13.05.1964

WIRD ZYPERN EIN ZWEITES KUBA?

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, die blutigen Kämpfe auf Zypern nehmen kein Ende. Der Weltfriede scheint bedroht; der Zusammenhalt der Nato ist gefährdet und eine sowjetische Einmischung, kaum vermeidbar. Die Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei verschlechtern sich von Tag zu Tag ...
PAPANDREOU: Das ist leider richtig.
SPIEGEL: Hat der von der
Uno bestellte Vermittler, der finnische Diplomat Sakari Tuomioja, bei seinem jüngsten Besuch in Athen einen Plan vorgelegt, der Ihrer Auffassung nach der Beilegung des Zypern-Konflikts dienen könnte?
PAPANDREOU: Bisher ist kein derartiger Plan, vorgelegt worden. Herr Tuomioja befaßt sich zunächst' mit der Klärung und Präzisierung der Auffassungen der interessierten Mächte. In diesem Sinne ist sein Besuch von großem Nutzen gewesen. Es kann durchaus sein, daß er keine Verständigung der beiden streitenden Parteien erreicht. Aber selbst wenn seine Mission mißlingt, dürfte sein Rat wertvoll sein, weil dann der Konflikt unvermeidlich in einem großen Gremium zur Sprache kommen wird: in der Uno-Vollversammlung.
SPIEGEL: Was ist nach Ansicht der griechischen Regierung die eigentliche-Ursache des Bürgerkriegs auf Zypern?
PAPANDREOU: Die durch die Zürich-Londoner Verträge von 1959 entstandenen Verhältnisse auf der Insel, die Regierungsvollmachten der türkischen Minderheit und das türkische Veto-Recht.
SPIEGEL: Haben - wie behauptet wird - auch griechische Soldaten in die jüngsten Kämpfe auf Zypern eingegriffen?
PAPANDREOU: Niemals. Nur eine schweizerische Zeitung hat das geschrieben.
SPIEGEL: Hat Griechenland die Zypern-Griechen durch Waffenlieferungen unterstützt? Wenn nicht, woher stammen die heutigen Waffenvorräte auf Zypern?
PAPANDREOU: Der käufliche Erwerb von Waffen ist frei. Zypern ist ein unabhängiger Staat, und es kann also Waffen kaufen, wo es will. Nach den Dezember-Unruhen, als die Gefahr einer türkischen Intervention sich abzuzeichnen begann, hielt die Zypern-Regierung überall Umschau nach Waffen. Das war ihr gutes Recht.
SPIEGEL: Ist der griechischen Regierung etwas über türkische Waffenlieferungen bekannt?
PAPANDREOU: Ich vermute, daß die Türkei Waffen nach Zypern geschickt hat. Ich weiß es aber nicht genau.
SPIEGEL: War die griechische Regierung - ehe der
Konflikt offen zum Ausbruch kam - darüber unterrichtet, daß Zypern-Präsident Makarios eine Verfassungsänderung plante, und hat sie Schritte unternommen, diese Verfassungsänderung auf friedlichem Wege durch Verhandlungen mit der Türkei und Großbritannien zu erreichen, die ebenso wie Griechenland Garantie-Mächte des Londoner Zypern-Abkommens sind?
PAPANDREOU: Erzbischof Makarios hat öffentlich ausgesprochen, daß er eine Verfassungsänderung anstrebt. Die Türken waren also unterrichtet. Der Wunsch nach einer Verfassungsänderung war durchaus zulässig, nachdem sich gezeigt hatte, daß die Verfassung nicht funktionierte. Es handelt sich also nicht um einen revolutionären, sondern um einen durchaus legalen Akt.
SPIEGEL: Die Türken erstreben eine Teilung der Insel. Wäre dies eine brauchbare Lösung, oder halten Sie den Plan des Uno-Generalsekretärs U Thant, Zypern eine Kantonalverfassung nach Schweizer Vorbild zu geben, für besser?
PAPANDREOU: Das ist Unsinn, weil eine solche Lösung zu einem dauernden Bürgerkrieg führen würde. Wenn wir ein solches Prinzip anwenden wollten, dann würde eine solche Trennung der Volksgruppen bei vielen Staaten Anwendung finden müssen, auch bei der Türkei, wo es eine kleine griechische Minderheit gibt.
