13.05.1964

KRISTLDrei im Schnee

Es ist das alte Lied vom alten schiefen Dreieck. Der eine ist intelligent, doch schmächtig und willensschwach, der andere dumm, doch vital wie ein Bulle. Dazwischen steht - umbalzt - ein Mädchen, oder vielmehr: Es sitzt.
Sie sitzt im Rollstuhl, wie es die Rolle ihr vorschreibt und weil sie auch gar nicht anders könnte: Petra Krause, 24, Deutschlands immer nur lächelnde Fernsehansagerin vom NDR, durch einen selbstmörderischen Fenstersturz in München seit Jahren querschnittgelähmt, ist Hauptdarstellerin eines Films mit dem Arbeitstitel "Der Damm", den der 40jährige jugoslawische Regisseur Vlado Kristl in Ulm, um Ulm und um Ulm herum gedreht hat.
"Bild" war nicht im Bilde, als es seinen Leser-Myriaden meldete: "Petra spielt ihr Leben." Sie spielt es nicht und hat sich auch schon zwei Regisseuren versagt, deren Filmpläne es auf ihre Intimsphäre abgesehen hatten.
Statt dessen rollt sie lachend in ihrem Stuhl durch den keineswegs biographischen Kristl-Film - durch eine winterlich kahle Wald- und Flußlandschaft, in der sie sich mit ihren zwei Verehrern bei tragikomischen Liebesspielen die Zeit vertreibt.
Denn der Kleine liebt ergeben die hilflose Gelähmte, aber die liebt den Großen, und zusammen mit ihm scheucht, piesackt und demütigt sie den hörigen kleinen Mann neunzig Minuten lang durch den Leinwand-Winter bis zum letalen Ende: Das Opfer zappelt sich bei allerlei bereitwillig dargebrachten Clownerien langsam zu Tode - unter dem fröhlichen Gelächter der schönen Invalidin und, wie der Menschenkenner Kristl hofft, auch zum schadenfrohen Ergötzen der Kinobesucher. Kristl, mit slawischem Akzent: "Die Leute werden lachen und lachen mit vollem Bauch."
Dafür, daß die Leute überhaupt ins Kino kommen, wird zweifellos Deutschlands populäres Fernseh-Mädchen Petra mit ihrer ersten Filmrolle sorgen, Aber auch der jugoslawische Filmkünstler Kristl hat sich, seit er 1961 seine Heimat verließ - wegen seines titofeindlichen Lichtspiels "Der General" war ihm ein Arbeitsverbot auferlegt worden -, bereits einigen Ruhm erkurbelt.
Während der kurzen Zeit seines Aufenthalts in Deutschland, wo gute Filme von jeher - wenn überhaupt - im Zeitlupentempo gemacht werden, drehte er für den Jungproduzenten Peter Schamoni den Kurzfilm "Arme Leute" und wurde dafür von den Kritikern hoch gelobt.
Mit "Madeleine-Madeleine", einem zweiten Kurzfilm, den der Münchner Rob Houwer produzierte, holte sich Kristl Preise von den Ciné-Festivals in Oberhausen und Knokke heim.
Für den "Damm", sein erstes abendfüllendes Kino-Stück, hat nun Kristl die Ulmer Hochschule für Gestaltung mobil gemacht. Ihr Film-Pädagoge Detten Schleiermacher, 36, der den "Damm" produziert (Schleiermacher: "Es ist gar nicht wahr, daß wir in Ulm Filme wie Braun-Radios entwerfen wollen"), fühlte sich nicht nur von Kristls Dreh-Talent beeindruckt, tiefer noch imponierte ihm der Kostenvoranschlag des Regisseurs: Kristl gedachte seine Schneemenschen -Farce für 35 000 Mark zu erstellen. Die normalen Herstellungskosten eines deutschen Spielfilms belaufen sich auf 500 000 bis eine Million Mark.
Mit 115 Drehbuchseiten und einer Neun-Mann-Equipe ging Kristl in schwäbischer Winterlandschaft ans Werk. Den kleinen Mann spielte er selber, als überzeugend Großen fand er den schwerbrockigen Portier des Schwabinger Nachtklubs "ba-ba-lu" namens Felix Potisk.
Kristls Leute beschieden sich statt einer Gage allesamt mit einem Tagegeld von 14 Mark. "Auch das", fand Schleiermacher, "war eigentlich noch zuviel." Er fand es mit Recht: Nach den Schnittarbeiten, die vergangenen Monat beendet wurden, kostet der Film nun 40 000 Mark.
Doch auch diese Summe ist noch sensationell niedrig, und die deutschen Filmkaufleute eilen denn auch, ihre Angebote zu machen. Zur Zeit verhandeln Kristl und Schleiermacher mit dem Münchner "Constantin"-Verleih.
Zum Selbstkostenpreis allerdings gedenken die beiden nicht zu verkaufen. Ihre Mindestforderung ist 180 000 Mark. Davon will Kristl seinen Mitarbeitern nachträglich noch eine angemessene Gage zahlen.
"Damm"-Akteure Petra Krause, Kristl
Der dritte kam von ba-ba-lu

DER SPIEGEL 20/1964
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