13.05.1964

FRANKREICH / PETAIN-PROZESSHeim nach Verdun

Der 1951 in Festungshaft gestorbene Franzosen-Marschall Henri Philippe Pétain wurde nach 13 Jahren von Antigaullisten zu Wahlkampfzwecken reaktiviert. Der Marschall, 1916 Sieger in der Schlacht von Verdun, 1934 Kriegsminister und von Juni 1940 bis zum Juli 1944 Staatschef des deutschlandhörigen Restfrankreich, war 1945 wegen Kollaboration mit den
Nationalsozialisten zum Tode verurteilt worden. Die Strafe wurde später in lebenslängliches Gefängnis umgewandelt. Im Juli 1951 starb Häftling Pétain, 95 Jahre alt, auf der Biskaya-Insel Yeu.
Frankreich verweigerte seinem einstigen Nationalhelden damals sogar den letzten Wunsch: auf dem Soldatenfriedhof des Verdun-Forts Douaumont bestattet zu werden. Der Ausgestoßene wurde auf Yeu beerdigt. Sein Grabstein erhielt die Inschrift "Henri Philippe Pétain, ohne Beruf".
Der rechtsextreme Rechtsanwalt Tixier -Vignancour, der bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr gegen Charles de Gaulle antreten will, hat den verstorbenen Marschall zum Wahlschlager erkoren: Er versprach, für den Fall seiner Wahl den Letzten Willen Pétains zu erfüllen, dem er 1940 als Propagandachef der Vichy-Regierung gedient hatte. Frankreichs Heros aus dem Ersten Weltkrieg solle seinen Platz in der heiligen Erde von Douaumont bekommen.
Den Gaullisten sind die Reminiszenzen an den Marschall, dessen Rolle heute längst nicht mehr so einseitig gesehen wird wie 1945, verdrießlich: Charles de Gaulle war Chef jener provisorischen Regierung in Paris, deren Generalstaatsanwalt das Todesurteil gegen Pétain beantragte und auch erhielt.
Kaum hatte Tixier-Vignancour seine Pétain-Kampagne begonnen, fiel den Gaullisten im Kampf um die Asche des Marschalls eine unerwartete Waffe zu: Der Rechtsanwalt Gabriel Delattre enthüllte bislang unbekannte Vorfälle aus der Urteilsberatung des Gerichts, die dafür sprechen, daß Charles de Gaulle den Marschall 1945 durch Eingriff in den Prozeß vor entehrender Strafe bewahren wollte.
Delattre war einer der 24 Geschworenen des Sondergerichts, das am 23. Juli 1945 zusammentrat, um Pétain abzuurteilen. Zwölf Geschworene stellten die Parteien der Nationalversammlung, je nach Fraktionsstärke, zwölf weitere die Organisationen der französischen Widerstandsbewegung. Nur Gerichtspräsident Mongibeaux und seine zwei Beisitzer waren Berufsrichter.
Mongibeaux war dafür bekannt, daß er bei der Aburteilung von Kollaborateuren härteste Urteile fällte. Um so erstaunter waren die Geschworenen, als der Präsident die Urteilsberatung im Falle Pétain mit einem Vorschlag eröffnete, der in keinem Verhältnis zu den Beschuldigungen gegen den Angeklagten zu stehen schien. Mongibeaux: "Meine Beisitzer und ich fragen Sie: Sind Sie mit einer Verurteilung zu fünf Jahren Verbannung einverstanden?"
Die Geschworenen, Parlamentarier wie Resistance-Helden, sprangen von dem für sie bereiteten frugalen Mahl auf. Delattre: "Wir haben uns angestarrt. Wir konnten es nicht fassen, wir waren sprachlos."
In der folgenden Diskussion über das zu fällende Urteil erklärten sich - wie Geschworener Delattre enthüllte - immerhin zehn der 24 Sprachlosen für den Präsidenten und seine Beisitzer, so daß Frankreichs ranghöchster Kollaborateur schließlich nur ganz knapp mit 14 gegen 13 Stimmen zum Tode verurteilt wurde.
Diese Vorgänge aus der Urteilsberatung waren 19 Jahre lang nicht bekannt. Erst im vergangenen Monat plauderte Geschworener Delattre das Beratungsgeheimnis in der Zeitschrift "L'Histoire pour tous" aus.
Die Zeitschrift äußerte den Verdacht, daß die vorgeschlagene Verbannungsstrafe nicht der Initiative der Berufsrichter entsprungen, sondern von einer höheren Instanz ausgegangen sei - mithin, daß General de Gaulle seinen früheren Chef 1945 möglicherweise vor harter Strafe habe retten wollen.
Falls der General diese Absicht wirklich hatte, war der Weg über Richter Mongibeaux unauffälliger und eleganter, als wenn der Generalstaatsanwalt Weisung bekommen hätte, lediglich für eine Verbannung Pétains, zu plädieren.
Die Gaullisten nutzten die späten Enthüllungen Delattres. Ihr Massenblatt "Paris-presse" präsentierte den Geschworenenbericht achtspaltig auf der ersten Seite.
Häftling Pétain (r.)* Kampf um die Asche
* In Festungshaft auf der Insel Yeu (1949).

DER SPIEGEL 20/1964
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