10.06.1964

KORRUPTIONKollege Gamper

Kriminaloberkommissar Alfred Schaible, Abteilungsleiter im Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg, ließ den Untersuchungsgefangenen Wolfhart Gehrke zur Vernehmung vorführen, blickte ihn wohlwollend an und fragte: "Na, gestern abend wieder aus gewesen?"
Der Oberkommissar lag richtig: Nicht zum ersten- und nicht zum letztenmal war U-Häftling Gehrke - als Chef eines Rings von Serieneinbrechern, der sogenannten Pudelbande*, festgesetzt - zur Nachtzeit "aus" gewesen.
Ein LKA-Kraftfahrer war mit Gehrke nach dem Verhör am Vortag nicht zur Haftanstalt, sondern zum Stuttgarter Nachtlokal "Savoy" gefahren. Früh um 4.30 Uhr hatte sich Untersuchungsgefangener Gehrke sogar allein in die Wohnung einer "Savoy"-Bardame weiterverfügen dürfen. Erst morgens um acht Uhr war der Nachturlauber zum Kripo-Chauffeur zurückgekehrt.
Diese Art Umgang des U-Häftlings Gehrke mit den Beamten entwickelte sich nach und nach so freundschaftlich, daß die LKA-Oberkommissare Alfred Schaible und Ludwig Schenk sowie der LKA-Kommissar Walter Weipert
- im Mai 1962 vorübergehend selbst
in Untersuchungshaft wanderten,
- seitdem suspendiert, versetzt oder
pensioniert sind und
- nächstens als Angeklagte vor die
VI. Große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart kommen.
Die Anklageschrift wirft ihnen, neben "anderem", Begünstigung im Amt, Gefangenenbefreiung im Amt und schwere passive Bestechung vor. Mitangeklagt sind zwei LKA-Kraftfahrer sowie der einstige "Pudelbande"-Chef Gehrke, 34, inzwischen zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, und seine Frau Marieluise ("Marlies") Gehrke, geborene Fiedler, 26, zur Zeit in Sachen "Pudelbande" für anderthalb Jahre im Gefängnis.
Das gemeinsame Gerichtsverfahren verdanken die Gehrkes und die Kripo -Leute einem in der Ermittlungstaktik durchaus nicht seltenen Komplott: Im Landeskriminalamt suchte man Gehrke durch Konzessionen zur Preisgabe von Taten und Hehlern zu ermuntern.
Die Absprache trug der Kripo wertvolle Informationen und Gehrke fidele Haftzeit ein. Gehrke in seinem Tagebuch: "So gut habe ich es im Knast noch nie gehabt."
Schon die erste Ermittlungsfahrt des Kriminalkommissars Weipert mit dem Ex-Bandenchef nach München sprengte alle Bräuche bundesdeutscher U-Haft -Praxis: Begleitet von Gehrkes Braut Marlies und einer Bardame unternahmen U-Häftling Gehrke, der LKA-Kommissar und ein LKA-Fahrer zunächst eine Zechtour durch Schwabing. Bis früh um drei Uhr zahlte Gehrke.
In der Wohnung der Bardame wurde weitergefeiert, nachdem der Fahrer zur Polizeiübernachtungsstelle abkommandiert worden war. Die zurückbleibende Vierer-Runde becherte, bis sich - wie die amtliche Untersuchung später ergab - "die gesamte Gesellschaft in einem ziemlich angetrunkenen Zustand befand", und veranstaltete Pfänderspiele, bis "nach kurzer Zeit sämtliche Anwesenden entkleidet waren".
Als Kavalier überließ sodann der Kriminalkommissar das Schlafzimmer
dem Untersuchungsgefangenen Gehrke samt Braut und nahm selber mit der Gastgeberin im Wohnzimmer auf der Couch Quartier.
Dazu die Staatsanwaltschaft: Kuppelei aus Eigennutz gemäß Paragraph 180 des Strafgesetzbuchs**. Hingegen der LKA-Kommissar: "Die Dienstfahrten dienten immer dienstlichen Belangen."
Drei Wochen später brachen der Kommissar und der Untersuchungsgefangene samt Braut zu einer ähnlich erlebnisreichen Reise auf, diesmal nach Köln.
Wiederum stieg man in der Privatwohnung einer Marlies-Freundin ab, schickte den LKA-Fahrer weg und ruhte wie gehabt - Gehrke und Braut im Schlafzimmer, Kommissar und Wirtin auf der Couch. Und wie schon in München, traf der LKA-Mann auch diesmal keinerlei Sicherheitsvorkehrungen gegen eine Flucht seines Reisegenossen. Des Kommissars Dienstpistole blieb an der Gehrke-Ruhestätte liegen.
Wiederum einen Monat später hatte das Brautpaar erneut den Wunsch, am Rhein zu schlafen. Die LKA-Gönner arrangierten prompt eine Dienstreise.
Vom Untersuchungsgefangenen Gehrke freigehalten, schunkelten Marlies, der Kriminalkommissar Weipert und der Kripo-Fahrer quer durchs nächtliche Düsseldorf. Das Brautpaar durfte, unbewacht wie stets, im Zweibettzimmer einer Pension schlafen.
Als besonders kollegial erwiesen sich Gehrkes LKA-Freunde Schaible und Weipert bei einer Winterreise nach Kassel: Sie ließen den U-Häftling
- als "Kriminalmeister Gamper" in der
Polizeiunterkunft absteigen,
- dort nach Belieben aus und ein
gehen und
- ohne Begleitung oder Bewachung in
verschiedenen Lokalen zechen.
