13.05.1964

SCHÖNZur Ersten Hilfe

Wenn Alt-Bundestrainer Herberger sich zu seinem Memoiren zurückzieht, rückt in sein Amt ein Mann nach, der acht Jahre lang buchstäblich
in Herbergers Schatten stand.
Das zerknitterte Ledergesicht Herbergers hat sich, nicht nur in Deutschland, den Fußballnarren und Millionen Fernsehzuschauern eingeprägt. Den nahezu haarlosen Schädel des schlanken, die 1,68-Meter-Figur Herbergers um Haupteslänge überragenden Sachsen Helmut Schön (1,87 Meter) erfaßten die Fernsehkameras gewöhnlich nur, wenn während eines Fußball-Länderspiels ein deutscher Spieler verletzt zu Boden gegangen war. Dann eilte der hochhüftige Herberger-Assistent mit flatterndem Regenmantel zur Ersten Hilfe herbei.
Schon 1956 war Helmut Schön, Kunsthändlersohn aus Dresden, zum Angestellten des Deutschen Fußball-Bundes. (DFB) und Gehilfen seines ehemaligen Lehrers Herberger avanciert. Sein Hauptkonkurrent im Rennen um die Herberger-Nachfolge wurde DFB-Trainer Georg Gawliczek.
Herberger bevorzugte zunächst Gawliczek. Schön kündigte 1958. Doch der DFB mochte nicht auf seine Dienste verzichten, und mit einem vorteilhafteren Vertrag, führte Schön Arbeit und Konkurrenzkampf fort.
Herberger aber sträubte sich weiterhin, sich für einen der Kandidaten zu entscheiden. Da räumte Gawliczek 1960 resignierend das Feld. Begründung: "Ich kann nicht so lange warten."
Assistent Schön wartete weitere drei Jahre, bis Bundestrainer Herberger 1963 endlich zugestand: "Mein Amt ist bei ihm in den besten Händen."
Wie nur wenige andere entsprach Schön der wichtigsten Anforderung, die Ex-Nationalspieler Herberger an einen guten Trainer stellt: "Er muß ein guter Fußballspieler gewesen sein."
Der sensible Fußball-Techniker (16 Länderspiele unter Herberger) und Stürmer des Dresdner SC (je zwei deutsche Meisterschaften und Pokalsiege mit Schön) ist in Sachsen noch heute Idol. Zur Erinnerung an seine Dresdner Spielerjahre (1933 bis 1950) ließ der jetzt mit Frau und Sohn in Wiesbaden lebende Schön seinen Opel (Kennzeichen WI - SH 1), rot, und schwarz spritzen
- in den Klubfarben des Dresdner SC.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Abiturient und frühere Banklehrling Schön im Sport schnell wieder Fuß gefaßt: Die sächsischen Sportfunktionäre bestellten ihn zum Verbandstrainer.
Als Herberger seinen Schüler 1950 in
die Kölner Sporthochschule einlud, kam es zum Konflikt. Die sächsischen Sport -Politruks delegierten ihren Trainer erst nach heftiger Diskussion. Schön: "Köln war damals die einzige Möglichkeit, ein Diplom als Fußball-Lehrer zu erwerben" Bald nach seiner Rückkehr in die Sowjetzone wich. Schön weiteren Mißbelligkeiten aus, indem er sich nach
Westen absetzte.
Der Stellungswechsel schadet zwar
seiner Karriere nicht. Doch: im Gegensatz zum Spieler, Schön konnte Trainer Schön keine glanzvollen Erfolge einheimsen. Er geriet immer wieder lösbare Aufgaben.
1953 wurde Schön auf Empfehlung Herbergers Verbandstrainer an der Saar. Zugleich wurde er Gegner seines Lehrers Herberger in der Ausscheidung zur Weltmeisterschaft 1954, denn damals, als die Saar noch nicht Bundesland war, gehörte der Saar-Fußballverband als selbständiges Mitglied der Fußball-Weltorganisation an und stellte für die Weltmeisterschaft eine eigene Mannschaft.
Schöns verlorene Elf konnte sich damals praktisch nur aus dem Spielerstamm des 1. FC Saarbrücken rekrutie- ren. Dennoch leistete sie dem späteren Weltmeister Deutschland so kräftigen Widerstand, daß Schön als Trainer erstmals Anerkennung fand.
Als der Saar-Verband 1956 ins Imperium des DFB heimkehrte, wurde Trainer Schön mit übernommen. Bald stand er wieder vor einer nicht zu bewältigendern Aufgabe, als er - nachdem Gawliczek den Dienst bei Herberger quittiert hatte - außer der Junioren - und der B-Nationalmannschaft auch noch die Amateur-Nationalmannschaft trainieren sollte.
Schöns Amateure mußten gegen das Aufgebot der Sowjetzone um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio kämpfen. Die DDR deklarierte ihre Fußballer ausnahmslos als Amateure und konnte mithin die stärksten Spieler einsetzen. Schön hingegen mußte auf alle bezahlten Spieler der 104 bestens deutschen Mannschaften (Bundesliga und Regionalligen) verzichten. Schöns Truppe verlor.
Die Zuschauer im Chemnitzer Stadion freilich feierten den ehemaligen Nationalspieler Schön mit lautem Beifall, obwohl er nicht über Lautsprecher vorgestellt worden war.
Der als Trainer auf unzulängliche Möglichkeiten beschränkte Schön mußte lernen, sich, immer wieder veränderten Situationen anzupassen" (Schön).
Geschickt paßte Schön sich an. Im
Rückspiel gegen die Zone gelang der Amateur-Mannschaft sogar ein Sieg. Bei einem Länder-Turnier in England erreichte sie 1963 sogar das Endspiel.
Dabei verfügte Schön als Assistent naturgemäß nicht über das gleiche Maß an Autorität wie Herberger der, jede Einzelheit als letzte Instanz entschied.
Schön handelte nicht autoritär: "Die Mannschaft soll glauben, sie sei aus eigenem Antrieb zu diesem Ergebnis gekommen." Sein Einfühlungsvermögen wurde ihm allerdings verschiedentlich als Nachgiebigkeit ausgelegt.
Das Amt als Bundestrainer tritt Schön mit vorsichtiger Skepsis an. Von der erst 1963 eingeführten Bundesliga, der höchsten deutschen Spielklasse, erhofft er sich noch keine sensationellen Neuentdeckungen für die Nationalmannschaft: "Ich habe nie geglaubt, daß wir plötzlich aus dem vollen schöpfen könnten."
Auch auf Hilfe der in Italien wirkenden deutschen Fußball-Fremdarbeiter Haller, Szymaniak, Brülls und Schütz will er sich nicht verlassen: "Werden sie in Form sein? Werden sie unserem, Spiel nicht entfremdet sein?"
Mit dem Antritt der Nachfolge Herbergers ist Schön wieder eine kaum lösbare Aufgabe beschieden. Sein Prestige und das Ansehen der bundesdeutschen
Fußball-Elite werden weitgehend vom
Ausgang zweier Qualifikationsspiele gegen Schwedens Elf abhängen, die gegenwärtig zu den gefürchtetsten Mannschaften der Welt zählt.
Nur ein Gesamtsieg über Schweden
kann den Deutschen die Teilnahme an
der nächsten Weltmeisterschaft 1966 in
England sichern
Die letzten beiden Länderspiele gegen
Schweden - noch unter Herbergers
Regie - endeten mit Niederlagen
Fußballer Schön (3. v. l.) 1950: Für Sachsen ein Idol

DER SPIEGEL 20/1964
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