13.05.1964

AUF DER DIREKTEN ROUTE

Peter Rühmkorf, 34, hat jahrelang unterm Pseudonym Leslie Meier in einem "Lyrik -Schlachthof" die Produktion seiner Kollegen kritisch kommentiert, er hat in seinen eigenen Büchern Gedichte, Versmaß und Zeilen der lyrischen Vorgänger oft mit polemischer Raffinesse zitiert und verwandelt. Der Titel seines Buches "Irdisches Vergnügen in g" ist nicht nur eine Anspielung auf den Hamburger Barockdichter Brockes ("Irdisches Vergnügen in Gott), sondern auch auf die physikalische Bezeichnung für Fallbeschleunigung ("g"). Rühmkorfs bisher letztes Buch, "Kunststücke", enthält ausdrücklich auch eine "Anleitung zum Widerspruch".
Wo einundzwanzig Schriftsteller sich über die Wahrheit und über die Schwierigkeiten, sie zu schreiben, öffentlich den Kopf zerbrechen, da scheinen Kritik und Rezension in eine besonders heikle Rolle gedrängt. Soll denn der Rezensent, so wäre zu fragen, den 21 Glaubensbekenntnissen ein 22. hinzufügen? Das breitgestreute Meinungsspektrum um einen weiteren Farbton zu bereichern suchen? Soll er vielleicht die einzelnen Artikel an der Kunst der Darbietung messen oder gar, da Wahrheit, wie man gern meint, in der Mitte liegt, einen Interpolationswert errechnen? Das sind so Probleme. Freilich, wer einundzwanzig Äußerungen im Gesamt überblickt, dem wollen sich denn auch wieder Möglichkeiten, der Erkenntnis bieten, die den miteinander konkurrierenden Subjekten im vorhinein nicht zur Verfügung standen, und wer weiß, ob sich nicht aus dem Vergleich soundso vieler Privatfälle am Ende eine kleine Gruppenwahrheit ermitteln läßt.
Es war im übrigen Bertolt Brecht, der dem hier variierten Thema den Ton angab. Dreißig Jahre genau ist es jetzt her, daß er seine "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" verfaßte, und es kam sicher nicht von ungefähr, daß ein Aufsatz, der vom Exil aus nach Deutschland hinüberwirken wollte, vornehmlich auf taktische Erwägungen hinauslief. Das heißt: auf Fragen des Transportes und der Verteilung. Das heißt: auf Fragen der Nutzbarmachung und des Wirkungsgrades. Fragen, die in der paradoxen Meinung ihre Antwort fanden, daß in einer verkehrten Welt die Aufrichtigkeit gelegentlich mit doppelter Zunge reden und daß zu Zeiten der Täuschung und der Lüge die Wahrheit oft krumme Wege gehen müsse. Über die Wahrheit selbst, indes, und über die Schwierigkeit, sie festzustellen, machte der große Nutzanwender sich die wenigsten Gedanken. Deutlich vor Augen war der Feind, aus einer vergleichsweise klaren Frontstellung ging klar die Aufgabenstellung hervor, und wer ohnehin auf Marx und Lenin zu bauen bereit war als auf ein Grundgesetz, der sah sich durch die Zeitereignisse gewiß nicht widerlegt.
Sehr anders nehmen sich die Voraussetzungen des Jahres 1964 aus. Nicht mehr, so scheint es, muß, wer für die Wahrheit eintreten will, sich in den Untergrund begeben. Nicht mehr muß eine gerade Meinung gebückt gehen, um den Verfolgern zu entkommen, und ein offenes Wort kann, wie es scheint, jederzeit ein öffentliches Wort werden. Allein, wo alle Prämissen uns glauben machen möchten, daß es die Wahrheit leicht hat heutzutage, da kommt uns ein Bändchen wie das vorliegende in die Quere, uns zu belehren, daß sich die Schriftsteller heute besonders schwer tun mit der Wahrheit.
Ganz allgemein hat man den Eindruck, als ob Erkenntnis-Skrupel an die Stelle früherer Heilsgewißheit getreten wären, als ob das Zaudern zur Methode, Skepsis zum Festwert geworden wäre, und wer bislang nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen Autoren meinetwegen wie Baumgart und Gaiser, Sieburg und Lettau, Lenz, Heißenbüttel und Weyrauch bemerken konnte, dem ordnet sich die heterogene Versammlung sehr bald zu einer in sich kohärenten Gruppe schwankender Gestalten. Unbedingte Rechtgläubigkeit, jedenfalls, scheint ziemlich außer der Mode, und offensichtlich gehört ein aufgeklärter Relativismus so wohl zum guten Ton wie der, sei's lässig, sei's bedächtig, zur Schau gestellte Konjunktiv.
