20.05.1964

PFARRERKrank im Glauben

Alle drei Patienten waren Pfarrer, alle drei waren verzweifelt. Von unfrommen Gedanken geplagt, sahen sie sich außerstande, ihren Beruf weiter auszuüben. Sie litten unter Zwangsneurosen.
Einer war von der zwanghaften Angst befallen, beim Gottesdienst statt des Segens obszöne Ausdrücke sprechen zu müssen. Nur mit Hilfe von Beruhigungstabletten, die ihn für zwei Stunden von seiner Angst befreiten, konnte er noch Gottesdienst halten. Der zweite mußte bei jedem Gebet unablässig an die Geschlechtsteile Christi denken.
Der dritte ließ sich von einem französischen Versandgeschäft pornographische Bücher und Bilder schicken. Hatte er eine Sendung erhalten und durchstudiert, wurde er derart von Schuldgefühlen gepeinigt, daß er Bücher und Bilder alsbald verbrannte. Doch stets spürte er schon wenige Tage darauf abermals unwiderstehlich den Zwang, erneut eine kostspielige Bestellung aufzugeben. Das wiederholte sich mehr als zwanzigmal, dann war der Seelsorger auch finanziell in Bedrängnis geraten.
Von Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen gequält, suchten die Pfarrer schließlich die Ärztliche Lebensmüdenbetreuung in Berlin auf und unterzogen sich psychotherapeutischer Behandlung. Dabei ergab sich eine erstaunliche Übereinstimmung in der Vorgeschichte ihrer seelischen Erkrankungen.
Alle drei Geistlichen waren besonders prüde erzogen worden, zwei stammten aus Pfarrhäusern. Immer wieder war ihnen von den Eltern eingebleut worden, der nackte Körper sei etwas Unanständiges. "Um so mehr regte sich" erläuterte der Leiter der Berliner Lebensmüdenbetreuung, Dr. med. Dr. phil. Klaus Thomas, "seit der Pubertätszeit bei ihnen die Neigung, wenigstens Bilder unbekleideter Menschen zu sehen. Je mehr diese Neigung - in diesen Fällen mit religiösen Gründen - verdrängt wurde, um so mächtiger und schließlich zwanghafter wurde sie: Die Zwangsneurose war geboren."
Thomas, der sich sowohl zum Mediziner als auch zum Psychologen, zum Psychotherapeuten und zum evangelischen Theologen hat ausbilden lassen, berichtet über diese Fälle in einem "Handbuch der Selbstmordverhütung", das jetzt erschien*. Ein Kapitel seines Buches widmete Thomas den seelischen Nöten protestantischer Geistlicher, die ihn in seiner Beratungsstelle aufsuchten.
Als einer der ersten deutschen Seelenärzte wendet der 48jährige Berliner Wissenschaftler eine medizinische Erkenntnis in der Praxis an, die sich seit einigen Jahren durchzusetzen beginnt: Selbstmord, in der internationalen Statistik eine der zehn häufigsten Todesursachen, ist kein freiwilliger Tod. Er ist vielmehr die vermeidbare Folge einer oft heilbaren Krankheit (SPIEGEL 5/ 1963). Wer von dieser Krankheit befallen ist, will in Wirklichkeit sowenig Selbstmord begehen, wie ein Tuberkulosekranker tuberkulös sein will. Thomas: "Man kann, ja man muß Selbstmörder aufhalten."
Im Oktober 1956 richtete Thomas - nach angelsächsischem Vorbild - in Berlin eine Telephonseelsorge ein. Zuvor hatte er drei Jahre lang 20 freiwillige Helfer, vor allem Studenten der Berliner Predigerschule Paulinum, im Umgang mit Selbstmordgefährdeten und Verzweifelten geschult.
