20.05.1964

Lieber Spiegel-Leser!

Von 206 Historikern, deren Meinungen
zur Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg der SPIEGEL gesichtet hat, behaupten 99 die Alleinschuld Rußlands und seiner Verbündeten Frankreich und England, darunter 24 ausländische. 36 behaupten die Alleinschuld Deutschlands und Österreichs, darunter 25 ausländische.
Fritz Fischer, dessen Untersuchung über die "Juli-Krise" 1914 wir ab heute in drei Fortsetzungen bringen, hat nie eine Alleinschuld-These aufgestellt (sowenig übrigens wie der SPIEGEL), er weigert sich überhaupt, die Schuldfrage zu stellen. Er untersucht lediglich, wer oder was den Ausbruch des Krieges verursacht und wer ihn überwiegend zu verantworten hat.
Seit 1945 haben die namhaften deutschen Historiker folgende Kriegsausbruchs-Ursachen mitgeteilt:
Werner Conze 1962: Entscheidend russische Mobilmachung, Rußland und Frankreich verantwortlicher als Deutschland und Österreich.
Siegfried A. Kachler 1961: Einkreisung unter Englands Führung durchaus politische Tatsache, darum Kriegsschuld der Entente.
Gerhard Ritter 1960: Russisches Prestige-Bedürfnis entscheidend, deutsche und österreichische Handlungen voller Fehler und Unklugheiten.
Hans Herzfeld 1960: Kollektivverursachung durch anonyme Zeitmächte; aus der Tiefe wirkende universale Kräfte stärker als die Fähigkeit, sie zu meistern; entscheidende Auslösung durch Rußland.
Michael Freund 1960: Rußland und Frankreich wollten Risiko des Krieges, Österreich und Deutschland waren leichtfertig.
Golo Mann 1958: Rußland schuldiger als Österreich; Deutschland machte unkluge und unvorsichtige Politik.
Walther Hubatsch 1955: Kollektivverantwortung 'hauptsächlich der Zeitlage; russische und pan-slawistische Expansion, englische Sorge vor deutscher Hegemonie; deutsche Furcht, Bundesgenossen zu verlieren.
Wilhelm Mommsen 1951: Alle anderen haben schuld, Deutschland aber machte Fehler.
Ludwig Dehio 1948: Mittelmächten wurde Hegemonialkampf aufgezwungen.
Erich Brandenburg, Werner Frauendienst, Hans Rothfels und Hermann Oncken haben die Kriegsschuld schon vor 1945 auf Rußland, Frankreich und England abgeladen. Unschuldig, wenn auch unklug: Deutschland und Österreich.
Vor Fritz Fischer hat seit 1945 einzig der in den USA lehrende Professor Carl Misch Deutschland und Österreich an die Spitze der Kriegsverursacher eingeteilt (1952).
Den Ploetz, die Schulbücher und die Lexika durchzusehen, erübrigt sich angesichts dieser apologetischen Einheitsfront. Sie werden von Historikern inspiriert, wenn nicht geschrieben.
Damit Sie die Tatsachen, die Fischer Ihnen vorträgt, werten können, bitte ich Sie, folgendes Fragen-Schema, über das die Historiker nicht mehr streiten, anzunehmen:
- Wollte irgendeine Macht 1914 nach Sarajewo den Krieg, um konkrete Kriegsziele zu erreichen (zum Beispiel Deutschland die Einverleibung Belgiens, Frankreich Elsaß-Lothringen, Rußland die Meerengen)?
Antwort: Außer für Österreich, das in Serbien eine Art Kuba sah und diesen Agitationsherd austreten wollte, ist das für keine Macht nachweisbar.
- War eine der beiden Mächtegruppen so organisiert, daß sie 1914 oder in absehbarer Zeit präventiv über die andere herfallen konnte?
Antwort: Keine, jedes Bündnissystem konnte verteidigen, aber nicht angreifen.
- Woher kam es, daß der Krieg allgemein als unvermeidbar empfunden wurde?
Antwort: Angesichts der in immer kürzeren Abständen folgenden Konfrontationen schob sich der Gedanke an eine Entscheidung immer nachdrücklicher ins Bewußtsein.
- Welche Macht war die stärkste, welche demonstrierte ihre Militärmacht am selbstverständlichsten, welche bestand 'am drängendsten, wenn auch fruchtlos, auf einem lichtvolleren "Platz an der Sonne"?
Die Antwort heißt dreimal: Deutschland.
- Welche Mächtegruppe konnte nicht hoffen, stärker, sondern mußte fürchten, schwächer zu werden?
Antwort: Der Dreibund mit dem von Nationalitäten-Fragen rissigen Österreich-Ungarn.
- Welche Großmacht war am saturiertesten
und am friedliebendsten? Antwort: England.
