Mann hatte sie aus einer Westberliner Telephonzelle übermittelt:
"Unerwartete Schwierigkeiten aufgetaucht. Muß Sie dringend morgen vormittag, 6. Februar, 11 Uhr, in meinem Büro sprechen. Vogel."
Bob und ich berieten über die Bedeutung dieser Nachricht. Wir waren mißtrauisch. Ich war fest der Meinung, daß, wenn ich am nächsten Tag nach Ostberlin zurückkehrte, ich nicht Vogel aufsuchen, sondern unerwartet
Schischkin die Nachricht vorhalten und eine Erklärung verlangen sollte. Bob war einverstanden und teilte Washington mit, was wir vorhatten. Spät in der Nacht kam die Einwilligung.
Dienstag, 6. Februar: Um 10 Uhr ging ich auf dem gewohnten Weg nach Ostberlin zurück und klingelte an der Tür des sowjetischen Konsulats. Da fragte mich eine scharfe Stimme fast schreiend auf deutsch, was ich wolle. Ich konnte erst nicht erkennen, woher die Stimme kam. Schließlich entdeckte ich, daß sie aus einem schmalen Schlitz über der Klingel kam. Ich rief zurück: "Ich würde gern Herrn Schischkin sprechen." Nach einer Pause sagte die Stimme: "Sprechen Sie Englisch?" Jetzt schrie auch ich: "Ich spreche die ganze Zeit schon Englisch und will Herrn Schischkin sprechen!" Ein Summer öffnete die Tür, und ich trat ein.
In dem Vorraum sah ich einen afrikanischen Neger mit einer runden Astrachan-Pelzmütze und einem Mantel mit Astrachankragen. Der Farbige lag ausgestreckt auf ein paar Stühlen. Kurz darauf kam der Türhüter und sagte mir, ich müsse warten. Dann rüttelte er ziemlich grob den schnarchenden Afrikaner und redete in einer fremden Sprache auf ihn ein. Der Afrikaner setzte sich auf, blieb jedoch - mit Mütze und Mantel - dort, so lange wie ich.
Rund 15 Minuten später betrat Schischkin den Raum. Er entschuldigte sich, daß er mich hatte warten lassen, gab sich aber überrascht über meinen "unerwarteten" Besuch. Er bat mich in das Besprechungszimmer. Ich beschrieb ihm den Besuch bei Vogel und zeigte ihm den Brief vom ostdeutschen General-Staatsanwalt. Nach meiner Rückkehr nach Westberlin, fügte ich hinzu, hätte ich alles nach Washington weiterberichtet.
In meinem Bericht hätte ich festgestellt, unsere Regierung sei zwar zu der Annahme gebracht worden, Powers, Makinen und Pryor würden gegen Abel ausgetauscht; dennoch würde ich empfehlen, das gegenwärtige auf Powers und Pryor beschränkte Angebot zu akzeptieren, da ich aus der mir von Schischkin übermittelten Nachricht aus Moskau schlösse, daß mit der Verbesserung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjet -Union eine Begnadigung Makinens in naher Zukunft erwartet werden könne.
Schischkin nickte. Ich fuhr fort: Daraufhin habe mir meine Regierung mitgeteilt, sie sei bereit, das sowjetische Angebot - Powers und Pryor gegen Abel - zu akzeptieren.
Zum Schluß erzählte ich Schischkin von der mysteriösen telephonischen Nachricht von Vogel vom Abend vorher. Ich überreichte ihm eine Abschrift, und er erklärte: "Was für eine seltsame Botschaft. Was soll das bedeuten?"
Das unter anderem herauszufinden, erwiderte ich, sei ich heute morgen zu Schischkin gekommen, denn die Botschaft sei über die Geheimleitung durchtelephoniert worden, deren Nummer ich nur ihm bei unserem ersten Zusammentreffen am Sonnabend gegeben hätte.
"Die Familie Abel war anwesend, als Sie mir die Nummer gaben", sagte Schischkin mit unschuldigem Gesicht.
"Ich schrieb die Nummer auf eine Visitenkarte, die ich Ihnen direkt gab", erinnerte ich ihn.
"Manche Leute haben scharfe Augen", erwiderte Schischkin.
Ich vertraute darauf, erklärte ich anschließend, daß die Sowjet-Union nicht von der in der Moskauer Botschaft vom Vortage ausgedrückten Haltung abgehen werde. Ich fügte hinzu: Alles sei nun bereit, Abel für den Austausch nach Berlin zu schaffen.
Schischkin lehnte sich in seinem Sessel zurück und stellte feierlich fest: "Die Sowjet-Union pflegt nicht von einmal abgegebenen Erklärungen abzugehen." Er wünsche jetzt Moskaus Bereitschaft, Powers gegen Abel auszutauschen, erneut zu bekräftigen. Gleichzeitig müsse er jedoch wiederholen, der Fall Pryor liege außerhalb der Autorität der sowjetischen Regierung.
"Ich möchte jedoch", sagte er, "ein paar persönliche Bemerkungen machen. Sie sagen mir jetzt zum erstenmal, daß Sie mit der ostdeutschen Regierung vereinbart haben, Pryor gegen Abel auszutauschen. Vorher haben Sie sich mit meiner Regierung geeinigt, Abel im Austausch gegen Powers freizulassen. Mir scheint, Sie sind wie ein Händler, der versucht, dieselbe Ware an zwei Käufer zu verkaufen und von beiden Bezahlung zu verlangen."
"Sie wissen genau, daß das Unsinn ist", erwiderte ich. Ich habe vernommen, daß jede Aktion seitens der ostdeutschen Regierung außerhalb Ihrer Autorität und Kontrolle liegt. Ostdeutschland begnadigt Pryor in Anerkennung zweier Tatsachen: daß die Sowjet-Union Powers wegen ihrer 'menschlichen Gefühle' freiläßt und daß die Vereinigten Staaten dafür Abel auf freien Fuß setzen. Wie kann es Sie angesichts der Tatsache, daß Ihre Regierung Ostdeutschland für unabhängig erklärt hat, überhaupt kümmern, was die Ostdeutschen - oder irgendeine andere unabhängige Regierung - in Anerkennung der begrüßenswerten sowjetisch - amerikanischen Vereinbarung beschließt? Wenn die Ostdeutschen aus 'menschlichen Gefühlen' beschließen, Pryor auf der Brücke und zum Zeitpunkt des Power-Abel-Austausches freizulassen, wie kann dies eine Angelegenheit sein, die Sie oder Ihre Regierung auf irgendeine Weise angeht?"
