13.05.1964

SOWJET-UNION / PRESSEBild vom Alltag

Die friedliche Koexistenz zwischen dem amerikanischen Nachrichtenmagazin -"Time" und Moskaus Presseherren dauerte genau fünf Jahre, fünf Monate und zehn Tage. Am Montag der letzten Woche mußte "Time" ihr nach zehnjähriger Zwangspause im November 1958 wiedereröffnetes Moskauer Büro schließen; "Time"-Korrespondent Israel Shenker, 39, wurde des Landes verwiesen:
Im achten Stock des Hochhauses am Smolensker Platz - dem Sitz des soWjetischen Außenministeriums - verlas Außenamts-Pressechef Leonid Samjatin dem telephonisch herbeizitierten "Time"-Vertreter die Begründung für den Ausweisungs-Ukas: Die "Time" -Redaktion habe laufend Verleumderische, antisowjetische Artikel veröffentlicht und damit die "Atmosphäre der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen vergiftet sowie den Kalten Krieg angeheizt".
Israel Shenker ist der sechste westliche Korrespondent, der nach Abschaffung der Presse-Vorzensur am 23. März 1961 den Gang in das Hochhaus am Smolensker Platz antreten mußte. Wegen angeblich verleumderischer Berichterstattung über die Sowjet -Union wurden ausgewiesen:
- im August 1961 der Korrespondent der "Frankfurter Rundschau" und der "Stuttgarter Zeitung", Botho Kirsch;
- im November 1961 der Vertreter des
Pariser "Figaro", Sacha Simon;
- im August 1962 der Korrespondent des US-Nachrichtenmagazins "Newsweek", Whitman Bassow;
- im Februar 1963 der amtierende Bürochef der amerikanischen Rundfunkgesellschaft "National Broadcasting Company", Russell Jones;
- im Februar 1964 der Korrespondent der britischen Nachrichten-Agentur Reuter, Peter Johnson.
"Time"-Mann Shenker hatte bereits am 21. Februar das Mißfallen der Moskauer Pressebeamten auf sich gezogen. An diesem Tag erschien eine "Time" -Titelgeschichte über das sowjetische Staatsoberhaupt Leonid Breschnew. Darin hatte "Time" ein getreues Spiegelbild vom sowjetischen Alltag entworfen (siehe Kasten Seite 95).
Damals kam "Time" mit einer Verwarnung davon. Korrespondent Shenker erhielt vom Moskauer "Amt für die Betreuung des Diplomatischen Korps" (UPDK) eine neue Wohnung zugeteilt. Ehefrau Mary mit Kindern Susan, 13, und Mark, 10, bereitete den Umzug vor.
Da begingen die "Time"-Leute ein in sowjetischen Augen unverzeihliches Sakrileg: Am 24. April, zwei Tage nach dem 94. Geburtstag des Gründers des Sowjetstaates, Wladimir Iljitsch Lenin, zog "Time" in einer Lenin-Titelgeschichte kritisch Bilanz aus 47 Jahren Sowjetkommunismus.
In dem fünf Seiten langen Aufsatz zerstörte "Time" so ziemlich alle-Tabus, die Marxisten-Leninisten heilig sind: den Mythos von der monolithischen Einheit des Kommunismus, die Legende von Nikita Chruschtschows radikalem Bruch mit Rußlands stalinistischer Vergangenheit, das sowjetische Propaganda-Zerrbild vom "guten Nikita" und dem "bösen Mao".
"Time": "China ist nicht ganz so kriegerisch, wie Moskau vorgibt, und Rußland nicht ganz so friedlich ... Schließlich hat Rußland - nicht China - die Bombe, riskierten die Russen in
Kuba den Atomkrieg und kamen in Berlin nahe daran."
Pressezar Samjatin sah rot: "Time" -Korrespondent Shenker wurde das jüngste Opfer sowjetischer Informationspolitik, die jede Kritik am Sowjetsystem als einen Verstoß gegen den Geist der friedlichen Koexistenz zu ahnden sucht.
Kommentierte die Moskauer "Iswestija" die Absichten des Kreml: "Die Arbeiterklasse kann sich bei ihrem Kampf gegen den reaktionären Imperialismus auf eine früher nie geahnte mächtige Waffe stützen: die staatliche Einwirkung des Sozialismus auf den Imperialismus."
Im New Yorker "Time-Life"-Wolkenkratzer wurde der Wink aus Moskau sogleich verstanden. "Time"-Chefkorrespondent Richard Clurman: "Das heißt soviel wie Zensur durch Ausweisung."
Moskauer "Time"-Korrespondent Shenker
Zensur durch Ausweisung

DER SPIEGEL 20/1964
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