13.05.1964

HERBERGER-RÜCKTRITTDas letzte Spiel

Er war nach eigenem Urteil Feldwebel und Feldherr zugleich, und er kommandierte fast 28 Jahre lang, länger als irgendeiner in seiner Position. In dieser Woche drillt Fußball-Stratege Josef ("Sepp") Herberger, 67, zum letztenmal der deutschen Nationalmannschaft sein taktisches Konzept für ein bedeutendes Länderspiel ein.
Nach dem Spiel am Dienstag gegen Schottland in Hannover erhält Herberger beim Abschied von seinem deutschen Publikum einen nachgebildeten Weltmeisterschafts-Pokal. Dann macht er Platz für seinen langjährigen Assistenten Schön.
Seinem Nachfolger hinterläßt Herberger eine imposante Bilanz: Von 160 Länderspielen unter seiner Verantwortung zwischen 1936 und 1964 gingen nur 44 verloren. Mit dem Endspielsieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 über die hochfavorisierten Ungarn gelang Herbergers Truppe der überraschendste Triumph.
Die Fußballwelt räumte Herberger seitdem unbeschränkten Kredit ein. Nur einen Vorwurf vermochte er niemals auszuräumen: Nach Ansicht prominenter Experten trainierte Herberger nach veralteten Methoden und lehnte modernes Training auf wissenschaftlicher Grundlage ab. Professor Nöcker, ein führender deutscher Sportmediziner, zu Herberger: "Was Sie unter Intervall-Training verstehen, ist gar kein Intervall-Training."
Die schnelle Entwicklung sportlicher Höchstleistungen begründen Wissenschaftler vor allem mit der
Einführung eines vielseitigeren, wissenschaftlich fundierten Trainings. Schwimmer strapazieren sich im Gymnastiksaal, Tennis-Cracks spielen Fußball, Leichtathleten und Ruderer stemmen Gewichte, Rennrodler beziehen Fallschirmsprünge in ihr Programm ein.
Herberger blieb konservativ: "Fußball lernt man nur durch Fußball." Beim Trainer Herberger kam allerdings ein Schuß Seelenmassage hinzu. "Wenn ich nicht Fußballtrainer geworden wäre, wurde ich mich wohl mit Psychologie beschäftigen."
Die Fußballer hatten erkannt, wie wichtig die psychologische Vorbereitung für eine Mannschaft ist. Der zweimalige Weltmeister Brasilien besoldete schon 1958 einen Psychologen. Die Deutschen besaßen in Herberger ein Naturtalent auf diesem Gebiet.
Mit Erfolg behob Fußball-Psychologe Herberger bei seinen Spielern etwa durch Verletzungen hervorgerufene Hemmungen. So überzeugte er Josef Posipal, der bei der Weltmeisterschaft 1954 im Viertelfinale blessiert aussetzen mußte: "Ohne Sie packen wir es nicht." Im entscheidenden Spiel half Posipal unbeschwert beim Siegen.
Debütanten oder besonders sensiblen Spielern, wie Fritz Walter, verstand Herberger das Selbstbewußtsein aufzurichten. "Ich hielt mich für Herbergers Schlüsselfigur", erinnert sich Nationalspieler Jürgen Werner an seinen ersten Auftritt im DFB-Dreß. "Hinterher merkte ich, daß meine Kameraden dasselbe glaubten."
Der Bundestrainer versuchte alle auf Spieler und Spiel einwirkenden Einflüsse in seinem Sinne zu regulieren. Er brächte sogar die Ehefrauen allzu fülliger Nationalelf-Kandidaten dazu, den häuslichen Speisezettel nach seinen Diät-Tips zu gestalten.
Ebenso umsichtig verstopfte der Bundestrainer vor einem Länderspiel äußere Störungsquellen. Bei den Weltmeisterschafts-Turnieren in Schweden und Chile fanden andere Mannschaften auf Quartiersuche die günstigsten und störungsfreiesten Unterkünfte längst von Herberger belegt. Herberger testete sogar geeignete Brotsorten, um seine Mannschaft während der Weltmeisterschaft 1958 vom süßlichen Schwedenbrot unabhängig zu machen.
Alle taktischen und technischen Fragen wurden vom Bundestrainer so rechtzeitig gelöst, daß er oft auf die Trainer-Unart verzichtete, noch während des Spiels vom Feldrand aus zu dirigieren, und sich statt dessen auf die Tribüne zurückzog. Lobte ein Nationalspieler: "Wenn wir aufliefen, gab es keine offene Frage mehr."
Auch von sich selbst verstand Herberger störende Einflüsse fernzuhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er sein Amt nur unter einer Bedingung weitergeführt: Er wollte keinem Spielausschuß untergeordnet sein. Anders als die meisten Trainer-Kollegen hatte Herberger bei der Aufstellung der Nationalmannschaft freie Hand.
Konsequent berücksichtigte er nur Spieler, die er für sein jeweiliges taktisches Konzept brauchte. Während er. deshalb, ungeachtet aller Kritik, trotz unzulänglicher Leistungen an Spielern wie Vollmar, Röhrig oder Alfred Schmidt festhielt, überging er die von Experten weit höher eingeschätzten Uwe Seeler, Michallek, Gottschalk, Jürgen Werner zeitweilig oder immer. Bis 1962 stellte Herberger auch keinen der im Ausland mit Erfolg spielenden Deutschen, wie Bernd Trautmann oder-Horst Buhtz, auf.
Seine Arbeit paßte Herberger dem Vierjahres-Rhythmus der Weltmeisterschaften an. Zu den Weltturnieren erreichte die deutsche Mannschaft ihr Höchstmaß an Leistung. In den Zwischenjahren war Herberger das Experiment oft wichtiger als der Sieg.
Zum Verdruß der Vereine versuchte der Bundestrainer, die Nationalspieler seinem Ideal spielerischer Vielseitigkeit anzupassen. Ein Dutzend Spieler setzte er in der Nationalmannschaft auf wenigstens drei Positionen ein, ungeachtet des Platzes, den sie in ihrer Vereinsmannschaft einnahmen. Der Dortmunder Alfred Schmidt trug das DFB-Trikot in 23 Länderspielen schon mit sechs verschiedenen Rückennummern, Herbert Erhardt spielte auf fünf Posten.
Doch in den letzten Jahren unterliefen dem alternden Bundestrainer zunehmend Fehler. Vor dem Weltmeisterschafts-Spiel 1962 gegen Italien hatte er dem Torwart Tilkowski versichert: "Sie sind Nummer eins." Dann stellte er jedoch Fahrian ins Tor. Erstmals regte sich Mißstimmung im deutschen Team.
Die Herberger lange beunruhigende Nachfolge-Frage hatte sich währenddessen von selbst gelöst. Seinen Lieblingsschüler Fritz Walter hatte er nicht für das Amt des Bundestrainers gewinnen können. Assistent Georg Gawliczek wechselte 1960 als Vereinstrainer zu Schalke 04. Es blieb nur Assistent Helmut Schön, 48.
Der Alt-Bundestrainer äußerte sich schon über seine Zukunftspläne: "Ich schreibe meine Erinnerungen." Die Herberger-Memoiren hat das Münchner Bild-Blatt "Quick" bereits für 150 000 Mark angekauft.
Herberger (r.), Nachfolger Schön: Tips für Ehefrauen

DER SPIEGEL 20/1964
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