Schischkin lächelte beinahe. Aber eine Antwort gab er nicht.
"Lassen Sie mich eines klarmachen", fuhr ich fort. "Wenn Sie von dem Handel, auf den wir uns gestern geeinigt haben, jetzt zurücktreten, werde ich meine Regierung sofort davon
in Kenntnis setzen. Ich kann die Entscheidung meiner Regierung nicht vorwegnehmen. Aber ich werde empfehlen, daß ich nach New York zurückkehre und wir alle Verhandlungen in der Angelegenheit abbrechen."
Schischkin verdaute das für einen Augenblick und sagte dann: "Meiner Meinung nach sollten Sie wegen der Nachricht, die Sie von Vogel bekommen haben, sofort zu seinem Büro fahren. Nachdem Sie sich mit ihm über diese Angelegenheit beraten haben, kommen Sie bitte, wenn Sie wünschen, gern hierher zurück."
Ich fragte ihn, ob er nicht Vogel anrufen und ihn ins Konsulat kommen lassen könne, um die Sache zu beschleunigen. Schischkin entgegnete, es tue ihm sehr leid, aber er treffe zwar gelegentlich den ostdeutschen Justizminister in amtlichen Angelegenheiten, es wäre jedoch sehr unkorrekt von einem sowjetischen Beamten, einen privaten ostdeutschen Anwalt zu sprechen.
Nachdem ich vor der Botschaft 15 Minuten umsonst auf ein Taxi gewartet hatte, wanderte ich durch dichtes Schneetreiben zum Bahnhof Friedrichstraße, fand dort ein Taxi und fuhr zu Vogels Büro. Schweigend nahm der Taxifahrer mein illegales Westgeld an. In dem Büro war Drews allein mit Vogel. Er erklärte, Fräulein Abel werde nicht kommen. Sie sei zu erregt über die
jüngsten Schwierigkeiten, die Vogel ihr mitgeteilt habe, und im übrigen damit beschäftigt, "sich ihrer Mutter anzunehmen".
Drews begann eine lange Erklärung vorzulesen, die, wie er sagte, Fräulein Abel niedergeschrieben hatte. Ich unterbrach ihn und schlug vor, ich würde die Erklärung selbst lesen und sie dann mitnehmen. Vogel war dagegen. Daraufhin erklärte ich, ich müsse die Erklärung abschreiben. Das Dokument, in Englisch auf billigem, liniiertem Papier geschrieben, hatte folgenden Wortlaut:
"Gestern abend, nachdem wir fortgefahren waren, ließ mich Herr Vogel kommen und teilte mir eine schlechte Nachricht mit.
Herr Vogel hatte eine Unterredung mit einem Beamten der General-Staatsanwaltschaft. Als Herr Vogel Ihre Bemerkung erwähnte, Sie hätten die Einwilligung der Sowjet-Union für einen Austausch eines anderen erzielt, war jener Beamte sehr überrascht. Er betonte, daß sie (die General-Staatsanwaltschaft) in den Austausch Pryor gegen Abel, das heißt, einer Person gegen eine andere, eingewilligt hätten. Nun sieht es so aus, daß die Austauschbedingungen anscheinend anders sind, und der Beamte rechnete mit gewissen Komplikationen. Die DDR hat sich mit einem Austausch Pryor gegen Abel einverstanden erklärt, mit nichts anderem. Dieses Abkommen solle buchstabengetreu befolgt werden.
Andernfalls fühle sich die DDR frei, so zu handeln, wie sie es für nötig halte, und könne nicht in den Austausch einer Person gegen zwei Personen einwilligen, von denen eine aus einem dritten Lande komme.
Herr Vogel bat mich, Ihnen seine Befürchtungen in dieser Angelegenheit mitzuteilen, da er sich nicht in der Lage sieht, den Prozeß gegen Pryor hinauszuschieben. Die General-Staatsanwaltschaft machte ihm klar, daß man - falls die Amerikaner einen Tausch Pryor gegen Abel ablehnen sollten - mit dem Prozeß beginnen und eine Sensation daraus machen würde. Denn sie hätten genug Beweismaterial, um Pryor zu verurteilen, was, wie Sie wohl verstehen werden, negative Folgen für die Vereinigten Staaten und für die Familie Pryors im besonderen haben könnte."
Als Drews zu lesen aufgehört hatte, explodierte ich und nannte die ganze Erklärung einen "bösartigen Unsinn". Sowohl Ostdeutschland als auch Vogel, sagte ich, handelten offensichtlich in böser Absicht. Weder meine Regierung noch ich hätten Zeit, sich mit solchen Leuten abzugeben. Und: Jeder Gedanke an einen Austausch Abels gegen Pryor allein sei vollkommen indiskutabel.
Wenn Ostdeutschland- sich nicht an das gestern durch den Brief des General-Staatsanwalts amtlich gegebene Versprechen halte, müsse ich sofort alle Verhandlungen abbrechen und meiner Regierung meine Rückkehr nach Washington anraten. Ich sagte, ich hätte den Eindruck, Schischkin und Vogel wollten mich zum Narren halten. Das würde ich nicht dulden.
Vogel lächelte nervös und sagte: "Was hier geschieht, ist ein Wettstreit zwischen der Sowjet-Union und Ostdeutschland, eine Art Ringkampf um das Privileg, die Freilassung Abels zu erwirken.'
"Was wäre das für ein Kampf!" warf ich zurück. "Das wäre, als ob Ihr Max Schmeling gegen ein Fliegengewicht kämpfte."
"Das mag sein", antwortete Vogel, "aber ich kann Ihnen in gutem Glauben versichern, daß ein solcher Kampf jetzt im Gange ist: Der General-Staatsanwalt der DDR hat in der Angelegenheit eine feste Stellung bezogen, wie Sie aus seinem Brief erkennen können."