SPIEGEL: Die Zypern-Griechen befürworten eine Auswanderung der Türken, falls sich die türkische Minderheit nicht den Wünschen der griechischen Majorität fügen will. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
PAPANDREOU: Die Zypern-Türken haben gar keinen Anlaß auszuwandern. Wir wünschen vielmehr, daß sie bleiben und als rechtschaffene Bürger weiterleben, wie sie dort viele Jahrhunderte lang gelebt haben und - davon sind wir überzeugt - auch weiterhin leben können.
SPIEGEL: Falls aber ein entsprechendes Abkommen geschlossen wird?
PAPANDREOU: Dann kann die Zahlung einer Entschädigung erwogen werden. Wer von den Türken bleiben will. wird durch ein internationales Abkommen sichergestellt, wer es vorzieht auszuwandern, wird entschädigt.
SPIEGEL: Was hält die griechische Regierung für die beste Lösung der Zypern-Frage?
PAPANDREOU: Griechenland verlangt absolut nichts von Zypern. Es hat keine eigennützigen Absichten. Die
Inselbevölkerung besteht zu 80 Prozent aus Griechen, zu 18 Prozent aus Türken und zu zwei Prozent aus Angehörigen anderer Nationalitäten ...
SPIEGEL: Die Begriffe "Zypern-Staat" und "Zypern-Bürger" wirken manchmal etwas künstlich, denn jeder Zypriot griechischer Abstammung, der nach Athen kommt, verwandelt sich sofort in einen echten Griechen.
PAPANDREOU: Auf Zypern mag er sich in der Fremde wähnen, hier fühlt er sich sofort wie ein einheimischer Bürger.
SPIEGEL: Und was folgern Sie daraus?
PAPANDREOU: Wir verlangen für Zypern lediglich die Anwendung demokratischer Spielregeln. Das Grundgesetz der Demokratie besagt, daß die Mehrheit regiert. Auf Zypern ist jedoch das Gegenteil der Fall. Die Minderheit, die 18 Prozent Türken, regiert dort, weil sie über das Veto-Recht verfügt. Unter Ausnutzung dieses Veto-Rechts diktiert die türkische Minderheit ihren Willen und hindert die griechische Mehrheit an der Verabschiedung wichtiger Gesetze.
SPIEGEL: Was Sie heute tadeln, beruht auf den Verträgen von Zürich und London, durch die Zypern seine Unabhängigkeit und seine heutige Verfassung erhielt. Diese Verträge wurden sowohl von der türkischen als auch von der griechischen Regierung unterzeichnet.
PAPANDREOU: Das ist wahr. Da diese Abkommen jedoch in sich unlogisch sind, haben sie zu dem heutigen Konflikt geführt.
SPIEGEL: Worin liegt diese Unlogik?
PAPANDREOU: Daß eine kleine Minderheit kraft ihres Vetos herrscht. Das
ist keine Demokratie. Das ist Eroberung und sollte der Vergangenheit angehören ...
SPIEGEL: Aber lassen sich denn die demokratischen Spielregeln von Mehrheit und Minderheit, die für politische Parteien und ihre Wähler gedacht sind, überhaupt auf Volksgruppen anwenden?
PAPANDREOU: Es entspricht dem Geiste unserer Zeit, daß die Mehrheit regiert und die Minderheit vor der eventuellen Gefahr eines Mißbrauchs der Macht durch die Mehrheit gebührend geschützt wird - auch durch internationale Garantien. Das ist Demokratie, und dafür setzen wir uns ein.
SPIEGEL: Dieser Schutz der Minderheit, also der Türken, vor einem Mißbrauch der Macht ist doch wohl der ursprüngliche Gedanke der Verträge von Zürich und London gewesen. Wie die Entwicklung zeigt, wurde dieses Ziel nicht erreicht, sondern genau das Gegenteil ...
PAPANDREOU: Ich danke für diese Feststellung. Wir befürworten deshalb, daß wir uns von Zypern zurückziehen, und zwar als Staat wie als bewaffnete Macht. Ich meine: Griechenland und auch die Türkei. Die Urheber der Zypern-Verträge hofften, daß wir beide an Ort und Stelle die Aufgaben einer Feuerwehr erfüllen würden. Es hat sich jedoch gezeigt, daß wir statt dessen die Brandstifter sind. Unsere Anwesenheit auf der Insel beschwichtigt die Gegensätze nicht, sondern verschärft sie. Die türkische Regierung ermutigt die Zypern-Türken; die Spannung wächst täglich. Jahrhundertelang lebten die beiden Volksgruppen friedlich nebeneinander. Doch seit der Unterzeichnung der Zypern-Verträge vergrößerten sich die internen Auseinandersetzungen, und heute besteht die Gefahr, daß sie zu einer allgemeinen Katastrophe führen können.