Dies ist die Ausgangslage. Krieg galt damals nicht als Verbrechen*. Krieg dauerte in der Vorstellung der Handelnden nicht Jahre, sondern nur Monate. Spektakuläre Kräfteverschiebungen zwischen den beiden Bündnis-Gruppen schienen ohne Krieg nicht mehr erreichbar.
Die "Einkreisung" war in Wirklichkeit ein Übereinkommen dreier Großmächte, keine weitere Expansion Deutschlands in Europa hinzunehmen. Die Gelegenheit zum Krieg tauchte fast alljährlich auf. Entscheidend war, wer, in der Sprache der damaligen Zeit, "die Lunte an das Pulverfaß legte".
Aus Fritz Fischers Text können Sie sich folgende Fragen beantworten:
- Hatte Österreich Belege für die Komplicenschaft der serbischen Regierung, als es die kriegerische Aktion gegen Serbien beschloß, oder gar für eine Komplicenschaft Rußlands?
- Wollte Österreich Genugtuung, oder wollte es die Gelegenheit ' benutzen, sich Serbien vom Hals zu schaffen?
- Hat Berlin Wien den berühmten Blankoscheck ausgestellt, oder war Berlin mit Wien im Komplott wie Mephisto mit Faust beim Überfall auf Gretchens Bruder Valentin?
- Hat Berlin das russische Eintreten für Serbien ins Auge gefaßt und billigend in Kauf genommen?
- Wollte das Reich den "showdown", die friedliche oder kriegerische Entscheidung zwischen Triple-Entente und Dreibund?
Kommt man zu dem Ergebnis, Frage Nummer fünf zu bejahen, so wird nahezu unwichtig, wann Rußland mobilisiert hat. Deutschland und Österreich spekulierten bei ihrem Komplott gegen Serbien auf die Langsamkeit der russischen Mobilmachung, der sie mit vollzogenen Tatsachen zuvorkommen wollten. Rußland mußte mobilisieren, sobald der deutsche Wille, die Entscheidung zu erzwingen, klar erkannt war. Ob Pan -Slawisten oder Nicht-Pan-Slawisten diesen Willen erkannt hätten, wäre gleichgültig, sofern er unbezweifelbar bestanden hätte.
Wilhelm II. faßte die Absichten der Mittelmächte nach Übergabe des Ultimatums an Serbien in die klassischen Worte: "Österreich muß auf dem Balkan präponderant werden den anderen Kleineren gegenüber auf Kosten Rußlands, sonst gibt's keine Ruhe."
Die Frage, wer den Ersten Weltkrieg ursächlich angefangen hat, reduziert sich also auf das Problem, ob Rußland nach dem damaligen Kodex berechtigt war, als slawische Schutzmacht für das überfallene Serbien einzutreten. Nach den Vorstellungen der Zeit kann das keinem Zweifel unterliegen. Jahrzehntelang war Rußland auch als Schutzmacht aller Christen, die unter osmanischer Herrschaft lebten, aufgetreten. Deutschland selbst hatte sich in der Marokko-Krise für berechtigt gehalten, wegen seiner Einfluß-Sphäre in Marokko, "brinkmanship" zu treiben.
Im Clinch der Bündnisse von 1914 konnte keine Mächtegruppe der anderen gestatten, sich durch einen kleinen lokalen Überraschungskrieg zum Herrn der Szenerie aufzuschwingen. Hätte Rußland geduldet, daß Serbien zum Protektorat gemacht wurde, dann hätte Frankreich erkennen müssen, daß auf Rußland in einer Krise kein Verlaß sei, ebenso Rußland, wenn Frankreich gebremst hätte. Hätten Rußland und Frankreich gezaudert, wäre die Entente irreparabel geschwächt oder gesprengt worden. Dies eben war Bethmann Hollwegs Absicht.
Es kennzeichnet die Entscheidung Präsident Kennedys in der Kuba-Krise, daß er den Agitationsherd Kuba, der die Vereinigten Staaten ähnlich beunruhigt wie Serbien 1914 Österreich -Ungarn, nicht ausgetreten hat. Einer hat die Lehren der Geschichte richtig angewandt.
Viele unserer Leser mögen nicht glauben, daß die nach Kriegsbeginn erhobenen deutschen Kriegsziele ursächlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren. Das hat aber Fischer auch nie behauptet. Kriegsziele schlummern als giftige Zwerge im Unterbewußtsein der Völker. Erst die Elefantiasis des Krieges bringt sie ans Licht und zum Wachsen. Die deutschen Kriegsziele waren 1914 geschwinder an der Oberfläche und wuchsen rapider ins Gigantische als die aller anderen Mächte.