"Unsinn", sagte ich. "Wenn Schischkin dem General-Staatsanwalt Ostdeutschlands befehlen würde, im Handstand hier über den Fußboden zu gehen, würde der das versuchen. Ich wiederhole: Ich habe keine Zeit für kindische Spiele. Entweder Ostdeutschland löst sein amtliches Versprechen ein, das mir gestern schriftlich gegeben wurde, oder ich breche alle Verhandlungen ab und fordere meine Regierung auf, mich nach Hause zu bringen." Ich stand auf und begann, meinen Mantel anzuziehen.
Da drückte Vogel schnell einen Klingelknopf auf seinem Tisch. Wie in einem Schauspiel öffnete sich seine Bürotür, und ein Assistent betrat den Raum. Er stellte sich steif vor den Tisch, und wie ein Papagei mit dem Kopf nickend deklamierte er, Vogel habe soeben einen telephonischen Anruf vom ostdeutschen General-Staatsanwalt bekommen. Der General-Staatsanwalt, so erklärte diese jüngste Ergänzung unseres Schauspielerensembles, wünsche Vogel um 13 Uhr in seinem Büro zu einer weiteren Unterredung über "die Pryor-Angelegenheit" zu empfangen.
"Das ist eine gute Nachricht", rief Vogel. Er erhob sich und blickte auf die Uhr. Bitte, bleiben Sie hier in Ostberlin, bis ich diese Unterredung gehabt habe. Ich verspreche Ihnen, ich werde alles tun, damit der General-Staatsanwalt seine Meinung ändert."
Darauf Ich: Da ich früh gefrühstückt hätte, würde ich gern zum Mittagessen in ein gutes Hotel gebracht werden. Nachdem Vogel mit dem General-Staatsanwalt gesprochen hätte, könne er mich dort treffen. Vogel willigte ein und gab mir 50 Ostmark. (Ich hatte erklärt, ich hätte kein Ostgeld.)
Drews fragte, ob er sich mir zum Mittagessen anschließen dürfe. Selbstverständlich, erwiderte ich. Als wir das Büro verließen, blieb Drews einen Augenblick zurück, "um einen Tisch in dem Restaurant zu reservieren" (das zum größten Teil leer war, als wir ankamen). Er telephonierte wahrscheinlich mit Schischkin.
Vogel, nachdem er sich mit einem Blick über die Schulter versichert hatte, daß Drews ihn nicht sehen konnte, hielt mir seine Faust mit optimistisch nach oben gestrecktem Daumen entgegen und sagte: "Nicht zurückgehen." Er versuchte offenbar, es mit beiden Seiten zu halten. Dann kam Drews herunter, und wir stiegen in Vogels Auto, einen überraschend attraktiven neuen Sportwagen.
Wir fuhren zur Friedrichstraße, in Richtung des Restaurants. Nach etwa fünf Minuten raste von hinten eine schwarze Limousine an uns vorbei und drängte uns an den Bordstein. Vier riesige uniformierte ostdeutsche Polizisten, alle bewaffnet, stiegen aus dem Wagen und umringten unser Auto. Nach einem Augenblick des Schreckens stieg Vogel aus und stritt sich hinter unserem Auto mehrere Minuten lang mit den Polizisten.
Als Vogel zurückkehrte und den Motor anließ, fragte ich: "Was wollten diese Clowns?"
"Ich habe ein Strafmandat wegen zu schnellen Fahrens bekommen", antwortete er.
Für diese Antwort hätte ich ihn wegen falscher Aussage bestrafen sollen. Wenn man jedoch beabsichtigt hatte, mich vor dem Essen zu erschrekken, dann, muß ich zugeben, hatte das einigen Erfolg.
Er fuhr uns zu dem Restaurant, dem "Johannishof" in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße, das einen guten Eindruck machte. Die gedruckte Speisekarte war ausgezeichnet, aber wie sich zeigte, gab es viele darauf angebotene Sachen gar nicht. Ich bestellte eine gute Suppe und frischen Salat, anschließend Käse und eine Tasse Kaffee. Drews aß eine Art Stew.
Während des ganzen Essens war Drews sehr höflich, aber fragte mich fortwährend nach meiner persönlichen Meinung darüber, ob ein Austausch Pryors gegen Abel nicht möglich sei. Ich erwiderte ihm, ein Gespräch darüber wäre reine Zeitverschwendung.
Einmal fragte er mich, ob ich dem State Department Berichte liefere, und als Ich ihm das bestätigte, meinte er: "Ist die Entscheidung, nicht die Freilassung Pryors zu erwirken, von Verteidigungsminister McNamara gebilligt worden, der aus Michigan stammt und ein Freund der Familie Pryor ist?"
Ich erwiderte ihm, ich wisse das nicht, aber das wäre auch sehr ungewöhnlich, denn eine Mission wie die meinige sei ausschließlich. Sache des State Department.
Ich sagte Drews, die Familie Abel tue mir "sehr-leid", und fragte ihn nach den Vornamen Frau Abels und der Tochter. "Die Mutter heißt Lydia, die Tochter Helen", erwiderte er. Ich fragte weiter, ob Helen verheiratet sei, und er antwortete: "Leider nein." Drews Angaben waren vollkommen falsch.
Aus dem Beweismaterial des Prozesses gegen Abel, darunter Briefen auf Mikrofilmen, die in Abels Zimmer beschlagnahmt wurden, wußte ich: Drews hatte die Namen vertauscht. In einem der während des Prozesses als Beweis eingebrachten Briefe, der allem Anschein nach von Abels Tochter stammte, hatte diese ausführlich ihren neuen Ehemann beschrieben.
Seit ich Schischkin in der Botschaft verlassen hatte, hatte ich mit keinem Wort die Tatsache erwähnt, daß die telephonische Nachricht Vogels vom Abend vorher über die Geheimleitung durchgegeben worden war, deren Nummer ich nur Schischkin ausgehändigt hatte. Dennoch teilte mir Drews während des Essens unaufgefordert mit: "Nachdem Vogel den Abels gestern abend die schlechte Nachricht mitgeteilt hatte, konnte sich Fräulein Abel glücklicherweise an die Telephonnummer erinnern, die Sie Schischkin gegeben hatten und die sie sich gemerkt hatte."
Ebenso unaufgefordert teilte er mit, daß sich ein Geschäftsfreund, ein Ausländer, zufällig zu der Zeit in Ostberlin aufgehalten habe und sich erbot, als er von ihren Schwierigkeiten erfuhr, die Botschaft mit nach Westberlin hinüberzunehmen und sie durchzutelephonieren.