Sechs Jahre nach Eröffnung seiner Lebenshilfe-Praxis konnte der Arzt im Talar Leidensgeschichten und Lebensumstände von mehr als 10 000 Patienten überblicken, die ratsuchend zu ihm gekommen waren (weitere 30 000 hatten in dieser Zeit von der telephonischen Seelsorge Gebrauch gemacht).
Als Thomas eine Zwischenbilanz zog, mußte er zwei verblüffende Resultate verzeichnen:.
- Zwölf Prozent der Lebensmüden und
Verzweifelten waren Pfarrer, Pfarrfrauen, Religionslehrer, Diakonissen und Theologiestudenten. Thomas: "Die größte in sich geschlossene Berufsgruppe der Verzweifelten, die sich an die Ärztliche Lebensmüdenbetreuung wandten."
- Insgesamt 40 Prozent aller Ratsuchenden litten an einer seelischen Erkrankung, die von den Psychotherapeuten als "ekklesiogene Neurose" bezeichnet wird, zu deutsch: eine durch kirchliche Einflüsse Verursachte Neurose.
In kirchlichen, besonders in pietistischen Kreisen", erläuterte Thomas in seinem Handbuch die Entstehung dieser Krankheit, "ist eine enge, gesetzliche und leibesfeindliche Erziehung weit verbreitet, die besonders in den Fragen der Geschlechtlichkeit von dem Grundsatz des 'Tabuisierens' ausgeht, das heißt von dem gleichzeitigen Verschweigen, Verbieten und Bedrohen."
Aus solcher Erziehung resultieren oft verhängnisvolle seelische Konflikte: Die Kranken sind unfähig, ein befriedigendes Verhältnis zum anderen Geschlecht zu finden; viele weichen in sexuelle Perversionen aus und leiden - eben deshalb - unter nahezu unerträglichen Schuldgefühlen.
Daß jede Neurose im Kein ein religiöses Problem enthalte; hatte schon Carl Gustav Jung, Altmeister der Psychotherapie, behauptet. Und lange bevor 1955 der Berliner Psychotherapeut Dr. Eberhard Schaetzing den Begriff "ekklesiogene Neurosen" prägte, fanden sich bei den Psychotherapeuten zahlreiche Patienten ein, deren seelische Störungen erkennbar auf allzu strenge, pietistische Erziehung zurückzuführen waren. Doch erst seit wenigen Jahren wird das Problem der ekklesiogenen Neurosen auf den Kongressen der Psychotherapeuten diskutiert.
"Bei vielen erweist sich der Glaube nicht als eine wirksame, die psychische Gesundheit fördernde Instanz", stellte etwa der Züricher Psychotherapeut Josef Rudin 1962 auf einem "Symposion katholischer Psychotherapeuten" fest. Es gebe "im Gegenteil Fälle, bei denen sich ein solcher Glaube neurosebildend und neurosefördernd" auswirkt.
Ursache solcher Neurosen ist nach Ansicht des Luzerner Psychotherapeuten und Theologen Armin Beeli besonders häufig die "konkrete sittlich-religiöse Bildung und Erziehung", an der freilich nicht nur Religionslehrer und Seelsorger beteiligt sind, sondern - viel früher schon und meist nachhaltiger - die Eltern, Geschwister und Freunde eines heranwachsenden Menschen. Beeli: "Dabei zählen mehr als die Worte der konkrete Lebensstil, die gesamte 'Atmosphäre' einer Familie, einer Schule, eines Dorfes."
Als Beispiele für die weitverbreiteten Fehlhaltungen im Gefolge christlicher Erziehung zitierte der Luzerner Psychotherapeut Patienten-Aussprüche wie "Christsein fängt schließlich dort an, wo's beginnt, unangenehm zu werden" und "Ich habe wohl so sehr nach dem Glücklichsein verlangt, daß ich anfing, es als Unrecht zu empfinden".