SPIEGEL: Würden Sie es für gut halten. wenn die Rechte der türkischen Minderheit durch ein von den Vereinten Nationen garantiertes Statut gesichert würden? Das setzt freilich einen Erfolg der jetzt auf Zypern stationierten Uno-Truppen voraus. Bisher hat die Uno-Streitmacht wenig Fortschritte bei der Befriedung der Insel erzielt.
PAPANDREOU: In der Tat: Die Uno-Soldaten machen den Eindruck, als seien sie lediglich als "Beobachter" nach Zypern beordert worden und nicht, um Ruhe und Ordnung auf der Insel wiederherzustellen. Sie lassen geradezu mit Behagen die Wiederholung der blutigen Zusammenstöße zu. Ihre Anwesenheit läuft daher Gefahr, rein dekorativ zu werden. Die Türken haben an der Straße von Nikosia nach Kyrenia, dort wo sich die jüngsten Kämpfe abspielten, befestigte Stellungen besetzt und behindern den Verkehr. Sie bereiten die Teilung der Insel und die Landung türkischer Streitkräfte vor. Und die Uno-Truppen sehen gleichgültig zu.
SPIEGEL: Sie vertreten also die Ansicht, daß die Uno-Truppen unter bestimmten Voraussetzungen in die Kämpfe auf Zypern unmittelbar eingreifen und dabei von ihren Waffen Gebrauch machen sollten?
PAPANDREOU: Wozu haben sie denn überhaupt Waffen, wenn sie nicht mit Waffengewalt eingreifen sollen? Und zwar - wenn nötig - sowohl gegen Türken als auch gegen Griechen...
SPIEGEL: Haben Sie darüber auch mit dem Uno-Vermittler Tuomioja gesprochen?
PAPANDREOU: Selbstverständlich. Ich habe noch eine andere wichtige Frage mit ihm erörtert. Mit dem Eintreffen der Uno-Streitmacht auf der Insel hätte nämlich eine kategorische Erklärung abgegeben werden sollen, daß keinem der beiden Länder, weder der Türkei noch Griechenland, eine militärische Intervention auf Zypern gestattet wird.
SPIEGEL: Sie meinen: Allein die Angst vor einer solchen Aktion stört die Befriedung?
PAPANDREOU: Wenn die Erklärung abgegeben worden wäre, daß jede Landung, sei es von Griechen oder Türken, von den Uno-Truppen zurückgeschlagen wird, weil sie eine Aggression darstellt und daher die Charta der Vereinten Nationen verletzt, dann würde von einer solchen Invasion überhaupt nicht mehr die Rede sein. Das würde außerordentlich zur Befriedung beitragen.
SPIEGEL: Artikel drei des Londoner Garantie-Abkommens von 1959 gibt den drei Garantie-Mächten Griechenland. Großbritannien und der Türkei das Recht, bei einer Vertragsverletzung gemeinsam oder - falls eine gemeinsame Aktion nicht zustande kommt - auch einzeln auf Zypern zu intervenieren, um den durch die Zypern-Abkommen geschaffenen Zustand wiederherzustellen. Die Türkei hat sich in den letzten Monaten mehrfach auf dieses Recht berufen.
PAPANDREOU: Wir bestreiten, daß dies der Sinn dieses Artikels ist. Und selbst wenn die von Ihnen zitierte Bestimmung diese Bedeutung hätte, so wäre der betreffende Vertragsartikel ungültig, weil er die Charta der Vereinten Nationen verletzt, die jeden Angriff verurteilt.
SPIEGEL: Die beiden Länder haben die Zypern-Verträge - einschließlich des Interventions-Artikels - bisher nicht gekündigt. Würde diese Tatsache ein Eingreifen der Uno erschweren?
PAPANDREOU: Die Anwesenheit internationaler Truppen auf Zypern, denen die Aufgabe zugedacht ist, die internen Zusammenstöße zu unterdrücken, läßt die Schlußfolgerung zu, daß die Uno-Streitkräfte auch verpflichtet sind, eine drohende Kriegsgefahr abzuwenden. Jede Landung bedeutet aber Krieg.