Wir waren gegen 15.15 Uhr mit dem Mittagessen fertig, da entschuldigte sich Drews, um "zur Toilette zu gehen", wahrscheinlich um zu telephonieren.
Kurz darauf traf Vogel ein und rief nach der Rechnung. Als sie gebracht wurde, gab ich Drews die 50 Ostmark von Vogel und bat ihn, damit zu bezahlen und das restliche Geld zu behalten. Drews zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche und sagte: "Die 50 Mark behalten Sie nur." Ich erklärte, ich wolle kein Ostgeld bei mir haben, um keine Unannehmlichkeiten bei der Währungskontrolle an der Grenze zu bekommen. Vogel lächelte und sagte: "Es ist gut, daß Sie so sorgfältig in Währungsdingen sind, sonst müßte 'die Regierung der DDR eventuell Sie gegen jemanden austauschen."
Vogel verkündete, er habe einen "schweren Kampf, mit dem General-Staatsanwalt gehabt, schließlich aber "gesiegt". Alle Schwierigkeiten hinsichtlich der Freilassung Pryors sowie des Austausches Powers- Abel seien ausgeräumt. Das ganze Problem sei entstanden, weil der General-Staatsanwalt darüber wütend war, daß ich am Sonnabend Schischkin in der Sowjetbotschaft und nicht erst Vogel und den General-Staatsanwalt aufgesucht hätte.
Ich wies darauf hin, daß ich in -meinem letzten Kabel von Amerika an Frau Abel eindeutig erklärt hatte, ich würde mich freuen, entweder sie oder "ihren Vertreter" in der Sowjetischen Botschaft zu treffen. Hätte Vogel gewollt, so hätte er ja dort sein können.
Vogel entgegnete, das alles sei jetzt bedeutungslos. Wichtig allein sei, daß der General-Staatsanwalt jetzt in die Freilassung Pryors eingewilligt habe. Vogel und ich sollten zur Sowjetischen Botschaft fahren. Nach einer Unterredung mit Schischkin würde Vogel dann dem General-Staatsanwalt berichten, daß die Abmachung von den Sowjets genehmigt worden sei. Er erklärte, er habe bereits für uns eine Verabredung mit Schischkin um 16 Uhr getroffen.
Ich fragte ihn: "Bedeutet dies, ohne jede Einschränkung, daß alle ostdeutschen Einwände gegen den gleichzeitigen Austausch Abels gegen Powers und Pryor jetzt beseitigt worden sind?" Er antwortete: "Ja."
Wir verließen das Restaurant und fuhren ohne Verzug zur Sowjetbotschaft, wo uns Schischkin im Empfangsraum erwartete. Wie einem völlig Fremden stellte er sich formell Vogel vor und erkundigte sich dann, wie alles verlaufen sei. Vogel teilte ihm auf deutsch im wesentlichen das mit, was er mir im Restaurant gesagt hatte; und stellte fest, alle Schwierigkeiten auf ostdeutscher Seite seien beseitigt. Schischkin erwiderte nichts. Aber dann bat er mich plötzlich zu einer vertraulichen Unterredung in sein Büro.
Schischkin schloß die Tür, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und kam auf unser erstes Treffen vom vergangenen Sonnabend zurück. Er habe, so erklärte er, während dieses Gesprächs ausdrücklich betont, daß Powers wichtig genug sei, um allein gegen Abel ausgetauscht zu werden, und mich außerdem gefragt, ob Powers in den USA wegen seiner Tat vielleicht als "Nationalheld" gelte. Ich hätte ihm geantwortet, Powers werde - zumindest nach dem Urteil der amerikanischen Presse - nicht als "Nationalheld" angesehen, sondern als ein Mann, der einen fliegerischen Auftrag gegen entsprechende Bezahlung ausgeführt und dessen Verhalten bei seiner Gerichtsverhandlung in Moskau einiges zu wünschen übriggelassen habe.
Außerdem hätte ich erklärt, maßgebende Kreise in den Vereinigten Staaten, vor allem bei der Abwehr, seien der Meinung, Abel solle auf keinen Fall freigelassen werden, weil er sich eines Tages vielleicht doch noch entschließen könnte, den amerikanischen Behörden Rede und Antwort zu stehen.
Diese Ausführungen habe er, Schischkin, seiner Regierung mitgeteilt und heute (Dienstag) nachmittag neue Nachrichten aus Moskau erhalten.
Er öffnete eine Aktenmappe und tat so, als lese er die Botschaft noch einmal durch. In der Mitteilung hieß es, nach meinen Bemerkungen am Sonnabend habe Moskau den Eindruck gewonnen, Makinen sei für die amerikanische Regierung wertvoller als Powers. Deshalb werde jetzt das Angebot Powers gegen Abel zurückgezogen und ein festes Angebot Makinen gegen Abel unterbreitet.
Da riß mir die Geduld. Ich sprang auf und erklärte Schischkin, er habe diese wenigen Bemerkungen aus dem Zusammenhang meiner Ausführungen gerissen; er wisse nur zu gut, daß von Anfang an der Austausch Powers - Abel die Grundlage der Gespräche gewesen und die Freilassung des U-2-Piloten für uns eine unabdingbare Voraussetzung sei. Ich machte ihm klar, nicht nur er habe das gewußt und es mir am selben Morgen (Dienstag) bestätigt, auch in der Nachricht aus Moskau, die er mir am Vortage vorgelesen hatte, sei mein Standpunkt anerkannt worden.
Höflich entgegnete Schischkin: "Die Nachricht, die ich heute nachmittag aus Moskau erhielt, hat sämtliche anderen Anweisungen außer Kraft gesetzt. Ich bin jetzt nicht autorisiert, über irgend etwas anderes als den Austausch Abel gegen Makinen zu verhandeln."
Ich hielt ihm entgegen, nach der Mitteilung, die er mir am Vortag vorgelesen hatte, und nach seiner mündlichen Bestätigung dieser Absprache am Vormittag müsse die letzte Erklärung bedeuten, daß die Sowjets nicht ernsthaft an der Freilassung Abels interessiert seien.