Ein anderer Schweizer, der Baseler Psychotherapeut Dr. Theodor Bovet, stellte fest, daß 75 Prozent der Jungen und Mädchen, die längere Zeit in christlichen Jugendkreisen erzogen worden sind, innerlich eheunfähig und frigide werden - "das heißt", so interpretiert Thomas, "'ekklesiogen' neurotisch erkranken".
Als extremes Beispiel für die Auswirkungen ständiger Warnungen vor der Geschlechtlichkeit zitiert Thomas den Ausspruch einer 50jährigen "gebildeten Frau aus kirchlichen Gemeinschaftskreisen": "Ich habe mich niemals vor meinem Mann entblößt, und wir hatten höchstens einmal im Jahr Verkehr, wenn es wieder für ein Kind Zeit war, und auch das nur in beständigem Gebet; daß uns Gott Vor der sündhaften Lust bewahren möge." Die Frau kath mit Selbstmordgedanken zu dem Psychotherapeuten in die Sprechstunde.
Sehr viele Jugendliche, die in kirchenstrengen Elternhäusern oder im Kontakt mit kirchlichen Jugendkreisen aufwachsen, Werden später Pfarrer, Pfarrersfrauen, Diakonissen oder ergreifen andere kirchliche Berufe. Gehäuft fand Thomas denn auch die verhängnisvollen Folgen falsch verstandener christlicher Erziehung in einem Lebenskreis, der einst als idyllisches Muster gläubigen Frohmuts galt: in protestantischen Pfarrhäusern.
Zu Vorträgen und Evangelisationen besuchte der Berliner Arzt und Seelsorger während der letzten 15 Jahre mehr als 100 Gemeinden; fast immer wohnte er im Pfarrhaus. Fazit der "seelsorgerischen und psychotherapeutischen Gespräche", die sich "fast immer ergaben": In 90 Prozent dieser Pfarrhäuser herrschten schwere Konfliktsituationen, in 75 Prozent aller Fälle litten Mitglieder der Pfarrfamilien an ekklesiogenen Neurosen.
"Mehr als dreiviertel der kirchlichen Amtsträger", so notiert Thomas, "hatten ihre Katastrophensituation vor jedermann, ganz besonders aber vor ihren Vorgesetzten geheimgehalten, die fast nur bei vollständiger Dienstunfähigkeit davon erfuhren und auch dann meist nicht die wahren Gründe hinter den Gesundheitsstörungen wußten."
Die wahren Gründe erfuhr Thomas in seiner Sprechstunde. Im "Handbuch der Selbstmordverhütung" berichtet er über die ersten 200 kirchlichen Amtsträger, 122 Männer und 78 Frauen, die ihn in seelischen Nöten aufsuchten. Unter ihnen waren fünf Oberkonsistorialräte, ein Theologieprofessor sowie "einer der höchsten kirchlichen Würdenträger" (alle Ratsuchenden außer einem waren evangelisch).
67 von den 86 verheirateten Patienten und 26 unverheiratete trugen Ehe- oder Liebesprobleme vor, die ihnen unlösbar erschienen. Ehe- und Liebesnöte, so erläuterte Thomas, überwogen zwar auch bei anderen, nicht kirchlich tätigen Ratsuchenden. Aber der Grad der Verzweiflung sei bei den kirchlichen Amtsträgern ungleich höher - man müsse schon von "Katastrophen" sprechen.
Thomas: "Die drei bedeutendsten Lebenskreise eines jeden Menschen, sein Glaube, sein Beruf und seine Ehe, werden hier fast jedesmal alle zusammen gleichzeitig erschüttert; eine zerbrochene Ehe stellt den Beruf, meist sogar die Existenz aufs Spiel und bringt schwere Krisen des Glaubenslebens mit sich."
Häufigste Ursache der Ehekatastrophen in den Pfarrhäusern: Die Partner können nicht zu unbefangener erotischer Gemeinschaft finden. Nach den Beobachtungen des Berliner Psychotherapeuten ist mehr als die Hälfte aller Pfarrersfrauen gefühlskalt. Und ihre Ehemänner sind von Skrupeln besessen, die zuweilen zu verblüffenden Fehlhandlungen führen.
