13.05.1964

SOWJET-UNIONVON BABYSCHNULLERN UND GOLDNÄGELN

Während des ganzen Winters
standen die Hausfrauen in den Städten ununterbrochen Schlange nach Kartoffeln, Nudeln, Mehl, Kohlen und Brot. Ein Moskauer, der gefragt wurde, wie er das laufende Jahr 1964 beurteile, antwortete lakonisch: "Schlechter als 1963, aber besser als 1965."
Der grausamste Schlag in den letzten beiden Jahren für den durchschnittlichen "Iwan Iwanowitsch" war die scharfe Beschneidung des Wohnungsbauprogramms. Der Städter verfügt heute über weniger Wohnfläche als 1923. Laut offizieller Statistik stehen dem sowjetischen Durchschnittsbürger heute etwa sechs Quadratmeter zur Verfügung. Das sind zwei Drittel dessen, was die amerikanische Gefängnisverwaltung als unerläßliches Minimum für einen Menschen betrachtet.
Die Angst vor dem Eingepferchtsein, die "Klaustrophobie", ist zu einer sowjetischen Nationalkrankheit geworden.
Außerhalb der Stadt ist das Wohnungsproblem nicht so drängend. Dort leben die Menschen in "Isbas", Holzhütten mit nur einem gemeinsamen Raum für alle. Die "Isba" hat sich seit der Zeit der Leibeigenschaft kaum verändert. "Das frühe 19. Jahrhundert", sagte uns ein alter Moskauer, "ist nur 20 Minuten von Moskau entfernt."
Über Millionen ungepflasterter Dorfstraßen holen die Frauen immer noch Wasser aus dem Brunnen, treiben Gänse und Hühner und sammeln Kuhmist für ihre Gärten.
Auf den Bahnhöfen drängt sich das Landvolk; es riecht nach durchnäßter Wolle, Zwiebeln, Machorka und aufgespeichertem Schweiß, ein Geruch, der die Sowjet-Union viel tiefer durchdringt als der Marxismus.
Auf den Straßen der Stadt rempeln sich die Menschen gegenseitig an; man sieht kein Lächeln; in den Buchläden ist es verboten zu schmökern; in den Restaurants wird dem Gast soviel Aufmerksamkeit geschenkt wie einem Garderobenständer; das Leben in der Hauptstadt ist formlos, ungeschliffen und von einer seltsam unpersönlichen Art.
Das Leben in der Sowjet-Union wird weiterhin erschwert durch das Fehlen der einfachsten Dinge - seien es Rasierklingen, Bleistifte oder Glühbirnen. Jedes Jahr werden 85 Millionen Gummischnuller für Säuglinge hergestellt; warum verschwanden sie plötzlich vom Ladentisch? Es stellte sich heraus: erstens, daß die Hausfrauen sie als Verschluß für Marmeladengläser verwenden; zweitens, daß die Büroangestellten sie als Gummierstift benutzen, und drittens werden sie von "Privatunternehmern" aufgepumpt und mit großem Gewinn als Luftballons verkauft.
Als Maßstab für die Produktion gilt fast immer das Bruttogewicht, der Wert oder die Stückzahl der Erzeugnisse. Wenn der Plan für eine Nagelfabrik in Millionen Stück aufgestellt ist, wird die Fabrik unvermeidlich Nägel kleinsten Ausmaßes anfertigen; wenn die Planauflage in Gewicht lautet, wird sie nur ganz große Nägel herstellen; und wenn der Plan in Rubeln aufgestellt wird, hätte die UdSSR bestimmt ihre erste Goldnägelfabrik.

DER SPIEGEL 20/1964
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