"Seit Sonnabend spielen Sie Schach mit mir", erklärte ich ihm. "Ich spiele zwar gelegentlich gern Schach, aber jetzt habe ich keine Zeit für eine Partie."
"Ich?" erwiderte Schischkin. "Ich spiele nur Volleyball."
Welches Spiel auch immer er vorziehe, bedeutete ich ihm, mich interessiere im Augenblick nur eine Frage: Sei die gestrige Vereinbarung über den Austausch Abel gegen Powers und Pryor noch gültig oder nicht? Wenn nicht, so würde ich das meiner Regierung mitteilen und meine sofortige Heimreise vorschlagen
Schischkin: Das sei eine neue Angelegenheit. Er müsse sich erst wegen weiterer Anweisungen mit Moskau in Verbindung setzen.
Wenn er weitere Instruktionen erhalte, so erklärte ich ihm, solle er mir telephonisch Bescheid geben. Sollte ich bis morgen abend nichts von ihm gehört haben, so fügte Ich hinzu, würde ich die Genehmigung für meine Heimreise einholen. Schischkin antwortete nur "very well" und versicherte mir, ich würde morgen Nachricht bekommen.
Ich war wütend und ging, ohne ihm die Hand zu geben.
Drews, der im Vorzimmer gewartet hatte, verließ mit mir zusammen das Botschaftsgebäude und begleitete mich den ganzen Weg bis zum S-Bahnhof Friedrichstraße. Unterwegs machte ich ihm klar, wenn die "Powers und Pryor gegen Abel"-Vereinbarung fehlschlage und Washington meiner Rückreise zustimme, würde Ich mich verpflichtet fühlen, dem Oberst Abel mitzuteilen, seine Familie" habe ihn offensichtlich aufgegeben.
Dann würde er vielleicht seine abweisende Haltung gegenüber der amerikanischen Abwehr ändern. So bestimmt, wie ich nur konnte, erklärte ich Drews: "Ich bin überzeugt, er wird sich meinem Urteil anschließen."
Mittwoch, 7. Februar: Ich schlief lange und hatte bis zum Mittag immer noch nichts von Schischkin gehört. Mein Bericht über die Ereignisse des Vortags war nach, Washington weitergeleitet worden, und mehrere Antworten waren
eingegangen. Sie enthielten zwei Gedanken:
- Ich hätte meine Rolle so energisch gespielt, daß meine ursprüngliche Mission, der Austausch Abel gegen Powers, gefährdet sei.
- Wenn ich noch einmal nach Ostberlin ginge, dann auf eigene Gefahr. Um 15.15 Uhr wurde eine Mitteilung an unsere Westberliner Geheimnummer durchgegeben:
"Donovan. Leider haben wir heute keine Antwort bekommen. Wir hoffen, sie morgen zu erhalten, und werden Sie sofort unterrichten. Schischki-"
Die Schach-Partie ging also weiter. Aber mir schien, daß trotz der von Washington empfohlenen Vorsicht etwas Entscheidendes geschehen müsse. Wir mußten jetzt einen kraftvollen Schritt tun, sonst würde entweder die ganze Mission scheitern oder die Sowjets würden zu der Überzeugung gelangen, wenn sie lange genug durchhielten, würden wir uns mit Powers allein zufriedengeben.
Ich besprach die Geschehnisse der vergangenen Tage mit Bob, und er schlug vor, nicht nur Alan Lightner, den Beauftragten des State Department in der Berliner US-Mission, zu konsultieren, sondern auch General Lucius Clay, der im Botschafterrang als persönlicher Vertreter Präsident Kennedys in Berlin war. Da wir mein Quartier nicht verraten konnten, trafen wir uns in Bobs Wohnung.
Es war ein bedrükkender Tag, es war dunkel und naßkalt. Das offene Feuer in Bobs Wohnzimmer tat gut, besonders für meinen Rücken. General Clay hörte geduldig zu, als ich die Ratschläge Washingtons und meine eigene Lagebeurteilung vortrug. Ich war fest davon überzeugt, daß
Pryor zusammen mit Powers herauskäme, wenn es mir gelänge, die Verhandlungsoffensive wieder an mich zu reißen. Andererseits waren wir alle mit Washington einer Meinung, daß es tollkühn von mir wäre, Schischkin noch einmal unangemeldet jenseits der Mauer zu besuchen.
Schließlich einigten wir uns auf eine Taktik, die uns erfolgversprechend schien. General Clay entwarf eine Mitteilung an Schischkin:
"Erhielt Ihre telephonische Mitteilung und bedauere die Verzögerung, da meine Zeit hier leider begrenzt ist. Da ich immer noch starke Rückenschmerzen habe, möchte ich Sie bitten, morgen, Donnerstag, den 8. Februar 1962, zwischen vier und sechs Uhr nachmittags, in die Wohnung von Mr. Howard Trivers von unserer Militärmission zu kommen. Die Anschrift: Dahlem, Vogelsang 12. - Donovan."
Während Bob uns verließ, um die Nachricht durch einen Kurier auf den Weg zu bringen, plauderten General Clay und ich über unser letztes Zusammentreffen in Lake Placid, New York. Wir waren beide der Meinung, daß die Welt sich verändert hatte.
Donnerstag, 8. Februar: Im Morgengrauen wurde ich durch einen Kurier Bobs geweckt. Gerade war über das Westberliner Geheimtelephon eine Nachricht eingegangen:
"Donovan. Habe günstige Antwort erhalten. Erwarte Sie heute um vier Uhr in meinem Büro, wenn es Ihre Gesundheit erlaubt. Schischkin."
Während des Frühstücks diskutierten Bob und ich über die neue Situation. Sollte man die Nachricht für bare Münze nehmen? War es ein neuer Schachzug in Schischkins augenfälligem Nerven- krieg? War es eine Falle von Vogel oder Drews, für die die Sowjets jede Verantwortung ablehnen würden? Ich hielt es für richtig, auf das Spiel einzugehen, Schischkin den Empfang der Nachricht zu bestätigen und noch einmal hinzufahren. Bob setzte sich mit General Clay in Verbindung, der meine Entscheidung billigte.