Und hier nun kommen wir zu unserer ersten, wenn auch noch vorläufigen Wahrheit. Daß nämlich die Wahrheit sich, gesetzt, man ist nicht gerade hinter der absoluten her, gelegentlich doch in die Karten gucken läßt und daß auffällige Übereinstimmungen bei einer Zufallauswahl durchaus gewisse Gewißheiten nahelegen. Immerhin dürfen wir wohl, wo wir verschiedene, scheinbar für sich laufende Privatwege koinzidieren sehen, ein überpersönliches Wegegesetz annehmen, und, ungeachtet der Gefahr, hiermit eine Befürchtung Reinhard Baumgarts einzulösen - es möchten sich am Ende Wahrheits- wie Baustile unterscheiden lassen -, wagen wir uns an die Vermutung, daß unsere Zeit ihren eigenen Stil im Umgang mit der Wahrheit hervorgebracht hat.
Dabei ist der Gedanke, daß die im ganzen unbegreifliche Wahrheit schön faßbar werden kann, nimmt man sie nur als zeitlichen Beziehungswert, natürlich nicht gerade neu. Wie sehr sich just die Wahrheitsauffassung der Dichter im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat, kann jeder in Wolfgang Kaysers Büchlein "Die Wahrheit der Dichter" nachlesen, und auch unsere Autorenauswahl scheint zunächst nichts so sehr zu bestätigen, als daß die alte oder ältere Wahrheit, mithin also auch die Wahrheit Brechts, die heutige nicht mehr ist.
Um so mehr überrascht, daß nur die wenigsten Wahrheitssucher Wahrheit als einen lokalen und geschichtlichen Verhältniswert ins Auge zu fassen gewillt sind, ja, daß die krasse Mehrheit gleichsam ewige Verhältnisse zwischen dem Dichter und seiner Wahrheit antizipiert. "Die Schwierigkeiten, heute die Wahrheit zu schreiben", lesen wir bei Hans Erich Nossack, "sind dieselben, die es gestern waren und die es morgen sein werden." Und kaum anders lautet der definitive Bescheid bei Hermann Kesten ("Es ist immer gleich leicht, immer gleich schwer, die Wahrheit zu schreiben"), bei Herbert Eisenreich ("... begegnet der Schriftsteller, wie eh und je, nur einer einzigen Schwierigkeit, nämlich: dem eigenen Ich"), bei Gerd Gaiser ("Diese Schwierigkeiten, möchte ich annehmen, bestehen heute wie gestern") oder bei Ludwig Marcuse ("Die gewaltigste Schwierigkeit beim Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben, lag auch schon gestern und vorgestern im Schreiber").
* Wie das? Und: wieso diese strikte Gewißheit gerade dort, wo eben noch alles auf schwankenden Boden gegründet schien? Und: woher diese eher gußehernen als behutsamen Definitionen bei einer Autorenschar, von der uns das Vorwort doch versichert hatte, daß sie "das große Unbehagen akzentuiere, das den beschleicht, der in dieser verwirrten Welt ernsthaft auch nur einen Satz niederzuschreiben wagt"?
Indes, wenn unser Büchlein außer der augenscheinlichen noch eine andere, zweite Wahrheit mit sich im Gepäck führt, dann wohl diese, daß die ganze schöne Zweifelslust so fintiert wie vorgeschoben ist und daß das gute Gros der Fragesteller mit einer Vertrauensseligkeit in die Totale strebt, die schon wieder mißtrauisch machen kann. Allenthalben nämlich sehen wir zwischen bedenkenschweren Zeilen die ungebrochenen Imperative zutage treten. In die Zweifelsbekundungen mischen sich sehr selbstgerechte Verallgemeinerungen. Kopflose Behauptungen und aus der Luft gegriffene Richtsprüche erwecken den Eindruck von geradezu fragwürdiger Fraglosigkeit. Und über viele Skrupel triumphiert am Ende, selbst dort, wo er grammatikalisch kaum noch zumutbar ist - "Dem muß vorausgegangen sein der unablässige Versuch, sich selbst in den völligsten Einklang mit den Dingen zu setzen" (Eisenreich); ... auch noch dem irrationalsten Gedicht muß man ..." (Kaschnitz) -, der kategorische Superlativ.
In der Tat wüßte ich kaum eine Publikation der letzten Jahre zu nennen, die so viel insgeheimes Selbstvertrauen hätte erkennen lassen wie gerade diese Auseinandersetzung mit dem schwierigen Gegenstande "Wahrheit".. Womit - und das bitte ich nicht falsch zu verstehen - nun keineswegs die zugespitzte Meinung verleumdet werden soll und nicht die kecke Rücksichtslosigkeit, mit der meinetwegen ein Autor wie Arno Schmidt sein Publikum brüskiert. Vielmehr meine ich eine Art von präzeptoraler Rechtswissenheit, die sich nicht scheut, ein "auf ewig und immerdar" zu dekretieren, ein "seit eh und je" zu verordnen, ein "man kann heute nicht mehr" an den Mann zu bringen, ein "einzig gültig" zu verhängen.