Um zu begreifen, wie sehr Sie den deutschen Schul-Historikern mißtrauen müssen, brauchen Sie sich nur zu erinnern, was Sie in der Schule über den feigen Abfall des treubrüchigen italienischen Bundesgenossen gelernt haben. Niemand hat Ihnen gesagt, daß die Regierungen Kaiser Wilhelms und Kaiser Franz Josephs miteinander abgekartet hatten, die Bundesgenossen Italien und Rumänien nicht von dem Ultimatum und von dem geplanten Überfall auf Serbien zu Unterrichten. Gefragt werden sollten sie nicht, aber ihre Existenz sollten sie in die Waagschale werfen.
In Ihren Schulbüchern hat zweifellos auch nicht gestanden, daß der Erste Weltkrieg von deutscher Seite begonnen worden ist wie der Zweite: mit unverfrorenen Lügen. Obwohl der erste russische Patrouillen-Soldat erst zehn Stunden nach Übergabe der deutschen Kriegserklärung gesichtet wurde, sagte Bethmann Hollweg am 3. August 1914 dem Reichstag: "Hiermit hat Rußland den Krieg gegen uns begonnen."
Da Frankreich sich keine Kriegshandlung und auch keine verbale kriegerische Eröffnung zuschulden kommen ließ - es hatte lediglich erklärt, "nach Maßgabe seiner Interessen" handeln zu wollen -, mußten auch französische Aggressions-Akte erfunden werden. So behauptete man in der am 2. August 1914 abgeschlossenen Denkschrift der Reichsregierung, Frankreich habe die Feindseligkeiten am 2. August eröffnet.
In der am 3. August übergebenen Kriegserklärung heißt es: "Gestern warfen französische Flieger Bomben auf Bahnen bei Karlsruhe und Nürnberg. Frankreich hat uns somit in Kriegszustand versetzt."
Begreifliche Nervosität? Wohl kaum. In Luxemburg ließ der Kommandierende General des VIII. Armeekorps, Tülff von Tschepe und Weidenbach, am 3. August eine Proklamation anschlagen, die französische Feindseligkeiten von luxemburgischem Boden aus "zweifelsfrei feststellt". Im gesamten Großherzogtum befand sich aber nachweislich kein französischer Soldat.
Generalstabschef Moltke entwarf schon am 26. Juli eigenhändig die Einmarscherklärung an Belgien, in der er zweifelsfreie Nachrichten über die Absicht eines "französisch-englischen Vormarsches" durch belgisches Gebiet zu haben behauptete. Das Auswärtige Amt strich das Wort "englisch". So zweifelsfrei war die Nachricht.
Staatssekretär Jagow selbst meldete am 2. August "denkbar schwerste Neutralitätsverletzung durch Frankreich" an die Regierungen in Brüssel, Den Haag und London: 80 französische Offiziere in preußischen Offiziersuniformen und in zwölf Autos hätten versucht, die deutsche Grenze westlich Geldern zu passieren. Dümmer haben auch die Nationalsozialisten nicht gelogen. Deutschland und Österreich gingen unter dreister Täuschung ihrer Verbündeten, ihrer Völker und der neutralen Welt in den "uns aufgezwungenen Krieg".
Wie sehr die Verantwortlichen später Opfer ihrer eigenen Lügen wurden, zeigt die Erklärung des Bayern-Königs vom 7. Juni 1915: "Auf die Kriegserklärung Rußlands folgte die Frankreichs." Selbst das Weißbuch der Weimarer Republik spricht von dem "unvermeidlichen Abwehrkrieg" gegen Rußland.
Aber warum haben hervorragende angelsächsische Historiker (Fay, Barnes, Gooch) die deutsche Verantwortung für den Kriegsausbruch verneint? Erstens kannten sie nicht das ganze Material, das heute vorliegt. Zweitens aber, wichtiger noch, fanden sie den moralisierenden Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Vertrages ("daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber aller Verluste und aller Schäden verantwortlich sind") unfair, beträchtlich unweise und reichlich unhistorisch. So übten sie auf Kosten der Wahrheit Gerechtigkeit. Denn: "Die siegreiche Sache hat den Göttern gefallen, die unterlegene aber dem Cato." Herzlichst Ihr
Rudolf Augstein
* "Solange die Menschheit nicht, dachte ich, in weißen Gewändern, Palmzweige in den Händen und literarische Stirnküsse tauschend umherwallt, wird es wohl dann und wann Krieg geben auf Erden; solange sie Blut In den Adern hat, dachte ich, und nicht lindes Öl, wird sie es wohl vergießen wollen dann und wann." (Thomas Mann, 1917 in den "Betrachtungen eines Unpolitischen".)
Herzfeld
Hubatsch
Rothfels
Mann
Freund
Fischer
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 21/1964
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