SPIEGEL: Ist die griechische Regierung der Ansicht, daß den Uno-Truppen auf Zypern auch Polizeibefugnisse eingeräumt werde" sollten; damit sie' Ruhe und Ordnung auf der Insel wiederherstellen können?
PAPANDREOU: Der Staat Zypern ist selbst in der Lage, der kleinen Zwischenfälle Herr zu werden. Es liegt daher kein Grund vor, den Uno-Streitkräften auch Polizeibefugnisse zu erteilen.
SPIEGEL: Und wie sollen größere blutige Gefechte verhindert werden?
PAPANDREOU: Heute haben beide Staaten, Griechenland und die Türkei, auf Zypern kleine Armeen, genannt "Eldyk" und "Turdyk"; außerdem gibt es auf - beiden Seiten irreguläre Kampftrupps. Um ihren Kampfeifer zu zügeln, müssen alle diese bewaffneten Kräfte dem Befehl des Uno-Oberkommandierenden unterstellt werden. Das verlangen wir.
SPIEGEL: Sollte der Weltsicherheitsrat angesichts der gegenwärtigen Situation nicht seinen ursprünglichen Beschluß erweitern, durch den die Uno-Streitmacht für Zypern zunächst nur für drei Monate ins Leben gerufen wurde? Die Befriedung der Insel wird lange dauern; vielleicht sogar mehrere Jahre. Sie dürfte außerdem eine weitgehende Beschränkung der zyprischen Souveränität durch die Uno erforderlich machen.
PAPANDREOU: Die Republik Zypern hat die internationale Streitmacht akzeptiert. Sie hat außerdem zugestimmt, daß ihre Wehrmacht unter den Befehl der Vereinten Nationen gestellt wird. Von dieser Seite aus ist die Frage bereits geklärt. Die Polizei sollte in zyprischen Händen bleiben. Die allgemeine Sicherheit aber obliegt der Uno. Unsere Militäreinheiten auf Zypern sollen - ebenso wie die türkischen - dem Befehl der Uno unterstellt werden.
SPIEGEL: Die griechischen Truppen auf Zypern werden also künftig einen Teil der Uno-Streitmacht bilden?
PAPANDREOU: Ja. Wir möchten der Weltöffentlichkeit unseren guten Willen für die Erhaltung des Friedens demonstrieren und ihr unseren Gehorsam gegenüber den Beschlüssen des Weltsicherheitsrats zeigen.
SPIEGEL: Und das letzte Ziel der griechischen Zypern-Politik?
PAPANDREOU: Eine wahre Unabhängigkeit, im Einklang mit den Grundsätzen der internationalen Gerechtigkeit und der Demokratie. Das bedeutet: Regierung durch die Mehrheit und Schutz - selbstverständlich international garantiert - für die Minderheit.
SPIEGEL: Wenn die Uno eine Lösung findet, um die Rechte der türkischen Minderheit, auf Zypern zu sichern, so sollte die griechische Minorität in Konstantinopel ähnlich internationalen Schutz erhalten...
PAPANDREOU: Gewiß. Es ist nur gerecht, daß die gleichen Garantien auch dort gelten.
SPIEGEL: Auf lange Sicht, wäre wohl die "Enosis", also die Vereinigung der Insel mit Griechenland, die beste Lösung der Zypern-Frage, sofern die auf der Insel ansässigen Türken ein von der Uno sanktioniertes Minderheitsstatut erhaltend. Wie stellen Sie sich zu einer solchen Lösung?
PAPANDREOU: Ich teile Ihre Meinung. Ich bin der Überzeugung, daß dies die einzig richtige Lösung ist. Aber wenn ich jetzt dafür einträte, würden wir gleich zu hören bekommen: "Griechenland hat imperialistische Absichten."
SPIEGEL: Hatten nicht König Paul und Feldmarschall Papagos als Regierungschef schon vor Jahren die Frage der Enosis aufgeworfen?
PAPANDREOU: Es ging damals um das Selbstbestimmungsrecht für Zypern, nicht um die Vereinigung mit Griechenland. Die Forderung auf Vereinigung wurde von griechischer Seite niemals gestellt. Heute umfaßt jedoch der 'Begriff der wahren Unabhängigkeit auch dieses Recht.