Mit welchem Rechte, so ließe sich nämlich fragen, behauptet denn Carl Amery, Liebesbriefe "kann heute keiner von uns mehr schreiben"? Was, beispielsweise, gibt Stefan Andres den Mut, weit über den Rahmen der eigenen Privatperson hinaus zu verfügen: "Ebensowenig ... darf der Schaffende das Werk für die Verbreitung und Verteidigung seiner eigenen Überzeugungen mißbrauchen"? Und all den anderen, woher kommt ihnen nur diese Sicherheit, mit der sie das Eigentliche, das Einzige, das Einzigmögliche in die Schranken fordern: "Ich zweifle nicht daran, daß nur eine einzige, unteilbare und unumstößliche Wahrheit vorhanden ist." - "Wahrheit ... die einzige feste Währung in der menschlichen Geschichte." - "... Stoff und Form in der einzig gültigen Weise zu verbinden." - "Die einzige Sache, für die der Schriftsteller sich zu interessieren hat ..." - "Die einzige Chance, die dem deutschen Schriftsteller noch bleibt ...
Freilich, wer gewisse Ausdrucksvorlieben nicht als bloße Formalitäten hinnehmen mag und wen zumal die überaus breit veranlagte Neigung zu Imperativ und Superlativ verwundert, dem können bei der Lektüre noch einige weitere Wahrheiten aufgehen. Zum Beispiel diese, daß es offensichtlich Zugehörigkeitsgruppen gibt, die mit bestehenden Autorenzusammenschlüssen nicht sehr viel zu tun haben. Zim Beispiel diese, daß der Hang zu endgültigen Verfügungen und Verdikten sehr wohl ein allgemeineres Auswahlprinzip erkennen läßt. Zum Beispiel diese, daß unterschiedliche Fix - und - Fertig - Meinungen nicht ohne innere Folgerichtigkeit zu bestimmten Syndromen zusammentreten.
So scheint es denn durchaus nicht zufällig, wenn Autoren, die über das
Eigentliche und Einzigmögliche Bescheid wissen, die äußeren Schwierigkeiten beim Verbreiten der Wahrheit gering einschätzen. Ebensowenig inkonsequent will es einem vorkommen, wenn just die Autoren die Macht der Umstände leugnen, die nie versucht haben, eine konkrete, anstößige Tageswahrheit in Umlauf zu bringen. Und auch hierin ist man geneigt, Zusammenhänge zu erkennen, wenn Blindheit gegenüber den Verhältnissen zu Erkenntnisformen tendiert, die mit kritischem Bewußtsein wenig, mit dunkler Ahnungslust und unbedingtem Wunderglauben schon sehr viel mehr zu tun haben. Die deutsche Innerlichkeit, jedenfalls, so viel geschmäht und oft gelästert, so häufig in die Zuständigkeit von reaktionären Heimatpflegern und Nationalphantasten verwiesen, hier wird sie von mindestens dreizehn deutschen Gegenwartsschriftstellern aufs neue in ihrem Amt bestätigt. Sei es durch die Versicherung, daß Wahrheit nur erlebt, erfühlt, instinktiv erfaßt oder im Traum ertastet werden könne - "denn bei schweigendem Ich strömt die ganze Wahrheit in ihn ein" (Eisenreich); "von der Wahrheit in gewissen Lagen überwältigt zu werden" (Siegfried Lenz); "die Aussicht zu treffen, ist aber so zweifelhaft, daß man beim Zielen getrost die Augen schließen kann. Vielleicht ins blindeste Dunkel hinein gelingt es" (Christa Reinig) -, sei es, durch eine Rechtfertigung der Kunst aus den tiefsten Tiefen des metaphysischen Tintenfasses: "Das Unglück ist indessen, daß die Kunst des Schreibenden sich aus Quellen speist, die tief, tief unter dem entspringen, was die Gesellschaft als Fundament für ihren Fortbestand braucht" (Friedrich Sieburg); "Dichtung taucht in die Tiefe, und dort blickt sie dem Eros in die heilig-heillosen Augen" (Rudolf Krämer-Badoni). Um zu revidieren. Daß es Ausnahmen gibt in diesem Kreise von eher zufällig als planmäßig Zusammengekommenen, steht außer Frage. Ganz sicher gibt es einige jüngere Leute, so Baumgart, so Heißenbüttel, die für ihre Erkenntniszweifel mit bewußt und präzis gesetzten Konjunktiven geradestehen, und Arno Schmidt hat seine nicht für die Ewigkeit gemünzten Wahrheiten noch immer aus eigener Tasche bezahlt; aber selbst wenn man sich entschließt, noch einige zwei, drei weitere Leute auszuklammern, weil sich bei Zwerenz, Kesten und Marcuse wenigstens eine Ahnung davon findet, daß über Wahrheit nicht ohne Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse gehandelt werden kann, dann bleibt es der größere Rest, der seine Wahrheiten aus der hohlen Hand ins Allgemeine definiert. Dann bleibt es der größere Rest, der die Umstände kritisch zu reflektieren sich versagte und der, entschlossen, die Wahrheit auf der Direktroute anzugehen, aus dem Gestrüpp herrschender Vorurteile gar nicht erst herausgekommen ist.
Nymphenburger
Verlagshandlung
München
192 Seiten
14,80 Mark
Rühmkorf
Von Peter Rühmkorf

DER SPIEGEL 20/1964
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