13.05.1964

ENGLAND / HALBSTARKEGutes Gefühl

Mischt sich das Schnurren von Motorrollern mit dem Dröhnen schwerer Motorräder, dann greifen Englands Bobbys nach ihren kurzen Knüppeln.
Denn die unterschiedlichen Kavalkaden-Geräusche trennen Großbritanniens Großstadtjugend in zwei Lager, und treffen sie aufeinander, gibt es Tumult und blutige Köpfe: Auf chromverzierten Rollern rollen die "Mods", auf stark frisierten Maschinen die "Rockers".
Die Roller- und Kradreiter haben ihren Namen von den Tänzen, die sie in ihren streng voneinander getrennten Klubs tanzen. Die Rockers vom "Rock 'n' Roll" des US-Heulers Elvis Presley, die Mods (kurz für: the Moderns) von ihrer Eigenart, in rascher Folge neue Tänze zu kreieren.
Vor wenigen Wochen waren die beiden Jugendstile noch kaum beachtete Randerscheinungen der englischen Gesellschaft, heute kennt jeder Durchschnittsengländer die verfeindeten PSGladiatoren. Ihre Schlachten rückten sie in den Mittelpunkt des Tagesgeschehens und der Polizei-Rapporte an Englands Innenminister Henry Brooke:
- Zu Ostern lieferten sich 2700 Mods und Rockers nach dem Besuch eines Fußballspiels in den belgischen Seebädern Ostende und Blankenberghe Straßenkämpfe, sie zertrümmerten Schaufenster,und stürzten Autos um. Die Belgier schrien höflich aus den Fenstern: "Britons, please go home!"
- Am Ostermontag terrorisierten 1000 Londoner Mods und Rockers die Einwohner des südenglischen Seebads Clacton-on-Sea und prügelten sich mit der Polizei; 98 Raufbolde wurden verhaftet. Clactons Hoteliers meldeten 670 000 Mark Schaden durch Abbestellingen aufgeschreckter Saisongäste.
- Mitte April brachen Rocker-Kolonnen in ein Tanzfest von 8000 Mods in London ein; die durch Wolfshunde verstärkte Polizei verhaftete 28 Jugendliche.
- Anfang Mai prügelten sich 200 Jugendliche nahe dem Londoner Bahnhof Waterloo mit der Polizei; drei Polizisten wurden verletzt, drei Jugendliche verhaftet.
Am Montag vorletzter Woche begannen die Gerichte zu arbeiten. 25 Krawalliere von Clacton wurden zu insgesamt 2900 Mark Geldstrafe verurteilt. Nur zwei Jugendliche erhielten Freiheitsstrafen. Clacton-Staatsanwalt Thomas Holdcroft konnte die abgesattelten Schläger auch ohne Fahr-Untersätze leicht unterscheiden. Sie trugen die Uniformen ihrer Lager.
Die Rockers gehen, wie Hollywood-Star Marlon Brando in dem Film "Der Wilde", ausschließlich in Lederjacken, mit Gruppen- und Rangabzeichen an den Aufschlägen. Sie schmieren sich Brillantine ins Haar, tragen oft Ringe am linken Ohr, dazu schwere Sturzhelme und Stiefel.
Die Begleiterinnen der Rockers, die "Birds" (Vögel), tragen keine Röcke. Mit kurzgeschnittenem Haar, Sturzhelm und Ledermontur sind sie von ihren Brillantine-Boys nur schwer zu unterscheiden.
"Ein Mod dagegen", so schrieb das US-Nachrichtenmagazin "Time", geht lieber nackt, als daß er eine Lederjacke anzöge." Denn die Mods imitieren und übertreiben in ihrer Kleidung, ähnlich wie die "Teddy Boys" in den fünfziger Jahren, einen Pseudo-Edwardian-Style: Seidenhemden mit Rüschen, kragenlose Samtjacken in Karmesinrot, nach unten ausgestellte und mit Spitzen besetzte enge Hosen, weiche Schuhe und Bowler-Hut ("Melone"). Der Dandy-Stil wechselt oft von Woche zu Woche.
Die Mod-Mädchen, "Judies" (Judy: weibliche Hauptfigur des englischen Kasperletheaters) genannt, tragen langes Haar, schweres Augen-Make-up und knöchellange Röcke, wie sie zuletzt vor dem Ersten Weltkrieg in Mode waren. Diese Hüllen hindern die Judies, an den Schlachten gegen die Rockers teilzunehmen. Sie beschränken sich auf anfeuerndes Kreischen.
