13.05.1964

SÜDTIROL / SPRENGSTOFF-PROZESSHeim nach Bayern

Die Nummer 50 der 101 im Mailänder Monsterprozeß angeklagten Südtiroler Terroristen wird in der Anklageschrift der politischen Verschwörung beschuldigt. Die Strafe für dieses Verbrechen beträgt in Italien fünf bis zwölf Jahre Gefängnis.
Doch die italienischen Justizbehörden legen auf das Erscheinen von Nummer 50 vor dem Mailänder Tribunal keinen Wert: Sie schoben den Deutschen Anton Stötter, 57, Anfang dieses Jahres in seine Heimat ab.
Der Grund für solche Nachsicht: Stötters Aussage hätte enthüllt, daß der italienischen Militärabwehr Sifar (Servizio d'Informazioni Forze Armate) bereits ein halbes Jahr vor der ersten Attentatswelle in Südtirol im Jahre 1961 die meisten Sprengmeister und deren Pläne bekannt waren.
Die Abwehr kannte sogar Wochen vorher schon den Tag des großen Losschlagens der Dinamitardi, die Herz-Jesu-Nacht vom 12. Juni 1961. Das Datum war den Italienern von einem Südtiroler zugetragen worden, der im Mailänder Gerichtssaal mit dunkler Sonnenbrille, abgesondert von den übrigen Angeklagten, sitzt: Josef Selm, 23, Neffe des nach Österreich geflüchteten Oberpartisanen Georg Klotz.
Stötter und Selm waren die Hauptinformanten der italienischen Abwehr in den Reihen der Südtiroler Terroristen. Doch ihre Berichte veranlaßten die Sifar-Zentrale in Rom nicht zu einer wirksamen Behinderung der Partisanen.
Im Gegensatz zu den mangelhaft informierten Carabinieri, die für Ruhe und Ordnung in Südtirol zu sorgen hatten, waren für die militärische Abwehr die geplanten Sprengungen von Hochspannungsmasten von sekundärer Bedeutung.
Ziel der Abwehr war es, die Terror-Organisation möglichst stark zu unterwandern, um die in Österreich und in der Bundesrepublik vermuteten Hintermänner auszuforschen. Zusätzlich wollte die Abwehr herausfinden, inwieweit Agenten des Ostens in Südtirol tätig waren
Der Bayer Stotter trug sich den Sifar -Leuten an, nachdem er sich im September 1960 - in Deutschland wurde er wegen Unterschlagung von rund 6000 Mark gesucht - nach Italien abgesetzt hatte. Im Weinort Tramin kam der Emigrant mit der dortigen Untergrund-Gruppe ("Traminer Löwen") in Kontakt. Beim Wein erzählten die vertrauensseligen Amateur-Partisanen dem Zugereisten von ihren Plänen und Sorgen.
Stötter versprach, aus Nordtirol Hilfe herbeizuschaffen In Innsbruck nahm er jedoch mit dem italienischen Konsulat Verbindung auf. Er bekam dort die Bozener Telephonnummer 3 13 68 und den Namen Dr. Josef Bernhard auf einem Zettel ausgehändigt. Unter der Nummer ist das Armee-Hauptquartier in Bozen zu erreichen.
Am 20. Dezember 1960 fand im Bozener Hotel "Vittoria" der erste Treff statt. Der deutschsprechende Bernhard brachte einen Italiener namens Fraterelli mit. Hinter dem Decknamen Fraterelli verbirgt sich ein Colonel der Abwehr, Bernhard ist Hauptmann.
Stötter wurde als Agent "Friedrich" verpflichtet. Schon drei Tage später lieferte er seinen Auftraggebern 20 Namen von Attentätern, darunter die Chefs Josef Kerschbaumer und Luis Amplatz (SPIEGEL 10/1964) sowie Informationen über beabsichtigte Anschläge.
Die weiteren Zusammenkünfte fanden am Bozener Bahnhof oder in der Cafeteria "Domino" statt. Die Berichte gab Stötter entweder mündlich an Bernhard und den Oberst oder schriftlich über das Bozener Postfach 91 mit dem -Decknamen "Amico Gioacchino" ("Freund Joachim"). Stötters Lohn: 100 000 Lire (640 Mark) pro Monat und Spesen-Ersatz.
Den nichtsahnenden Traminern -half der Agent unterdessen weiter beim Ausbau ihrer Kampfgruppe. Er brachte ihnen Schablonen für Propaganda-Inschriften, die er - zur Festigung seiner Position bei den Partisanen - von Colonel Fraterelli erhalten hatte.
Am 24. Juli wurde Stötter von den Carabinieri, denen nur seine Traminer Tätigkeit, nicht aber sein Wirken für den Sifar bekanntgeworden war, verhaftet. Er wurde der Verschwörung angeklagt.
Nach anderthalb Jahren Untersuchungshaft in Bozen wurde der Häftling an die Bundesrepublik ausgeliefert und saß weitere anderthalb Jahre wegen seiner Unterschlagungen in Augsburg im Gefängnis.
Am 7. Januar dieses Jahres wurde Stötter wiederum den Italienern für das Sprengstoff-Verfahren nach Mailand überstellt. Dort brachte ihn die Polizei jedoch nicht auf die Anklagebank, sondern zum deutschen Generalkonsulat. Der Eskorten-Führer eröffnete dem unerwünschten Angeklagten, er sei frei und habe sofort das Land zu verlassen. Das deutsche Generalkonsulat streckte dem mittellosen deutschen Sifar-Agenten das Geld für die Heimreise vor.
Agent Stötter
Treff mit Traminer Löwen

DER SPIEGEL 20/1964
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