10.06.1964

GENETStunde des Negers

Die Schauspieler saßen schon angeschwärzt in ihren Garderoben, da protestierte vom fernen Paris aus der Stückeschreiber Jean Genet immer noch in Telegrammen gegen die Darmstädter Deutschland-Premiere seiner "Neger". Das Stück sei, so zürnte er, schwarzen Darstellern auf den Leib geschrieben und für weiße durchaus ungeeignet.
Der Zorn "Sankt Genets" (Sartre) war gerecht und begreiflich. Echte "Neger" waren es gewesen, die 1959 im Pariser Théâtre de Lutèce zum erstenmal und mit großem Erfolg über die Bühne gingen; schwarz waren auch die vom Jahr 1961, die monatelang einem enthusiastischen Broadway-Publikum das Gruseln beibrachten.
In Warschau hingegen hatten sich vorletztes Jahr rußbeschmierte Bleichgesichter in Genets afrikanischem Spiel geübt und sich dabei, sehr zum Verdruß des Dichters, übel verspielt. Genet bestimmte deshalb: Seine Bühnen "Neger" sollten fortan nur noch echte Neger sein.
Aber der Dichter-Beschluß blieb in Darmstadt unerhört, und auch die Einstweilige Verfügung, die der Merlin-Verlagsherr Andreas J. Meyer widerwillig für seinen französischen Autor zu erwirken suchte, wurde nicht erlassen. Ungehindert und ungestraft durfte Gerhard F. Hering, Intendant des Darmstädter Landestheaters und erster Regisseur des Abends, seine kultivierte Truppe zum Urwald-Tamtam und Mau-Mau-Ritual auf die Bühne der ehemals großherzoglichen Orangerie schicken.
Und Herings Leute, von dein berühmten israelischen Pantomimen Samy Molcho zusätzlich eintrainiert, taten ihr Bestes, um das Publikum halbwegs von ihrer "Négritude", ihrem Negersein, zu überzeugen. Sie gaben sich beim tänzerischen Spiel von der Freiheit Afrikas so naiv und anarchisch, so wild, obszön und magisch bewegt, daß es den Premierengast Rudolf Krämer-Badoni zu purem Entzücken hinriß: "Das war endlich Theater! Vollbluttheater! Stürmische Totalentfaltung des universalen mimischen Wortes!"
Freilich galt soviel Jubel wohl nicht so sehr der deutschen Inszenierung als der "Totalentfaltung" des weißen Negers
Genet, des einstigen Taschendiebs, Strichjungen, Bettlers, Deserteurs, Einbrechers und Zuchthäuslers, der sein Außenseitertum, vielfältig gebrochen und maskiert, widerspiegeln ließ.
Denn auch die "Neger" sind, gleich den Helden seiner übrigen Stücke "Die Zofen", "Der Balkon" und des Algerien-Dramas "Wände überall", die Außenseiter einer Welt, die über sie bereits zu Gericht gesessen hat. "Man hat uns gesagt, wir wären große Kinder",
erläutert der Neger Archibald. "Also, was bleibt uns dann, uns zu entfalten!
Das Theater! Wir spielen, um uns in unserem Spiel zu spiegeln und uns als größer, schwarzer Narziß im Wasser dieses Spiels langsam verschwinden zu sehen."
Was auf der Bühne geschieht, ist folglich nichts anderes als ein sinnverwirrend-phantastisches Spiel, das sogar seine eigenen Zuschauer hat: Auf erhöhtem Podium sitzen, als weiße Kolonialherren - als Königin, Gouverneur, Missionar, Richter und Lakai -
maskiert, fünf Neger und verfolgen ironisch kommentierend das Ritual auf der unteren Ebene, wo bei den Klängen eines Mozart-Menuetts ein (leerer) Katafalk umschritten und in lasziven Sprüngen umtanzt wird. Er soll die Leiche eines vom Neger Village vergewaltigten und ermordeten weißen Mädchens enthalten, doch er enthält nur zwei klapprige Stühle. Und derselbe -
nicht begangene - Mord an der weißen Frau wird in ritueller Handlung auf der Bühne wiederholt. Als Opfer dient dabei ein schwarzer Vikar, der sich in eine blondzopfige junge Blasse und anschließend in eine weiße Urmutter verwandelt.
Um Afrika zu züchtigen, werden dann auch noch die fünf weißen - richtiger:
schwarzweißen, in Darmstadt sogar weißschwarzweißen - Zuschauer aktiv;
sie brechen zur Strafexpedition in den unteren allegorischen Dschungel auf und kommen schließlich in ihm um.
"Seit zweitausend Jahren ist Gott weiß",
brüstet sich der Missionar, bevor er den Schwarzen die Füße leckt. Und die weiße Königin kriecht zu Kreuz: "O schwarzes Nacktsein, du hast mich besiegt."
In Genets brutal poetischem und theatralisch raffiniertem Stück sind die Weißen so fies, wie die Schwarzen sie sich vorstellen, und die Schwarzen so verrucht, wie sie in den Augen der Weißen erscheinen, und so spielen sie sich auch: als grausame, wütende Wilde mit "singenden Schenkeln", die stinken, schänden und töten. "Wir sind das", sagt Archibald, der Regisseur des Rituals, "was man von uns will, daß wir es sind, wir werden es absurderweise bis zum Ende bleiben."
Aber es bleibt in Genets "Negern" nicht allein beim unverbindlichen Haßgesang auf die weiße Welt, nicht bei pantomimischen Selbsterniedrigungen und Selbsterhöhungen und nicht bei den Spiel gewordenen Angst- und Wunschträumen der "Négritude".
Mitten im beklemmend anarchischen Gewirr von Handlungsfäden und Vexierspielebenen wird plötzlich eine neue Dimension, eine Bühnenrealität hinter der Bühne erkennbar: Ein Bote überbringt die Nachricht von einem vergleichsweise wirklichen Mord.
Denn während die Neger sich mit ihrer "Clownerie" beschäftigt haben, ist hinter den Kulissen einer ihrer verräterischen Anführer verurteilt und erschossen worden. Erleichtert reißen sich daraufhin Königin und Gefolge die verhaßten weißen Masken vom Gesicht -
das Ganze war nur ein kultischer Zeitvertreib gewesen.
Für die wirklich ganz lebensechten Zuschauer allerdings blieb die Erleichterung aus. Das Spiel, Doppel- und Triplespiel schien ihnen allzu dunkel und mysteriös. Eines immerhin ahnten sie beklommen und applaudierten entsprechend: Sie hatten entfesseltes, magisches, großes Theater erlebt.
Deutsche "Neger"-Premiere in Darmstadt: Mit weißschwarzweißen Mördern...
Dramatiker Genet
... ein entfesseltes Ritual

DER SPIEGEL 24/1964
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