SPIEGEL: Mit einem Anschluß Zyperns an Griechenland würden auch manche Besorgnisse bei den Westmächten beseitigt, die eine sowjetische Einmischung in die Zypern-Krise fürchten...
PAPANDREOU: Sicherlich. Die Befürchtung schwände, daß Zypern - wenn es ein unabhängiger Staat bleibt - eines Tages zu einem Sprungbrett des Kommunismus und zu einem zweiten Kuba werden könnte. Wenn nämlich Zypern mit Griechenland vereinigt wird, gehört es automatisch auch der Nato an, und die kommunistische Gefahr wäre gebannt.
SPIEGEL: Aber hat die Enosis-Bewegung auf Zypern in den letzten Jahren nicht viel von ihrem ursprünglichen Schwung verloren?
PAPANDREOU: Im Gegenteil, sie ist stärker geworden. In den ersten Jahren nach dem Abschluß der Zürich-Londoner Verträge breitete sich eine gewisse Enttäuschung aus. Seit ' jedoch der interne Kampf auf Zypern begann, bricht die Leidenschaft für die Vereinigung mit Griechenland um so heftiger hervor. Wenn heute eine Volksabstimmung über den Anschluß an Griechenland stattfände, würde auf Zypern keine einzige griechische 'Stimme gegen die Vereinigung abgegeben werden.
SPIEGEL: Würde die griechische Regierung einwilligen, daß die Uno-Truppen zur Sicherung des inneren Friedens längere Zeit, möglicherweise mehrere Jahre, auf der Insel bleiben?
PAPANDREOU: Solange es die Uno für notwendig hält.
SPIEGEL: Dürfen wir noch einmal zusammenfassen, welche Lösungsmöglichkeit sich nach Ihren Ausführungen abzeichnet: eine längere Besetzung Zyperns durch eine Uno-Streitmacht, vielleicht für drei oder vier Jahre, um den inneren Frieden auf der Insel wiederherzustellen. In dieser Übergangsperiode wird ein Minderheitsstatut für die Zypern-Türken ausgearbeitet, das international zu garantieren wäre. Und am Ende der Übergangsperiode sollten die Uno-Truppen, ehe sie abziehen, die Durchführung einer Volksabstimmung überwachen, in der die Inselbevölkerung über die Vereinigung Zyperns mit Griechenland zu entscheiden hätte... PAPANDREOU: Ja, durchaus. SPIEGEL: Wer aber wird die Kosten für die internationale Streitmacht tragen?.
PAPANDREOU: Ich glaube, daß unter unseren Verbündeten auch solche Mächte sind, die dies tun können. Auf 'alle Fälle tragen wir auch dazu bei, und zwar mehr als andere, und sind bereit noch mehr zu zahlen. Die Türkei hat nur 100 000 Dollar zur Verfügung gestellt. Wir zahlten bereits 500 000 Dollar (zwei Millionen Mark). Wir sind arm, brachten jedoch diesen Betrag auf - als unsere Spende auf dem Altar des Friedens.
SPIEGEL: Hat Erzbischof Makarios bei seinem letzten Besuch in Athen erklärt, er sei damit einverstanden, daß die Uno-Truppen mehr als drei Monate, vielleicht sogar mehrere Jahre, auf der Insel bleiben?
PAPANDREOU: Jawohl. Wir sind mit Erzbischof Makarios über die Frage der Befriedung Zyperns absolut einig.
SPIEGEL: Und wie steht es mit Griechenlands großen Alliierten, den Westmächten?
PAPANDREOU: Man sagt uns mitunter: "Großbritannien und die USA sind sowohl Verbündete Griechenlands als auch der Türkei. Verlangen Sie also nicht, daß sie sich einseitig für Sie einsetzen." Unsere Antwort darauf lautet: "Wir wünschen keine Begünstigung; kein Privileg." Wenn unter Freunden eine Meinungsverschiedenheit entsteht kann es nur eine Lösung geben: das Recht. Und das Recht ist hier auf unserer Seite.
SPIEGEL: Sind Sie bereit, Ihre Politik, die offenbar eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland einschließt, auch vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen zu vertreten?
PAPANDREOU: Vor Gott und den Menschen! Und es ist nicht allein die griechische Regierung, die diese Politik vertritt, sondern auch das ganze Parlament, das ganze griechische Volk.