Ich sagte Bob, die letzten paar Tage seien meiner Ansicht nach ein Musterbeispiel Pawlowscher Taktik. Der große russische Wissenschaftler Pawlow manipulierte die Reflexe von Tieren, indem er ihnen Nahrung anbot und sie ihnen plötzlich entzog. Diese "Zuckerbrot und Peitsche"-Methode wandte Rußland jetzt in internationalen Verhandlungen an, um seine Gegner zu demoralisieren. Ich glaubte, daß Schischkins Experiment mit mir jetzt vorbei war.
Um 15.45 Uhr kam ich in Ostberlin an und nahm ein Taxi zur Sowjetischen Botschaft. Ein oder zwei Minuten nach meiner Ankunft erschien Schischkin und bat mich in sein Besprechungszimmer. Dort hatte man einen kleinen Tisch aufgestellt, auf dem eine Flasche armenischer Kognak stand, deutsches Mineralwasser, Kekse und eine Schale mit herrlichen Äpfeln, hübsche Glasteller und silberne Bestecke. Vielen Dank, Professor Pawlow, dachte ich.
Schischkin goß sofort Kognak ein, "es ist unser bester", erklärte er, "und sehr teuer". Dann stieß er mit mir auf "guten Erfolg" an. Er habe eine günstige Antwort aus Moskau erhalten, eröffnete er mir. Unsere Absprache sei voll und ganz gebilligt worden. Das bedeute, Powers werde - an der Oberbaumbrücke - gegen Abel ausgetauscht, und gleichzeitig werde Pryor von den Ostdeutschen freigelassen. Freilich: Die Freilassung Pryors solle zwar zur selben Zeit erfolgen, die beiden Aktionen sollten jedoch nicht am selben Ort vor sich gehen, da Ostdeutschland ein selbständiger Staat sei.
Ich bezeichnete dieses Verfahren als eine unnötige Komplikation der Angelegenheit. Zwar hätte ich keine Einwendungen gegen ein solches Vorgehen, aber es sei einfach nicht zu begreifen, da es doch viel bequemer sei, alle drei Männer an denselben Ort zu bringen. Er erwiderte, er müsse wohl darauf bestehen.
Ich versicherte Schischkin, ich würde meiner Regierung empfehlen, die Vorschläge anzunehmen, da ich ihn so verstanden hätte, daß bei einer Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern in absehbarer Zeit auch weil zu dieser Zeit wenig Verkehr sei.
Schischkin erwiderte, er habe meine "Gedanken" zu diesem Punkt seiner Regierung mitgeteilt, die ihnen grundsätzlich zugestimmt habe*.
Schischkin erklärte sich mit jedem Termin für den Austausch einverstanden, schlug aber von sich aus den kommenden Sonnabend vor. Als ich ihn nach der Uhrzeit fragte, meinte er: "Je früher, desto besser." Ich schlug zunächst zwölf Uhr mittags vor, aber er fragte: "Warum nicht eher?" Als ich 7.30 Uhr vorschlug, stimmte er sofort zu, weil zu dieser Zeit wenig Verkehr sei.
Er fragte, wieviel Personen beim Austausch Powers gegen Abel zugegen sein sollten. Ich hielt nicht mehr als ein halbes Dutzend Beamte für erforderlich, und er war auch damit einverstanden.
Schließlich teilte er mir mit, Moskau verlange, daß ich persönlich meine Regierung auffordern solle, zu versuchen, die sowjetfeindliche Propaganda nach Bekanntwerden des Austausches soweit wie möglich zu beschränken. Wegen der Pressefreiheit in unserem Land, entgegnete ich, werde das äußerst schwerfallen. Darauf Schischkin: Die Probleme mit der amerikanischen Presse seien sehr schwierig. In Rußland gebe es keine solchen Probleme mit den Zeitungen.
Er schenkte uns einen neuen Kognak ein, schloß seine Mappe und begann, sich ein wenig zu entspannen. Ich fragte ihn, wie viele Sprachen er spreche, und
er sagte: "Nur vier. Russisch, Deutsch, Englisch und Schwedisch."
"Sie sollten Russisch lernen", fügte er hinzu.
"Bei uns", antwortete ich lächelnd, lernen nur die Optimisten Russisch, die Pessimisten lernen Chinesisch." Er lachte nervös.
Wir tranken noch einen Kognak, schälten uns einen Apfel, und zum Abschluß meines Besuches besorgte er mir einen Botschaftswagen und einen Chauffeur. Trotz der Kälte bestand er darauf, mich über den Bürgersteig bis zum wartenden Wagen zu begleiten.
Ich kehrte auf dem gewohnten Wege nach Westberlin zurück, wo ich um 18.10 Uhr eintraf. Von der Golden City Bar aus gab ich Bob für Washington durch: Der Handel sei perfekt, und "das Paket dort" solle abgeschickt werden.
Freitag, 9. Februar: Gegen zwölf Uhr mittags traf ich Schischkin in der Botschaft und teilte ihm die grundsätzliche Zustimmung der US-Regierung mit, Abel gegen Powers und Pryor auszutauschen, da eine baldige Begnadigung Makinens zu erwarten sei. Schischkin erklärte, eine Überprüfung des Verkehrs an der Oberbaumbrücke an diesem Morgen 'habe sie veranlaßt, meinen ursprünglichen Vorschlag -wieder aufzugreifen und den Austausch an der Glienicker Brücke vorzunehmen. Sie müßten bis zu dieser Brücke 'allerdings 40 Kilometer weit fahren und könnten daher nicht vor 8.30 Uhr dort sein.
Frederic Pryor, so erläuterte Schischkin, solle seiner Familie in Vogels Anwaltsbüro in Ostberlin übergeben werden. Ich weigerte, mich entschieden, einer Freilassung Pryors in Ostberlin zuzustimmen, und Schischkin war schließlich damit einverstanden, Pryor gleichzeitig mit dem Powers-Abel-Austausch am "Checkpoint Charlie", dem Sektorenübergang an der Friedrichstraße, freizulassen.
Pryor, so erklärte ich Schischkin, werde dort von einem Wagen erwartet, der uns über Sprechfunk an der Glienicker Brücke benachrichtigen würde. Schischkin nickte. Ich versuchte, ihm klarzumachen, in seinem eigenen Interesse sei es sinnvoller, Pryor heute schon freizulassen und so die Vereinbarungen zu trennen, aber er erwiderte, dies widerspreche seinen Anweisungen.
