13.05.1964

PRIX FORMENTORSieg der Zwerge

Die Haare fielen ihr schwarz auf die
Schultern, die Augen waren, wie immer, von Kohlestrichen gerahmt, die Arme steckten in lodenen Ponchoärmeln. Am Arm ihres Entdeckers Hans Magnus Enzensberger zog Gisela Elsner in das Salzburger Schloß Mirabell.
An der Tür zum Marmorsaal klatschte Enzensberger in die Hände, und alle siebzig Literaten, die eben noch den Russen Alexander Solschenizyn gelobt hatten, drehten sich um. Jonathan Miller, englischer Autor und Kabarettist, flüsterte seinem Nachbarn zu: "Now, isn't she a sexy thing?"
Das "sexy thing", 27 Jahre alt, war für den Bucherstling "Die Riesenzwerge" vierter Träger des "Prix Formentor" geworden. Der Preis, dotiert mit 40 000 Mark, wird in jedem Mai von 13 Verlegern vergeben, der preiswürdige Debütant von ihnen ausgewählt. Die Kür eines arrivierten Kandidaten für den ebenfalls von ihnen gestifteten "Internationalen Literaturpreis" überlassen die Verleger den Preisrichterteams aus allen ihren Ländern.
In diesem Mai lobten und tadelten diese kundigen, vielsprachigen Bücherleser in fünf Tagen fast sämtliche Schriftsteller, die schon Gutes geleistet haben und noch weiter Gutes erhoffen lassen. Die Juroren - sieben Nationalteams zu je fünf bis neun Mann - hüpften behende über eine Liste von 62 Romanschreibern und 71 ihrer Bücher und pickten zum Schluß als Preisträger die 61jährige Französin Nathalie Sarraute und deren letztes Buch, "Die goldenen Früchte", heraus; es unterlagen
der Japaner Mishima und der, Russe
Solschenizyn.
Kaum war die Nachricht vom Sieg der jungen Nürnbergerin Elsner eingetroffen, nutzte Jost Nolte in der "Welt" seine Feder zu der Glosse "Preis-Senkung". Ihn dünkten 40 000 Mark - Nolte: "Ein halbes Einfamilienhaus bescheidenen Zuschnitts" - zuviel für die kleinen "Riesenzwerge". "Literaturpreise sind Glückssache", schrieb er. "Vielleicht hätte man gerade von diesem Preis mehr erwartet - mehr als man gewohnt ist, und mehr, als aus ihm wurde."
Ähnliches empfand der Literatur -Kritiker vom englischen "Sunday Telegraph". Seine Anwürfe gipfelten in der Forderung: "Schafft den Preis ab!" Als besonders lächerlich und tadelnswert" bemäkelte er die Methode der Preisträger-Auswahl.
Nun würden die Verleger ganz gewiß ihren Umschlägstreifen "Prix Formentor" lieber auf einen literarischen Riesenheften als auf die "Riesenzwerge", wenn ihnen nur je in vier Jähren einer unter die ginger gekommen wäre. Aber schon im ersten Jahr des von Gallimard, Einaudi, Ledig-Rowohlt, Weidenfeld, Rosset und Barral mit besten Absichten gestifteten Prix Formentor zeigte sich, daß die Schubladen der Verleger offensichtlich nirgendwo von preiswerten Erstlingswerken überquellen.
Freudlos krönte die bald auf 13 Mitglieder angeschwollene Verlegerrunde 1961 den braven Roman des spanischen Advokaten Garcia Hortelano "Sommergewitter". Im Jahr danach erlagen die Verleger der Beredsamkeit, mit der Alberto Moravia das dünne Werklein "Zeit des Unbehagens" seiner Landsmännin Dacia Maraini empfahl. Die Wahl der Italienerin moniert der literarische "Zeit"-Beobachter Dieter Zimmer heute als eine "eklatante Fehlentscheidung", von der sich der Prix Formentor nicht so leicht werde erholen können. An das Talent der Dacia Maraini glaubt heute nur noch der 56jährige Moravia, der inzwischen mit der anmutigen 27jährigen am Tiberufer Wohnung und Leben teilt.
Im vergangenen Jahre räumten die Verleger, von der Not getrieben, ein von ihnen selbst verordnetes Handikap beiseite und wählten, statt eines von der Satzung gewünschten unveröffentlichten Manuskripts, die bei Gallimard bereits ausgesetzte "Große Reise" des Exilspaniers Jorge Semprun. In diesem Jahre - die Verleger führten in ihrem Reisegepäck nur neun allzu dürftige Manuskripte mit - empfahl der deutsche Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt den Freunden seine "Riesenzwerge", die sogar schon in deutschen Buchhandlungen feil lagen. Es erwies sich als günstig, daß ohnehin die Franzosen und die Amerikaner schon im Februar das Copyright dieses Buches erworben hatten und also bei der Wahlkonferenz nur noch zu nicken brauchten.
Künftig wollen die Verleger den Präzedenzfall zur Regel machen und weiter Romanerstlinge in Betracht ziehen, die schon im Verleihjahr veröffentlicht sind. Sein bescheidenes Prestige Verdankt der Prix Formentor laut Dieter Zimmer sowieso "vor allem dem Umstand, daß er ständig mit dem anderen Preis verwechselt wird", dem von der internationalen Jury vergebenen Internationalen Literaturpreis.
Daß der militant-katholische Philosoph, der Österreicher, Friedrich Heer, als Gutachter den Werdegang des kleinen Unholds Lothar Leinlein pries, des Chronisten der "Riesenzwerge", verwunderte die schöne Autorin Gisela Elsner. "Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich sage einfach nur ja und nein."
Sie setzte sich im Mirabell-Schloßsaal in die, letzte Stuhlreihe, der amerikanische Verleger Barney Rosset setzte sich neben sie, und am Abend tanzte der Amerikaner mit der schwarzen Gisela einen Twist.
Vom zweiten Twist bekam er nur noch die Hälfte. Denn am Rande des Parketts stand wachsam der deutsche Maler Hans Platschek, der die Freundin von Rom, wo sie jetzt lebt, nach Salzburg begleitet hatte.
Platschek hielt den Mantel der Preisgekrönten heimgehbereit, und er hielt sorgfältig auch ihre große, schwarze Handtasche mit dem schönen, hellgrünen Preis-Scheck.
Preisträgerin Gisela Elsner, Maler Platschek: "Ich sage einfach ja.
Preisträgerin Nathalie Sarraute
... und nein"

DER SPIEGEL 20/1964
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Sieg der Zwerge