Sturzhelm und Melone sind für die Ursache der Keilerei symbolisch. Sie ist sozialer Natur und bezeichnend für England, wo Kastengeist und Klassenkampf noch heute gepflegt werden. Die Mods, meist Angestellte und Kinder von Angestellten, betrachten die Rockers, die größtenteils Arbeiterberufen nachgehen oder Arbeiter-Eltern haben, als sozial tiefer stehend. Die Rockers wiederum beschimpfen die stutzerhaften Mode-Mods als pervers.
Die Krawallfreude der Mods und Rockers entspringt demselben Motiv wie die der schwedischen Halbstarken und der amerikanischen Beatniks: der durch Wohlstands-Langeweile im Wohlfahrtsstaat begründeten Sucht nach "Kicks"
- nach Nervenkitzel.
Ohne Wehrpflicht und die früheren Generationen gebotene Möglichkeit, in Krisengebieten des britischen Imperiums Dampf abzulassen, sind die Jugendlichen, von den meist berufstätigen Eltern mangelhaft betreut, sich selbst überlassen. Ihre ansehnlichen Löhne und Gehälter können sie fast ausnahmslos für "Kicks" aufwenden.
Die Rockers investieren ihre Pfunde in PS-strotzende Maschinen und -Treibstoff, die Mods in leichte Roller und bis zu 90 Mark pro Woche - in Kleidung. Ihr Modepapst ist John Stephen, ein junger Ladenbesitzer in der Londoner Carnaby Street. Der Verkauf des letzten Mod-Modeschreis brachte ihm im letzten Jahr sechs Millionen Mark.
Der Kick der Rockers ist das Motorrad. Stundenlang sitzen sie an den Parkplätzen der Autobahnen und Überlandstraßen und diskutieren über Beschleunigung und Hubraumgrößen.
Von den Sammelplätzen aus unternehmen sie ihre Wettfahrten, die "Ton up"-Rennen*. Im 160-Kilometer-Tempo brausen sie, ihre Lederjacken-Mädchen im Nacken, über die Straßen. Tödliche Unfälle sind häufig. Die Bilder der Ton up-Toten vergilben dann als Trophäen an den Wänden der Stammcafés.
Die Kick-Kunst der Mods ist weniger verwegen, aber nicht ungefährlicher. Sie fußt auf Alkohol, Haschisch-Zigaretten und Putschpillen, sogenannten Purple Hearts (purpurne Herzen).
Für drei Mark pro Stück sind die Haschisch-Stengel fast überall zu haben,
für dreißig Pfennig pro Stück werden die purpurnen Herzen - Weckamine, die gemeinhin gegen Depression und Fettsucht verabreicht werden - in Londons 7000 Mitglieder starkem Mod-Klub "The Scene" und anderen Mod-Lokalen gehandelt.
Pillen-berauscht oder haschisch-happy tanzen die Mods nächtelang die Tänze, die sie ihren Idolen ("Faces") der TVShow "Ready, Steady, Go" des Kommerziellen Britischen Fernsehens abgeguckt haben. Morgens greift die Polizei immer häufiger Jugendliche auf, die mit ausdruckslosen Putsch-Pupillen heimwärts ziehen.
Ein Mod erklärt den Hang zur schädlichen Sucht: "Man hat dann ein so gutes Gefühl." Der Nachteil: "Sex geht nicht."
Innenminister Henry Brooke überzeugte sich persönlich von der Pillen-Manie. Von seiner Frau und Detektiven begleitet, durchstreifte er eine Nacht lang unerkannt schummrige Jugendklubs des Londoner Vergnügungsviertels Soho.
Die Schock-Eindrücke seiner Tabletten-Tour verabreichte er vergangene Woche den Abgeordneten des Unterhauses mit Erfolg. In wenigen Wochen soll die purpurnen Herzen ein schwerer Schlag treffen. Ein neues Gesetz wird den Besitz der Stimmungsheber mit bis zu 200 Pfund Geldstrafe und sechs Monaten Gefängnis ahnden.
* "Ton up": Slang-Ausdruck der Rockers für 100-Meilen-Tempo.
Mod-Mädchen Mods
Mit purpurnen Herzen und Haschisch...
Rockers Rocker, Partnerin
... auf der Suche nach Kicks

DER SPIEGEL 20/1964
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