13.05.1964

KANADA / GOLDRAUSCHWie am Klondyke

Mir kam es vor", berichtete später Friseur Edward Poirier, "als seien die Leute dieser Stadt über Nacht verrückt geworden."
Es war, wie einst Jack London den Goldrausch der neunziger Jahre am Flusse Klondyke in Alaska beschrieb und wie es Charly Chaplin in seinem Film "Goldrausch" darstellte: Tausende machten sich plötzlich im letzten Monat auf, um trotz grimmiger Schneestürme mitten in kanadischer Wildnis rasch Millionäre zu werden.
Über Nacht wurde das Städtchen Timmins, 700 Kilometer nordwestlich von Toronto gelegen, 30 000 Seelen zählend und mangels Arbeits- und Verdienstchancen seit 1940 nicht mehr gewachsen, zum Reiseziel von Schatzsuchern und Glücksjägern aus allen Himmelsrichtungen. Sie kamen in Flugzeugen, per Bahn und in schmutzverkrusteten Limousinen, deren Insassen zum Teil 4000 Kilometer zurückgelegt und nur zum Zweck des Tankens und der Notdurftverrichtung gehalten hatten.
Der Schokoladenkonsum in Timmins stieg in unermeßliche Höhen. Grund: Niemand hatte mehr Zeit, eine ordentliche Mahlzeit zu verzehren. Zugereiste und Einheimische stürzten sich auf Schürflizenzen, kauften wie besessen Äxte, Schneeschuhe, Schlafsäcke, Spaten und Spirituskocher.
Während die so Ausstaffierten mit Hubschraubern (Flugpreis: 400 Mark pro Stunde), auf Jeeps und notfalls auf eigenen Sohlen in die verschneite Wildnis um Timmins ausschwärmten, um Schürfplätze zu suchen und durch Abstecken von Parzellen ("Claims")Schürfrechte geltend zu machen, schürften Daheimgebliebene auf andere Weise nach dem Glück.
Mädchen rafften Brautpennys und Taschengeld zusammen, Hausfrauen verpfändeten Versicherungspolicen, Familienväter verkauften Fernsehgeräte, Automobile und beluden ihre Häuser bis unter die Dachsparren mit Hypotheken. Das so flüssiggemachte Kapital wurde hektisch in Anteilen, größtenteils Kleinstaktien, angelegt. Über die Börse von Toronto brach das größte Geschäft seit ihrer Gründung herein.
Ursache aller Anstrengungen war eine Verlautbarung der "Texas Gulf Sulphur Company": Die Geologen und Prospektoren des größten Schwefelproduzenten der Welt waren nahe Timmins nach sechsjährigem Suchen auf riesige Erzlager mit besonders hohem Gehalt an Silber, Kupfer und Zinn gestoßen. Das Erz kann im Tagebau gewonnen werden, und der Wert der auf 25 Millionen Tonnen geschätzten Lager wird mit 850 Millionen Dollar veranschlagt. Mutmaßlicher Profit der texanischen Schwefelproduzenten: 40 Mark pro Tonne.
Daraufhin schossen nicht nur die Aktienkurse der Texas Gulf in die Höhe. Auch die Notierungen von Gesellschaften, die nahe den Fundstellen Landbesitz oder Schürfrechte haben, wurden mitgerissen.
Das um die Fundstellen gelegene Areal wurde denn auch zum bevorzugten Suchgebiet der Amateur-Prospektoren. Gegen eine Lizenzgebühr von fünf Dollar darf jedermann im Jahr bis zu 18 Parzellen von jeweils bis zu 162 000 Quadratmeter abstecken, sofern das ausgewählte Terrain nicht schon anderweitig vergeben ist.
Da die Anmeldefrist für Schürfrechte 31 Tage beträgt, konnte die staatliche Minen-Behörde noch keinen genauen Überblick gewinnen. Es gilt jedoch als sicher, daß die Mehrheit der Schürfer manche drangen bis zu 160 Kilometer vor- nur Moos und Granit auf ihren Claims finden wird. Auch müsse die Masse der Aktien-Spekulanten, so prophezeite der Präsident der Börse von Toronto, in nächster Zeit mit spürbaren Verlusten rechnen.
Als private Großgewinner entpuppten sich bisher nur einige lokale Grundstücksmakler, die ihre Maßnahmen trafen, bevor der Boom losbrach. Ihnen war aufgefallen, daß die Texas-Leute, die mit elektromagnetischen Geräten von Hubschraubern aus Bohrstellen ermittelten, äußerst behutsam operierten und sich argwöhnisch gegen Kundschafter absicherten. Grundstücksmakler Ned Bragagnolo heuerte schon im Herbst 1963 Prospektoren an, ließ für insgesamt 7000 Dollar 230 günstig gelegene Parzellen abstecken und auf seinen Namen überschreiben und verdiente an dem Unternehmen rund zwei Millionen Dollar.
Gewinner ist auch die im Jahre 1912 von Goldgräbern gegründete Stadt Timmins. Die Goldminen von Timmins sollen wegen mangelnder Rentabilität stillgelegt werden, doch durch den Erz-Boom erschloß sich Timmins eine neue goldene Zukunft: In fünf Jahren, so kalkuliert die Stadtverwaltung, wird sich die Bevölkerung verdoppelt haben. Das Empire-Hotel hat bereits ein Spielkasino eröffnet.
Schatzsucher in Timmins
Nur noch Schokolade

DER SPIEGEL 20/1964
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