Sonnabend, 10. Februar: Ich stand um halb sechs auf und packte ermüdet meine Koffer. Dies war mein achter Tag in Berlin und - wenn alles gut
ging - mein letzter. Nach dem Frühstück ging ich zusammen mit Bob zum amerikanischen Militärgelände.
Das kleine Gefängnisgebäude, wo Abel in einer ausbruchsicheren Zelle gefangengehalten wurde, war von anderen Häftlingen geräumt worden und wurde schwer bewacht. Drinnen traf ich den stellvertretenden Direktor der amerikanischen Gefängnisbehörde, Es war Fred Wilkinson, der seinerzeit Direktor im Zuchthaus von Atlanta gewesen war, als ich Abel dort besuchte. Wilkinson war vor kurzem befördert worden.
Wir tranken Kaffee und besprachen die abschließenden Vorkehrungen. Dann bat ich um die Erlaubnis, Abel allein sprechen zu dürfen.
Rudolf erhob sich, als ich die unterirdische Zelle betrat. Er lachte, streckte mir die Hand entgegen und sagte zu meiner Überraschung: "Hallo, Jim." Sonst hatte er mich immer mit "Mister Donovan" angeredet.
Er schien dünner geworden zu sein, sah verhärmt und alt aus. Aber er war, freundlich wie immer, bot mir eine amerikanische Zigarette an und meinte mit etwas schiefem Lächeln: "Die werde ich vermissen."
Wir unterhielten uns zwanglos. Ich fragte ihn, ob er Angst habe, nach Hause zurückzukehren. Er antwortete - ohne Zögern: "Natürlich nicht, ich habe nichts Unehrenhaftes getan." Er war über Francis Gary Powers genau informiert, hatte aber nie von dem Fall Frederic Pryor gehört.
Ich erläuterte ihm die Austauschabmachungen, und er hielt sie für vernünftig. Er sagte, er habe nie von Schischkin gehört. Unsere Leute hatten mir indes mitgeteilt, daß ich nicht mit dem "Zweiten Sekretär der Sowjetischen Botschaft in Deutschland", sondern vermutlich mit dem Chef des Sowjetgeheimdienstes KGB für West-Europa verhandelt hatte.
Als es Zeit wurde loszufahren, ergriff er meine Hand und sagte mit tiefer Aufrichtigkeit: "Ich kann Ihnen niemals genug für Ihre schwere Arbeit danken, vor allem nicht für Ihre Anständigkeit. Soviel ich weiß, sammeln Sie seltene Bücher. In meinem Land sind solche Kulturschätze zwar Eigentum des Staates, aber irgendwie wird es mir schon gelingen, Ihnen im Laufe des Jahres meine Dankbarkeit zu beweisen."
Zusammen mit Bob fuhr ich vom Gefängnis nach unserem vereinbarten Treffpunkt an der Glienicker Brücke. Als wir ankamen, war die Luft klar, aber es war bitter kalt. Überall auf unserer Seite der Brücke waren amerikanische Militärpolizisten zu sehen. Sie hatten die Westberliner Grenzpolizistenabgelöst, die ich in einer Wachbaracke entdeckte, wo sie Kaffee schlürften und gleichermaßen überrascht wie leicht besorgt aussahen. Offensichtlich waren sie über unsere Mission nicht informiert.
Abel traf gegen 8.15 Uhr in einem mit Wächtern besetzten Wagen ein. Einer der Wächter, der später zusammen mit Abel und Wilkinson auf die Brücke ging, war einer der größten Männer, die ich je gesehen habe. Er muß wohl an die zwei Meter groß gewesen sein und 300 Pfund gewogen haben. Ich bekam nie heraus, wer er war, aber wahrscheinlich kam er von der Gefängnisbehörde.
Punkt 8.20 Uhr ging ich zur Mitte der Brücke. Alan Lightner und ein junger Zivilist, der einst Kamerad von Powers während dessen U-2-Zeit gewesen war, begleiteten mich. Schischkin kam uns von der anderen Seite der Brücke ebenfalls in Begleitung von zwei Zivilisten entgegen.
Auf der Mitte der Brücke gingen wir beide aufeinander zu, schüttelten einander die Hand und versicherten uns gegenseitig, alles sei gemäß unseren Vereinbarungen bereit. Ich stellte ihm dann Alan Lightner vor, und er machte mich mit einem "Herrn Pryzow" oder so ähnlich bekannt.
Wir winkten dem Rest unserer jeweiligen Gruppe zu, und von jeder Seite kamen drei Männer auf die Brücke. Unser Trio bestand aus Abel, dem stellvertretenden Direktor der Gefängnisbehörde, Wilkinson, und dem schon erwähnten Muskelberg. Das russische Trio bestand aus Powers, der eine Pelzmütze trug, und zwei Männern, die wie ehemalige Preisringer aussahen. Sowohl Abel wie auch Powers trugen prallvolle Reisetaschen.
Schischkin erklärte mir nun ziemlich bestimmt, da Pryor von den Ostdeutschen an der Friedrichstraße freigelassen worden sei, könne jetzt der Austausch Powers gegen Abel stattfinden. Davon müsse ich mich erst überzeugen, entgegnete ich und rief nach unserem Ende der Brücke, man möge mir die Freilassung Pryors bestätigen. Irgend jemand schrie schließlich zurück "Bisher noch kein Wort über Pryor!"
Schischkin meinte, wir seien im Irrtum und müßten den Austausch sofort vornehmen, bevor der Zivilverkehr auf der Brücke einsetze. "Wir warten hier, bis meine Leute bestätigen, daß Pryor freigelassen worden ist", erwiderte ich. Wir hätten Pryors Familie am Abend zuvor -über eine eventuelle günstige Entwicklung unterrichtet, erklärte ich Schischkin, und die Familie sei heute morgen bereits von einigen Sicherheitsbeamten zum "Checkpoint Charlie" gebracht worden, um den Sohn zu identifizieren und in Empfang zu nehmen.
"Meine Information besagt, daß Vogel Pryor zum Sektorenübergang begleitet und daß der junge Mann dann freigelassen wurde", antwortete Schischkin. "Vielleicht streitet sich Vogel mit Pryor über sein Honorar", schmunzelte ich. "Das könnte Monate dauern:"
Schischkin brüllte vor Lachen und meinte: "Als Anwalt kann ich mit Ihnen nicht mithalten. Ohne Frage haben Sie schon oft dieselbe Erfahrung gemacht."
