08.07.1964

FEUERBESTATTUNGSarg und Asche

Was ist ein Katholik? Einer, der sich nicht verbrennen lassen darf." "Diese ebenso oberflächliche wie eingefleischte Definition", schrieb die "Süddeutsche Zeitung", wird man jetzt revidieren müssen." Grund: Das Heilige Offizium, die oberste Glaubens- und Sittenbehörde der katholischen Kirche, hat mit Billigung Pauls VI. das kirchenrechtliche Verbot der Feuerbestattung aufgehoben.
Monatelang hielt der Vatikan das Dekret vor den Gläubigen geheim. Nur die Bischöfe wurden vertraulich über die neue Instruktion unterrichtet. Erst als strenggläubige Katholiken sich darüber beschwerten, daß Priester an Gräbern von Eingeäscherten auftraten, wurde die Entscheidung des Heiligen Offiziums veröffentlicht.
Schlichte Katholiken waren verwirrt. Bis dahin war den Gläubigen die Beerdigung "beinahe wie ein Gebot Gottes" ("Münchener Katholische Kirchenzeitung") vorgeschrieben worden - fast zwei Jahrtausende lang.
Der Leichenverbrennung sei, so vermerkte das katholische "Kirchenlexikon" im Jahre 1891, schon mit der "Einführung des Christentums ein Ende gemacht" worden. Wegen des "göttlichen Gebots, daß der Mensch zur Erde zurückkehren solle", habe die Kirche niemals die Feuerbestattung erlaubt und von Anfang an "allenthalben energisch ... das Begräbnis der Toten" gefordert.
Im Mittelalter setzte die Kirche gegen einzelne Bürger, die diese Forderung mißachteten, staatliche Strafen durch - unter Karl dem Großen sogar die Todesstrafe. Die Feuerbestattung wurde praktisch abgeschafft.
So blieb es, bis in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in zahlreichen Ländern freisinnige Komitees und Vereine für Feuerbestattung gegründet wurden. Die katholische Kirche antwortete auf die Debatte über Sarg und Asche mit einem strikten Verbot: Die "Congregation der Heiligen Römischen und Allgemeinen Inquisition", Vorgängerin des heutigen Heiligen Offiziums, untersagte 1886 allen Katholiken, ihre Leichen verbrennen zu lassen oder gar einem Urnen-Verein beizutreten.
Das Verbot wurde in das kirchliche Gesetzbuch aufgenommen. Canon 1240 Paragraph 1 Ziffer 5 bestimmt, daß einem Gläubigen, der die Verbrennung seines Leichnams anordnet, das kirchliche Begräbnis zur Strafe entzogen wird.
Anfangs hatte die katholische Kirche ihr Verbrennungs-Verbot nur gegen freisinnige Feuerfreunde durchsetzen müssen. Bald aber mußte sie die Erdbestattung auch gegen Mediziner und Nationalökonomen verteidigen, die mit Argumenten der Hygiene und Wirtschaftlichkeit für die Einäscherung plädierten.
Im 1891er "Kirchenlexikon" wurde beispielsweise der Einwand verworfen, "daß der Leichnam eines teuern Verstorbenen im Grabe der Fäulnis anheimfalle und eine Speise der Würmer werde". Denn: "Abgesehen davon, daß der Leichnam in einem regelrechten Grabe keine Speise der Würmer wird, widerstrebt es dem natürlichen Gefühl viel mehr, zu sehen oder zu wissen, daß man der Leiche eines teuern Angehörigen unter Anwendung von Feuer brutale Gewalt antut."
Auch der Hinweis der Feuerbestattungs-Anhänger, Äcker seien für den Wohlstand des Volkes und die Natur wichtiger als Friedhöfe, verfing nicht: Die Fläche der Friedhöfe sei "im Verhältnis zur ganzen Bodenfläche des Landes verschwindend klein". Außerdem würden "die Stoffe, in welche die Leiche bei der Verwesung im Grabe zerfällt, für den Haushalt der Natur keineswegs verlorengehen, sondern zum größten Teil durch das von oben herabsickernde Wasser dem Grundwasser zugeführt und mit diesem nach allen Seiten hin verbreitet".
Daß überdies Friedhöfe "der Gesundheit der Anwohner durchaus keine Gefahr bereiten", sei schon daran zu erkennen, "daß von allen Berufsklassen die Totengräber das längste Lebensalter aufzuweisen haben". Schlußsatz: "So bleibt nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß dieses Projekt (der Feuerbestattung) dem Hasse gegen das Christentum entstammt ist und von ihm allein getragen wird."
Auch 43 Jahre später, im Jahre 1934, erklärte im neuen "Lexikon für Theologie und Kirche" der geistliche Autor des Artikels über die Leichenverbrennung alle Argumente ihrer Befürworter für "nicht stichhaltig".
Der Theologe gab sogar eine neue ökonomische Begründung: "Die Leichenverbrennung fordert einen an sich unnötigen Verbrauch von Brennmaterial; dagegen ist der durch die Erdbestattung der Volkswirtschaft entzogene Boden verhältnismäßig gering, und die Friedhöfe fördern als öffentliche Parkanlagen die Volksgesundheit."
Erst 1961 deutete im Nachfolge-Lexikon der Autor des Artikels über Leichenverbrennung - der damalige Würzburger Rechts-Professor und heutige nordrhein-westfälische Kultusminister Paul Mikat - im Gegensatz zu seinen Vorgängern an, daß die Kirche sich wohl doch revidieren müsse: "Die Tatsache, daß die Leichenverbrennung heute wesentlich durch hygienische, ästhetische und praktische Gründe motiviert wird, legt für die Zukunft vielleicht eine Überprüfung der kirchlichen Haltung nahe."
Die Gläubigen erfuhren allerdings darüber in ihren kirchlichen Büchern nichts, sondern wurden zumeist in der Auffassung bestärkt, nur die Erdbestattung sei von Gott und Kirche erlaubt.
Erst als jüngst das Heilige Offizium unvermittelt das Verbot aufhob, wurde auch in dem populären katholischen Schrifttum der Kurs gewechselt.
So bemühten sich Ende Juni in der "Münchener Katholischen Kirchenzeitung" deren Chefredakteur Lorenz Freiberger und der Erzbischöfliche Offizial Heinrich Eisenhofer, den Verdacht zu zerstreuen, der Heilige Vater und das Heilige Offizium hätten geradezu revolutionär gehandelt und "in der Leichenverbrennungsfrage kapituliert" (Freiberger).
Von dem Kirchenrechtler Eisenhofer erfuhren die Gläubigen, es gebe "keine dogmatischen Gründe", nur die Erdbestattung zu erlauben und die Einäscherung zu verbieten.
Neben dieser Wahrheit, die vielen Katholiken bis dahin unbekannt war, verbreitete Eisenhofer noch zwei Argumente, die kaum als historische Wahrheiten gelten können:
- Die nunmehr gestrichenen Bestimmungen über das Verbot der Feuerbestattung hätten "rechtlich nie Strafcharakter" gehabt, und
- die Kirche habe "Jahrhunderte hindurch nie Einspruch erhoben gegen die anderen Arten der Bestattung, wenn auch das Erd-Begräbnis ... die übliche Bestattungsform war".
Verwirrten Gläubigen gab Prälat Freiberger den Trost, auch weiterhin sei ja die Feuerbestattung keinesfalls erwünscht. "Etwas dulden", schrieb er, "heißt noch lange nicht etwas lieben." simplicissimus
"Feuerbestattete 'raustreten! Amnestie!"

DER SPIEGEL 28/1964
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