13.05.1964

NAHER OSTEN / HEILIGER KRIEGRote Wölfe

Ich schwöre bei Allah", rief Ägyptens Führer Gamal Abd el-Nasser, "die Briten aus allen Teilen der arabischen Welt auszutreiben. Wir werden Blut vergießen und Seelen opfern, aber wir werden siegreich bleiben."
Tausende Zuhörer Nassers in der jemenitischen Hauptstadt Sana schwenkten Dolche und Gewehre in der Luft und schrien: "Gamal, führe uns nach Aden!"
Wenige Tage nach dieser Kriegserklärung gegen den "Erzfeind der Araber" (so Nasser) floß am Südzipfel der Arabischen Halbinsel Blut und wurden Seelen geopfert.
Von Ägypten gedrillte und bewaffnete Wüstenkrieger überfielen an der Grenze des Jemen zur britisch beherrschten Südarabischen Föderation englische Patrouillen. Die Meldung, daß die Partisanen die Köpfe zweier gefallener Engländer auf Lanzen gespießt und im Triumph nach der jemenitischen Stadt Taiz gebracht hätten, führte zu erregten Debatten im Unterhaus und in der britischen Öffentlichkeit.
Mit dem Großbritannien über Nacht aufgezwungenen Kleinkrieg verfolgt Nil-Diktator Nasser mehrere Ziele:
- Er will Arabiens Massen von seinen außenpolitischen Schlappen ablenken. 42 000 ägyptische Soldaten versuchen seit anderthalb Jahren erfolglos, die Republik Jemen von monarchistischen Aufständischen zu befreien, und Kairo konnte die von Israel betriebene Umleitung des Jordan-Wassers nicht verhindern.
- Er möchte die letzten britischen Stützpunkte im Nahen Osten beseitigen, die seinem erträumten Großarabischen Reich im Wege stehen.
- Er erhofft sich von Nikita Chruschtschow, der am letzten Wochenende in Kairo eingetroffen ist, für den Kampf der Araber gegen die Engländer zusätzliche Militär- und Wirtschaftshilfe.
Die Briten trifft Nassers neuer Angriff an ihrer Achillesferse. Nach dem Verlust von Suez und der jordanischen Stützpunkte ist Aden die letzte Bastion Großbritanniens zur Sicherung seiner nahöstlichen Öl-Interessen und der Nachschubwege nach Ostafrika und dem Fernen Osten.
Im Januar 1963 schlossen die Briten Aden und sein aus 14 arabischen Scheichtümern bestehendes Hinterland zur Südarabischen Föderation zusammen. Dem Gebiet wurde beschränkte Selbstverwaltung gewährt. Doch das Protektorat war ein von Anbeginn umstrittenes Gebilde.
Die kriegerischen Beduinen des Berglandes von Radfan nahe der jemenitisehen Grenze erhoben sich gegen die Feudalherren im Hinterland; die von Kommunismus und arabischem Nationalismus beeinflußten Arbeiter von Aden rebellierten gegen den Zusammenschluß mit den Hinterland-Sultanen.
Die Nachbarrepublik Jemen, in der Ägypten ein Drittel seiner Armee stationiert hat, erhob Anspruch auf das gesamte Gebiet der Föderation, das einem Groß-Jemen angegliedert werden soll. In, den 50 000 jemenitischen Einwohnern Adens besitzt der Jemen eine gefährliche Fünfte Kolonne.
25 000 Mann britisches Stützpunktpersonal und 4000 Krieger der Föderationsregierung, die von britischen Offizieren geführt werden, vermochten die Aufstandsbewegungen bis vor wenigen Wochen niederzuhalten.
Da ereignete sich ein Zwischenfall, der Nasser willkommene Gelegenheit bot, einzugreifen.
Als Vergeltung für jemenitische Grenzverletzungen bombardierten britische Flugzeuge Ende März das jemenitische Grenzfort Harib. Jemen -Schutzherr Nasser nutzte diesen Übergriff, um England vor der Uno als imperialistischen Aggressor zu belangen und den verbliebenen Briten-Stützpunkten im Nahen Osten den Kampf anzusagen.
Nassers Kampagne gilt nicht allein Aden. Der Ägypter fordert
- die Auflösung der britischen Stützpunkte auf Zypern, dessen griechische Bürgerkrieger von Nasser mit Waffen versorgt wurden,
- die Räumung der Briten-Base in Libyen, dessen Regierung von nasseritischen Revolutionären bedroht wird, und
- den Abzug der Engländer aus den Ölscheichtümern am Persischen Golf, zu deren Befreiung Nasser den Heiligen Krieg verkündete.
Wenige Tage nach Nassers Anti-Briten-Schwur in Sana weiteten sich die räuberischen Überfälle der Radfan-Beduinen, die sich "Rote Wölfe" nennen, zu einem gefährlichen Partisanenkrieg aus. Einige hundert Radfanis, die den Ägyptern im jemenitischen Bürgerkrieg als Söldner gedient hatten, wurden mit jemenitischen Uniformen und sowjetischen Waffen aus ägyptischen Vorräten ausgestattet und über die Grenze in die Südarabische Föderation geschickt. Sie lieferten 2000 britischen Soldaten in der letzten Woche mehrmals erbitterte Gefechte.
London schickte eilends Truppenverstärkung nach Aden. Die strategische Reserve Großbritanniens ist jedoch durch die Ereignisse in Zypern, Ostafrika und Malaysia schon aufs äußerste strapaziert.
Falls der Kleinkrieg am Südzipfel Arabiens länger andauert - britische Offiziere rechnen mit einem einjährigen Krieg-, will London, wie schon während der Zypern-Krise, wieder auf seine allerletzte Reserve zurückgreifen: die britische Rheinarmee in Deutschland.
Britische Soldaten im Radfan-Gebirge, arabische Aufständische: "Wir werden Blut vergießen"

DER SPIEGEL 20/1964
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