13.05.1964

Martin MorlockVADEMEKUM

Daß Carlisten Leute sind, die in
ihrem Bestreben, den bourbonischen Hugo auf Spaniens leeren Thron zu hieven, vor keiner Unbequemlichkeit zurückschrecken, hat die europäische Öffentlichkeit mittlerweile begriffen. Auch versteht sie die Rührigkeit, mit der Hugos Rivalen Don Juan, Don Jaime, Prinz Xavier und der österreichische Erzherzog Franz Josef um Königmacher Francos Wohlmeinen werben. Und daß der Großfürst Wladimir, potentieller Herrscher aller Reußen, die Frage "Ist jene Anna Anderson des letzten Zaren jüngste Tochter?" endlich geklärt haben möchte, leuchtet Europa schon seit Jahren ein.
Doch wenn aus Italien verlautet, die Prinzessin Maria Pia von Sachsen-Coburg und Gotha wolle dem Herzog Duarte von Braganza das Phantom-Königreich Portugal streitig machen, weil sie eine Frucht illegitimer Liebe zwischen König Karl I. und einer brasilianischen Baronin sei, wird die Mitwelt verdrossen. Wie, um Gothas willen, soll sie die Klopfzeichen derer, die da allerwärts auf ihre Thronansprüche pochen, noch orten oder gar entschlüsseln?
Hier tut ein Vademekum dringend not.
Beginnen wir mit den frisch vertriebenen Monarchen. Bei ihnen ist es einfach: Weder Simeon von Bulgarien noch Umberto von Italien, noch Peter von Jugoslawien, noch Michael von Rumänien haben es nötig zu lärmen. Ihre Rechte bleiben vorerst gewahrt. Nur wer auf Ländereien Anspruch erhebt, wo die republikanische Staatsform zwei Generationen alt oder das regierende Haus schlagzeilenfähig ist, muß sich von Zeit zu Zeit bemerkbar machen.
Im imaginären Großdeutschland, gottlob, sind die dynastischen Verhältnisse auch noch recht gut zu überschauen.
Das habsburgische Kaiserreich gebührt dem Otto, das Prädikat "Deutscher Kaiser" dem Hohenzollernprinzen Louis Ferdinand, der wiederum - was künftiger Völkerfreundschaft äußerst dienlich sein dürfte - dem russischen Hause Romanow durch Heirat mit der Großfürstin Kira Kirillowna eng verbunden ist. Hier wird es keinen Streit geben.
In ähnlich glücklicher Lage befinden sich Philipp Herzog von Württemberg, der seine Wartestellung durch zwiefache Verschwägerung seiner Nachkommen mit dem Hause Bourbon-Orléans zu festigen wußte, und der Markgraf Friedrich Christian von Meißen, dem, wenn die Weltgeschichte ein Einsehen hat, das Königreich Sachsen zuteil wird. Zu schweigen von dem gut sortierten Prinzensegen der bayrischen Wittelsbacher oder vom Hause Hannover, dessen Chef, Prinz Ernst August, nach einem deutschen Freudentag X nur noch auf den Titel eines Duke of Cumberland zu pochen hätte.
Anders an Europens Peripherie. Dort darf ein Prätendent nicht müßig dahinwarten.
Ertönt das Pochen aus Frankreich, kann es drei Urheber haben: den Grafen von Paris, auch Henri VI. genannt, einen Nachfahren des Bürgerkönigs Louis Philippe; den eingangs erwähnten Don Jaime, laut "Sunday Times" Oberhaupt der gesamten Bourbonenfamilie; oder einen Urgroßneffen des Napoleon Bonaparte, den Prinzen Louis Jeròme, der als Enkel Leopolds II. unter besonderen Glücksumständen auch das Königreich der Belgier beanspruchen könnte.
Pocht es in England, sind es katholische Stuart-Anhänger, die aufgrund komplizierter genealogischer Denkspiele den Bayernherzog Albrecht auf ihren Schild heben möchten, notfalls den Prinzen Xavier (siehe Spanien).
Italien, wiewohl in seiner monarchischen Spitze festgelegt, hat noch das Königreich Beider Sizilien zu vergeben: an den Prinzen Rénier von Bourbon-Sizilien oder, wenn dessen Anwalt versagt, an den Herzog von Noto. Außerdem ist da ein Gottfried, dem die Toskana, und ein Roberto, dem das Herzogtum Parma Rechtens zukäme. Hinterläßt Robert keinen Erben, fällt auch Parma dem Prinzen Xavier in den Schoß, in dessen anglo-italo-hispanischem Wolkenkuckucksreich mithin die Sonne sowenig unterginge wie im Reiche Karls V.
Schließlich das kleine Monaco, Europas Disneyland, so fest verankert im Herzen des fernsehenden Abendlands - und doch hätte Fürst Rainier, wollte ihm das Schicksal versehentlich übel, erbittert zu kämpfen: mit einer Thron -Rivalin namens Anne-Marie Gräfin von Caumont La Force, geborene Guigues de Moreton de Chabrillan, und einem gewissen George Grimaldi, Garagenbesitzer in Bognor, Sussex.
Soweit die wichtigsten Eventualitäten.
Republikaner, schneidet obiges aus und legt es zu Euren Lesezirkelmappen! Schämt Euch nicht der Ehrfurcht, bedenkt: Von den 2800 Säuglingen, die täglich in der Bundesrepublik geboren werden, kann jeder Bundespräsident werden, aber kaum einer Bourbonenherzog.
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 20/1964
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