Wie die Staatsanwaltschaft ferner ermittelte, konnte sich Gehrke nicht nur auf Reisen, sondern auch in Stuttgart ungestörter - und kriminalpolizeilich geförderter - Kontakte zu seiner Liebsten erfreuen: LKA-Kommissar Weipert
- schmuggelte mehrere Dutzend
Gehrke-Briefe - mit Regieanweisungen für Marlies - an der Zensur vorbei zur Post;
- holte Gehrke wenigstens dreimal aus der Haftanstalt statt zu Vernehmungen zu Schäferstündchen mit Marlies in ein Stuttgarter Hotelzimmer und
- schloß die beiden mindestens viermal über Mittag zu ungestörtem Beisammensein in einer LKA-Zelle ein.
Mit Genehmigung der Ermittlungsbehörde geleiteten die Gehrke-Gönner im Landeskriminalamt das von ihnen so oft zusammengeführte Paar schließlich auch in den Ehestand. Die Gehrke -Hochzeit (mit Kriminalkommissar Weipert und dessen Sekretärin als Trauzeugen) wurde, nach einem Mittagessen zu viert im Stuttgarter "China -Restaurant", im Landeskriminalamt am Stuttgarter Hölderlinplatz 1 vom dortigen Personal herzhaft mitgefeiert. Bis 17 Uhr nachmittags wurde getrunken und getanzt. Dann begab sich die gemischte Hochzeitsgesellschaft noch in ein Cafe und ließ den Tag stimmungsvoll ausklingen.
LKA-Kulanz verhalf den Jungvermählten kurze Zeit später noch zu einer gutbürgerlichen Hochzeitsreise. Unter dem Vorwand, Ermittlungen in München anstellen zu müssen, reisten Kommissar Weipert und der mit ihm längst auf Duzfuß stehende U-Häftling in die Hofbräustadt, wo sich nach gemeinsamem Mittagessen - bezahlt von Gehrke die Wege trennten.
Die Gehrkes blieben für eine Hochzeitsnacht beisammen; der Kommissar nächtigte in einer Privatpension und fand sich erst zum Frühstück wieder als Gast der Gehrkes ein. Auf der Rückreise gönnte der Kripo-Mann dem Paar eine weitere Nacht in einem Eßlinger Hotel; er selbst entfernte sich in seine Eßlinger Wohnung, nicht ohne zuvor mit den Eheleuten Gehrke auf deren Kosten noch zwei Flaschen Wein geleert zu haben.
Auch der LKA-Oberkommissar Schenk genoß Gehrkes Gastfreundschaft. Er wurde während eines Drei-Tage-Trips nach Köln und Aachen von Gehrke voll beköstigt und bekam anschließend im Schlafzimmer der in Köln wohnenden Gehrke-Eltern für die Nacht ein Bett bezogen.
Als die zahlreichen Bewirtungsspesen für die Kriminalkameraden Gehrkes Kasse schrumpfen ließen, durfte er für finanziellen Nachschub sorgen: In drei Fällen sollen der Ex-Bandenchef oder seine Marlies frühere Komplicen und Hehler um mehrere hundert Mark erpreßt haben.
Tausend Mark in Gehrkes Reise- und Bewirtungskasse steuerte später noch die Hamburger Illustrierte "Stern" bei: Das Blatt druckte Gehrke-Memoiren. Vermittler des Geschäfts: ein Kasseler Staatsanwalt und die jetzt angeklagten Kommissare vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg.
Der suspendierte Kriminalist Weipert zum SPIEGEL: "Was wir mit Gehrke gemacht haben, mag mit den allgemeinen Rechtsnormen nicht unbedingt in Einklang stehen. Aber ohne diese Methoden hätten wir aus Gehrke nichts herausgekriegt. Es gibt im Kontakt zu Untersuchungsgefangenen keine Halbheiten."
Die Kriminal-Groteske endete abrupt: Beim "Pudelbande"-Prozeß plauderten einige Angeklagten über ihre "guten Beziehungen zur Kripo" und machten die Staatsanwaltschaft stutzig.
Noch bevor "Pudelbande"-Chef Wolfhart Gehrke samt Komplicen vom Karlsruher Landgericht abgeurteilt wurden, begann auf Geheiß der Staatsanwaltschaft Stuttgart eine Sonderkommission der Stuttgarter (städtischen) Kriminalpolizei gegen die Kollegen vom Stuttgarter (staatlichen) Landeskriminalamt zu ermitteln.
Staatsanwalt Bux verfaßte die 160 Seiten starke Anklageschrift. Der Einblick, den er dabei in den LKA-Betrieb gewann, ersparte ihm das Einarbeiten in ein neues Betätigungsfeld: Seit dem 1. Juni ist Bux stellvertretender Chef des Landeskriminalamts.
* Die vorwiegend aus dem Kölner Raum stammende Einbrechergruppe wurde als "Pudelbande" bekannt, weil Bandenchef Gehrke gelegentlich Pudel auf seine Raubzüge mitnahm. Gehrke und zwölf Komplicen wurden am 12. Juli 1962 vom Landgericht Karlsruhe wegen schweren Diebstahls in 40 westdeutschen Städten zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.
** Paragraph 180 StGB Absatz 1 Satz 1: Wer ... aus Eigennutz durch seine Vermittlung oder durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft, auch kann zugleich auf Geldstrafe, auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte sowie auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden.
"Pudelbande"-Chef Gehrke
Nach einer Zechtour durch Schwabing...
Gehrke-Ehefrau Marlies
... Pfänderspiele mit dem Kommissar

DER SPIEGEL 24/1964
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