SPIEGEL: Hat Griechenland bisher irgendeinen direkten Kontakt mit der Türkei gehabt, um die Zypern-Frage zu erörtern?
PAPANDREOU: Wenn die Türkei auf der Eroberung Zyperns besteht, wenn sie darauf beharrt, daß die Minderheit
der 18 Prozent Türken kraft ihres Veto-Rechts regiert, und wenn sie gegen Verfolgungen der Griechen in Konstantinopel nicht einschreitet, welchen Kontakt können wir da haben?
SPIEGEL: Es war gelegentlich von einem Zusammentreffen der Ministerpräsidenten, Papandreou und Inönü die Rede...
PAPANDREOU: Man hat mir mittelbar eine Begegnung mit Ministerpräsident Inönü anheimgestellt. Was aber könnte mit einem solchen Treffen unter den gegenwärtigen Umständen erreicht werden? Ein derartiges Zusammentreffen ist nur von Wert, wenn es unter günstigen Voraussetzungen erfolgt. Unter den heutigen Bedingungen würde eine Begegnung nur die vorhandenen Gegensätze bestätigen und eine noch größere Spannung zur Folge haben. Mit Rücksicht darauf habe ich diese Anregung nicht aufgegriffen; ihre Annahme wäre ein Fehler gewesen.
SPIEGEL: Sie erwähnten die Verfolgungen der Griechen in Konstantinopel. Hat die griechische Regierung Gegenmaßnahmen erwogen?
PAPANDREOU: Allerdings wurde in diesem Zusammenhang die Frage aufgeworfen, inwieweit Griechenland Vergeltungsmaßnahmen ergreifen könnte, denn wir haben auch Türken in unserem Land. Aber unsere Antwort lautet: niemals. Das ist kein Entgegenkommen, das wir der Türkei zeigen, oder etwa 'ein Zeichen dafür, daß wir eine Verständigung um jeden Preis suchen. Es ist unsere Kultur, die uns diese Haltung diktiert.
SPIEGEL: Sie sagten vorhin, daß ein Zusammentreffen mit dem türkischen Regierungschef vorerst keinen Sinn habe. Aber es gibt ja noch andere Kontaktmöglichkeiten. Es gibt Außenminister, es gibt Botschafter...
PAPANDREOU: Der Uno-Vermittler ist da, weshalb sollen wir ihn bei der Erfüllung seiner Aufgabe stören? Kein Botschafter könnte ihn ersetzen. Jedes andere Vorgehen würde seine Tätigkeit untergraben. Deshalb ist heute keine andere Initiative erlaubt.
SPIEGEL: Darf man daraus den Schluß ziehen, daß Uno-Vermittler Sakari Tuomioja in vielen Punkten Ihre Ansichten teilt?
PAPANDREOU: Ich habe nicht das Recht, so etwas zu vermuten.
SPIEGEL: Nach Herrn Tuomioja hat der Generalsekretär der Nato, Dirk Stikker, in diesen Tagen Athen besucht. Ist das ein Anzeichen dafür, daß auf der bevorstehenden Konferenz des Nato-Ministerrats in Den Haag die Zypern-Frage erörtert wird?
PAPANDREOU: Nicht auf griechische Initiative. Zypern gehört der Nato nicht an.
SPIEGEL: Aber die beiden Hauptbeteiligten der Zypern-Krise, Griechenland und die Türkei, sind Nato-Mitglieder.
PAPANDREOU: Ein Eingreifen der Nato wäre nur dann angebracht, wenn ein verbündetes Land angegriffen würde. Ich möchte jedoch in diesem Zusammenhang betonen, daß Griechenland niemals einen. Angriff unternehmen wird. Unsere Politik ist der Frieden. Doch werden wir uns, im Falle eines Angriffs zu verteidigen wissen.
Ministerpräsident Papandreou (M.) beim SPIEGEL-Interview im Athener Regierungspalast*
Zypern-Vermittler Tuomioja
Uno-Streitmacht rein dekorativ
Uno-General Gyani, Zypern-Präsident Makarios: Die Feuerwehr...
... wurde zum Brandstifter: Makarios an der Kyrenia-Front
* Mit SPIEGEL-Redakteur Robert J. Greiff
(r.); links: Dolmetscher.

DER SPIEGEL 20/1964
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