Von den ersten 200 seelisch Hilfsbedürftigen aus kirchlichen Berufen, die Thomas registrierte, litten 34 unter sexuellen Perversionen. Die Mehrheit war homosexuell (21), sieben waren sadistisch pervertiert. Einer der Patienten war Unterwäsche-Fetischist, ein anderer trug mit Vorliebe Frauenkleider (Transvestit). Zwei waren Masochisten; einer von ihnen fand nur Befriedigung, wenn er sich nackt in einen Ameisenhaufen setzen konnte.
Thomas: "Bei jedem dieser Beispiele schwersten seelischen Krüppeltums... handelt es sich um Lebensschicksale von erschütternder Tragik, die nur mit einer zutiefst anteilnehmenden Sachlichkeit... fern von jedem moralischen Richten, verstanden und im Rahmen der heutigen wissenschaftlichen Kenntnis dieser Zustände hilfreich angegangen werden können."
Daß Angehörige kirchlicher Berufe für derartige seelische Leiden besonders anfällig sind, wurde auch während einer Diskussion von Psychotherapeuten im November 1962 bestätigt. Die anwesenden Ärzte referierten über ihre Erfahrungen mit insgesamt mehreren Hundert sexuell Pervertierten, die sie in ihrer Praxis beraten oder psychoanalytisch behandelt hatten: Fast 90 Prozent dieser Patienten waren kirchliche Amtsträger, vorwiegend Pfarrer. Dieses Prozentverhältnis mag freilich dadurch verfälscht sein, daß Perverse, die nicht an die Kirche gebunden und von Gewissensskrupeln frei sind, nur in seltenen Fällen einen Arzt aufsuchen.
Der Berliner Arzt und Seelsorger Thomas fordert seine geistlichen Brüder auf, aus den Beobachtungen der Psychologen und Mediziner Konsequenzen zu ziehen - etwa indem sie Theologiestudenten lebensnahen Ehe-Unterricht erteilen und dafür sorgen, daß Geistliche, die psychisch krank sind, zum Psychotherapeuten finden.
Vor allem aber müsse "eine verbreitete, gefährliche neurotisierende Seelsorge" vermieden und durch "gesunde christliche Sexualseelsorge und Erziehung" ersetzt werden. Als Leitfaden biete sich dabei ein Buch an, auf das sich leibesfeindliche Erzieher und Prediger zu Unrecht beriefen: die Bibel. Thomas plädiert für eine lebensbejahende "Theologie der Erotik"; das Hohelied Salomos beispielsweise, das Körperlichkeit und Sinnenlust verherrlicht, wecke "mit biblischer, also göttlicher Autorität Freude und Lobpreis an Stelle von Angst und krankmachender Hemmung".
Thomas möchte seine alarmierenden Befunde zwar "keinesfalls (als) Material für eine Anklage gegen die Pfarrer oder eine Verachtung der Kirche" ausgewertet sehen. Daß er die Kirche gleichwohl nicht ganz von dem Vorwurf freispricht, die besondere Anfälligkeit ihrer Diener mitverschuldet zu haben, macht das bittere Motto deutlich, das der Seelenarzt seinem Kapitel über die ekklesiogenen Neurosen voranstellte.
Thomas zitiert aus einem Roman von Graham Greene: "Die Kirche kennt alle Gesetze. Aber sie weiß nicht, was im Herzen auch nur eines einzigen Menschen vorgeht."
* Klaus Thomas: "Handbuch der Selbstmordverhütung". Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart; 468 Seiten; 63 Mark.
Psychotherapeut Thomas
In 90 von 100 Pfarrhäusern...
Tiefenpsychologe Jung
... herrschen seelische Konflikte

DER SPIEGEL 21/1964
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