Plötzlich hörten wir einen Ruf von unserer Seite der Brücke: "Pryor ist freigelassen worden!" Es war 8.45 Uhr. Ich winkte Wilkinson, der ein amtlich aussehendes Dokument hervorholte und unterzeichnete. (Die Identifizierung der beiden Gefangenen war mittlerweile durch freundliches Winken von beiden Seiten erfolgt.)
Auf Schischkins und mein Zeichen schritten Powers und Abel mit ihrer Taschen vorwärts und überquerten die Mittellinie. Keiner sah den anderen an. "Junge, was bin ich froh, dich zu sehen", freute sich Powers und ergriff die Hand seines früheren Kameraden. Zusammen gingen sie nach unserem Ende der Brücke.
Abel blieb stehen. Er bat Wilkinson um sein offizielles Entlassungspapier und sagte. "Ich werde es als eine Art Diplom aufheben." Dann stellte er seine Tasche ab, reichte mir die Hand und sagte: "Good bye, Jim." Ich antwortete: "Alles Gute, Rudolf."
Schischkin hielt sich etwas abseits, streckte mir dann die Hand entgegen und fragte: "Wie lange werden Sie und Powers in Berlin bleiben?" Ich zuckte die Schultern, dachte an die vor uns liegende Reise durch den Luftkorridor und erwiderte: "Ich glaube, ein paar Tage Erholung haben wir noch verdient. Finden Sie nicht auch?" - "Gewiß", lächelte er, "auf Wiedersehen und alles Gute." Wir trennten uns.
Dienstag, 6. März: An diesem Tage veröffentlichte der US-Geheimdienst CIA einen Bericht über Francis Gary Powers, in dem im wesentlichen festgestellt wurde, daß er seinen U-2-Auftr-ag ordnungsgemäß und nach besten Kräften erledigt und wertvolles Material in die Vereinigten Staaten gebracht habe.
Am selben Tage sagte Powers öffentlich vor dem Militärkomitee des Senats aus, das sich der Entscheidung des CIA anschloß. Für Powers bedeutete dies, daß ihm sein Sold für die zurückliegende Zeit ausgezahlt wurde.
Beinahe einen Monat später erschien Frederic Pryor, begleitet von seiner Mutter, seinem Vater und seinem Bruder, in meinem New Yorker Büro. Es war unsere erste Begegnung. Die Familie schenkte mir einen kleinen gläsernen Briefbeschwerer, der ein Stück Beton von der Berliner Mauer enthielt und die von der ganzen Familie unterschriebene Widmung trug:
"Dies ist ein Stück der Berliner Mauer, hinter der Sie Frederic am 10. Februar 1962 hervorholten. Der Segen der Familie Pryor wird Sie noch begleiten, wenn diese Mauer nicht mehr steht."
Im August 1962 gab es einen ernsten Zwischenfall an der Berliner Mauer, als ein jugendlicher ostdeutscher Flüchtling von Vopos angeschossen wurde und unter den Augen Westberliner Zuschauer verblutete. Auf dem Höhepunkt dieser Krise kam ein sowjetischer Kurier zum Sektorenübergang Friedrichstraße und begehrte einen Offizier der amerikanischen Mission zu sprechen. Als der zuständige Beamte vorgestellt wurde, gab der Bote ihm einen an meine Anschrift in New York, William Street, adressierten Brief und ein Paket. Der Brief lautete:
"Lieber Jim, obwohl ich weder alte Bücher sammele noch Rechtsanwalt bin, glaube ich, daß die beiden alten Rechtsbücher aus dem 16. Jahrhundert, die ich glücklicherweise fand, selten genug sind, um Ihre Sammlung zu bereichern. Bitte, nehmen Sie sie als Zeichen meiner Dankbarkeit für all das, was Sie für mich getan haben...
Ich hoffe, Sie überarbeiten sich nicht. Herzliche Grüße Ihr Rudolf."
Das beiliegende Paket enthielt zwei seltene Pergamentbände aus dem 16. Jahrhundert mit "Kommentaren zum Kodex des Justinian" in lateinischer Sprache.
Der Fall Abel war abgeschlossen.
* James B. Donovan: "Strangers on a Bridge." Atheneum Verlag, New York; 432 Seiten; 6.25 Dollar. - Eine deutsche Ausgabe erscheint demnächst im Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt a.M.
* Im Laufe des Jahres 1962 und im Frühjahr 1963 erinnerte ich Schischkin und andere sowjetische Stellen wiederholt an diese Zusage. Am 11. Oktober 1963 wurde Makinen von den Sowjets freigelassen. Außerdem entließen sie einen seit 23 Jahren gefangengehaltenen amerikanischen Priester. Zwei Sowjetbürger, denen In den USA der Prozeß wegen Spionage gemacht werden sollte, wurden gegen Makinen und den Priester ausgetauscht.
Sowjet-Spion Abel (l.) im Zuchthaus, US-Spion Powers auf der Anklagebank: Künstler gegen Handwerker
Agenten-Makler Donovan (M.): Aus Leipzig kam ein Neujahrswunsch
Berliner Hilton-Hotel: Aus der Golden City Bar Tips für Washington
Austausch-Student Pryor
Zu tief gegraben
Austausch-Student Makinen
Zuviel photographiert
Zonen-Anwalt Vogel
Angst im Treppenhaus
Vogel-Kanzlei: Schickte die Vopo einen falschen Vetter?
Sowjetbotschaft Unter den Linden: Mit 20 Westmark ...
... allein durch die Mauer: S-Bahnhof Friedrichstraße
Ostberliner Restaurant "Johannishof": Zusage beim Mittagessen
Berlin-Beauftragter Clay: Konferenz am Kamin
Agenten-Tauschpunkt Glienicker Brücke: "Good bye, Jim" - "Alles Gute, Rudolf"
Achtung, fertig, los Die Zeit.
Kennedy-Dankschreiben an Donovon
"Segen wird Sie noch begleiten ...
Rußland-Heimkehrer Powers
... wenn diese Mauer nicht mehr steht"
Von James B. Donovan

DER SPIEGEL 20/1964
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